Da hilft auch kein Zaubertrank

Der FC Bayern hat das erste Pflichtspiel der Saison verloren. Den Supercup gab der Treble-Sieger mit einem 2:4 gegen Borussia Dortmund aus den Händen. Die Signalwirkung an den Rest der Bundesliga war den Schwarz-Gelben dabei fast wichtiger als die Erweiterung des Briefkopfes: Die übermächtigen Bayern sind schlagbar.

Das ändert jedoch nichts an der in Stein gemeißelten Favoritenstellung der Münchner. Während ich meine Zweifel an einer internationalen Ära der Bayern bereits formuliert habe, kann es in der Bundesliga nur einen Meister geben.

Jens Lehmann sieht das anders. In einer unvergleichlichen „Experten“-Argumentation schreibt Lehmann BVB-Coach Jürgen Klopp den Vorteil zu, genau zu wissen „wie er mit einer Winterpause und zwei Saisonhälften umzugehen hat, um zu versuchen, seine Mannschaft fitter zu haben als die der Bayern.“ Und Bayerns neuer Trainer Pep Guardiola müsse erst die Erfahrung machen, „eine Mannschaft mit zwei Vorbereitungen in einer Saison zu trainieren.“

Wenn das Dortmunds Trumpfkarte sein soll, steht einer spannenden Saison ja nichts im Wege. Unerschütterlich wie ich bin, gehe ich direkt hinter Lehmann auf das dünne Eis, suche nach möglichen Schwächen in der Bayern-Welt und stelle fest, dass man nur in hypothetischen Bereichen fündig werden kann.

Zwei Neuzugänge mit Startelf-Ansprüchen

Als Guardiola zum Abschluss des Trainingslagers in Italien ganz offen die Verpflichtung von Thiago Alcantara einforderte, war das zunächst mal ein ungewöhnlicher Schritt. Das Interesse an oder der offen formulierte Wunsch nach einem Spieler ist in der Fußball-Branche unüblich, treiben solche Aussagen doch eher die Preise in die Höhe. Guardiola war sich seiner Sache aber sicher, immerhin stand Thiago schon wenige Tage später in Bayerns Kaderliste. Und er stellte unmissverständlich klar, wer das sportliche Sagen hat.

Thiago kostete die Bayern eine Ablöse von 25 Millionen Euro, unabhängig von der Summe muss der spanische Brasilianer nur selten mit der Verbannung auf die Ersatzbank rechnen. Dafür lehnte sich Guardiola zu weit aus dem Fenster: „Er kann verschiedene Positionen spielen. Er ist sehr gut vom Kopf her, gut im Eins-gegen-eins, kann auf der Sechs, Acht, der Sieben oder Elf spielen.“ Diese Flexibilität macht für den neuen Trainer einen modernen Mittelfeldspieler aus.

Beim zweiten teuren Neuzugang, Mario Götze, gibt es eine andere Geschichte: Guardiola soll sich im Frühjahr für die Verpflichtung von Neymar stark gemacht haben. Der Aufsichtsratsvorsitzende Uli Hoeneß habe allerdings mit der schlechten Erfahrung bei Transfers von Südamerikanern ohne Europa-Erfahrung argumentiert und eben Götze als Ersatz angepriesen. Guradiola soll nachgegeben haben und so wurde Götze unter extremer öffentlicher Begleitung für 37 Millionen Euro von Borussia Dortmund losgeeist. Böse Zungen behaupten seitdem, die Schwächung des Rivalen habe über der Kaderplanung des Trainers gestanden.

Nun fällt es zum jetzigen Zeitpunkt schwer, die Beziehung zwischen Guardiola und Götze zu bewerten. Der 21-Jährige startete verletzt in die Vorbereitung, stieg erst vor wenigen Tagen ins Mannschaftstraining ein und konnte noch in keinem Testspiel auflaufen. In Guardiolas System wird Götze am ehesten ein Platz in der Spitze als falsche Neun zugetraut, der Schlüssel zum Stammplatz wird dann in der Verbesserung seiner Chancenverwertung liegen. In Dortmund ließ er in der vergangenen Saison noch zu viele Großchancen ungenutzt verstreichen.

Beim Thema Stammplätze wird sich in den kommenden Monaten zeigen, wie eng der Kontakt zwischen Sportvorstand Matthias Sammer und Guardiola ist. Sammer hatte das Ende der klassischen Stammelf angekündigt und Guardiola somit ständige Rotation ins Hausaufgabenheft geschrieben. Bei derzeit noch zehn hochkarätigen Spielern für fünf Mittelfeld-Plätze ein nachvollziehbarer Ansatz, beim FC Barcelona war Guardiola jedoch nicht für wöchentliche Rotation bekannt.

Die restlichen Transferaktivitäten nehmen wenig Einfluss auf die Bayern-Elf der kommenden Saison. Jan Kirchhoff (Mainz/ablösefrei) wird mit Glück zu Kurzeinsätzen kommen, Rückkehrer Mitchell Weiser (Kaiserslautern) wird nicht mal diese bekommen. Den Club verlassen haben mit Mario Gomez (AC Florenz), Anatoliy Timoshchuk (Zenit St. Petersburg) und Emre Can (Bayer Leverkusen) drei Akteure, die unter Guardiola nur um dritten Glied gestanden hätten. Möglich ist zudem noch der Verkauf von Luiz Gustavo, der von Brasiliens Nationaltrainer Luiz Felipe Scolari bereits Signale erhalten hat, auch bei einem Wechsel seinen Stammplatz in der Selecao behalten zu können.

Guardiola ruht sich nicht auf Heynckes‘ Erfolgen aus

Guardiola hätte es sich leicht machen und das von Jupp Heynckes perfektionierte System übernehmen können. Ein anerkannter Erfolgstrainer will aber eigene Schwerpunkte setzen. Mit dem ersten Tag der Vorbereitung arbeitete Guardiola an seiner eigenen Bayern-Taktik. In der Grundordnung soll es ein 4-1-4-1 sein, wodurch das Pressing variiert wird und der alleinige Sechser in der Defensive größere Verantwortung trägt. Die Laufwege im Mittelfeld haben sich verändert, da Guardiola kurzen Pässen eine größere Bedeutung beimisst als langen Seitenwechseln oder Steilpässen in die Spitze. Deshalb muss der Stürmer flexibler agieren, insgesamt wird Dominanz und Ballbesitz wieder eine größere Rolle spielen.

Die Anforderungen an die Spieler sind damit sehr hoch und es kann in der Anfangsphase zu Abstimmungsproblemen kommen. In der Bundesliga wird es trotzdem nur selten zu Problemen kommen. Das wird zum Auftakt auch Mönchengladbach zu spüren bekommen, wenn mit Manuel Neuer im Tor, Philipp Lahm, Dante, Javi Martínez und David Alaba in der Viererkette, Bastian Schweinsteiger auf der Sechs, Arjen Robben, Thiago, Toni Kroos und Franck Ribéry in der Offensive sowie Thomas Müller im Angriff die derzeit stärkste Startelf auflaufen wird.

Die Stärke des Kaders wird einem erst bewusst, wenn man Guardiolas Möglichkeiten in der zweiten Reihe benennt. Wer ernsthaft ein Haar in der Suppe finden will, muss bei den Torhütern und den Außenverteidigern suchen. Tom Starke, Diego Contento und Rafinha gehören nicht in die Internationale Klasse, aber Neuer ist selten verletzt und der BVB leistet sich sogar den zweifelhaften Luxus, mit nur einem Außenverteidiger in die Saison zu gehen.

Der restliche Kader kann, außer vielleicht von Jens Lehmann, nicht ernsthaft kritisiert werden. In der Innenverteidigung gibt es mit Jerome Boateng, Daniel van Buyten und Jan Kirchhoff drei Stellvertreter. Schweinsteiger kann durch Martínez und Thiago ersetzt werden. Im offensiven Mittelfeld stehen mit Götze, Müller, Schweinsteiger, Shaqiri, Mandzukic und Pizarro sechs Hochkaräter parat. Bleibt der Sturm, hier wollen Götze, Mandzukic und Pizarro hinter Müller beachtet werden. Ich sehe eine Mannschaft mit außergewöhnlichen Fähigkeiten.

Spekulative Schwachstellen

Ein erneuter Alleingang der Bayern wäre für das Produkt Bundesliga nicht wünschenswert, deshalb werden fleißig Anhaltspunkte gesucht, womit die Ehe Bayern-Guardiola ins Straucheln geraten könnte. Die zu hohen taktischen Anforderungen werden da genannt. Oder unzufriedene Spieler würden, anders als unter Heynckes, Konflikte schüren. Guardiola müsse mit der schwierigen Medienlandschaft umgehen lernen. Und zuletzt müsse man nur abwarten, bis die personifizierten Bayern Hoeneß, Rummenigge und Beckenbauer Kritikpunkte fänden und sie laut aussprächen.

Ich halte das alles für sehr konstruiert. Wer kann es Guardiola verdenken, eigene Ideen in die Zusammensetzung der Mannschaft einzubringen? Die Vorbereitung offenbarte einige Abstimmungsprobleme, durch die individuelle Qualität der Mannschaft erreichten die Bayern trotzdem zwölf Siege in 13 Partien. Vergleiche mit Jürgen Klinsmann, der zu viel wollte und früh mit Hoeneß aneinander geriet, sind ebenfalls unzulässig. Guardiolas Vertrauensvorschuss ist wesentlich größer, in allen Bereichen.

Am ehesten kann ich in der Schar der Stars ohne Stammplatz Konfliktpotential erkennen, auch wenn Mandzukics verärgerter Torjubel gegen Sao Paulo nicht überbewertet werden sollte. Woche für Woche werden Spieler, die in anderen Clubs immer spielen würden, nicht mal im Kader stehen. Guardiola hat sich bisher jedoch als sehr kommunikativ gegenüber seinen Profis gezeigt und in Barcelona hatte er ähnliche Probleme zu lösen. Ich kann derzeit keine Rückkehr des FC Hollywood erkennen.

Was will der Verein erreichen?

Dass die Bayern schon vom Selbstverständnis her immer die deutsche Meisterschaft und den DFB-Pokal gewinnen wollen, ist keine Neuigkeit. Sammer hat die Zielsetzung des Vereins nun konkretisiert und dabei alle Bescheidenheit außen vor gelassen. „Wir wollen wieder das Triple in Angriff nehmen“, sagte Sammer in einem Interview mit der Sport-Bild. „Wir wollen schaffen, was noch niemand in Europa geschafft hat: die Champions League erfolgreich verteidigen. Dazu den europäischen Supercup und die Club-WM.“ Die Bayern peilen fünf Titel an, Guardiola soll seine Erfolgsstory aus Barcelona wiederholen.

Prognose

Sammer ist ein Anhänger der Leistungsgesellschaft. Er will das Maximum und sich dafür nicht verstecken. Das ist ok, aber auch gefährlich. Denn in der Champions League kann sehr viel passieren. Die Konkurrenten Manchester City, Manchester United, Real Madrid, FC Barcelona und FC Chelsea gehen allesamt mit neuen Trainern und teilweise erheblich verstärkten Kadern in die Saison – die Voraussetzungen ähneln sich. In der Bundesliga ist das anders. Der FC Bayern wird deutscher Meister, trotz Winterpause.

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