Bayern München – Hamburger SV: After eight

Bayern München – Hamburger SV 8:0

Dass der HSV beim FC Bayern verlieren würde, war selbstverständlich. Oder, sagen wir es genauer: Die Chance auf einen Hamburger Punktgewinn hätte statistisch gesehen selbst dann bei unter drei Prozent gelegen, wenn der HSV eine durchschnittlich gute Bundesligamannschaft wäre. Da die Rothosen jedoch eine Mannschaft im Abstiegskampf sind (wenn auch kein klarer Abstiegskandidat), war die Wahrscheinlichkeit noch weitaus niedriger. Die einzigen Bundesligamannschaften, die seit 2012 in der Münchner Arena gepunktet hatten, waren Borussia Dortmund und Schalke 04 gewesen. Beide klar besser besetzt als die Hanseaten. Und beide schafften es auch nur unter besonderen Vorzeichen: Der BVB erst, nachdem Bayern in der vergangenen Saison bereits als Meister feststand. Und Schalke gegen eine Münchner Elf, die siebzig Minuten lang zu zehnt spielen musste.

Gleichwohl hatte Schalkes Punktgewinn in München vor zehn Tagen durchaus ein paar Indizien geliefert, wie man bei den Bayern auftreten könnte. Die extreme Defensivtaktik von Roberto di Matteo war weithin kritisiert worden, auch René Maric war auf Spielverlagerung nicht gewillt, den Teilerfolg der stark ersatzgeschwächten Gelsenkirchener zu würdigen. Nun hat der HSV nicht die gleiche Defensivqualität im Kader wie der FC Schalke. Aber in der Hinrunde hatte Joe Zinnbauer in den vier Spielen gegen die Champions League-Teilnehmer Bayern, Dortmund, Leverkusen und Schalke nicht ein einziges Gegentor kassiert. Mit der viertbesten Hinrundenabwehr der Liga lag es beim Gastspiel in Bayern also nahe, vor allem auf Torverhinderung zu setzen.

Als dann Zinnbauer im Interview vor dem Spiel sagte: „Wenn man mutig auftreten kann, dann beim FC Bayern“, konnten dem Beobachter allerdings erste Zweifel kommen. „Wir wollen uns heute etwas zutrauen“, so der Trainer weiter. Das hätte nun das übliche PR-Gerede ohne Substanz sein können. Doch tatsächlich hatte sich Zinnbauer für eine recht offensive Grundformation entschieden: zwei Spitzen in Ivica Olic und Artjoms Rudnevs, Pressing in der Bayern-Hälfte und eine Viererkette, die hoch aufrückte. Resultat war die höchste Niederlage in der Bundesligageschichte des HSV. Was lief schief? Oder vielmehr: Wie wussten die Bayern die Hamburger Schwächen zu bespielen?

Das ungestüme Anlaufen des Bayern-Spielaufbaus mag Zinnbauer auf der Taktiktafel wie eine gute Idee vorgekommen sein. Aber auf dem Rasen stand Holger Badstuber wieder in der Startformation der Münchner. Er ersetzte Dante in der Innenverteidigung, Jérôme Boateng saß das letzte Spiel seiner verkürzten Rotsperre ab. Rafinha war ebenfalls wieder dabei, an Stelle von Mitchell Weiser. Für den angeschlagenen Xabi Alonso kam Thomas Müller in die Startelf. Beim HSV rückte Ashton Götz als Rechtsverteidiger ins Team. Slobodan Rajkovic musste auf die Bank, und Heiko Westermann spielte statt rechts im linken Zentrum der Kette. Zudem kam Rudnevs wie erwähnt als zweite Spitze, dafür musste Nicolai Müller zunächst auf die Bank. Nominell gesehen wählte Zinnbauer also für den FC Bayern auswärts eine offensivere Formation als für Hannover zu Hause.

Schon früh zeigte sich, dass Bayern das Hamburger Pressing immer wieder auf die linke Abwehrseite locken konnte, um sodann schnell auf die rechte Seite zu verlagern. Vor allem Badstubers extreme Ballsicherheit half den Münchnern dabei. Immerhin dauerte es bis zur 21. Minute, ehe Bayern der Führungstreffer gelang – nach einem Handelfmeter, natürlich von rechts errungen, als Ronny Marcos eine Rafinha-Flanke regelwidrig stoppte. Innerhalb von 90 Sekunden, nachdem Thomas Müller den Strafstoß verwandelt hatte, stand es bereits 2:0. Mario Götze hatte einen von Jaroslav Drobný nach vorne abgewehrten Schuss von Müller abgestaubt. „Wir können hier nichts mehr tun, Harry“, musste Zinnbauer spätestens jetzt gewusst haben. Doch der Coach, der auf Ivica Olics frühe Verletzung mit der Hereinnahme von Nicolai Müller reagieren musste, wartete bis zur 57. Minute, ehe er Rafael van der Vaart aus dem Spiel nahm und durch den defensivstärkeren Petr Jirácek ersetzte.

Hier geht es nicht um Van der Vaart-Bashing nach Art von Thomas Helmer. Aber das hohe Pressing des HSV zog immer wieder ein Folgeproblem nach sich. War die erste Pressingphase des HSV erstmal umspielt, und das gelang den Bayern fast immer, so fielen die hinter dem Ball verbliebenen Hamburger Spieler umso tiefer zurück, wobei sie oft Ordnung und Staffelung fahren ließen. Sinnbildlich dafür das 5:0, vor dem Bastian Schweinsteiger viel Platz vor dem Hamburger Strafraum bekam, in den die meisten HSV-Spieler geflüchtet waren. Westermann musste aus der Kette heraus fünf bis zehn Meter auf den ballführenden Schweinsteiger gehen, um ihn überhaupt unter Druck setzen zu können. Da legte der Weltmeister einfach quer auf Thomas Müller. Der hatte noch mehr Platz, weil Van der Vaart sich all das von weiter vorne ansah. Müller legte sich also schön den Ball zurecht und traf von außerhalb des Strafraums.

Die Höhe der Niederlage lässt sich natürlich, wie fast immer im Fußball, nicht nur mit der Schwäche der einen, sondern auch mit der Stärke der anderen Mannschaft erklären. Neben dem überragenden Arjen Robben, der rechts den armen Marcos pulverisierte, blühte vor allem Schweinsteiger auf. Alonsos kurzfristige Verletzung schien so mindestens einen positiven Effekt gehabt zu haben. Denn in die Räume vor der Abwehr und zwischen den Innenverteidigern, die sonst vom Spanier bewohnt werden, konnte nun der Deutsche nach Herzenslust abkippen. Von hier aus lenkte er das Spiel, verlagerte, beschleunigte und verlangsamte nach Belieben. In einer sehr asymmetrischen Formation hatte David Alaba neben ihm eine ganz andere Aufgabe, weil er einmal mehr auch als Backup von Juan Bernat bei dessen Vorstößen fungierte. Einen richtigen offensiven linken Außenbahnspieler gab es gar nicht: Mario Götze und Robert Lewandowski orientierten sich in die Mitte und machten es der Hamburger Kette so schwer, noch konsequenter in Richtung des nächsten Robben-Angriffs zu verschieben.

Für die Bayern war dieser Sieg ein schöner Auftakt für eine nicht allzu schwere Sequenz von Spielen mit Hin- und Rückspiel gegen Shakhtar Donetsk, Paderborn, Eintracht Braunschweig im Pokal, Köln und Hannover. Der HSV hingegen hat dank des Ausmaßes der Niederlage nun wieder genau die schlechte Stimmung in Umfeld und Mannschaft, die man nach zwei Siegen in Folge überwunden zu haben glaubte. Mit Mönchengladbach, Frankfurt und Dortmund könnte das anstehende Programm leichter sein. Für Joe Zinnbauer, der einige falsche Entscheidungen traf, war sein 18. Bundesligaspiel als Cheftrainer die dunkelste Stunde seiner Laufbahn. Das gleiche gilt für seinen Club in dessen 1747. Punktspiel in der Liga.

Noch ein Wort zu unseren Noten. Die Spielnote haben wir bei 5,5 gesehen – ein schwieriger Kompromiss, denn die Leistung der Bayern war natürlich weit über Bundesligaschnitt (5), die des HSV klar darunter. Letztlich hob das Niveau der Münchner Aktionen den Maßstab, an dem wir bekanntlich alle Einzelnoten ausrichten, leicht über den Ligamittelwert, auch wenn sie von ihrem Gegner nicht so gefordert wurden, wie man das etwa im Viertelfinale der Champions League erwarten könnte. Und zu den Hamburgern: Anders als es bei den populistischen Kollegen von Sky hieß, sind natürlich nicht alle Feldspieler „nicht bundesligatauglich“. Die haben ja nicht alle zusammen auf einmal einen schlechten Tag erwischt. Nicht zuletzt die falsche taktische Einstellung führte dazu, dass keiner der Hamburger seine Rolle zufriedenstellend spielen konnte. Die teils harschen Noten spiegeln genau das wider. Nicht unbedingt krasses individuelles Versagen.

Spielnote 5,5.

Bayern München (4-2-3-1): NEUER 6 – RAFINHA 7, BENATIA 6 (59. RIBÉRY 6,5), BADSTUBER 7,5, BERNAT 7 – SCHWEINSTEIGER 8, ALABA 7 – ROBBEN 8,5 (71. PIZARRO), GÖTZE 7,5, LEWANDOWSKI 6,5 – MÜLLER 8 (66. GAUDINO 6).

Hamburger SV: (4-4-2): DROBNÝ 4,5 – GÖTZ 4, DJOUROU 4, WESTERMANN 4,5, MARCOS 3 (57. OSTRZOLEK 4) – STIEBER 4, DÍAZ 4,5, van der VAART 3,5 (57. JIRÁCEK 4,5), JANSEN 3 – RUDNEVS 4, OLIC 4,5 (23. MÜLLER 3,5).

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