A, B oder C – wie der Wettbewerb in Gefahr gerät

Dass Pep Guardiola gerne rotiert, ist allgemein bekannt. Um Stars wie Dante, Arjen Robben und Franck Ribéry vor der wichtigen Aufgabe gegen Manchester United zu schonen,  schickte er in Augsburg seine Edelreservisten Daniel van Buyten, Claudio Pizarro und Xherdan Shaqiri auf den Platz. Diese Maßnahme ist nichts Ungewöhnliches. In aller Regel beherrschen die Bayern dank ihres mit Nationalspielern gespickten Kaders trotzdem die Partien, auch wenn es zuletzt gegen Hoffenheim nur zu einem 3:3 gereicht hatte.

Ylli wer?

Aber Guardiola ging noch ein paar Schritte weiter und nominierte zudem Pierre-Emile Hojbjerg, Ylli Sallahi und Mitchell Weiser für die Startelf. Ylli wer? Das fragten sich nicht nur TV- und Radiokommentatoren, sondern auch Tausende Bayern-Fans. 36 von möglichen 11.340 Spielminuten hatte das Trio in dieser Saison in der Bundesliga, Champions League oder DFB-Pokal für den Rekordmeister zuvor auf dem Platz gestanden.

Auch wenn Guardiola nach und nach leichte Korrekturen vornahm, beispielsweise den völlig überforderten Linksverteidiger Sallahi einen Tag vor seinem 20. Geburtstag zu Beginn des zweiten Durchgangs erlöste, blieben Weiser und Hojbjerg bis zum Schlusspfiff auf dem Platz. Natürlich ärgerten sich die Bayern über die Niederlage und über die damit vergebene Chance, weiter Geschichte zu schreiben und als erster Club ohne Niederlage aus einer Saison zu gehen. Man habe bis zum Schluss gekämpft, doch der Ausgleich hätte einfach nicht fallen wollen. Deshalb könne von einer Wettbewerbsverzerrung nicht die Rede sein, so die gleichlautende Meinung der Offiziellen und Spieler.

Doch auch diese Darstellungsweise wurde umgehend relativiert, denn das wichtigste Ziel bei der Partie sei, wie Manuel Neuer verriet, gewesen, ohne Verletzungen durchzukommen. Was nicht gelungen war, denn Shaqiri zog sich einen Muskelfaserriss zu. Doch Edelreservist bleibt Edelreservist – für die Partie gegen Manchester war der Schweizer als Startspieler eh nicht eingeplant.

Veh: Opfer oder Täter?

Schalke-Manager Horst Heldt wie auch Frankfurt-Trainer Armin Veh waren am Samstagabend gar nicht gut auf die Bayern, welche bekanntlich die Liga selbst gerne mit Ratschlägen versorgen, zu sprechen. Da müsse Bayern ja viele Verletzte gehabt haben, war nur eine der zynischen Bemerkungen der Konkurrenz, die Wettbewerbsverzerrung witterte.

Auch vor einem Jahr hatten die Bayern und auch Borussia Dortmund regelmäßig in den letzten Wochen der Saison Stammkräfte geschont. Das übermächtige Duo hatte trotzdem meist seine Spiele recht deutlich gewonnen. Das ist eine Tatsache, die die Liga erschrecken sollte. Jetzt ging es einmal schief und die Liga kocht. Aus guten Gründen?

Der Blick auf Eintracht Frankfurt hilft, den Betrachtungswinkel ein wenig zu verändern. Veh selbst rotierte in diesem Winter gerne und das nicht nur wegen der anstrengenden Europapokalwochen. Beim Gastspiel der Eintracht in München hatte er auf die Gelbsperre-gefährdeten Carlos Zambrano und Sebastian Rode verzichtet, da es am folgenden Wochenende gegen den direkten Konkurrenten und Namensvetter aus Braunschweig gehen sollte. Die Maßnahme fruchtete. Zwar holten sich die Hessen an der Isar eine 0:5-Schlappe ab, doch Braunschweig wurde mit 3:0 deklassiert – die höchste Niederlage der Niedersachsen in der Rückrunde.

Wiederum einen Spieltag später wiederholte sich die Geschichte. In Dortmund nahmen Rode und Zambrano, beide noch immer dicht vor einer Gelbsperre, wieder nicht am Spielgeschehen teil. Die Eintracht verlor 0:4. Am folgenden Spieltag halfen beide, gegen Bremen einen wichtigen Punkt beim 0:0 zu sichern.

Veh hatte gute Gründe für sein Handeln. Zu viele Energien zu investieren und zu viel Risiko zu wagen in Partien, die zu neunzig Prozent eh verloren gehen, konnte nicht in seinem Interesse sein. So blieb der Blick auf das Wesentliche, auf die Partien gegen die direkte Konkurrenz im Abstiegskampf. Der Erfolg der Maßnahme gibt dem Trainer recht. Mittlerweile ist die Eintracht so gut wie gerettet und steht vor einem weiteren Jahr Fußball in der Eliteklasse.

Verlierer Thomas Tuchel

Anderes musste Thomas Tuchel erleben. Der akribische Taktiker hatte getüftelt und seine Elf am 26. Spieltag perfekt auf die Bayern eingestellt, die mit ihrer besten Mannschaft antraten. Seine Mainzer kämpften leidenschaftlich um jeden Quadratmeter Boden, überließen den Münchnern zwar meist den Ball, aber boten kaum Räume an und waren bis in die Schlussphase hinein dicht vor einem Punktgewinn, bis Bastian Schweinsteiger diese Hoffnung durch einen Kopfballtreffer in der 82. Minute zunichte machte.

Anschließend gab es Lob von Meister Pep persönlich aufgrund der hervorragenden Vorstellung. Doch die Punkte gingen nach München. Mittelfeldkoordinator Christoph Moritz hatte sich zudem die fünfte Gelbe Karte der Saison eingehandelt. Am nächsten Spieltag trat man die Reise gen Braunschweig an. Die Niedersachsen freuten sich, fuhren nach zuvor fünf sieglosen Spielen einen enorm wichtigen Sieg ein und schöpften wieder Hoffnung im Abstiegskampf. Tuchel und seine Mainzer hatten zwei Spiele in vier Tagen verloren gegen die beiden extremen Pole der Tabelle.

Ähnlich erging es übrigens dem VfL Wolfsburg, der nach anständigen Leistungen gegen die Bayern in den jeweils darauf folgenden Spielen gegen Braunschweig insgesamt nur einen Punkt holte. Wie Mainz ist der VfL immerhin drauf und dran, in der nächsten Saison im Europapokal zu spielen, sollte also Eintracht Braunschweig überlegen sein.

Bayern München Globetrotters?

Natürlich kann das geschilderte Phänomen ein statistischer Zufall sein. Doch wenn das Veh-Rezept sich wie ein Virus ausbreitet, hätte die Liga ein Problem. Immer mehr Partien würde dann der uneingeschränkte Wettbewerbscharakter fehlen. Schon jetzt hört man immer öfter von Fans, die sich Spiele der Bayern nicht mehr anschauen, da diese wettbewerbstechnisch nur einen minderen Wert hätten, da der Sieger eigentlich schon vorher feststehe. Der Blick auf die Statistiken gibt ihnen bekanntlich recht.

Das Motto des „Jeder kann jeden schlagen“ ist zumindest temporär nicht mehr gültig. Wenn in Zukunft immer mehr B-Formationen gegen die Bayern spielen sollten, würde dieses vorzeitige Aufgeben noch mehr am Markenkern der Liga rütteln, die Bayern würden zu den Harlem Globetrotters der Liga avancieren.

Die Bayern konnten in dieser Saison vor dem Augsburg-Spiel rotieren, wie sie wollten, sie punkteten dennoch. Nun ist es im Gegensatz zur vorigen Saison unter Jupp Heynckes einmal schief gegangen. Die Liga schreit auf. Sie sollte hingegen erleichtert sein, immerhin ist eine Bayern-Elf ohne sieben Stammspieler doch noch knapp zu schlagen.

Ein Beispiel aus der Premier League

Diese Gefahr besteht nicht nur in der Bundesliga, sondern europaweit durch die enormen Geldzuflüsse für die an der Champions League teilnehmenden Clubs. Die Zange beziehungsweise die Etats der Clubs gehen immer weiter auseinander. Auch in der spanischen Liga gibt es immer wieder Spiele, in denen die Außenseiter Profis gegen die ganz Großen schonen. In der Premier League wagte vor fünf Jahren Wolverhampton Wanderers-Manager Mick McCarthy ein ganz besonderes Experiment. Am 15. Dezember 2009 nahm er beim Auswärtsspiel in Old Trafford zehn Veränderungen vor, obwohl seine Mannschaft drei Tage zuvor Tottenham mit 1:0 überraschend geschlagen hatte. Die Wanderers verloren chancenlos mit 0:3 bei Manchester United. Aber nur fünf Tage später siegten sie beim direkten Konkurrenten und Mitaufsteiger Burnley mit 2:1. Ziel erfüllt. Am Saisonende gelang den Wolves der sichere Klassenerhalt, Burnley stieg ab.

Die Premier League war hingegen überhaupt nicht begeistert. Sie sprach eine Strafe über 25.000 Pfund aus, da sie den Wolves Wettbewerbsverzerrung vorwarf. Auch in der Premier League ist es durchaus nicht unüblich, den einen oder anderen Spieler in vermeintlich aussichtslosen Spielen gegen Spitzenclubs zu schonen, wie die Wolves innerhalb des Verfahrens darlegten. Doch sie hatten es nach Meinung der Ligavertreter übertrieben, die erkannten, dass bei einer solch offensichtlichen Handlungsweise dem Wettbewerb auf Dauer ein erheblicher Imageverlust drohen würde.

Da fragt sich aber der Fan, wo denn nun der Unterschied sein mag, wenn Champions League-Clubs vor wichtigen internationalen Partien in der heimischen Liga ihre Superstars schonen oder umgekehrt in der Champions League am letzten Spieltag der Vorrunde Reservemannschaften aufs Feld schicken, wenn der Gruppensieg schon vorher gesichert ist. Gehören solche Handlungen ebenso sanktioniert? Es sind Fragen, mit denen sich in Zukunft auch die DFL wohl verstärkt beschäftigen muss – jetzt, da es einmal schief gegangen ist bei den großen Bayern. Sollte der FC Augsburg dank der drei Punkte vom vergangenen Samstag am Ende den Mainzern den Platz fürs internationale Geschäft wegschnappen, würde die Glaubwürdigkeit der Bayern und der Bundesliga mehr als nur einen Kratzer erleiden.

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