„Bei allem, was privat passiert ist“

Dass das Kicker-Sportmagazin seine Berichterstattung auf sportliche Belange rund um den Fußball konzentriert und um das Privatleben von Fußballern in der Regel einen weiten Bogen macht, ist nicht neu. Dagegen ist generell ja auch nichts zu sagen, hebt es das Nürnberger Traditionsblatt doch wohltuend von manchen Aspekten der Boulevard-Sportberichterstattung ab. In diesem Jahr ist die Maxime, Privates privat bleiben zu lassen, allerdings schon zweimal an ihre Grenzen gestoßen. Und in beiden Fällen kann man nicht behaupten, dass die vermeintlich klare Definition dieser Grenzen zum Ruhmesblatt für die Kicker-Redaktion geworden wäre.

Nachdem Thomas Hitzlsperger sich geoutet hatte, berichtete der Kicker im Heft nicht nur gar nicht darüber, sondern rechtfertigte in einem Kommentar genau diese Entscheidung unter anderem mit dem „weltoffenen Deutschland“, in dem Homosexualität kein Thema sei. Nachdem diese Maßnahme viel Kritik hervorgerufen hatte, legte Chefredakteur Jean-Julien Beer wenige Tage später nach und befand, die Kicker-Redaktion sei in Sachen Liberalität ihrer Zeit sogar voraus, weil sie über schwule Sportler gar nicht rede. Das alles haben wir damals schon thematisiert.

Anlässlich der Verurteilung von Uli Hoeneß zu einer Gefängnisstrafe von dreieinhalb Jahren legte die Redaktion nun eine weitere Demonstration ihrer Auffassung von Privatheit und Öffentlichkeit vor. Zwar wurde über das Urteil gegen den bisherigen Präsidenten des FC Bayern berichtet, allerdings nannte man das im Editorial ein „Themenpaket zum Rücktritt von Uli Hoeneß“ (und nicht zu den Gründen für den Rücktritt), und auf den fünf Seiten fanden sich genau drei Sätze, die zumindest die verhängte Strafe und die ihr zugrundeliegenden Straftaten erwähnten – und eine „Chronologie des Falles“ in einem Extrakasten am Ende. Weitaus prominenter war „Uli Hoeneß: Seine Erklärung im Wortlaut“ platziert, die der Kicker extra in einer größeren Schrifttype als den Rest des Themenpakets abgedruckt hatte.

Der Ton dafür war schon im angesprochenen Editorial von Chefredakteur Beer gesetzt worden, als er schrieb, es sei lobenswert, wie die Bundesliga und „der Fußball“ reagiert hätten – nämlich, indem auf Kritik verzichtet worden sei. In der Hagiographie „Uli Hoeneß: Der FC Bayern ist sein Lebenswerk“ von Karlheinz Wild, dem altgedienten Bayern-Chefkorrespondenten des Kicker, findet sich ebenfalls kein einziger kritischer Satz. Vielmehr schließt der Artikel mit dem Satz: „Neben dem sportlichen und wirtschaftlichen Erfolg gehört diese menschliche Komponente – bei allem, was privat passiert ist – zu seinem Lebenswerk FC Bayern“.

Die Hinterziehung von fast 30 Millionen Euro Steuern durch den Präsidenten des wichtigsten deutschen Clubs zwischen zwei Spiegelstriche zu verbannen als private Verfehlung, die einen Sportjournalisten eigentlich gar nichts angehe, verrät einiges über die Probleme der engen Verflechtung deutscher Medien mit den handelnden Personen in Liga und Clubs, in der die Interessenkollision zwischen dem engen Vertrauensverhältnis eines Korrespondenten mit den Entscheidungsträgern des Clubs, über den er jahrzehntelang berichtet, und der gebotenen Distanz, die für ein ausgewogenes redaktionelles Urteil erforderlich wäre, gar nicht mehr bemerkt wird. Wie andernorts auch der Zwang etwa öffentlich-rechtlicher Sender, die Wettbewerbe, für deren Übertragungsrechte sie viele Millionen bezahlt haben, als die fantastischen Unterhaltungsevents zu behandeln, als die sie solche Investitionen einzig rechtfertigen können, auch hier hat grundsätzliche Kritik keinen Platz.

Zu allem Überfluss steuerte Wild auch noch einen sogenannten „Kommentar“ bei, namens „Hoeneß wird dem Fußball fehlen“. Einordnung und Beurteilung sucht man hier vergebens, stattdessen weiteres Hoeneß-Lob („Doch als es nicht mehr anders ging, erwies er dem Klub diesen letzten, unumgänglichen Dienst und trat ab“). Damit folgte er genau der Interpretation von Hoeneß selbst, der in seiner groß abgedruckten Erklärung den Verzicht auf die Revision mit seinem „Verständnis von Anstand, Haltung und Verantwortung“ begründet hatte. So wird die Trennung von Privat und Sportlich endgültig ins Absurde verkehrt. Entlastende Selbstaussagen und die Verbrämung des Urteils eines ordentlichen Gerichts als etwas, das zu akzeptieren ihm seine eigenen charakterlichen Qualitäten gestatteten, kann man als PR-Strategie von Hoeneß finden, wie man will. Diese allerdings in den Mittelpunkt seiner Berichterstattung zu stellen und zugleich die schweren Straftaten, die sie erst nötig gemacht haben, als „Privatsache“ zu handeln, ist nicht mehr nur verschroben. Es ist ein journalistischer Offenbarungseid.

Man muss nicht wie der Stern Interviews mit anonymen Whistleblowern führen, deren nicht überprüfbare Aussagen nahelegen, Hoeneß sei kein Einzeltäter gewesen. Aber es gibt bei distanzierter Betrachtung des Falles noch zahlreiche offene Fragen, die durch den schnell durchgezogenen Prozess und den allfälligen Verzicht auf Revision eher noch dringlicher geworden zu sein scheinen. Der Schweizer Tagesanzeiger hat sie gebündelt auf den Punkt gebracht: Woher kam das Startkapital, das Hoeneß für seine Geschäfte nutzte, wirklich? Wie konnte Hoeneß als Privatmann mit Devisengeschäften so gigantische Gewinne erzielen, wie es nicht einmal professionelle Fonds und Institute vermögen? Und wohin sind die zwischenzeitlich dreistelligen Millionensummen am Ende verschwunden?

Das sind keine haltlosen Spekulationen, sondern naheliegende Fragen, die so ähnlich auch die Frankfurter Allgemeine gestellt hat. „Jetzt sollte man sich dem Fall FC Bayern zuwenden“, schloss Reinhard Müller in der konservativen Zeitung, die normalerweise eher Steuern als Steuerhinterzieher kritisiert, seinen Kommentar zum Prozess gegen Uli Hoeneß. Das ist weder boulevardesk noch unsachlich, sondern es ist eine naheliegende Aufgabe für Justiz auf der einen und investigativen Journalismus auf der anderen Seite. So ähnlich sähe es der Kicker vielleicht auch, wenn es nicht um die Bayern ginge – wie es die investigative Recherche von BVB-Korrespondent Thomas Hennecke vor über zehn Jahren im Zuge der Fast-Insolvenz der Dortmunder gezeigt hat. Schließlich wird über die Ungereimtheiten rund um den FC Barcelona, die im Zusammenhang mit der Finanzierung des Neymar-Transfers zum Rücktritt von Präsident Sandro Rosell führten, ausführlich berichtet. Rosells Lebenswerk hingegen wurde in der Zeitschrift noch nicht gewürdigt. Auch wurde sein Rücktritt nicht als heroischer Dienst an seinem Club gefeiert.

Diesen letzten Aspekt möchte ich übrigens nicht so verstanden wissen, dass man das Lebenswerk von Hoeneß nun vergessen sollte oder ihm für alle Zeit das Recht absprechen müsste, Führungspositionen im Fußball einzunehmen. Selbstverständlich sollte die resozialisierende Funktion der Strafe auch in diesem Fall gelten. Aber normalerweise spricht die Bundeskanzlerin einem verurteilten Straftäter nicht schon „Respekt“ dafür aus, dass er tatsächlich ins Gefängnis geht, wenn er dazu verurteilt worden ist. Das Bemühen des Kicker, auch im Gang nach Landsberg noch eine Heldentat des Bayern-Patriarchen zu erkennen, zeigt ungefähr so viel Urteilsvermögen wie die Einschätzung der Gläubigen in Monty Pythons „Life of Brian“ zum Mann mit der Sandale („Er ist der Messias, er ist der Messias!“).

Und wenn man, bis es nicht mehr anders geht, keine Spekulationen über mögliche finanzielle Unregelmäßigkeiten beim FC Bayern anstellen möchte, dann sollte man angesichts der aktuell aufgetauchten Fragen zumindest nicht in die Offensive gehen und ein mehrseitiges Special darüber veröffentlichen, wie vorbildlich dieser Verein geführt werde, den man in Nürnberg inzwischen routiniert „bester Club der Welt“ zu nennen beliebt.

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