Auf Teufel komm raus

Als meine Begeisterung für Fußball ihren Anfang nahm, gehörte Belgien zum Establishment des Weltfußballs. In den 80er Jahren hatte Whiskey-Liebhaber Guy Thys als Trainer das Sagen bei den Roten Teufeln und führte seine Mannschaft ins Finale der EM 1980 und ins Halbfinale der WM 1986.

Meine Erinnerungen sind auch wegen des vollständigen Panini-Hefts zur Weltmeisterschaft in Mexiko so lebhaft, aber bei Namen wie Jean-Marie Pfaff, Eric Gerets, Enzo Scifo oder Jan Ceulemans gerät nicht nur Gegen den Ball ins Schwärmen. Belgien holte nie einen Titel, der sympathische Underdog war aber Stammgast bei großen Turnieren.

Bis 2002 nahmen die Roten Teufel an sechs Weltmeisterschaften in Serie teil. In Südkorea und Japan überstand die Generation um Daniel van Buyten, Bart Goor oder Wesley Sonck – das Team hatte ein Durchschnittsalter von 29 Jahren – etwas glücklich die Gruppenphase und schied dann im Achtelfinale gegen Brasilien aus. Der Trend zeigte nach unten, zu hölzern wirkte das belgische Team, sowohl technisch als auch taktisch waren viele Mannschaften vorbeigezogen. Teuflisch gut war vorerst Geschichte.

Ähnlich wie in Deutschland, wo der DFB nach der katastrophalen EM 2000 die richtigen Schlüsse zog und den Fokus auf die Jugendarbeit legte, fand auch in Belgien ein Umdenken statt. Talente mussten gesucht, gefunden und vor allem adäquat ausgebildet werden. Der Impuls für die neue Ausrichtung ging allerdings eher von den Vereinen denn vom Verband aus.

Die Topclubs wie Standard Lüttich, RSC Anderlecht oder auch KRC Genk verbesserten die Bedingungen in der Jugendarbeit, auch der kleine Club Germinal Beerschot sichtet seit Jahren früh Talente, um sie hervorragend auszubilden und im zweiten Schritt zu verkaufen.

Denn die heimische Jupiler League ist zu schwach, um aufstrebenden Talenten eine entsprechende Perspektive bieten zu können. Die belgischen Clubs entdeckten ein Geschäftsmodell, perfektionierten es und die Nationalmannschaft wird in den kommenden Jahren davon profitieren.

Ein weiterer wichtiger Faktor war die fehlende Scheu, Toptalente schon früh ins Ausland gehen zu lassen. Beerschot hatte lange Jahre eine Kooperation mit Ajax Amsterdam, auf dem ganzen Kontinent für die erstklassige Jugendarbeit bekannt. Spieler wie Jan Vertonghen, Thomas Vermaelen oder Toby Alderweireld haben ihre Wurzeln in Beerschot, gingen früh zu Ajax und sind mittlerweile gestandene Nationalspieler. Eden Hazard wiederum ging bereits mit 14 Jahren nach Lille und ist jetzt Stammspieler beim FC Chelsea.

Belgien hat viele Jahre der Enttäuschungen hinter sich, aufgrund der richtigen Samen könnte die Ernte in den kommenden Jahren aber besonders fett ausfallen. Gegen den Ball stellt das riesige Potential der Goldenen Generation vor. Aber wenn man vom Teufel spricht, kann es nicht nur Lob geben. Wir haben auch einige Stolpersteine gefunden, doch lesen Sie selbst:

Warum Belgien schon 2014 zu den WM-Mitfavoriten gehören kann

Wie Deutschland führen auch die Roten Teufel ihre Tabelle in der WM-Qualifikation an und haben eine lösbare Aufgabe vor sich. Das DFB-Team siegte im Hinspiel gegen Kasachstan mit 3:0, das Rückspiel steigt schon in drei Tagen. Der belgische Doppelgegner heißt Mazedonien, nach dem 2:0-Sieg am Freitag  geht es im Rückspiel erneut nur um die Höhe des Sieges.

In den bisherigen fünf Partien stand das Team von Trainer Marc Wilmots vor allem defensiv sehr gut, gegen Wales, Serbien, Schottland und Mazedonien siegte der Tabellenführer der Gruppe A ohne Gegentor. Einzig Kroatien traf beim 1:1 in Brüssel, die beiden Mannschaften werden den Gruppensieg auch unter sich ausmachen.

1) Belgiens Kader ist exzellent und ausgeglichen

Mittlerweile spielen bereits zehn belgische Nationalspieler in der Premier League, der FC Chelsea hat mit Thibault Courtois und Kevin de Bruyne zwei weitere Talente verliehen. Diese Schwemme an belgischen Profis, die allesamt tragende Rollen in ihren Clubs einnehmen, hat in englischen Medien bereits führ viel Aufruhr gesorgt.

Wenn wir die beiden Bundesliga-Altstars Daniel van Buyten und Timmy Simons ausklammern, stimmt auch die Altersstruktur im teuflischen Kader – und der Strom an Talenten scheint nicht abzureißen.

Die Routiniers
Ein erstes Ausrufezeichen setzte die Goldene Generation bei Olympia 2008, als erst im Halbfinale gegen Nigeria das Aus kam und anschließend auch das kleine Finale gegen Brasilien verloren ging. Alle später ins A-Team aufgerückten Profis sind zwischen 1985 und 1987 geboren, spielen mittlerweile bei Topclubs und haben dort tragende Rollen. Der noch aus Hamburger Zeiten bekannte Vincent Kompany ist Kapitän bei Manchester City und auch Spielführer im belgischen Team. Zusammen mit Arsenals Thomas Vermaelen bildet Kompany die Innenverteidigung, was Jan Vertonghen (Tottenham) einen Stammplatz als linker Außenverteidiger einbringt. Im Mittelfeld bilden Marouane Fellaini (FC Everton) und Tottenhams Moussa Dembélé ein starkes Duo, gerade Fellaini spielt eine überragende Saison und wird von Everton nicht mehr lange zu halten sein. Als Außenstürmer hat sich Kevin Mirallas bei Olympiakos einen Namen gemacht, mittlerweile wirbelt er als Stammspieler in Everton. Und dann gibt es noch Sébastien Pocognoli, der sich sowohl bei Hannover 96 als auch im belgischen Team noch durchsetzen muss.

Die zweite Welle
Während die Routiniers vor allem defensive Stabilität garantieren, rückte wenige Jahre später ein ganzer Pulk an Spielern nach, der für Kreativität und Torgefahr sorgt. Angeführt wird die zweite Welle aber von Thibault Courtois (20). Der Torhüter gehört dem FC Chelsea, spielt bei Atlético Madrid aber eine große Saison und hat zu Beginn der WM-Qualifikation den routinierteren Simon Mignolet verdrängt. Als größtes Talent gilt Eden Hazard (22), den Chelsea vor dieser Saison für 40 Millionen Euro verpflichtete. Hazard hat bereits acht Tore in der Premier League erzielt, ihm geht bei den Blues jedoch noch ein wenig die Konstanz ab. Ebenfalls in England spielen Romelo Lukaku (19) und Christian Benteke (22). Lukaku galt früh als Wunderkind, konnte die hohen Erwartungen bei Chelsea aber nicht erfüllen und sammelt derzeit bei West Bromwich Albion Spielpraxis. Benteke wiederum wechselte vor dieser Saison von Genk zu Aston Villa, 13 Saisontore lassen Zweifel an einem längeren Verbleib in Birmingham aufkommen. Und dann sind da noch Kevin de Bruyne (21/Werder Bremen), Steven Defour (24/FC Porto) und Axel Witsel (24/Zenit St. Petersburg), die in ihren Clubs ebenfalls wichtige Rollen spielen.

Die Nachzügler
Für die WM 2014 kommen die folgenden Spieler womöglich noch nicht infrage, aber der Strom an großen Talenten scheint nicht abzureißen. Die Scouter von Gegen den Ball empfehlen, sich beispielsweise den Namen Zakaria Bakkali zu merken. Der 17-Jährige Stürmer steht bei PSV Eindhoven unter Vertrag und schießt in Belgiens U-Mannschaften Tore am Fließband. Der offensive Mittelfeldspieler Dennis Praet ist ein Jahr älter, hat beim RSC Anderlecht aber schon Champions League-Erfahrung sammeln dürfen. Siebe Schrijvers (16) durfte mit Genk ebenfalls schon in der Europa League spielen. Und Innenverteidiger Mathias Bossaerts (16/City) sowie Mittelfeldspieler Andreas Hoelgebaum Pereira (17/United) können sich trotz unterschiedlicher Clubs in Manchester besuchen.

2) Kulturelle Unterschiede werden unwichtig

Belgien ist ein gespaltenes Land. Die Niederländisch sprechenden Flamen machen etwa 60 Prozent der Bevölkerung aus, dem gegenüber stehen die französisch sprechenden Wallonen, die mit 40 Prozent in der Minderheit sind. Diese Spaltung ist in politischen und kulturellen Dingen stets ein Thema und lähmt das kleine Land. Auch in der Nationalmannschaft gab es in der Vergangenheit Konflikte, manche Spieler konnten sich nicht mal miteinander unterhalten.

Doch die neue Generation an Spielern lässt auch diesen Konflikt in den Hintergrund treten, was – ähnlich wie in Frankreich – am hohen Anteil an Spielern mit Migrationshintergrund liegt. Der weltmännische Kompany gilt als Anführer dieser versöhnlichen und leistungsfördernden Bewegung. Kompany hat kongolesische Wurzeln, spricht fünf Sprachen und setzt sich nachhaltig für eine Einheit im Mannschaftsgefüge ein. „Er ist ein Patriot“, sagt Wilmots über seinen Kapitän, „er liebt Belgien.“

Unterstützung erhält Kompany von Benteke, Fellaini, Lukaku oder Witsel, die ebenfalls Wurzeln in anderen Ländern haben. Flämisch? Wallonisch? Marokkanisch? Der neuen Nationalmannschaft ist es gleich, der Erfolg soll über allem stehen.

3) Trainer Wilmots ist der richtige Mann

Seit 2006 hatte Belgien fünf Nationaltrainer, Deutschland erlebte seitdem nur Jürgen Klinsmann und Joachim Löw. Fehlende Konstanz auf dem Trainerposten ist häufig ein wichtiger Baustein für ausbleibenden Erfolg, da macht Belgien keine Ausnahme.

Doch mit Marc Wilmots sind die Roten Teufel nun wieder auf dem richtigen Weg, wenn er denn auch Zeit bekommt. Denn er ist zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Wilmots gilt als Motivator, als Arbeiter und als ein Trainer, der die Sprache der Spieler spricht.

In Belgien ist Wilmots als „Bulle von Dongelberg“ bekannt, aus seiner Zeit beim FC Schalke kennen ihn viele deutsche Fußball-Fans als „Willi, das Kampfschwein“. Wilmots war kein Techniker, er lief und kämpfte stattdessen, bis er nicht mehr konnte und war vor dem Tor eiskalt. Diese Tugenden kann er seiner jungen Mannschaft gut vermitteln, die technisch nur wenige Mängel hat.

Wilmots versuchte sich auch schon mal als Politiker und lebt gemeinsam mit seinen Spielern die neue Einheit. „Ich habe absolut nicht den Eindruck, dass es zwei Lager gibt“, sagte Wilmots 2010 in einem tz-Interview, als er noch Co-Trainer von Georges Leekens war. „Sobald ich das Gefühl habe, höre ich auf. Ich wohne in der wallonischen Region, wenige Kilometer vom flämischen Teil entfernt. Die allermeisten Wallonen haben kein Problem mit den Flamen und andersherum.“ Wilmots will eine verschworene Gemeinschaft sehen.

Warum Belgiens Weg kein Selbstläufer wird

Bei allem Talent, bei all den Topspielern – einen Beweis ihrer nachhaltigen Stärke sind die Belgier bisher noch schuldig geblieben. Die meisten Spieler waren auch schon bei der Qualifikation zur EM 2012 dabei, damals reichte es hinter Deutschland und der Türkei nur zu Rang drei in der Gruppe A. Damit das nicht wieder passiert, sollte Wilmots auf folgende Dinge achten.

1) Belgien braucht eine Stammelf und eine Hierarchie

Die Ansammlung an erstklassigen Spielern haben wir bereits gewürdigt. Selbst ohne Taschenrechner wird aber schnell deutlich, dass es bei elf Plätzen nicht alle Akteure zum Stammspieler schaffen werden. Wilmots’ Vorgänger Leekens ließ deshalb häufig rotieren, in Mittelfeld und Sturm gab es viele Wechsel.

Ein breit aufgestellter Kader ist für jedes große Team ein wichtiger Faktor, in Spanien oder Deutschland legen sich die Bundestrainer Vicente del Bosque und Joachim Löw trotzdem auf acht bis neun Stammspieler fest. Javi Martínez oder Mario Götze wären in fast jeder anderen Nationalmannschaft Stammspieler, Hierarchie und Konkurrenz lassen das in der Selección und im DFB-Team derzeit aber nicht zu. Und das wird akzeptiert.

Auf belgischer Seite bedeutet das zweierlei: Im von Wilmots bevorzugten 4-3-3 gibt es mit Fellaini, Witsel, Dembélé, Defour und Hazard fünf Spieler für die drei Mittelfeld-Positionen, im Angriff ist es mit Lukaku, De Bruyne, Dries Mertens, Nacer Chadli, Jelle Vossen, Benteke und Mirallas noch schlimmer. Im Sturm wird das Problem besonders deutlich, Mirallas führt die interne Torschützenliste mit nur sechs Treffern an. Es fehlt ein echter Torjäger. Oder besser gesagt: Es fehlt die Entscheidung, wer der Torjäger sein darf.

2) Die Egos müssen hinten anstehen

Damit einher muss auch die Bereitschaft aller Spieler gehen, an das Team zu denken und sich klaglos auf die Bank zu setzen. Wilmots vermittelt das bisher sehr gut, während eines Turniers wird dies aber noch viel wichtiger werden.

In belgischen Medien gab es in den vergangenen Jahren zudem einige Berichte, die von charakterlichen Schwierigkeiten bei einigen Jungstars erzählten. So soll es nächtliche Ausflüge, verbale Auseinandersetzungen mit verdienten Spielern oder fehlende Ernsthaftigkeit gegen kleinere Gegner gegeben haben.

Resümee: Die Roten werden zu Goldenen Teufeln. Allerdings nur unter der Bedingung, dass nicht nur Titel als Erfolge gewertet werden. Denn trotz der teuflisch hohen Anzahl an Matchwinnern muss bei einer Weltmeisterschaft so viel zusammenpassen, dass wir von einer Wette auf Belgien vorerst abraten würden.

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One comment

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