Der Fall Viagogo: Zwischen Recht und Moral

„Gut, dass wir auf Schalke keine Demokratie sind.“ Mit diesen Worten soll Schalkes Vorstandsmitglied Peter Peters auf Kritik aus den Reihen seiner Mitglieder wegen der Zusammenarbeit mit Viagogo reagiert haben. Das sagte zumindest Michael Eckl, Mitorganisator der Kampagne „viaNOgo“, in einem Interview mit den Kollegen von 11 Freunde. Wir lassen das einfach mal so stehen.

Allerdings zeigt der Konflikt auf Schalke, aber auch in einigen anderen Bundesliga-Clubs, dass die Beziehungen zwischen den Vereinen und einer nicht zu unterschätzenden Anzahl an Anhängern leiden. Mal wieder. Nach den Diskussionen um das generelle Niveau der Eintrittspreise („Kein Zwanni für nen Steher“), das Sicherheitskonzept der DFL und den Zwist um Pyrotechnik in den Stadien der nächste Fall von Basis-Demokratie. Entstanden in den jeweiligen Clubs, aber mit dem Potenzial für eine übergreifende Bewegung. Gegen den Ball hat sich gefragt, warum das eigentlich so ist und ist auf viele Antworten gestoßen:

Was ist das Geschäftsprinzip von Viagogo?

Das 2006 in London gegründete und mittlerweile in der Schweiz ansässige Unternehmen versteht sich als Ticketbörse, das Käufer und Verkäufer von Sport-, Konzert- und Theater-Karten zusammenbringt und dabei eine Garantie vergibt, dass sowohl der Geldfluss als auch der Versand der Tickets begleitet wird und dadurch die Sicherheit für beide Seiten erhöht wird.

Viagogo fungiert somit als Zwischenhändler für Personen, die einerseits ein Ticket haben, das entsprechende Event aber nicht besuchen können und andererseits auf der Suche nach Karten sind, auf konventionellen Wegen aber keine Möglichkeit mehr bekommen. Der Verkäufer legt ohne eine Limit-Vorgabe den Preis fest, Viagogo kassiert nach der Transaktion dann zehn Prozent des Preises vom Verkäufer und weitere 15 Prozent vom Käufer.

Das Ganze ist eine moderne Version des Schwarzmarktes, auch wenn das Unternehmen lieber von Zweitmarkt oder Zweitvermarktung spricht. Schwarzmärkte gab es schon immer, wer wurde auf dem Weg ins Stadion nicht schon mal von Verkäufern angesprochen? Als regelmäßiger Besucher von Bundesliga-Spielen sollte aber auch bekannt sein, dass die Vereine jahrelang gegen den Weiterverkauf von Tickets vorgegangen waren, Händler auf dem Schwarzmarkt hatten deshalb kein allzu gutes Image. Die Ticket-Hoheit sollte bei den Clubs liegen, solche Geschäfte fanden eher in zugigen S-Bahn-Eingängen statt.

Schon mit Ebay hatte sich der Weiterverkauf von Tickets professionalisiert, zumal der Bundesgerichtshof 2008 in einem vom Hamburger SV angestrengten Prozess entschieden hatte, dass der private Weiterverkauf von Eintrittskarten zulässig ist. Davon zu unterscheiden ist der gewerbliche Weiterverkauf per sogenanntem Schleichbezug, dies hat der BGH klar getrennt.

Dieses Urteil stärkte Unternehmen wie Viagogo, da es dort ja um den Verkauf von privat erworbenen Tickets geht. Sobald bei den Verkäufern jedoch ein gewerblicher Hintergrund zu erkennen ist, sei auch die Rolle Viagogos wettbewerbswidrig – so ein Urteil aus dem Jahre 2010, als Borussia Dortmund gegen die Ticketbörse prozessierte. Auch deshalb ging Viagogo in den letzten Jahren verstärkt in die Offensive und versuchte Bundesliga-Clubs als Partner zu gewinnen. Teilweise erfolgreich, was erstens neue Vertriebswege eröffnete und zweitens eine Image-Aufwertung bedeutete.

Was ist der Unterschied zu anderen Zweitmarkt-Portalen?

In der öffentlichen Wahrnehmung wird Viagogo als Synonym für professionellen Schwarzmarkt angesehen, was insbesondere an der Größe des Unternehmens und den Partnerschaften mit Vereinen liegt. Gerade in Fragen der Preisstruktur und der Abwicklung der Transaktionen gibt es jedoch kaum Unterschiede zu anderen Anbietern. Viagogo betont die Sicherheit der Deals, bei Seatwave oder Fansale laufen die Geschäfte jedoch ähnlich: Garantierte Original-Tickets mit zuverlässiger Lieferung und beobachtetem Zahlungsverkehr.

Bei welchen Bundesliga-Clubs engagiert sich Viagogo offiziell?

Bei der Ticketbörse kann man Karten für alle 18 Bundesliga-Clubs erwerben, rechtlich ist nach dem BGH-Urteil nicht viel zu machen. Allerdings hat Viagogo mittlerweile Partnerschaften mit acht Vereinen unter Dach und Fach gebracht, die sich inhaltlich in Nuancen unterscheiden. Dazu gehören Hannover, Nürnberg, Wolfsburg, Hoffenheim, Stuttgart, Augsburg, ab der kommenden Saison der FC Schalke und der FC Bayern, der die Zusammenarbeit wie der HSV jedoch gekündigt hat.

Warum geht Viagogo die Kooperationen mit den Clubs ein?

Aus finanzieller Sicht jedenfalls nicht, zumindest nicht in erster Linie. Denn selbst wenn, wie beim FC Augsburg bereits praktiziert oder auf Schalke geplant, die Partnerschaft einen begrenzten Strom von Tickets von den Clubs hin zu Viagogo beinhaltet, so achten die Vereine in diesen Fällen auf eine Deckelung der Preise, mehr als eine Verdopplung ist untersagt.

Vielmehr geht es um das angeschlagene Image des Zwischenhändlers. Einem offiziellen Partner eines Clubs wird die Seriosität des Angebots viel eher abgenommen, unabhängig von der preislichen Entwicklung. Auch die Idee, die offiziellen Dauerkarten-Tauschbörsen zu betreiben, sorgt für eine Salonfähigkeit, die Widerstände gerade bei Besuchern, die selten ins Stadion gehen und in der Ticket-Thematik nicht drinstecken, aufweicht.

Mit diesem Engagement erhöht Viagogo zudem die Marktposition gegenüber der Konkurrenz. Von einem Monopol in der Ticketbranche ist der Markt noch weit entfernt, in diese Richtung will sich der Branchenführer aber bewegen. Deshalb stecken hinter allen Aktionen vor allem finanzielle Argumente. Die Kooperationen mit vier der acht genannten Clubs haben zudem eine gesonderte Betrachtung verdient:

  • Unterschriftenaktion beim FC Schalke

Unter dem Motto „Der Kumpel zockt den Malocher nicht ab!“ hat sich bei den Knappen eine Initiative gegründet, die mit einer Unterschriftenaktion eine außerordentliche Mitgliederversammlung erwirken will, um den Verein zu einem Umdenken zu bewegen. Der Arbeiterclub hat sich ein Leitbild auf die königsblaue Fahne geschrieben, die laut den Initiatoren nicht mit Viagogo vereinbar sei.

  • Der FC Bayern kündigt den Vertrag

Das Geschehen rund um das Champions League-Finale dahoam hat Präsident Uli Hoeneß zum Umdenken bewegt. „Wenn die Karte statt der normalen 60 Euro 80 oder 90 kostet, finde ich das in Ordnung“, sagte Hoeneß im vergangenen Jahr und wurde von langjährigen Begleitern des Clubs auf die tatsächlich aufgerufenen Preise hingewiesen. Ein Alleingang von Viagogo in Bezug auf eine Dauerkarten-App der Bayern bestätigte Hoeneß in seinem Entschluss, nach dieser Saison läuft der Vertrag aus.

  • Kurzes Intermezzo beim Hamburger SV

Zu Beginn der laufenden Saison begann die Zusammenarbeit, mittlerweile ist sie bereits wieder gekündigt. Die Verantwortlichen des HSV betonen, den Vertrag selbst gekündigt zu haben. Viagogo entgegnete dieser Darstellung, selbst die Kündigung erwirkt zu haben, da sich „unsere Ansprechpartner beim HSV von Beginn des Vertragsverhältnisses an nicht an die wesentlichen Punkte des Vertrages gehalten haben.“ Den Fans der Hamburger wird es egal sein, denn der massive Protest nahm entscheidend Einfluss auf die schnelle Kündigung. Der Deal sah, ähnlich wie auf Schalke, vor, dass Viagogo bei jedem Heimspiel 1500 Karten mit einer Preissteigerung von 100 Prozent verkaufen durfte. Dafür erhielt der HSV eine garantierte Summe, die dem klammen Club nun aber nicht mehr wichtig ist.

  • Der Sonderfall FC Augsburg

Auch in Augsburg regt sich Widerstand. Beim abstiegsbedrohten Bundesligisten entwickelte sich die Sache aber zu einer Provinz-Posse um die Pressefreiheit. Geschäftsführer Peter Bircks ließ sich zu einem verbalen Rundumschlag hinreißen, der wohl nur in Augsburg für so wenig öffentliches Interesse sorgen konnte. Die Partnerschaft mit der Ticketbörse bleibt davon unberührt.

Was werfen Kritiker Viagogo konkret vor?

Proteste gab es mittlerweile in den Stadien aller Clubs, die offiziell mit Viagogo zusammenarbeiten. Der Tickethändler ist für die Fans ein weiterer Baustein in der Preisspirale, die den Fußball in Deutschland teurer macht und damit zusehends kommerzialisiert. Die Bundesliga soll bezahlbar bleiben.

Eines ist jedoch klar: Viagogo will seinen Gewinn maximieren, ein nachvollziehbares Ziel für ein Wirtschaftsunternehmen. Moralischer Druck, beispielsweise könnte Viagogo – so fordern es Fanvertreter – die Ticketpreise aus ethischen Gründen deckeln und ein Preislimit einführen, ist zumindest kein realistisches Instrument. Und personalisierte Eintrittskarten stoßen in Deutschland eher auf Widerstand denn auf Zustimmung.

Doch es gibt auch schwerwiegendere Vorwürfe: Der britische Sender Channel Four hat in einer Dokumentation Recherchen vorgelegt, die die Rolle der Ticketbörse als bloßen Zwischenhändler infrage stellen. Die Erkenntnisse stammen zwar aus dem englischen Alltag und in Deutschland gibt es dafür keine Beweise, doch warum sollte ein global operierendes Unternehmen folgende Dinge nicht auch global einsetzen:

  1. Der Anteil der professionellen Schwarzhändler soll den der privaten Verkäufer deutlich übersteigen. Laut Channel Four werden Tickets in großen Mengen bezogen und dann zu horrenden Preisen wieder verkauft. Das könnte auch den erstaunlich hohen Anteil von Tickets für Events erklären, wo der Vorverkauf noch gar nicht begonnen hat. In der Bundesliga ist der Anteil an frei zugänglichen Karten aufgrund der hohen Anzahl an Dauerkarten und der sonst gängigen Praxis, an Mitglieder oder organisierte Fanclubs zu verkaufen, zwar gering. Doch wenn ein Vorverkauf startet, können sich auch professionelle Schwarzhändler in die virtuelle Schlange im Internet stellen und Karten kaufen.
  2. Noch brisanter könnte es für Viagogo werden, wenn sich der in der Dokumentation aufgezeigte Schleichbezug bewahrheitet. So soll das Unternehmen in Eigenregie Tickets beim Veranstalter ordern, um sie später, als Privatpersonen getarnt, gewinnbringend zu verkaufen. Da der Käufer nie in direktem Kontakt mit dem Verkäufer steht, eine zumindest denkbare Variante. In Deutschland gibt es dafür noch keine Beweise, das Magazin Sponsors berichtet in seiner aktuellen Ausgabe jedoch von Insiderinformationen, die besagen, jedes fünfte Bundesliga-Ticket lande auf schleichenden Wegen auf dem Schwarzmarkt.

Welche Gefahren gibt es noch?

Unabhängig von der Preistreiberei und dem illegalen Schleichbezug gibt es zwei weitere Kritikpunkte, die nicht allein Viagogo sondern alle Zweithändler im passenden Zwielicht erscheinen lassen können. Die ausbleibende Kontrolle der Käufer könnte gewaltbereiten Zuschauern einen leichteren Zugang in die Stadien ermöglichen und es gibt Befürchtungen, dass die Zweithändler auf lange Sicht das „dynamic pricing“ einführen möchten.

Welche Preise ruft der Schwarzmarkt überhaupt auf?

Die Kritik in der Anhängerschaft der Bundesliga-Clubs richtet sich jedoch in erster Linie an besagte Preistreiberei. Nüchterne Betrachter sprechen dagegen von Marktwirtschaft und wollen das Angebot durch die Nachfrage geregelt wissen.

Viagogo-Sprecher Steve Roest betonte im vergangenen Jahr in einem Spox-Interview, dass sein Unternehmen vor allem eins anbiete: Schnäppchen. „Es ist uns wichtig, dass Tickets bei Viagogo zu fairen Preisen angeboten werden“, erzählte Roest. „Beim Einstellen von Eintrittskarten bekommt daher jeder Verkäufer zur Orientierung dafür einen Preis vorgeschlagen, der auf aktuell gehandelten Ticket-Preisen für die gleiche Veranstaltung basiert. Die Hälfte aller Karten wechselt bei viagogo für den Originalpreis oder noch weniger Geld den Besitzer.“

Wir prüften diese Annahme anhand der kommenden drei Heimspiele von Borussia Dortmund. Für Sitzplätze im obersten Rang der Nordtribüne liegt der Originalpreis bei 41 Euro, bei Topspielen erhöht sich der Preis auf 49,50 Euro. Der BVB spielt in dieser Saison noch gegen Mainz, Meister Bayern und Hoffenheim. Bei Viagogo kostet die günstigste Karte für besagten Block derzeit inklusive der Gebühren gegen Mainz 85 Euro, gegen die Bayern 230 Euro und gegen Hoffenheim im letzten Saisonspiel 188 Euro, allerdings in einem vergleichbaren Block.

Diese Verteuerung ist kein Einzelfall. Der WDR errechnete für Schalkes Champions League-Spiel gegen Galatasaray eine 250-prozentige Steigerung für einen Platz in der Nordkurve, allerdings in Relation zu zwei Bundesliga-Dauerkarten an ähnlicher Stelle. Ganz zu schweigen von fünfstelligen Angeboten für das vergangene Champions League-Finale in München, wie Zeit Online berichtete.

Was sagt Viagogo zu den Vorwürfen?

Unternehmenssprecher Steve Roest kann die Aufregung in der Bundesliga nicht verstehen. Für seine Firma ist es zunächst mal ein Grundrecht, seine privat erworbene Karte auch wieder veräußern zu können. Kritik am Schwarzmarkt weist er ohnehin von sich: „Einen Zweitmarkt für Karten neben dem Verkauf der Vereine gab es, bevor viagogo entstand – sogar bevor das Internet populär wurde“, erzählte er vor wenigen Wochen dem Reviersport.

Für Roest gibt es nur Gewinner in Viagogos System: „Etwa 23 Millionen Euro gehen den Fans in Deutschland jedes Jahr verloren, weil sie ein Spiel nicht besuchen können, ihre Karte aber nicht weiter verkaufen“, rechnete Roest in dem Spox-Interview vor. „Und in den Stadien bleiben dann Plätze leer. Das ist natürlich nicht gut für die Clubs. Wenn die Fans ihre Tickets bei viagogo weiter verkaufen, können andere Zuschauer ins Stadion gehen. Die kaufen dann vielleicht eine Wurst, ein Bier oder ein Trikot. So gewinnt der Verein neue Fans.“

Auch beim Thema Preislimit gibt sich Roest entspannt, da dies „für die Straße oder Ebay“ illusorisch wäre. „Die Leute können ihre Karten dann immer noch für viel Geld verkaufen. Aber die potenziellen Käufer haben das Risiko, sich mit einem Betrüger einzulassen. Eine Preisdeckelung würde also nur verhindern, dass wir die Fans vor Betrug schützen können.“

Ein Resümee: Die Vereine sind in der Pflicht

Der Zweithandel mit Eintrittskarten schlägt in der Bundesliga, verständlicherweise, hohe Wellen. Wenn Viagogo dabei keine Ungereimtheiten in Bezug auf Schleichbezug nachzuweisen sind – und danach sieht es in Deutschland derzeit aus – gibt es keine rechtliche Handhabe, Privatpersonen den Weiterverkauf zu untersagen. Die von den Fans kritisierte Preistreiberei spielt dabei juristisch gesehen eine zu vernachlässigende Rolle.

Umso unverständlicher ist die Rolle der Bundesliga-Clubs, die Kooperationen mit Viagogo eingehen, obwohl der Schwarzmarkt bis vor Kurzem noch flächendeckend als Grundübel angesehen wurde. Sponsors zitiert einen anonymen Marketingleiter eines Bundesligisten mit folgenden Worten: Bei einem Vertrag mit Viagogo könne er „den eigenen Fans aber nicht mehr in die Augen schauen“. Das sehen andere Clubs wohl anders.

Diese picken sich, um Sponsoring-Gelder zu generieren, die eine fette Rosine heraus, während die kleineren weiter verschmäht werden. Eine unverständliche Einstellung, die Anhänger unweigerlich auf die Barrikaden bringen musste. Denn wer Gelder von Viagogo annimmt, zieht es indirekt seinen Fans aus der Kutte.

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