Das wahre Los: Spiele statt Brot

Wer am 15. Juni kommenden Jahres zum ersten von insgesamt sieben WM-Spielen in die Hauptstadt Brasilia reisen möchte, sollte Geduld mitbringen. Nach der Privatisierung des internationalen Flughafens wurde das Bodenpersonal massiv gekürzt, was in den vergangenen Monaten immer wieder zu Chaos führte. Augenzeugen berichten von genervten Fluggästen, von Problemen bei der Abfertigung, von langen Warteschlangen an den Gepäckbändern, wo dann die falschen oder gar keine Koffer ankommen.

Verärgerte Touristen klingen zunächst nach ähnlich dringlichen Problemen wie eine drohende „Todesgruppe“ für die deutsche Nationalmannschaft oder die Verärgerung anderer WM-Teilnehmer angesichts der Festlegung der Lostöpfe für die Auslosung der acht WM-Gruppen. Und doch nähern wir uns über die Flughafen-Anekdote der Kernfrage dieses Artikels: Den vielen Verfehlungen nach der Übertragung der WM 2014 an ein Schwellenland wie Brasilien im Speziellen und der zweifelhaften Vergabe von Sportgroßveranstaltungen durch Verbände wie FIFA, UEFA und IOC im Allgemeinen.

FIFA und IOC: Image-Probleme, na und?

Seit FIFA-Präsident Joseph Blatter im Jahr 2007 die kommende Weltmeisterschaft quasi per Handstreich – durch das neu eingeführte kontinentale Rotationsprinzip hatte Brasilien keinen Gegenkandidaten – an seine Buddies Joao Havelange und Ricardo Teixeira vergeben hat, hat sich in der internationalen Sportpolitik und vor allem in ihrer öffentlichen Wahrnehmung einiges verändert, wie diese kleine Auswahl an Ereignissen zeigt:

  • Nicht erst seit den Demonstrationen beim Confed Cup in Brasilien im vergangenen Sommer will die Öffentlichkeit Erklärungen für die immense Kostenexplosion. Ein Beispiel: Die WM 2010 brachte Südafrika einen Schuldenberg von 2,2 Milliarden Euro ein, während die FIFA gleichzeitig einen Gewinn von 2,4 Milliarden Euro einstrich.
  • Havelange musste im Zuge der ISL-Schmiergeldaffäre als Ehrenpräsident der FIFA zurücktreten.
  • Dessen Schwiegersohn Teixeira war nicht nur in die ISL-, sondern in diverse andere Korruptionsaffären verwickelt und hat, zumindest offiziell, nichts mehr im brasilianischen Fußball zu sagen.
  • Beim Thema Korruption fällt dem geneigten Sportbeobachter sofort die WM-Vergabe an Russland und Katar ein, als beispielsweise der Sohn von UEFA-Präsident Michel Platini nach der „Wahl“ plötzlich einen Job in der Chefetage bei Qatar Sports Investment (QSI) innehatte. Einzig die Beweisführung – Blatter hat sich nicht umsonst den Beinamen „Teflon-Sepp“ erarbeitet – ist aufgrund der schützenden Schweizer Hand (IOC und FIFA unterliegen als Vereine in der Schweiz nicht der normalen Gerichtsbarkeit) schwierig.
  • Als erste Konsequenz wird der Weltverband die kommenden Weltmeisterschaften durch den FIFA-Kongress und nicht durch die wesentlich kleinere Exekutive bestimmen lassen. Dadurch soll weiteren Korruptionsfällen vorgebeugt werden.
  • Vorsichtiger Vorreiter in dieser Frage ist das Internationale Olympische Komitee (IOC), das immerhin die Vergabeprozesse seiner Spiele nach dem Korruptionsskandal um die Winterspiele in Salt Lake City transparenter gemacht hat. Was allerdings nichts an den hohen Kosten und Auflagen sowie der Gewinnmaximierung geändert hat. Und mit Wirtschaftslobbyist Thomas Bach an der Spitze dürfte es nicht besser werden.

Diese und andere Beispiele haben zumindest in Westeuropa zu einem Umdenken geführt. In den vergangenen Monaten kam es im Vorfeld möglicher Olympia-Kandidaturen zu drei negativen Bürgerentscheiden. Das Votum in München zu den Winterspielen 2022 ist noch sehr präsent, aber auch in Graubünden (2022) und Wien (2028) sagten die Bürger Nein zu Olympia. Jörg Schild, Chef der Swiss Olympic Association, meint den Grund für das negative Votum in Graubünden zu kennen: „Das Image des IOC ist nicht das beste. Der Sport ist in Verruf geraten. Seine Glaubwürdigkeit hat enorm gelitten.“ Die Olympischen Spiele stecken bereits in einer Glaubwürdigkeitskrise, der gleiche Weg für den Fußball ist schwer aufzuhalten.

Der Gigantismus lebt

Brasilien ist im doppelten Sinne betroffen, denn zwei Jahre nach der Weltmeisterschaft finden in Rio de Janeiro die Olympischen Sommerspiele statt. Die seit dem Confed Cup regelmäßig stattfindenden Demonstrationen richten sich auf den ersten Blick natürlich gegen beide Veranstaltungen, auch wenn sich die fußballverrückte Bevölkerung weiterhin sehr auf die WM freut und die Selecao zum sechsten Titel jubeln will.

Die Begleitumstände haben in Brasilien jedoch sehr viel Wut aufsteigen lassen. Was als Protest gegen erhöhte Preise im öffentlichen Nahverkehr begann, entwickelte sich zu einem Flächenbrand, der im kommenden Sommer wieder aufflammen kann. Neben Korruption prangerten Hunderttausende Demonstranten Folgendes an:

  • Privatisierung öffentlichen Raums: Der Flughafen in Brasilia ist nur eines von vielen Beispielen. Der Staat veräußert öffentliches Eigentum, obwohl den Bewohnern laut Gesetz ein „Recht auf eine nachhaltige Stadt“ zusteht.
  • Kostenexplosion: Schätzungen zufolge belaufen sich die Kosten für die WM 2014 mittlerweile auf umgerechnet 12 Milliarden Euro. Den größten Teil übernimmt der Staat, obwohl im Zuge der Bewerbung noch von zahlreichen Privatinvestoren die Rede war.
  • FIFA-Auflagen: Zu einer WM-Bewerbung gehört der obligatorische Eingriff des Weltverbandes in die Souveränität des Gastgeberlandes. Die FIFA legt den (überteuerten) Standard der Stadien fest, schützt mit einem WM-Gesetz die Interessen der Sponsoren und lässt Bauvorhaben ohne öffentliche Ausschreibung vergeben. Zudem errichtet die FIFA rund um die Stadien eine Bannmeile, in der fliegende Händler keine Geschäfte machen dürfen.
  • Bildungs- und Gesundheitswesen: Er bereut den Satz mittlerweile, indem er Verständnis für die Demonstranten zeigt. Aber der ehemalige Weltfußballer Ronaldo ist ein gefallener Held. „Man kann keine Weltmeisterschaft mit einem Krankenhaus machen“, sagte Ronaldo vor einigen Monaten und wollte den Bau der Stadien rechtfertigen. Allerdings traf er den Nerv der Bevölkerung, denn das investierte WM-Geld fehlt im brachliegenden Bildungs- und Gesundheitswesen ganz besonders.
  • White Elephants: Aufgrund der verwurzelten Fußball-Kultur in Brasilien wird es nicht so schlimm wie in Südafrika, wo beispielsweise die Stadien in Durban, Kapstadt oder Nelspruit zu sogenannten Weißen Elefanten wurden – teure und meist ungenutzte Ruinen. In Brasilien droht dieses Schicksal den Arenen in Cuiabá (Baukosten: 250 Millionen Euro), Manaus (Baukosten: 192 Millionen Euro) oder Brasilia (Baukosten: 400 Millionen Euro) jedoch auch.
  • Gentrifizierung: Die Städte werden modernisiert, in allen WM-Austragungsorten steigen die Mietpreise und damit ändert sich zwangsläufig auch die Zusammensetzung einzelner Stadtteile.

Wenn Menschenrechte mit Füßen getreten werden

Dass Sepp Blatter zu vielen Dingen eine ganz eigene Sichtweise hat, dürfte mittlerweile nicht mehr überraschen. Als der FIFA-Chef auf die Proteste in Brasilien angesprochen wurde, stellte er das mal wieder unter Beweis: „Brasilien wollte die Weltmeisterschaft von sich aus austragen“, sagte Blatter am Rande des Confed Cups. „Wir haben sie nicht gezwungen.“

Populismus ist ein beliebtes Werkzeug, um von eigenen Verfehlungen abzulenken – die gigantischen Auflagen kommen nun mal von der FIFA. Und beim Kollegen Jens Weinreich ist wunderbar nachzulesen, wie die Weltmeisterschaft im Korruptionssog tatsächlich nach Brasilien gelangt ist.

Was jedoch noch schwerer wiegt als der von oben gesteuerte Gigantismus ist die unzählige Verletzung von Menschenrechten in Brasilien, aber vor allem auch in Russland und Katar. Im russischen Sotschi finden in wenigen Wochen die Olympischen Winterspiele statt, 2018 folgt die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland. Und die WM 2022 in Katar ist jedem Fußball-Fan aufgrund der Diskussion über den Austragungszeitraum ein Begriff.

Auch wenn Franz Beckenbauer bei seinen Besuchen in Katar „keinen einzigen Sklaven gesehen“ haben will, so steht mittlerweile zweifelsfrei fest, dass die Arbeitsbedingungen in dem Emirat eine dauerhafte Verletzung von Menschenrechten darstellt. Eine Studie von Amnesty International stellt in Katar ein „alarmierendes Ausmaß an Ausbeutung bis hin zu Zwangsarbeit“ fest. Die überwiegend aus Asien stammenden Arbeiter müssen in extremer Hitze ohne ausreichenden Schutz arbeiten, bekommen häufig keinen Lohn und können weder kündigen noch ausreisen.

Das liegt an dem in Golfstaaten üblichen Kafala-System, in dem Bürgen die Verantwortung für die Arbeiter übernehmen und die einbehaltenen Pässe erst bei Vertragsende wieder aushändigen. Prominentester Fall war der des französischen Fußballprofis Zahir Belounis, der Katar erst nach über zwei Jahre ohne Gehalt vor wenigen Tagen verlassen konnte. Nicht weniger bedenklich ist in Katar der Umgang mit der Pressefreiheit, mit Frauenrechten oder Homosexuellen.

Bei diesem Stichwort landen wir schnell in Russland, wo Präsident Wladimir Putin ein Gesetz gegen „Homosexuellen-Propaganda“ unterschrieben hat und Sportler wie Zuschauer unter seltsamer Beobachtung stehen werden. Putin hat mittlerweile klargestellt, „dass sich Athleten, Fans und Gäste bei den Olympischen Spielen wohlfühlen, unabhängig von ihrer ethnischen Herkunft, der Rasse oder der sexuellen Ausrichtung“ – Homophobie ist im undemokratischen Russland gesellschaftlich jedoch tief verwurzelt.

Ein Brückenschlag zurück nach Brasilien fällt nur auf den ersten Blick schwer, denn WM und Olympia werden dort auf dem Rücken der ganz Armen ausgetragen. Die Veränderungen in der Infrastruktur des Landes brauchte vor allem eines: Platz. Der war nicht überall vorhanden und so kam und kommt es in den Favelas im Zuge der Großveranstaltungen zu insgesamt 250.000 Zwangsumsiedlungen, teilweise ohne jegliche Vorankündigung oder mit einem Umzug in über 50 km entfernte Gebiete.

Boykott ist keine Lösung

In Brasilien werden bei der Frage nach Konsequenzen vereinzelt Stimmen hörbar, die einen Boykott fordern. Wenn es um Katar geht, sind diese Stimmen sogar in größerer Lautstärke zu vernehmen. Ich persönlich halte von diesen Forderungen nichts, aufgrund von fehlender Einigkeit im Weltsport und dem damit ausbleibenden Effekt. Ich halte es mit Wolfgang Büttner von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch: „Wir sprechen uns grundsätzlich nicht für den Boykott von Sportveranstaltungen aus, denn das träfe vor allem die Sportler, die jahrelang auf den Wettbewerb hinarbeiten.“

Trotzdem gibt es verschiedene Interessengruppen, die Einfluss ausüben können:

  1. Sportler sollten sich zusammentun, um sich gemeinsam dem Druck der Verbände zu entziehen. Beispielsweise droht das IOC bei Olympia mit Ausschluss, wenn sich Sportler in politischen Fragen engagieren. Das IOC beruft sich auf Paragraf 50 der Olympischen Charta. Der besagt, dass jede Demonstration „politischer, religiöser oder rassenbezogener Propaganda an den olympischen Stätten, Austragungsorten oder anderen Bereichen“ untersagt ist.
  2. Eingegliederte Verbände wie der DFB oder die englische Football Association (FA) müssen ihren Einfluss geltend machen statt Lippenbekenntnisse abzugeben.
  3. Wir Sportjournalisten müssen häufiger unserer Pflicht nachkommen, kritisch zu berichten und nicht mehr dem Reflex nachgeben, sich mit einer Sache, sprich dem Wettbewerb, dem Verein oder dem Verband, gemein zu machen.
  4. Und in demokratischen Ländern sollte die Bevölkerung weiter vom Demonstrationsrecht Gebrauch machen.

WM 2026 in Tschetschenien?

Die große Verantwortung kann allerdings nur bei den Mächtigen in den großen Verbänden liegen. Ob die Proteste in Brasilien, der internationale Gegenwind in Katar oder die negativen Bürgerentscheide in Deutschland, Österreich und der Schweiz für ein Umdenken bei FIFA und IOC sorgen werden, wird letztlich erst die Zukunft zeigen. Aber nur so kann der Lösungsansatz lauten: Die großen Sportverbände müssen in die Pflicht genommen werden.

Denn wenn sich das IOC, oder auch die FIFA als IOC-Mitglied, an die Richtlinien der eigenen Charta halten würde, wären Olympische Spiele oder Weltmeisterschaften in China, Russland oder Katar ausgeschlossen. Allerdings heißen die Verantwortlichen auch in den nächsten Jahren Blatter, Bach und Platini. Stellen wir uns also lieber auf Turniere in Nordkorea, Tschetschenien und Saudi Arabien ein.

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One comment

  1. Ping: Protestwelle in Brasilien: Blatters Planet › Gegen den Ball

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