Atlético de Madrid – Barcelona: Das ist nicht mehr das Barcelona, das ich kenne. Und das ist auch gut so.

ATLBarca4_442 (3)Atlético de Madrid – Barcelona 2:3

Kurz vor Schluss des Viertelfinal-Rückspiels im Copa del Rey demonstrierten die Fans von Atlético deutlich, wenn auch ungewollt, wie relativ schlecht es in dieser Saison um ihre Mannschaft steht. „Campeones, Campeones“, hallte es durchs Estadio Vicente Calderón. Die Anhänger der Colchoneros nahmen Bezug auf den Meistertitel, den sie Barcelona 2014 abgenommen hatten. Bei den ganzen Vergleichen, die damals zwischen Atlético und dem großen Lokalrivalen Real Madrid gezogen wurden, ging fast etwas unter, welche Mannschaft wirklich nicht mit der kompakten und giftigen Spielweise der Mannschaft von Diego Simeone klar gekommen war: Barcelona. Sechs Pflichtspiele bestritten die beiden Kontrahenten in der Spielzeit gegeneinander – und kein einziges davon konnte Barcelona gewinnen.

In der laufenden Saison ist das ganz anders. Dreimal trafen beide Mannschaften jetzt innerhalb weniger Wochen aufeinander, dreimal siegten die Katalanen. Insofern war die Tatsache, dass die Fans lieber an die Vergangenheit dachten, eines der schönsten Komplimente, das man Luis Enrique machen konnte. Wie sehr der neue Trainer die Spielweise der Blaugrana verändert hat, beziehungsweise wie flexibel die Mannschaft jetzt erscheint, ließ sich daran ersehen, dass die Gäste Atlético mit deren eigenen Waffen besiegten. Zwei Kontertore und ein Treffer nach einem Eckstoß reichten Barcelona zum Halbfinaleinzug.

Diego Simone hatte gegenüber dem Wochenende und dem 3:1 gegen Rayo Vallecano drei Änderungen an seiner Startelf vorgenommen: Jan Oblak spielte wie im Pokal üblich an Stelle von Miguel Ángel Moyà im Tor, Raúl García ersetzte Tiago und Fernando Torres erhielt im Sturm den Vorzug vor Mario Mandzukic. Luis Enrique hatte in der Liga beim 6:0-Sieg in Elche einige Stars geschont und brachte nun wieder seine beste Elf auf den Rasen mit Luis Suárez, Daniel Alves, Sergio Busquets, Andrés Iniesta und Ivan Rakitic an Stelle von Pedro, Xavi, Rafinha, Marc Bartra und Martín Montoya. Im Tor spielte auch hier der Pokalkeeper, also Marc-André ter Stegen statt Raúl Bravo.

Die erste Hälfte des Spiels gehörte nicht nur zum Besten, was man in dieser Saison im spanischen Fußball gesehen hat, sie war auch das fast direkte Gegenteil des Hinspiels, in dem eine sehr kompakte und defensive Atlético-Elf kein Gegentor aus dem Spiel heraus zugelasssen hatte, Torchancen generell rar gesät waren. Hatte es da noch 85 Minuten gedauert, bis Lionel Messi wenigstens vom Elfmeterpunkt aus getroffen hatte, so waren diesmal noch nicht einmal 60 Sekunden gespielt, bevor es 1:0 für die Gastgeber stand. Ein langer, unpräziser Diagonalball von Javier Mascherano erreichte nicht seinen Adressaten Messi, weil der Argentinier dem Ball nicht entgegenging. So konnte Guilherme Siqueira dazwischensprinten und den Ball direkt nach vorne auf Torres bringen. Der verlud Mascherano mit einem schönen Trick und erzielte das Tor, das Atléticos Zwang, das Spiel zu machen, eigentlich schon aufhob.

Besser hätte Cholo Simeone sich den Auftakt wirklich nicht ausmalen können, denn grundsätzlich hätte nun nichts dagegengesprochen, sich auf die eigenen Stärken zu besinnen und Barcelona kommen zu lassen. Stattdessen ließ sich Atlético in einen offenen Schlagabtausch hineinziehen. In einem fast britisch anmutenden, extrem direkten und vertikalen Spiel konterte Barcelona so, wie man es traditionell eher von den beiden Madrider Mannschaften erwarten würde. Zwei solcher Konter entschieden letztlich das Spiel für die Gäste. Beim 1:1 nach nur neun Minuten presste Atlético aggressiv auf dem linken Flügel. Barcelona konnte sich befreien, Messi tanzte Mario Suárez aus, bediente Luis Suárez, und der passte mit dem Außenrist in den Lauf von Neymar, dessen Abschluss aus spitzem Winkel den Ausgleich bedeutete.

Nimmt man eine weitere Eins-gegen-eins-Situation nach einem Abschlag von Ter Stegen auf Neymar hinzu, die (vielleicht zu Unrecht) wegen Abseits abgepfiffen wurde, sowie das Tor zum 2:3, als Jordi Alba von Griezmann angeschossen wurde, dann aber sofort in den Kontermodus umschaltete, während in Villarriba noch Handspiel reklamiert wurde, und dann Neymar das dritte Tor auflegte, so muss man festhalten, dass das defensive Umschalten Atlético zum Verhängnis wurde. Das erinnerte statt ans Hinspiel eher ans Ligaspiel, in dem Michael Cox beobachtet hatte, dass Barcelona so direkt spielte, dass Atléticos Organisation gegen den Ball gar nicht zum Tragen kommen konnte. Stattdessen hatte Atlético nach einer halben Stunde mehr als 55 Prozent Ballbesitz – das konnte nicht gut gehen.

Richtig gelaufen war das Spiel fast schon durch das 2:3, nun brauchte Atléti noch drei Tore zum Weiterkommen. Aber als Kapitän Gabi in der Halbzeitpause Rot sah, weil er sich beim unsicheren, aber nicht einseitig leitenden Schiedsrichter Jesús Gil Manzano über den nicht gegebenen Handelfmeter nach Albas Block beschwert hatte, war es undenkbar geworden, dass zehn Colchoneros dieses Spiel noch drehen könnten. Bizarrerweise sah Arda Turan nicht Rot, als er seinen Schuh nach dem Assistenten an der Linie warf. Dennoch beendete Atlético das Spiel zu neunt, nachdem Mario Suárez in der Schlussphase eine überfällige Ampelkarte gesehen hatte. Sportlich war die zweite Hälfte fast schon irrelevant. Mit Ausnahme eines guten Schusses des eingewechselten Cani, den Ter Stegen parierte, kam Atlético nicht einmal in die Nähe eines Torerfolges.

So zieht Barcelona ins Halbfinale des Copa del Rey ein, in dem Real Madrid, Atlético und Valencia schon nicht mehr vertreten sind, und Sevilla nach dem Hinspiel ebenfalls vor dem Aus steht. Beste Chancen für den ersten Titel für die Blaugrana seit 2013. So gut, wie diese Mannschaft sich auf Gegner einstellen kann, muss es nicht der einzige in diesem Jahr bleiben.

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