Das Effenberg-Experiment

Das Thema Stefan Effenberg erhitzt die Gemüter beim FC Schalke. Gesichert ist bisher nur die Erkenntnis, dass der 35-fache deutsche Nationalspieler ein Kandidat für den Trainerjob bei den Königsblauen in der nächsten Saison ist. Effenberg sammelte als Spieler bei Borussia Mönchengladbach, dem FC Bayern, AC Florenz und dem VfL Wolfsburg viel Erfahrung auf internationalem Parkett. Der Hamburger wurde dreimal Deutscher Meister, zweimal Pokalsieger und Champions League-Sieger.

Viele ehemalige Spieler sind der Meinung, Effenberg habe als „Profi alle Höhen und Tiefen des Fußballs durchlebt und kann sich entsprechend gut in die Spieler hineinversetzen“, so zum Beispiel Oliver Kahn in seinem Blog auf bild.de. Auch Günter Netzer sprach sich für das Effenberg-Experiment aus. „Viele sind durch ihren Mut belohnt worden, und warum nicht mit Effenberg anfangen?“, fragte Netzer laut TV-Sender Sky.

Vor allem der Boulevard betreibt derzeit viel Lobbyarbeit für den 44-jährigen Trainer-Novizen auf Schalke. Wohl auch, weil die Bild einen kurzen Draht zum Tiger hat und damit demnächst auch nach Schalke. Günter Netzer im selben Blatt: „Grundsätzlich begrüße ich es, dass man ehemalige Spieler wieder im Bundesliga-Geschäft sieht.“ Wir begrüßen erstmal nicht, sondern hinterfragen. Sind erfahrene Ex-Profis tatsächlich automatisch gute Trainer?

Wir haben die 18 deutschen Nationalspieler mit den meisten Länderspielen unter die Lupe genommen, sofern sie nach ihrer Spieler-Karriere als Trainer arbeiteten oder noch arbeiten.

Deutsche Rekordnationalspieler als Trainer

Deutsche Rekordnationalspieler als Trainer

Fazit – Nationalspieler

Von den 18 deutschen Nationalspielern und Trainern haben vier Übungsleiter Erfolge als Nationaltrainer erlangen können. Franz Beckenbauer (Weltmeister 1990 und Vizeweltmeister 1986) und Berti Vogts (Europameister 1996) konnten Titel gewinnen. Jürgen Klinsmann (WM-Dritter 2006) und Rudi Völler (Vizeweltmeister 2002) schnitten zumindest besser ab, als es ihnen und dem Team allgemein zugetraut wurde.

Auf Clubebene sieht die Bilanz der Rekordnationalspieler wesentlich düsterer aus. Von den 18 Trainern waren nur zwei in der Lage, Titel in einer der vier großen Ligen zu gewinnen. Franz Beckenbauer holte als Interimstrainer bei Bayern München einen Meistertitel (1994) und gewann den UEFA Cup (1996). Der jetzige Bayern-Sportvorstand Matthias Sammer wurde Deutscher Meister mit Borussia Dortmund (2002).

1715 Länderspiele und nur drei große Titel

Werfen wir einen weiteren Blick auf 1715 Länderspiele Erfahrung: Jürgen Klinsmann scheiterte bei seiner ersten Trainerstation auf Clubebene beim FC Bayern. Lothar Matthäus konnte noch keinen Erstligaclub in Spanien, England oder Italien davon überzeugen, dass er ein großer Trainer ist und schleunigst eingestellt werden müsse. Die Ergebnisse von Jürgen Kohlers ersten Trainerstationen fielen enttäuschend aus, er ist mittlerweile Sportdirektor.

Rudi Völler hat als Clubtrainer bei AS Rom nach nur fünf Spielen das Weite gesucht, er arbeitet ebenfalls als Sportdirektor. Guido Buchwald konnte seine Trainergröße bisher nur in Japan ausspielen, auch Buchwald ist Sportdirektor. Harald Schumacher wurde in der Halbzeitpause bei Fortuna Köln gefeuert, er ist mittlerweile Vizepräsident beim FC. Ulf Kirsten hat sich gerade vorerst aus dem Trainergeschäft zurückgezogen.

Andreas Brehme konnte bisher nicht an seine erfolgreiche Spielerkarriere anknüpfen und auch Pierre Littbarski kennt man als Trainer eher in Japan oder Luxemburg als in Mailand oder Madrid, er ist mittlerweile Scout. Die Liste macht deutlich, dass erfolgreiche Karrieren als Spieler nicht unbedingt in erfolgreiche Trainerkarrieren münden. Es gehört mehr dazu, ein guter Trainer zu sein, als einen großen Erfahrungsschatz als Profi gesammelt zu haben.

Viele Ex-Nationalspieler sind durch Vitamin B, ihren guten Namen und den Bekanntheitsgrad ins Traineramt gehievt worden. Viele dieser Karrieren verliefen semi-optimal bis enttäuschend. Wie aber sieht die Spitze des Eisberges aus? Wie sind die erfolgreichsten Trainer unserer Zeit ins Amt gekommen?

Die erfolgreichsten Trainer der letzten Jahre

Wir haben eine subjektive Auswahl der besten Trainer der letzten Jahre getroffen und ihre Personalakten durchstöbert. Zwei Fragen haben uns dabei besonders interessiert. A) Haben die aktuellen Top-Trainer Europas große Spielerkarrieren vorzuweisen und  B) mussten sie Erfolge bzw. Trainererfahrungen sammeln oder reichte die Einreichung des Spielerpasses als Befähigungszeugnis?

Die erfolgreichsten Trainer derzeit

A) Die Auswahl der acht derzeit erfolgreichsten Trainer bietet mit José Mourinho gleich ein gutes Beispiel für das Ausbleiben einer erfolgreichen Spielerkarriere. Der Sohn eines portugiesischen Fußballprofis scheiterte als Zweitligaspieler. Eine Reihe von Spielen in der zweiten Liga konnten dagegen Jürgen Klopp und Rafael Benítez sammeln, während Alex Ferguson es sogar bis zum Profi in der ersten schottischen Liga brachte.

Länderspiele absolvierten aber weder Ferguson noch Benítez und Klopp und schon gar nicht Mourinho. „The special one“ wird sogar nachgesagt, er habe aufgrund der ausbleibenden Spielerkarriere besonderen Ehrgeiz im Trainerjob entwickelt. Wir sind uns aber sicher, ausbleibender Erfolg als Spieler ist ebenso wenig ein Automatismus für besonderen Ehrgeiz im Trainerjob.

B) Sieben der acht ausgewählten Super-Trainer hatten zunächst die Lehrjahre vor den Herrenjahren zu meistern. Mourinho diente sich vom Zuarbeiter für seinen Vater bis zum Co-Trainer bei FC Barcelona hoch. Ancelotti war zunächst Co-Trainer der Nationalelf, ehe er die Chance bei Reggiana (zweite Liga) bekam. Alex Ferguson fing mit 32 Jahren bei East Stirlingshire (Zweite schottische Liga) für 40 Pfund pro Woche klein an, vollbrachte bei Aberdeen (Meister und Europapokalsieger) wahre Wunder, ehe er seine Trainer-Ära bei Manchester United begründete.

Rafael Benítez war zunächst Jugend- und Co-Trainer, schaffte gleich mit zwei Vereinen den Aufstieg in die Primera División, bis er mit Valencia zwei Meisterschaften und den UEFA-Pokal gewann. Ein anderer Zweitligaspieler machte ebenfalls durch einen Aufstieg auf sich aufmerksam. Jürgen Klopp sprang als Spielertrainer bei Mainz 05 ein, machte einen guten Job und durfte bleiben. Die Mainzer stiegen im dritten Anlauf auf und hielten sich zwei Jahre in der Bundesliga. 2007 stieg Mainz ab und der sofortige Wiederaufstieg misslang. Dortmund klopfte an und Jürgen Klopp baute dort mit viel Geduld und gutem Transfer-Händchen ein Spitzenteam auf.

Jupp Heynckes startete zunächst als Co-Trainer und wurde schließlich mit 34 Jahren der bis dahin jüngste Cheftrainer der Bundesliga. Er arbeitete erfolgreich, ohne in Gladbach Titel zu gewinnen. Seine Karriere nahm dann Fahrt auf und er durfte einige Höhen (FC Bayern, Real Madrid) und Tiefen (Frankfurt, Schalke) durchleben, ehe ihm nach dieser Saison die Heiligsprechung winkt.

Von Josef Heynckes zu Josep Guardiola, von Jupp zu Pep. Der ehemalige Spieler von Barca war schon in seinem Club verankert, bevor er eine Weltkarriere als Trainer startete. Er verhalf der B-Elf zum Aufstieg in die zweite spanische Liga und erhielt dann die Chance, seine gute Arbeit in der Primera División fortzusetzen. Anders verlief der Einstieg ins Trainergeschäft bei Roberto Mancini.

Mancini stieg 2001 direkt beim Erstligisten AC Florenz als Trainer ein. Er holte auch gleich im ersten Jahr den nationalen Pokal, nahm beim finanziell klammen Club aber schon im Januar 2002 seinen Hut – Florenz lag auf einem Abstiegsplatz und trat am Ende den Gang in die zweite Liga an.

Es zeigt sich also, dass in den meisten Fällen auch die ganz großen Trainer zunächst auf niedrigem Level oder als Co-Trainer beweisen mussten, dass sie ihr Handwerk beherrschen. Eine große Spielerkarriere ist keine Voraussetzung für erfolgreiche Arbeit, wohl aber auch kein Nachteil und mit Sicherheit ein Türöffner bei der Jobsuche. Es bleibt aber eine Seltenheit, dass verdiente Spielerpersönlichkeiten ihr Debüt auf höchstem Level geben. Wir haben einige dieser seltenen Fälle zusammengestellt.

Newcomer im Trainerjob

Alan Shearer wollte seinen Herzensclub 2009 vor dem Abstieg retten. Er holte nur fünf von 24 möglichen Punkten und Newcastle United stieg ab. Shearer ist nun TV-Kommentator der BBC. Auch Kevin Keegan stieg, ohne sich die Zeit als Co-Trainer um die Ohren geschlagen zu haben, bei Newcastle ein. Allerdings waren die Magpies damals in Liga zwei vom Abstieg bedroht. Keegan erreichte den Klassenerhalt, dann den Aufstieg und führte Newcastle zurück ins internationale Geschäft.

Seine erfolgreiche Zeit bei Newcastle konnte Keegan bei seinen weiteren Stationen nicht bestätigen. Er war als Nationaltrainer ebenso erfolglos wie als Trainer bei Man City. Ruud Gullit legte einen Traumstart als Spielertrainer beim FC Chelsea hin. Er holte gleich in der ersten Saison den FA Cup an die Stamford Bridge. Danach tat sich Gullit, der nahtlos ins Traineramt geschmissen wurde, schwer. Sein Erfolg nahm rapide ab.

Marco van Basten hatte zwar tatsächlich als Assistent von John van ‚t Schip die zweite Mannschaft von Ajax trainiert, doch nach nur wenigen Monaten wurde er zum Bondscoach erhoben, mit John van ‚t Schip als Assistent. Auch diese Karriere eines Trainers fast ohne Lehrjahre ist bisher weitestgehend erfolglos verlaufen.

Leonardo arbeitete nach einer Zeit als Scout und Sportdirektor als Trainer bei der AC Mailand, wo er aber nur den dritten Platz in der Liga holen konnte. Auch bei Inter war man nicht mit ihm zufrieden, obwohl er sich mit dem Pokalsieg verabschieden konnte. Leonardo ist nun Sportdirektor in Paris.

Fazit

Zugegeben, unsere Beispiele für Debütanten im Trainerjob auf hohem Niveau hinken an der einen oder anderen Stelle. Das zeigt aber, wie selten es ist, dass jemand ohne Stallgeruch, Trainer-, Sportdirektor- oder Scout-Erfahrung in eine so wichtige Position wie die des Trainers gehievt wird. Die Bild-Zeitung stört das nicht. Sie zitierte den nächsten Fachmann vor das Mikrofon. DFB-Chef-Ausbilder Frank Wormuth lobte Effenberg. „Er kann ein Match lesen, hat ja schon als Spieler wie ein Trainer gedacht. Das sieht man jetzt an seinen TV-Analysen – taktisch erkennt er alles!“

Mal abgesehen davon, dass Effenberg als Co-Kommentator unserer Meinung nach bisher nur wenig taktisch Erhellendes von sich gab, ist es eine ganz andere Frage, ob Effenberg Taktik auch vermitteln kann. Eher als für den taktischen Ansatz steht Stefan Effenberg wohl für eine Art Siegermentalität. „Gute Trainer könnten eine Siegermentalität in ihre Spieler einimpfen“, so verriet Effenberg seine Sicht auf das Trainergeschäft einst im Interview mit focus.de. Selbst in dieser Disziplin wissen wir mangels Arbeitsproben nicht, ob Effenberg einer Mannschaft diese Mentalität vermitteln kann.

Effenberg einzustellen, ist ein hohes Risiko, welches durch die Mitarbeit von Heynckes-Co-Trainer Peter Hermann allerdings etwas gemindert werden könnte. Für den Tiger wäre es eine Probezeit als Fußballtrainer auf allerhöchstem Niveau und unter Wettkampfbedingungen. Schalke 04 zeichnete schon für viele seltsame Trainerentscheidungen und verrückte Dinge in der 109-jährigen Vereinsgeschichte verantwortlich. Eines ist sicher, der Sonnenkönig Günter Eichberg hätte Stefan Effenberg sofort eingestellt, Gegen den Ball rät von solchen Experimenten allerdings ab.

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One comment

  1. Ping: Versuchskaninchen Schalke 04 › Gegen den Ball

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