CL-Bilanz: Geknickter Götze und Rüpel Ribéry

Erstmals seit 2002 stehen zwei deutsche Clubs im Viertelfinale der Champions League. Während sich die Bayern selbst zur Konzentration mahnen müssen, vergab der BVB eine noch bessere Ausgangsposition. Gegen den Ball fasst die Hinspiele aus deutscher Sicht zusammen:

1. Die Null muss auch in Dortmund stehen

Die Berichterstattung über das Dortmunder 0:0 im La Rosaleda in Malaga war einheitlich: Aufgrund mangelhafter Chancenverwertung verpasste der Deutsche Meister eine bessere Ausgangsposition. Mario Götze nahm die Schuld für die Torlosigkeit sogar komplett auf sich, aus seinen drei Gelegenheiten und der verstolperten Chance von Robert Lewandowski hätte der BVB tatsächlich Kapital schlagen müssen.

Was dabei untergeht, sind drei Dinge: Erstens findet die ebenfalls gute Leistung von Malaga sowie die taktische Ausrichtung des Trainers Manuel Pellegrini kaum Beachtung, zweitens ist das Remis zwar ein gefährliches, aber trotzdem gutes Ergebnis und drittens gehören zu der internationalen Metamorphose der Borussia nicht nur die herausragenden Spiele gegen Real Madrid oder Manchester City, sondern eben auch Ergebnisfußball wie am gestrigen Abend.

Die fehlende Kaltschnäuzigkeit vor dem gegnerischen Tor begleitet den BVB seit Jahren, in der Bundesliga eher selten, in Champions und Europa League dagegen konstant. Spielerisch konnten die Dortmunder mit allen Teams mithalten, die in den vergangenen zweieinhalb Jahren ihre Wege kreuzten. Individuelle Fehler in der Abwehr ließen die Abschlussschwäche aber stets doppelt bitter erscheinen. Das ist in dieser Saison anders, trotz zeitweiliger Ausfälle von Mats Hummels und Neven Subotic spielte der BVB in Malaga zum vierten Mal zu Null. Deshalb kann Klopp „mit dem 0:0 leben“, weil er weiß, dass ein solches Spiel im vergangenen Jahr verloren worden wäre.

Deshalb stehen die Dortmunder verdient im Viertelfinale und haben beste Chancen auf den Einzug in die Runde der letzten Vier. Wenn die Gegner dann Real Madrid, FC Barcelona oder FC Bayern heißen sollten, muss die Elf von Trainer Jürgen Klopp jedoch wieder beide Komponenten auf den Rasen bringen, um nicht chancenlos zu sein.

2. Klopp muss Prioritäten setzen: Ohne Rotation geht es nicht

Zunächst gilt die Konzentration am kommenden Dienstag aber wieder dem FC Malaga. Die Andalusier gehen dann mit der Hypothek von zwei gesperrten Spielern (Weligton, Iturra) in die Partie. Klopp wiederum ist in der Pflicht, die Dortmunder Hypothek so klein wie nur möglich zu halten.

Teile seiner Mannschaft wirken müde, überspielt und nach einer Pause lechzend. Besonders auffällig ist das bei Marco Reus, der in Malaga häufig einen Schritt zu spät kam. Ob Götze die Tore in ausgeruhtem Zustand getroffen hätte, ist dagegen Spekulation, demgegenüber kann Lukasz Piszczek ohnehin nur dosiert trainieren und schleppt sich wegen seiner Leiste von Spiel zu Spiel.

Die Ersatzleute könnten Moritz Leitner, Leonardo Bittencourt und Oliver Kirch heißen. Angst und Schrecken verbreiten diese Namen nicht, aber der Gegner am Samstag in der Bundesliga heißt FC Augsburg. Dessen Konkurrenten im Abstiegskampf werden zwar genau hinschauen, aber bei zehn Punkten Vorsprung auf den FC Schalke auf Rang vier muss Klopp seine Allergie gegen Rotation bekämpfen.

3. Wer ist hier der Bösewicht: Vidal oder Ribéry?

Die Zuschauer in der Allianz Arena hatten früh einen Buhmann gefunden. Arturo Vidal, bei Juventus zu einem der besten defensiven Mittelfeldspieler der Welt gereift, verdiente sich mit seiner Spielweise die Pfiffe der Bayern-Anhänger: Aggressiv im Zweikampf, unnachgiebig in den Duellen mit seinem Gegenspieler Franck Ribéry, offensiv mit drei Torschüssen der gefährlichste Turiner und mit auffälliger Gestik und Mimik stets im Dialog mit Schiedsrichter Mark Clattenburg.

Früh forderten die Zuschauer eine Gelbe Karte für Vidal. Wir meinen, das Einsteigen gegen Ribery hätte mit Gelb bestraft werden können, aber nicht müssen. Dennoch. Des Volkes Seele kochte! Da passte es natürlich perfekt ins Bild, dass sich viele Zuschauer an den gescheiterten Wechsel des ehemaligen Leverkuseners zu den Bayern erinnerten. Vor knapp zwei Jahren schien der Transfer des Chilenen nach München bereits eingetütet, mit dem Attribut „Charakterlos“ kommentierte Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge Vidals Abgang zu Juve. Die Tatsache, dass Leverkusen kein Interesse hatte, den besten Spieler innerhalb der Bundesliga zu verlieren und Vidal deshalb nicht zu den Bayern durfte, wird dabei gerne vergessen.

Charakterlos bleibt charakterlos, die Pfiffe konnten also gar nicht den Falschen treffen? Über den Sinn oder Unsinn solcher Fan-Meinungen wollen wir hier aber nicht sprechen, vielmehr geht es um eine richtige Einordnung der Zweikämpfe zwischen Vidal und Ribéry:

Vidal machte gegen die Bayern ein typisches Spiel – hart, aggressiv, manchmal auch dreckig. Aber meistens auch seine Grenzen kennend. Für Leverkusen sah Vidal nach wiederholten Foulspielen drei Mal Gelb-Rot, in Turin nach einem Frustfoul an Mark van Bommel ein Mal glatt Rot. Auch Ribéry musste einiges über sich ergehen lassen, in der 83. Minute ließ sich der Franzose dann aber zu einem fiesen Tritt verleiten. Nur mit Glück konnte Vidal weiterspielen.

Clattenburg ahndete das Foul nicht, eine nachträgliche Bestrafung ist auch nicht möglich. Also, Mund bzw. Stollenschuh abputzen und weitermachen? Das wäre zu einfach, denn neben seiner Genialität zieht sich diese Seite wie ein zweiter roter Faden durch Ribérys Karriere. 2010 verpasste Bayerns Nummer sieben nach einem brutalen Foul gegen Lyons Lisandro Lopez das Champions League-Finale, nach einem Wischer gegen Augsburgs Ja-Chol Koo sitzt Ribéry aktuell noch eine Sperre im DFB-Pokal ab und für ein Gerangel mit Kölns Sereno kam er in der letzten Saison mit Gelb-Rot noch glimpflich davon.

Die Bayern stecken in der Zwickmühle. Ribéry gilt als sensibel, die fehlende öffentliche Kritik an dem erneuten Ausraster ist deshalb verständlich. Bei aller Tiefe im Kader, Franck Ribéry verleiht dem Spiel der Münchner die Einzigartigkeit, die für den ersehnten Triumph in der Champions League nötig ist. Umso wichtiger ist es für die Bayern, ihm sein Fehlverhalten vor Augen zu führen. Die Rolle des Bösewichts steht ihm einfach nicht gut.

4. Mandzukic ist Bayerns Schlüssel zum Erfolg

Eigentlich werden Stürmer, gerade beim von Gerd Müller geprägten FC Bayern, an Toren gemessen. Diese Prämisse kann mit dem Spiel gegen Juventus Turin endgültig zu den Akten gelegt werden. In der Bundesliga erfüllt der Neuzugang vom VfL Wolfsburg den altbekannten Auftrag mit bisher 15 Treffern durchaus zufriedenstellend.

In der Champions League aber hat Mandzukic erst ein Mal getroffen, diese Bilanz ist den Bayern aber völlig egal. Der Kroate glänzt als Arbeiter, als Laufwunder und als Speerspitze der neuen Bayern-Qualität: Das Gegenpressing. Innenverteidiger Daniel van Buyten ließ sich sogar zu einer Liebeserklärung hinreißen: „Wenn er 20 Meter vor uns ist und grätscht, da könnte ich ihm einen Kuss geben.“

Tatsächlich war Mandzukic in der defensiven Bewegung überall zu finden. Er lief, je nach Situation und Bedarf, die drei Turiner Abwehrspieler an und sorgte so für viele Ballverluste. Er wechselte sich mit Thomas Müller in der Bewachung von Spielmacher Andrea Pirlo ab. Er half auch am eigenen Sechzehner aus. Und Mandzukic war beim 2:0 hellwach, als er nach Gustavos Schuss und Buffons Fehler für Müller auflegte. Die Leistung von Mandzukic war herausragend, die Zeiten eines klassischen Torjägers sind zumindest in der Champions League Geschichte.

5. Heynckes‘ Erbe wird immer schwerer

Die Geste von Bayern-Trainer Jupp Heynckes nach dem zweiten Treffer seiner Mannschaft in Richtung seiner Co-Trainer war unmissverständlich: Seht ihr, ich habe doch gesagt, wir sollten mehr aus der zweiten Reihe schießen. Dieser Buffon ist nicht mehr unfehlbar.

Heynckes hatte, wie so oft in dieser Saison, sogar doppelt Recht, auch wenn das 1:0 durch Alaba abgefälscht und Buffons Schuld wesentlich kleiner war. Gegen den Ball hat Heynckes‘ Entwicklung weg vom reinen Verwalten des Status Quo einer Mannschaft bereits an anderer Stelle gewürdigt. Gegen die defensivstarken Turiner gab Heynckes seiner Mannschaft, nachdem er „mit der alten Dame ins Bett gegangen und mit der alten Dame aufgestanden“ sei, aber besonders viele taktische Finessen mit auf den Weg:

  • Die vier offensiven Bayern liefen die Gegner erst an, als Buffon seinen kurzen Abstoß bereits ausgeführt hatte. So wähnten sich die Turiner im gewohnten Aufbauspiel, wurden dann aber aggressiv attackiert.
  • Pirlo spielte aufgrund der Sonderbewachung von Kroos/Müller und Mandzukic laut opta elf Fehlpässe, ein erstaunlicher Wert für Pirlo.
  • Bayerns Außenverteidiger standen sehr hoch, was Lichtsteiner und Peluso die Effizienz im Spiel nach vorne nahm.
  • Mandzukics laufintensive Rolle im Gegenpressing der Bayern haben wir bereits beschrieben.

Gepaart mit dem überragenden Schweinsteiger als Chef im Mittelfeld hatte Heynckes dem Gegner somit so viele Probleme bereitet, dass sich Juventus über die zwei Gegentore glücklich schätzen konnte. Noch haben die Bayern nichts gewonnen, wie Sportvorstand Matthias Sammer immer wieder betont. Der neue Trainer Pep Guardiola wird sich trotzdem mit dem Schatten seines Vorgängers auseinander setzen müssen.

 

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