Bayern München – Schalke 04: Roberto di Potter

BAYERN-S04_2 (3)Bayern München -Schalke 04 1:1

Wenn Josep Guardiola Voldemort ist, dann ist Roberto di Matteo sein Harry Potter: Ein freundlicher, auf den ersten Blick harmloser Kontrahent, den der große Mastermind dennoch nicht besiegen kann. Zugegeben: Bisher gab es erst drei Duelle zwischen den beiden Trainern. Kein einziges von diesen aber konnte der spanische Superstar für sich entscheiden. Im Halbfinale der Champions League 2012 hatte Chelsea unter Di Matteo mit 1:0 und 2:2 Barcelona aus dem Wettbewerb geworfen und so das Finale in München gegen den FC Bayern erreicht. Zum ersten Mal seit dem Finalsieg damals, dem größten Triumph seiner Karriere, kehrte Di Matteo nun in die Münchner Arena zurück – und nahm Guardiolas Bayern erneut einen Punkt ab.

Nach dem 1:4 in Wolfsburg, der ersten relevanten Bundesliganiederlage für den FC Bayern seit 2012, brachte Guardiola drei neue Spieler in die Startelf und stellte wieder auf eine Dreierkette in der Abwehr um. Mitchell Weiser bekam den Vorzug vor Sebastian Rode, agierte aber anders als dieser nicht als Außen-, sondern als Flügelverteidiger. Medhi Benatia kam für Dante als Innenverteidiger in die Kette, in der auch David Alaba einen Platz bekam. Mario Götze spielte von Beginn an, Robert Lewandowski musste dafür auf die Bank. Auch bei Schalke gab es drei Änderungen nach dem 1:0 gegen Hannover, die Grundformation behielt Di Matteo allerdings bei. Für den gesperrten Klaas-Jan Huntelaar kam Sidney Sam in die Spitze als Sturmpartner von Eric-Maxim Choupo-Moting. Joel Matip ersetzte im Abwehrzentrum Jan Kirchhoff. Und Kevin-Prince Boateng kam für Marco Höger in die Startelf.

Wie zu erwarten war, begann Schalke extrem defensiv. Das äußerte sich in einer tiefen Positionierung bei hoher Kompaktheit zwischen den Linien. Selbst im Mittelfeld wurde nicht durchgängig gepresst. Ganz anders als Wolfsburg hatte Di Matteo dabei keinen großen Wert auf offensive Umschaltmechanismen gelegt, so dass entweder lange Schalker Befreiungsschläge direkt bei den Bayern landeten, oder die Münchner gut ins Gegenpressing kamen. Bereits in den ersten Minuten des Spiels kam Bayern zu drei Eckstößen und drückte Schalke so tief in deren eigene Hälfte, dass man Angst um die Gäste bekommen musste. Doch als Schalke seine Defensivpositionen einigermaßen kalibriert hatte, griff das System gegen den Ball etwas besser – schon bevor Jérôme Boateng nach einem langen Pass auf Sidney Sam an der Strafraumgrenze zur Notbremse griff.

Diese Szene in der 17. Minute führte zum Foulelfmeter für die Gäste und einem Platzverweis gegen Boateng. Völlig zu Recht, auch wenn Franz Beckenbauer sich in seiner Eigenschaft als Sky-Experte über eine vermeintliche „Dreifachbestrafung“ echauffierte. Klingt gut, ist aber gleich in mehrfacher Hinsicht Unsinn. Denn erstens ist in diesem Sinne jeder Platzverweis eine Mehrfachbestrafung, weil er ja eine Sperre nach sich zieht. Und zweitens wäre es, wenn denn das Verhindern einer klaren Torchance im Strafraum nur Gelb gäbe, total irrational für den Verteidiger, NICHT die Notbremse zu ziehen. Denn anstatt des fast sicheren Tores gäbe es dann einfach Strafstoß. Erst der sichere Platzverweis ist eine klare Abschreckung dagegen, die Notbremse zu benutzen. Das ist nämlich schlimmer, als die Torchance und das wahrscheinliche Tor einfach zuzulassen. Und genau so sollte es auch sein.

Wie dem auch sei, Bayern stand also nun vor der Aufgabe, mehr als 70 Minuten in Unterzahl weiterzuspielen. Spannend schien die Frage, ob das Anlass für Guardiola sein würde, die jüngst von René Maric angeregte echte Torwartkette umzusetzen, in der Manuel Neuer im Spielaufbau einfach die Rolle von Boateng übernommen hätte. So leichtsinnig wollte der Coach aber natürlich nicht sein und brachte Dante als direkten Boateng-Ersatz ins Spiel. Mario Götze musste dafür das Opfer der frühen Auswechslung bringen.

Schalke änderte sein Spiel allerdings kaum. Immer noch war Di Matteo der Auswärtspunkt in der Hand lieber als die Sensation auf dem Arenadach. Da Bayern seinerseits zwar weiterhin etwas spielüberlegen schien, aber bei Weitem nicht volles Risiko bei Angriffen ging, vielleicht nach der Erfahrung des in Wolfsburg ständig Ausgekontertwerdens heraus, entwickelte sich ein nicht unbedingt dem Auge des Fußballästheten schmeichelndes Spiel, das stilvoller Weise durch zwei Standardtore entschieden wurde.

Noch ein paar Anmerkungen zu unseren Noten: Das Spielniveau haben wir mit 5,5 bewertet. Das bedeutet in unserem Notensystem ein Match über normalem Bundesliga- (5), aber unter Champions League-Niveau (6). Das bedeutet für die Einzelnoten, dass eine durchschnittliche Leistung in diesem Spiel mit 5,5 benotet wird. Roman Neustädter, der das Schalker Mittelfeld gegen den Ball sehr gut organisierte, Sidney Sam, der den Elfmeter herausholte und seine taktischen Aufgaben bei Bayerns Spielaufbau exzellent umsetzte (vor allem gegen Xabi Alonso), sowie Arjen Robben auf Bayern-Seite haben wir als beste Spieler des Abends gesehen – ohne, dass eine wirklich herausragende Einzelleistung dabei gewesen wäre. Daher liegen die Noten insgesamt nicht allzu weit auseinander.

Zur Einordnung des Resultats: Lassen Sie sich von Klagen über Schalkes zu defensive Spielweise nicht blenden: Ein Punkt in München ist für die Gelsenkirchener ein exzellentes Ergebnis. Seit Dezember 2012 hatte Bayern keinen einzigen Heimpunkt in der Bundesliga mehr abgegeben, bevor der Meistertitel fest stand. Das zeigt, wie gut das Ergebnis wirklich ist, Überzahl hin oder her – vor allem, wenn man dazu noch die Schalker Personalprobleme bedenkt. Und Bayern? Nach der ersten relevanten Niederlage der Guardiola-Ära nun gleich die ersten verlorenen relevanten Heimpunkte unter diesem Trainer. So wohl kein reiner Zufall. Andererseits spricht nichts dafür, nun die sichere Meisterschaft 2015 in Frage zu stellen – zumal Bayern die beiden wohl stärksten Gegner der ganzen Rückserie jetzt schon gespielt hat.

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3 comments

  1. Der da

    Danke für deine Analyse, nachdem man sonst überall lesen muss, dass RDM ne Pfeife ist, weil er in Überzahl nicht offensiver spielen lässt.
    Ich fand auch die pragmatische Herangehensweise, lieber Punktgewinn als Sensation für S04 passend, da man gegen eine der spielstärksten Mannschaften der Welt spielte und in der Hinrunde Konter bei eigenem Spielaufbau die Hauptkrankheit in der Defensive war.
    Das die Bayern auch in Unterzahl ein Spiel noch extrem dominieren können, hat man bei ManCity gesehen (Auch wenn es noch durch Quasi-Eigentore verloren wurde).
    Ich denke in Gelsenkirchen ist man hochzufrieden mit Spiel und Ergebnis und das wäre man wohl bei jedem anderen Bundesligisten auch.

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