Bayerische Verhältnisse

Originalartikel erschienen bei bryk – http://bryk.marquee.by/bayerische-verhaltnisse/

Europäischer Profifußball ist der lukrativste Sport der Welt. Dabei hat er keine Mechanismen, um immer größere Dominanz der Topclubs zu verhindern – im Gegenteil. Statt „Financial FairPlay“ auf den Leim zu gehen, sollten Fans sich nicht alles gefallen lassen.

Was sind spanische Verhältnisse?

Was die Motivation von Bayern München-Präsident Uli Hoeneß war, als er im April vor „spanischen Verhältnissen“ in der Bundesliga warnte, darüber kann man spekulieren. Das in diesem Zuge ein weiteres Mal propagierte Image des selbstlosen Wohltäters wurde in den Tagen darauf durch die plötzliche Bekanntgabe der Verpflichtung von Mario Götze aus Dortmund und die Enthüllungen über Hoeneß‘ Steuerhinterziehung jedenfalls nicht gerade gestützt. Was aber sollte der Befund aussagen? Wie richtig war er?

Die Bezeichnung „spanische Verhältnisse“ wurde in den folgenden Wochen wohl auch deshalb so inflationär in vielen deutschen Medien wiederholt und zitiert, weil sie den meisten Fans hierzulande intuitiv einleuchtet: „Spanische Verhältnisse“ – das klingt am Stammtisch nach Überschuldung, Günstlingswirtschaft und finanzieller Maßlosigkeit. Zu einer solchen Melange könnte man nun auch „1860 München“ sagen, aber die Grunderzählung der letzten Jahre, dass der deutsche Fußball sportlich, finanziell und organisatorisch das Vorbild für den Rest der Welt sein sollte, wäre durch einen Seitenhieb auf den Lokalrivalen vielleicht getrübt worden.

Was aber sind die hier beschworenen „spanischen Verhältnisse“? Gemeint ist das Duopol von Real Madrid und Barcelona, die vermeintlich jedes Jahr die Meisterschaft unter sich ausspielen. Die Gefahr drohe, so Hoeneß, dass Bayern und Borussia Dortmund in Deutschland eine ähnliche Stellung einnehmen könnten. Das ist, je nach Einstellung der historischen Tiefenschärfe, eine berechtigte Sorge oder eine irreführende Behauptung. Falsch ist der hier im Subtext wieder einmal mitschwingende Allgemeinplatz, die Bundesliga sei traditionell so ausgeglichen, dass hier „jeder jeden schlagen könne“. Das stimmte in der vergangenen Münchner Rekordsaison ohnehin nicht, aber es stimmt schon seit Jahrzehnten so nicht mehr. Seit 1969 hat der FC Bayern 22 Meistertitel geholt – weit mehr als jeder andere Club in einer großen europäischen Liga.

Auch die Varianz an Clubs, die Meister werden können, ist über die letzten 30 Jahre gesehen nicht wirklich anders in Deutschland als in Spanien. Sieben verschiedene Teams wurden seit 1981 Deutscher Meister – genau so viele wie in Spanien (in England und Italien waren es im gleichen Zeitraum jeweils acht). So unterschiedlich sind die Verhältnisse also nicht in Spanien und Deutschland. Richtig ist jedoch, dass sich die generelle Situation in beiden Ländern, und nicht nur dort, in den letzten Jahren dramatisch zugespitzt hat. In der Bundesliga setzt diese Tendenz einfach mit ein paar Jahren Verzögerung ein. 2008 wurde Provinzclub Villarreal unter Manuel Pellegrini Spanischer Vizemeister. Seither gingen die ersten beiden Plätze der Tabelle nur noch an die beiden Großclubs aus Madrid und Barcelona. Und seither explodierten die Punktzahlen beider Clubs förmlich.

Um besser vergleichen zu können, muss man Ergebnisse aus früheren Jahrzehnten nach der Dreipunkteregel berechnen und auf 38 Saisonspiele projizieren. Selbst dann aber wurden die drei besten Saisons in der spanischen Fußballgeschichte alle in den letzten vier Jahren gespielt – wie übrigens auch die besten beiden Saisons der Bundesliga in den letzten beiden Spielzeiten absolviert wurden. Das sind aber eben nicht exklusiv „spanische Verhältnisse“, es ist die Spitze des modernen Fußballs in Europa. Manchester United wurde 2012 mit 89 Punkten Vizemeister der Premier League. Im gesamten 20. Jahrhundert gab es nur eine einzige englische Mannschaft, die diesen Punktestand (umgerechnet) jemals erreichte: Bob Paisleys Liverpool 1979. In den nur 14 Jahren seit 2000 aber gab es acht Teams, die diese Marke erreichten und fünf, die sie übertrafen.

It’s the Transfermarkt, stupid

Angesichts der hier genannten Namen ist es verlockend, die Rekorde auf das Genie großer Trainer und Spieler zurückzuführen. Solche sind José Mourinho und Lionel Messi ohne Zweifel, auch Josep Guardiola ist natürlich ein großer Faktor für Barcelonas Dominanz von 2009 bis 2012 gewesen. Und Jupp Heynckes‘ Leistung beim Gewinn des Trebles 2013 war beachtlich. Aber Heynckes ist, bei allem Respekt, nicht der beste Trainer, den die Welt je gesehen hat – sondern er hat, relativ zum Rest der Bundesliga und gemessen an 90 Prozent aller Konkurrenten in der Champions League – einfach wesentlich bessere Voraussetzungen, als es seine Vorgänger jemals hatten. Das alleine erklärt seinen Erfolg nicht. Aber die Reduzierung auf taktische Entscheidungen und Menschenführung verklärt ihn.

Die ökonomischen Ungleichgewichte im europäischen Profifußball nehmen in den letzten Jahren immer weiter zu. Es gibt dafür eine Reihe von Gründen, die meisten haben aber etwas mit der Champions League und der globalen Vermarktung des Sports zu tun. Das Geld, das im wichtigsten Fußballwettbewerb der Welt verdient werden kann, hat schon seit den frühen 1990er Jahren in kleineren und mittleren Ligen dazu geführt, dass Clubs, die zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren – sprich: in der Champions League spielen durften, als diese begann, das große Geld auszuschütten – beherrschende Stellungen in ihren nationalen Märkten einnehmen konnten. Beispiele sind etwa Rosenborg BK, das bis 1990 sechsmal Norwegischer Meister geworden war, ab seiner ersten Champions League-Teilnahme aber 13 mal in Folge den nationalen Titel holte. Oder Olympique Lyonnais, das seinem allerersten Meistertitel in Frankreich 2002 gleich sechs weitere folgen ließ.

Dieser Effekt trat in den großen vier Ligen des Kontinents (England, Italien, Spanien, Deutschland) erst etwas später ein. Die Konkurrenz war in diesen Ligen zunächst noch zu groß, die Leistungsunterschiede zu gering, als dass eine einzige Champions League-Saison jahrelange Dominanz garantiert hätte. Die Lage änderte sich mit der Öffnung des Wettbewerbs für zunächst Vizemeister und dann bis zu vier Clubs pro Verband. Erst diese Kontingente erlaubten es den größten Clubs aus den Topligen, einigermaßen sicher mit jährlichen Champions League-Einnahmen planen zu können. So entstand in England die berüchtigte Oligarchie der sogenannten „Big Four“.

Der Platz an der Sonne – drei Fallbeispiele

Die englischen Big Four waren in den vergangenen zehn Jahren praktisch immer die gleichen Teams: Manchester United, Arsenal und Chelsea, sowie von 2004 bis 2009 Liverpool, dann ein Jahr Tottenham Hotspur, das wiederum von den Investitionen Manchester Citys aus dem Quartett gleich wieder verdrängt wurde.

FC Chelsea: Roman Abramovich kaufte Chelsea im Sommer 2003, als die Blues sich bereits für die Champions League qualifiziert hatten, aber mit nur einem, fast 50 Jahre zurückliegenden Meistertitel, nicht gerade eine traditionelle Großmacht des englischen Fußballs waren. Die Kombination aus den sehr großen Investitionen Abramovichs (ca. 240 Millionen Pfund innerhalb des ersten Jahres) und den durch diese gesicherten ständigen Champions League-Teilnahmen hat Chelseas Position in der Premier League fast unumstößlich gemacht – seit 2003 qualifizierte sich der Londoner Club in jedem Jahr.

Manchester United hatte sich seine Stellung schon zehn Jahre früher unter anderen Vorzeichen erobert. Sir Alex Ferguson, der seit 1986 amtierende Manager des Clubs, hatte bis Anfang der 1990er Jahre den Keim einer großen Mannschaft aufgebaut und gewann 1993 den ersten Meistertitel der Red Devils seit 26 Jahren. Es war genau die erste Saison der vom Verband losgelösten Premier League, dem Pionierwettbewerb des Weltfußballs in Sachen Vermarktung und Kommerzialisierung. Ein Meistertitel hier bedeutete etwas ganz anderes als frühere Trophäen, weil die Einnahmen sprunghaft gestiegen waren und eine nach und nach globale Vermarktung half, den Ruhm zu versilbern. Auch hier muss betont werden, dass Ferguson fantastische Arbeit geleistet hat. Aber dass der Meistertitel von 1993 zum Beginn einer Ära wurde, in der der Club sechs der folgenden acht Saisons als Erster abschloss und insgesamt noch zwölfmal Englischer Meister bis zu Fergusons Abgang werden sollte, das wurde katalysiert und bestätigt durch eine plötzlich radikal verbesserte Einnahmesituation – die Möglichkeit, Erfolge direkt zu Geld zu machen.

FC Arsenal: Die kommerzielle Rolle der Premier League wurde seit Anfang des 21. Jahrhunderts nach und nach von der Champions League übertroffen. Inzwischen hatte sich mit Arsenal ein weiterer Club, der zuvor nicht gerade als innovativ gegolten hatte, genau im richtigen Moment die Dienste eines visionären Managers gesichert: Arsène Wenger. Seine klugen Transfers, taktischen Umstellungen und ganzheitliche Modernisierung des Clubs führten die Gunners ab 1997 in die Spitze der Premier League – und damit dann auch in die Champions League. Mit dem Bau eines komplett neuen Stadions im Norden Londons, des insgesamt ca. 550 Millionen Euro teuren Emirates Stadium, beschritt der Club mit Wenger dann ab Mitte des vorigen Jahrzehnts eine Art „Steine statt Beine“-Politik. Man investierte (auch um die Kredite für den Neubau bedienen zu können) nicht mehr so viel in die Mannschaft, dass man wirklich um Titel hätte mitspielen können, sondern nur so viel, dass man jedes Jahr in die Champions League kommen konnte. Seit das Stadion steht, gewann Arsenal keinen einzigen Wettbewerb mehr – wird aber von Forbes als viertwertvollste Marke im Weltfußball geführt, noch vor Bayern München.

Wie man durch die Champions League Geld verdient

Dass die hier beschriebenen Verhältnisse in der Bundesliga über Nacht vom Himmel gefallen wären, kann man wie oben schon angesprochen nicht behaupten. Aber der Kollaps des Kirch-Imperiums Anfang des Jahrtausends und die dadurch entstandenen jahrelangen Wettbewerbsnachteile deutscher Clubs im europäischen Wettbewerb verhinderten für fast ein Jahrzehnt, dass Bundesliga-Clubs in Europa ganz oben mitspielten. Der FC Bayern ist jedoch seit der Ära Louis van Gaals wieder mehr oder minder auf Augenhöhe mit den Besten und erreichte drei der letzten vier Finals der Champions League. Das ist (neben guter Leistungen auf dem Rasen und im Management) auch den gigantischen Einnahmen zu verdanken, die die Münchner jedes Jahr durch ihre (bis auf 2007/08) jährlich garantierten CL-Teilnahmen erhalten.

Neben den großzügigen Preisgeldern der UEFA (acht Millionen Euro Antrittsgeld für den Wettbewerb, eine Million für jeden Sieg, 500.000 Euro für jedes Unentschieden, insgesamt bis zu 35 Millionen für den Sieger) ist es vor allem das Geld aus dem sogenannten „Market Pool“, das den Münchnern jedes Jahr große Summen in die Kassen spült. Dieser Anteil der Einnahmen richtet sich nach mehreren Faktoren: Die Gesamtgröße des an Bundesligisten ausgeschütteten Geldes bemisst sich an der Größe des deutschen Fernsehmarktes, des größten und lukrativsten in Europa. Bundesliga-Clubs erhalten in der Champions League insgesamt so schon einmal mehr Geld als Vertreter anderer Verbände. Innerhalb der deutschen Teilnehmer wird das Geld wiederum nach einem Schlüssel verteilt, der sich vor allem anhand der Platzierung in der Bundesliga des Vorjahres und dem Erfolg in der aktuellen Champions League-Saison berechnet. Der Meister bekommt mehr Geld als der Vizemeister, weshalb Borussia Dortmund in der Saison 2012/13 mehr TV-Einnahmen hatte als Bayern. Das ist neu für die Münchner, die bisher immer darauf zählen konnten, dass sie international deutlich weiter kamen als die nationale Konkurrenz. Genau dieser relative Erfolg im Vergleich zu den anderen Bundesligisten erhöht nämlich den Anteil für den erfolgreichsten Club immens.

Das Auftauchen eines zweiten deutschen Clubs in der europäischen Spitze ist also etwas, das Bayern nicht gefallen kann, ökonomisch gesehen. Die manchmal von Bayern-Anhängern geäußerte Anmaßung, „der deutsche Fußball“ solle „dankbar sein“, dass der FCB ihn so gut international „vertrete“, müsste man eigentlich auf den Kopf stellen. Der FC Bayern musste bisher sehr dankbar sein, dass er als einziger Bundesligist konkurrenzfähig war in der Champions League. Die aggressive Personal- und Investitionspolitik der letzten beiden Jahre ist so weniger psychologisch zu erklären („sie wurden durch den Erfolg des BVB angespornt“), sondern hat handfeste materielle Interessen zur Grundlage. Es kostet den FC Bayern viel Geld, wenn ein anderer Club auf Augenhöhe oder auch nur auf Brusthöhe mit ihnen ankommt. Genau das sind dann wohl auch die „spanischen Verhältnisse“, die Uli Hoeneß Sorgen machten.

Wer hat, dem wird gegeben

Lösen wir uns etwas von der Interessenlage des FC Bayern, dann kann man sich fragen, wieso eigentlich die große Masse der Fußballfans in Europa (und der Welt) ein Verteilungsmodell akzeptiert, wie es im europäischen Profifußball praktiziert wird. Denn nicht nur auf UEFA-Ebene, auch in den großen Ligen selbst, wie der Premier League und der Bundesliga, werden Prämien und TV-Gelder nach Erfolgsschlüsseln ausgeschüttet. Immer gilt: Je mehr Erfolg ein Club hat, desto mehr Geld bekommt er von den Verbänden. Das mag auf den ersten Blick nach „Leistungsgerechtigkeit“ klingen. Aber eine Saison geht ja nicht bei null los, auch wenn die Tabelle vor dem ersten Spieltag das suggerieren mag. Bayern München gibt für Spielergehälter mehr als doppelt so viel Geld aus wie Borussia Dortmund, Manchester City mehr als doppelt so viel wie Tottenham Hotspur. Wenn dieses Geld nicht von inkompetenten Stümpern für überteuerte Verträge verschleudert wird, dann ist es angesichts solcher Verhältnisse extrem unwahrscheinlich, dass die jeweils weniger ausgebenden Clubs über eine ganze Saison hinweg mehr Punkte sammeln können. Und das gleiche gilt nach unten hin natürlich genau so, wenn man Dortmund und Hannover 96 vergleicht oder Tottenham und Stoke City.

Diese extrem ungleichen Voraussetzungen führen neben dem sportlichen Erfolg auch zu größerer Präsenz in den Medien, größerer Attraktivität bei Sponsoren und so fort, sprich: zu noch größeren Einnahmen. Und zu all dem schütten die Bundesliga, die Premier League und die UEFA ihr Geld auch noch in größerem Maße an die ohnehin schon reicheren und erfolgreicheren Clubs aus. In der Bundesliga führt das von der DFL selbst und von den Bayern so gerühmte „solidarische Modell“ der Verteilung der TV-Gelder dazu, dass Bayern München etwa in der Saison 2011/12 doppelt so viel Geld aus den Fernsehverträgen der Liga erhielt wie der FC Augsburg. Der Schlüssel zur Berechnung dieser Distribution basiert auf den jeweils letzten vier Jahren, verhindert also auch noch, dass einzelne schwächere Jahre großen Einnahmeverlust bedeuten, oder dass Emporkömmlinge ihren Erfolg sofort zu Geld machen können. „Solidarisch“ ist daran nur, dass Bayern bei völlig eigener Vermarktung seiner Fernsehrechte natürlich noch einen viel größeren Anteil erzielen könnte.

Es verstärkt aber, und das ist einerseits banal und offensichtlich, andererseits aus irgendwelchen Gründen weithin hingenommen, die Wettbewerbsvorteile großer Clubs von Jahr zu Jahr immer mehr. Solche Vorteile bestanden im Profisport grundsätzlich immer – ein Team aus einer großen Stadt hat etwa mehr Einnahmemöglichkeiten als ein Dorfclub. Aber die Explosion der kommerziellen Dimension des europäischen Fußballs ist einhergegangen mit einer Potenzierung dieser Dynamik – und einer Festschreibung des Status Quo. Die neun umsatzstärksten Clubs der Welt in der Saison 2001/02 gehören nach den aktuellsten Zahlen der Unternehmensberatung Deloitte heute alle immer noch zu den Top Ten.

Über die Verteilung der Einnahmen wird etwas erreicht, das seit Mitte der 1990er Jahre immer mal wieder Gerüchte produzierte: eine europäische Superliga der Topclubs ohne Auf- und Abstieg „nach amerikanischem Vorbild“. Europas große Clubs, wie sie etwa in der inzwischen aufgelösten Interessengemeinschaft G14 organisiert waren, haben inzwischen in Kooperation mit der UEFA einen besseren Weg gefunden, ihre Stellung zu konsolidieren und die Konkurrenz auf Distanz zu halten, wie ich gezeigt zu haben hoffe. Warum aber akzeptiert ein großer Anteil von Europas Fußballfans eine so ungerechte Wettbewerbssituation?

Das amerikanische Modell – Chancengerechtigkeit unter Kartell-Bedingungen

Der Blick in die USA und die dortige Organisation des Profisports zeigt, dass es zumindest in Sachen Gerechtigkeit dort wesentlich fairer zugeht. Das mag auch an einer anderen Sportkultur liegen, in der Chancengleichheit höher angesehen ist als in Europa (oder speziell in Deutschland, wo eines der erfolgreichsten Sportvermarktungsphänomene die Klitschko-Brüder im Boxen sind, obwohl bei jedem Kampfabend von vornherein klar ist, wer gewinnen wird; ähnlich wie im alten Rom, wo es zwischen Christen und Löwen auch selten Außenseitersiege gab). In den amerikanischen Profiligen NFL, NBA und NHL jedenfalls haben natürlich auch Teams aus den großen Städten und Ballungsräumen klare Vorteile gegenüber Provinzteams. Zudem ist den Lizenznehmern in diesen Ligen auf kartellähnliche Weise Exklusivität in ihren lokalen Märkten garantiert (die Bears wissen, dass es niemals gegen ihren Willen ein anderes NFL-Team in Chicago geben wird). Diese Exklusivität müssen sich europäische Fußballclubs eben mit anderen Mitteln sichern.

Innerhalb der jeweiligen amerikanischen Ligen aber sorgt man mit großem Aufwand dafür, die Leistungsunterschiede von Jahr zu Jahr zu nivellieren, statt sie zu verstärken. Das geschieht über Spielplangestaltung (erfolgreichere Teams haben in der NFL in der kommenden Saison schwerere Gegner), vor allem aber über die Allokation der sogenannten Draft Picks. Die erfolglosesten Teams einer Saison haben vor der nächsten Spielzeit ersten Zugriff auf die neu in die Liga strömenden Talente, die erfolgreichsten müssen bis zum Ende warten, bevor sie sich verstärken können. Auch gibt es Salary Caps, die die Gehaltsausgaben aller Teams einer Liga unter einer bestimmten Grenze halten. Der Erfolg dieser Maßnahmen besteht zumindest in der NFL, aber auch in der NBA darin, dass es selten über Jahrzehnte hinweg dominierende Dynastien einzelner Clubs gibt. Solche Dominanzphasen kommen vor, können aber mit dem Abgang bestimmter Stars oder Trainer auch schnell ihr Ende finden. Genau so funktionierte übrigens auch der englische Fußball bis in die 1980er Jahre hinein – wenn Trainerlegenden wie Matt Busby abtraten, waren Erfolgsären schnell vorbei.

Klar ist, dass die in den USA angewandten Modelle in den verschiedenen europäischen Fußballligen nicht so einfach kopiert werden können. Durch Auf- und Abstieg ändert sich die Zusammensetzung der einzelnen Ligen von Jahr zu Jahr, der Spielermarkt ist viel offener als in den USA mit ihrer College-Struktur als Unterbau und da gerade die großen Clubs im europäischen Wettbewerb stehen, müssten etwaige Salary Caps auf kontinentaler Ebene festgelegt werden – was dann entweder die wohlhabenderen Teams benachteiligt oder für die ärmeren belanglos wäre, oder beides. Dass die US-Modelle so nicht übertragbar sind, stimmt also zweifelsohne, doch das müsste ja nicht heißen, dass man nicht andere Ansätze verfolgt.

Das Financial Fair Play – Perfekte Ablenkung von den Gerechtigkeitsproblemen des europäischen Fußballs

Aber gibt es nicht einen solchen Ansatz schon – das „Financial Fair Play“? Ja, aber das FFP ist einer der perfidesten Wahlkampfschlager der Politikgeschichte und gerade kein Instrument gegen Chancenungleichheit.

Was ist das Financial Fair Play? Diese neuen Lizenzierungsbestimmungen der UEFA, die ab der aktuellen Saison greifen, messen die Ausgaben eines jeden Clubs, der in einem der vom Verband veranstalteten Europacupwettbewerbe spielen will, also in der Champions League und der Europa League, an den jeweiligen Einnahmen. Der Beurteilungszeitraum betrifft jeweils die zwei Jahre zuvor. In diesen darf der Club zunächst nicht mehr als €45 Millionen mehr für Gehälter und Transfersummen ausgeben, als er eingenommen hat. Das soll auf den ersten Blick verhindern, dass Investoren viel Geld in einzelne Clubs stecken, diese damit von ihren Zuwendungen abhängig machen und ein Rückzug des Geldgebers den ganzen Club in den Abgrund reißt. Die tolerierte Differenz soll ab 2015 auf €30 Millionen sinken. Wichtig ist, dass vermeintlich nachhaltige Ausgaben für Stadien, Infrastruktur und Jugendarbeit erlaubt sind und nicht gegen die Einnahmen verrechnet werden.

Auf den ersten Blick eine sinnvolle Maßnahme, die spektakuläre Clubinsolvenzen verhindern könnte, wie die von Leeds United, das nach 2001 aus dem Halbfinale der Champions League innerhalb von sechs Jahren bis in die dritte Liga und in die Pleite abstürzte. Die öffentliche Wahrnehmung scheint sich aber zumal in Deutschland fast ausschließlich darauf zu konzentrieren, dass man „Scheichs“ (so die inzwischen etablierte Bezeichnung für Investoren aus Nahost oder Osteuropa, die Geld in westeuropäische Clubs stecken) daran hindern müsse, Paris Saint-Germain, Manchester City oder die AS Monaco zu unterstützen. Die einzige Kritik am Financial Fair Play-Konzept, die zu lesen ist, betrifft die Befürchtung, es werde „nicht konsequent genug umgesetzt“. Nur sehr vereinzelt wurde thematisiert, welch wettbewerbsfeindlicher Nebeneffekt dem Konzept der UEFA innewohnt. Dabei ist es offensichtlich, und wurde von Beginn an etwa in englischen Medien kritisiert, dass die neuen Regularien den Status Quo in Europa mehr oder minder zementieren.

Chelsea etwa hat sich mit seinen riesigen Ausgaben, bevor das FFP griff, in die Elite gekauft, wie wir oben gezeigt haben. Manchester City versucht das kurz vor Toreschluss auch noch. Das muss man nicht für „gut für den Fußball“ halten. Es ist aber in Zukunft für Clubs in den europäischen Topligen, die nicht ohnehin jedes Jahr in der Champions League spielen, fast unmöglich, die Platzhirsche zu verdrängen. Selbst, wenn sich Geldgeber fänden, die etwa Everton oder den 1. FC Nürnberg ganz nach oben bringen wollten, so dürften sie in Zukunft nur so viel Geld investieren, dass sie auf die Champions League-Teilnahme wenige Chancen hätten.

Die Abschottung der Topclubs gegen Konkurrenz wird übrigens in Deutschland nicht zuletzt auch durch die vielgelobte „50+1-Regel“ gewährleistet, die es Investoren verbietet, die Mehrheit an Bundesligaclubs und Zweitligisten zu übernehmen. Werksclubs wie Bayer Leverkusen und der von Volkswagen unterstützte VfL Wolfsburg, die „aus historischen Gründen“ nicht von der 50+1-Regel betroffen sind, können bis zu einem gewissen Grad auch ohne vergleichbare Zuschauer- und Marketingeinnahmen zumindest in die Nähe von Bayern, Dortmund und Schalke kommen. Sie verdrängen können aber selbst diese Konzerne kaum.

Sowohl für die 50+1-Regel wie auch für das FFP-System gibt es gute Argumente. Bestimmte Auswüchse des modernen Profifußballs werden so verhindert oder eingeschränkt. Mit „Fair Play“ im Sinne des sportlichen Wettbewerbs bei gleichen Bedingungen haben die neuen Regularien aber nicht das Geringste zu tun. Praktisch ist es da für Clubs wie Bayern München (dessen Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge nicht zufällig einer der größten Unterstützer des Financial Fair Play ist), dass es eine flächendeckende Sündenbock-Diskussion gibt, in der das einzige Problem des Profifußballs „neureiche“ Clubs wie Paris Saint-Germain oder Manchester City zu sein scheinen. Die Reduzierung auf die Neureichen gewährleistet, dass man den Alten Adel unbehelligt weiter jedes Jahr seine Pfründe einfahren lässt. Und wo wir schon einmal in revolutionären Sprachbildern wandeln: Marxistisch gesprochen, werden Clubs, die in einer Art ursprünglichen Akkumulation eine bestimmte Kapitalbasis gelegt und sich Marktdominanz erobert haben, durch die neuen Regularien auf Dauer vor Wettbewerb geschützt.

Eine echte Europaliga ohne Auf- und Abstieg wäre für die meisten Fans ein Graus. Sie wäre aber ehrlicher als das jetzige System, das Wettbewerb und Chancengleichheit nur simuliert und parallel alles dafür tut, genau das zu eliminieren. Das soll von meiner Seite aus kein Plädoyer für eine solche Liga sein. Wie sich die aktuelle Entwicklung umkehren oder auch nur bremsen lässt, weiß ich nicht mit Gewissheit zu sagen. Ich bin auch gar kein Gegner des Profifußballs, mitnichten. Leistung kann sich gerne lohnen, um es mit Rainer Brüderle zu sagen.

Ich wäre aber fürs Erste schon zufrieden, wenn die Debatten um Gerechtigkeit und Fairness im Fußball mal etwas offener und selbstkritischer geführt würden, und man sich fragen würde, wer warum vor welchen Verhältnissen warnt. Anders gesagt: Die Interessen des Uli Hoeneß können nicht die Interessen des FC St. Pauli-Fans sein. „Retter“-T-Shirts hin oder her. Bayern München ist ein größeres Problem für Gerechtigkeit im europäischen Fußball als Paris Saint-Germain.

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