Der doppelte Rodríguez

Weltmeister Deutschland stellt mit sechs Spielern das größte Kontingent in der Top-Elf nach Noten von Gegen den Ball. Wenn Sie wissen wollen, welches Sextett es geschafft hat, wer den ältesten Feldspieler der WM knapp verdrängen konnte und wieso es auch ein Schweizer geschafft hat, dann sind Sie hier richtig.

Wir haben uns für das Weltmeister-System 4-3-3 entschieden, einzige Voraussetzung für die Aufnahme in die Top-Elf sind mindestens drei benotete Spiele. Los geht’s:

Tor: Manuel Neuer (GdB-Note: 6,785)

Die WM 2014 war auch das Turnier der dominanten Torhüter – wenn man das unglückliche Auftreten von Iker Casillas im spanischen Tor mal ausklammert. Mexikos Guillermo Ochoa brachte beim 0:0 gegen Brasilien den Gastgeber erstmals zur Verzweiflung. Der Chilene Claudio Bravo dirigierte eine der stärksten Abwehrreihen der WM. Keylor Navas (Costa Rica) wurde seinem Ruf als bester Torhüter der spanischen Liga gerecht. Und Tim Howard (USA) zeigte gegen Belgien im Achtelfinale die womöglich beste Torwartleistung des Turniers – nach alten Torwart-Kriterien. Weil Manuel Neuer mit seinen fußballerischen Qualitäten, seinem Auge für Spielsituationen und seiner starken Spieleröffnung aber der kompletteste Torhüter des Turniers war, wurde er zu Recht mit dem Goldenen Handschuh der FIFA ausgezeichnet und steht in der WM-Elf von Gegen den Ball. Im Finale gegen Argentinien kam kein einziger Schuss auf sein Tor, trotzdem war er einer der bestimmenden Akteure im deutschen Spiel. Das schaffen nicht viele Torhüter.

Rechtsverteidiger: Philipp Lahm (GdB-Note: 6,875)

Erbsenzähler könnten einwenden, der Kapitän der Weltmeistermannschaft hätte in vier von sieben WM-Spielen im Mittelfeld begonnen und somit in der Abwehr nichts zu suchen. Tatsächlich wechselte Lahm erst nach 70 Minuten im Achtelfinale gegen Algerien auf den Posten des Rechtsverteidigers und hatte somit eine fast exakt zweigeteilte WM – wir werten die K.O.-Spiele aber als wichtiger. Im Mittelfeld hätte es für Lahm dann auch knapp nicht gereicht, was an der größeren Konkurrenz liegt. Als Rechtsverteidiger gehört Lahm weiterhin zu den Besten der Welt. Zudem widerlegte er seinen Bundestrainer, der offensiven Außenverteidigern wegen der klimatischen Verhältnisse in Brasilien zunächst die Daseinsberechtigung abgesprochen hatte.

Innenverteidiger: Jérôme Boateng (GdB-Note: 6,643)

Mit seiner starken Leistung im Finale katapultierte sich Jérôme Boateng auf den letzten Drücker vorbei an Oldie Mario Yepes (38) in die Innenverteidigung der WM-Elf. Wie gern hätten wir über den Alten Mann und das Mehr an überraschender Leistung geschrieben, aber Noten lügen nicht. Dabei begann das Turnier für Boateng auf der ungeliebten rechten Seite, wo er laut eigener Aussage gar nicht mehr spielen will. Boateng fügte sich aber klaglos, überzeugte im Zentrum als Hummels-Vertreter gegen Ghana und Algerien und verdrängte gegen Frankreich und für den Rest des Turniers Per Mertesacker aus der Innenverteidigung. Boateng eilt immer noch der Ruf voraus, er könne sich nicht über 90 Minuten konzentrieren und leiste sich zu viele Flüchtigkeitsfehler. Diesen Schlendrian hat er bereits beim FC Bayern abgelegt, seine Kritiker dürften nach dem überragenden Finale gegen Argentinien verstummen.

Innenverteidiger: Mats Hummels (GdB-Note: 6,667)

Die Beziehung zwischen Mats Hummels und der Nationalmannschaft war lange Zeit eher eine Zweckgemeinschaft denn eine Liebeshochzeit. Hummels zählte in der Bundesliga schon seit Jahren zu den besten Innenverteidigern, aber unter Joachim Löw musste der Dortmunder sein Spiel so radikal umstellen, dass die Zeit bei den kurzen Länderspiel-Treffen zur Umgewöhnung nicht reichte. Im Mai galt Hummels nicht als sicherer Stammspieler, aber begünstigt durch eine gute Vorbereitung und die Idee des Bundestrainers mit der Vierer-Innenverteidiger-Kette stand er im ersten Gruppenspiel gegen Portugal in der Startelf. Dort erzielte Hummels das wichtige 1:0 und getragen von der Welle der Begeisterung brachte er seine Qualitäten (Stellungsspiel, Zweikampfstärke, Kopfballduelle, Aufbauspiel) konstant ein und avancierte zum besten Innenverteidiger der Weltmeisterschaft.

Linksverteidiger: Ricardo Rodríguez (GdB-Note: 6,375)

Für die Schweizer Nationalmannschaft war die Weltmeisterschaft ein einziges Auf und Ab. Es ging los mit einem hart umkämpften 2:1-Sieg gegen Ecuador. Im zweiten Gruppenspiel setzte es gegen Frankreich eine empfindliche 2:5-Pleite. Das Team von Trainer Ottmar Hitzfeld hielt dem Druck aber stand und zog dank eines Hattricks von Xherdan Shaqiri gegen Honduras ins Achtelfinale ein. Und dort schnupperte die Schweiz gegen Argentinien lange an der Sensation, bis Ángel di María in der 118. Minute alle Träume zerstörte. Eine der wenigen Konstanten im Schweizer Spiel war der Wolfsburger Ricardo Rodríguez, der auf seiner linken Seite defensiv meist sicher stand (tragischerweise rückte der Linksverteidiger bei di Marías Tor zu früh ein) und immer wieder erfolgreiche Flankenläufe startete. So überrascht es auch nicht, dass Rodríguez in der Marktwertentwicklung bei transfermarkt.de zu den Gewinnern zählt. Er wird bei einem Marktwert von 28 Millionen Euro taxiert, den VfL Wolfsburg könnte in den kommenden Wochen das eine oder andere Angebot eines Topclubs erreichen. Erste Gerüchte werden in der Küche von Manchester United gekocht.

Mittelfeld: Bastian Schweinsteiger (GdB-Note: 6,916)

Am Ende wurde Bundestrainer Löw auch für seine Risikobereitschaft belohnt. Eigentlich hatte er stets betont, nur fitte und gesunde Spieler mitzunehmen. Als sich dann Lahm und Neuer im DFB-Pokalfinale verletzten, wuchs die Liste der Spieler mit Fitness-Fragezeichen auf fünf an. Denn auch Sami Khedira, Miroslav Klose und Bastian Schweinsteiger gingen nicht im Vollbesitz ihrer Kräfte in die Vorbereitung. Bei Khedira und Schweinsteiger entschied sich Löw für Teilzeitjobs, die sie im Laufe des Turniers in Bestform brachten. Schweinsteiger war sowohl gegen Brasilien als auch im Finale gegen Argentinien dann der absolute Chef auf dem Platz. Er forderte die Bälle, war mit enormem Laufpensum immer anspielbereit und verteilte das Leder passsicher. In der WM-Elf von Gegen den Ball besetzt Schweinsteiger damit den Platz im defensiven Mittelfeld.

Mittelfeld: Toni Kroos (GdB-Note: 6,857)

Der Noch-Münchner Toni Kroos wird leicht unterschätzt. Außerhalb des Platzes ist er kein Lautsprecher und auf dem Rasen macht er nur selten die richtig spektakulären Dinge. Vielmehr ist er ein unaufgeregter Strippenzieher, der seine Nebenleute mit Passgenauigkeit und Übersicht glänzen lässt. Während der WM rückte Kroos dann aber immer deutlicher in den Fokus der Öffentlichkeit. Kroos stand beim Bundestrainer nie zur Debatte, auch als Khedira und Schweinsteiger in die Startelf drängten. Seine Leistung beim historischen 7:1-Erfolg im Halbfinale gegen Brasilien war für einen Mittelfeldspieler nahe der Perfektion, als Lohn gab es im GdB-Notensystem erstmals die Bestnote 10. Kroos ist ein Mann für die Geschichtsbücher. Denn der Champions League-Sieger und dreifache deutsche Meister ist auch der erste Weltmeister aus dem Osten Deutschlands. In den kommenden Tagen wird Kroos seinen Abschied vom FC Bayern bekanntgeben und zu Real Madrid wechseln. Kein schlechter Club, um das nächste Kapitel im Kroos-Geschichtsbuch zu schreiben.

Mittelfeld: James Rodríguez (GdB-Note: 7,7)

In WM-Rückblicken wird diese Szene einen festen Platz haben: Kolumbien hatte gerade das Viertelfinale gegen Brasilien 1:2 verloren, James Rodríguez weinte auf dem Platz Tränen der Enttäuschung. Gegenspieler David Luiz tröstete Rodríguez und forderte das Publikum in Fortaleza auf, Beifall für den späteren Torschützenkönig dieser WM zu spenden. Luiz wusste noch nicht, dass er wenige Tage später selbst Trost brauchen würde, aber in diesem Moment würdigte er eine Leistung, die so kein Experte vorausgeahnt hatte. Kolumbien musste ohne Stürmerstar Radamel Falcao auskommen, mit Rodríguez füllte ein Spieler die Rolle des Torjägers aus, der eigentlich für die Vorlagen zuständig sein sollte. Da er diesen Job mit zwei Vorlagen und drei Vorassists gleich mit erledigte (11 GdB-Punkte), avancierte der 23-Jährige auch noch zum notenbesten Spieler der WM.

Sturm: Lionel Messi (GdB-Note: 7)

Mit leerem Blick marschierte Lionel Messi nach dem verlorenen WM-Finale die Treppen des legendären Maracana nach oben. Der vierfache Weltfußballer wollte weg, raus aus dem Stadion, keine tröstenden Blicke – stattdessen musste er sich den Goldenen Ball abholen. Es gibt schlechtere Trostpflaster, aber Messi wollte eigentlich endgültig in die Fußstapfen Diego Maradonas treten, der 1986 den WM-Pokal in die Höhe strecken durfte. Was bleibt, ist Messis Wahl zum besten Spieler der Weltmeisterschaft, die kontrovers diskutiert wurde und wird. Aber welcher Spieler hätte es mehr verdient? In der deutschen Mannschaft gab es nicht den einen dominanten Spieler, der stark genug aus dem Kollektiv herausragte. Torschützenkönig James Rodríguez schied mit Kolumbien zu früh aus. Neymar machte ebenfalls nur fünf Spiele. Bleibt noch Arjen Robben, aber die Auszeichnung für Messi ist sicherlich kein Skandal. Denn auch wenn er sein Spiel aufgrund konditioneller Defizite und der defensiven Taktik seiner Mannschaft umstellen musste, blieb er mit seiner Schnelligkeit, seinen Dribblings und der tollen Schusstechnik doch stets gefährlich und konnte in keinem der sieben WM-Spiele komplett ausgeschaltet werden. Zudem war er an sieben der acht argentinischen WM-Tore direkt beteiligt,

Sturm: Arjen Robben (GdB-Note: 7,143)

Für Arjen Robben und die Elftal begann die Weltmeisterschaft mit einem Paukenschlag, der Oranje aus dem Nichts in den Favoritenkreis beförderte. Die Niederlande besiegten Titelverteidiger Spanien 5:1, Robben war mit Ball schneller als Sergio Ramos ohne und dann ließ er auch noch Iker Casillas im Staub kriechen. Wer mit zwei Toren und der Note 9 ins Turnier startet, weckt Erwartungen. Die erfüllte Robben als offensiver Alleinunterhalter mit drei Toren, drei Vorlagen und drei Vorassists. Trotzdem reichte es nicht zum Weltmeistertitel, weil es mit Argentinien und Deutschland einfach zwei bessere Mannschaften gab. Und nicht, weil – wie es ARD-Experte Mehmet Scholl in einer persönlich wirkenden Abrechnung suggerierte – Trainer Louis van Gaal das Team mit seinem Ego ins WM-Aus befördert hätte. Van Gaal bleibt einer der großen Taktiker des modernen Fußballs. Mit dieser limitierten Mannschaft so erfolgreich zu sein, hätten nur wenige Trainer geschafft. Und Robben war sein offensiver Fixpunkt, den er gerne mit zu Manchester United nehmen würde. In dieser Frage wird aber auch Van Gaal an seine Grenzen stoßen.

Sturm: Neymar (GdB-Note: 7)

Vor einem Jahr gewann Brasilien den Confed Cup, besiegte im Finale Spanien klar mit 3:0 und gehörte fortan zu den klaren WM-Favoriten. Dabei wurde schon bei der WM-Generalprobe deutlich, welche Schwächen die Selecao hat. Eine Schwäche war die Abhängigkeit von Neymar, die sich im gesamten Turnierverlauf bestätigte, sich dank seiner Doppelpacks gegen Kroatien und Kamerun zunächst aber positiv auswirkte. Als Neymar im Halbfinale gegen Deutschland dann verletzt ausfiel, brach das Gebilde Selecao tatsächlich zusammen. Ob seine Offensivkünste die Demütigung des 1:7 hätten schmälern können, ist reine Spekulation. Neymar fehlte, aber viel mehr fehlte eine klare defensivtaktische Linie. Zudem erwischte die DFB-Elf einen einzigartig effizienten Tag. In brasilianischer Erinnerung wird das 1:7 immer das Mineiraco bleiben, Neymar gehörte trotzdem zu den besten Angreifern des Turniers.

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