Der HSV in der Relegation. Des Dinos letzten Tage?

Einst beherrschten riesige Kreaturen die Erde. Die Dinosaurier. Ob ihnen der Konsum von Kleeblättern zum Verhängnis wurde, ist nicht überliefert. Im Relegations-Hinspiel zwischen dem dienstältesten Bundesligisten Hamburger SV und dem Zweitligisten Greuther Fürth sind die Kräfteverhältnisse eigentlich klar verteilt. Es heißt David gegen Goliath. Gegen den Ball glaubt, die Größe des Clubs spielt sehr wohl eine Rolle und die Zeit für eine Bundesliga ohne Urzeitmonster ist noch nicht gekommen.

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Die Bundesliga hat die Relegation eingeführt, um die Gefahr des Abstiegs für ihre Mitglieder zu reduzieren. Der direkte Abstiegsplatz 16 wurde nach jahrelanger Pause wieder umfunktioniert zur letzten Chance, über Hin- und Rückspiel gegen einen Zweitligisten den Ligaerhalt zu retten. Die DFL sorgt dadurch für weniger Fluktuation zwischen den Ligen. Tatsächlich hat sich in der Relegation meist der Bundesligist durchsetzen können.

Es gab in der Bundesligageschichte zwei Phasen, in denen Relegationsspiele ausgetragen wurden. Zwischen 1982 und 1991 setzte sich sieben Mal der Erstligist und nur drei Mal der Zweitligist durch. Von 2009 bis heute gewann drei Mal der Bundesligist und zwei Mal der Zweitligist. Es steht also insgesamt 10:5 für die Erstligisten. Statistisch gesehen stehen die Chancen für den HSV somit 2:1.

Der Kader des HSV ist lauf Transfermarkt.de 88.875 Millionen Euro wert, der des Gegners aus Fürth 20.8 Millionen Euro. Das Verhältnis ist fast 4:1! Die Mannschaft von Coach Frank Kramer spielte in dieser Saison im Durchschnitt vor 11.926 Zuschauern, dem HSV hielten 51.825 Zuschauer die Treue (Ebenfalls ein Verhältnis von ungefähr 4:1). Der HSV spielt seit 51 Jahren in der Bundesliga. Greuther Fürth kommt auf eine Spielzeit.

Diese Zahlen machen die Größenverhältnisse der Kontrahenten deutlich. Sie beschreiben aber auch die Fallhöhe für den HSV. Kein Mittelfranke wird die Trolli Arena in Brand setzen, wenn die Spielvereinigung es nicht schafft, den HSV zu schlagen. Für den HSV-Fan wäre ein Abstieg ein gefühlter Weltuntergang. Für den Club eine finanzielle Zerreißprobe. Ganz zu schweigen davon, dass man sich ein neues Maskottchen suchen müsste.

Dino vs. Underdog

Ob der Dino ausgedient hat, entscheidet sich aber nicht am Rechenschieber, sondern auf dem Platz und dort beginnt das Spiel bei 0:0. Ein 0:0 als Endergebnis gab es in 31 Relegationsspielen übrigens noch nie. Wir haben uns die Frage gestellt: Was hat der Dino vom Underdog zu befürchten? Dazu haben ich mir das letzte Spiel der Kleeblättler gegen Sandhausen (2:0) angesehen, um einen genaueren Eindruck von der Mannschaft von Frank Kramer zu bekommen. Bis März ließ Kramer sein Team im 4-2-3-1 auflaufen, seit dem Bochum-Spiel hat er auf 4-4-2 mit flacher Vier umgestellt.

Formation Greuther Fürth Spielanlange offensiv

Die Grundidee bei flachem Spielaufbau war ein abkippender Sechser (Stephan Fürstner oder Goran Sukalo), die Innenverteidiger stellten sich breit und die Außenverteidiger standen sehr hoch an der Linie. Die offensiven Flügelspieler besetzten die Halbräume. Der zweite Sechser stand am Mittelkreis und diente als Verbindungsspieler. Wenn beide Sechser zugestellt wurden, dann trug Innenverteidiger Benedikt Röcker den Ball eng am Fuß halblinks über die Mittellinie. Der Außenverteidiger war an der Linie postiert, der Flügelspieler im offensiven Halbraum. Wurde der Außenverteidiger angespielt, ging der Flügelspieler zur Linie raus und bot sich an, umgekehrt spielte der Flügelspieler den nachrückenden Außenspieler an der Linie frei oder – und das schien ein Muster zu sein – die Spiel wurde geschickt verlagert.

Dadurch, dass Fürth sehr stark zur Ballseite verlagerte und die Flügelspieler weit zum Ball einrückten, entstand ein großer Raum auf der ballfernen Seite. Wurde nun das Spiel über die linke Seite aufgebaut und der Raum zu eng, dann verlagerte Fürth das Spiel mit wenigen Ballkontakten auf die rechte Seite, wo der Außenverteidiger – in diesem Fall Daniel Brosinski – allein auf weiter Flur den freien Raum bespielte und sich mit den dann entgegenkommenden Stieber (Flügelspieler) und Djurdjic (Stürmer) zur Grundlinie kombinieren wollte.

Soweit zur Theorie. Brosinski hat gegen Sandhausen aber bevorzugt aus dem Halbfeld geflankt, in der Schlussphase stieß er dann mal bis zur Grundlinie vor und bereitete prompt das 2:0 mit einer Flanke auf Stieber vor. Der Ballverteiler und die Schnittstelle im Spiel von Fürth war Stephan Fürstner, der im Spiel gegen Sandhausen fast alle gefährlichen Angriffe einleiten oder vorbereiten konnte.

Dem ersten Tor ging ein Ballgewinn im eigenen Strafraum voraus. Aus der engen Situation spielte Fürstner den perfekten öffnenden Ball auf links, Gießelmann trug den Ball nach vorne. Der Ball wurde wieder auf den mittlerweile nachgerückten Fürstner gespielt und somit auf die rechte Seite verlagert. Fürstner spielte auf Stieber, der gewann die 1:1-Situation und seine Flanke von der Grundlinie wuchtete der kopfballstarke Ilir Azemi aus fünf Metern ins Tor. Ob nur aus Verlegenheit oder beabsichtigt: Unter Druck wurde der Ball auch mal lang vor den Sechzehner geschlagen, dort hat sich dann Azemi oder der nachrückende Sukalo positioniert, um den Ball in den Sechzehner zu verlängern, wo Stürmer oder Außenstürmer einzulaufen versuchten.

Doch Sandhausen ist nicht der HSV. Gegen einen so starken Gegner und noch dazu auswärts wird Fürth wohl vor allem auf die starken Standards setzen und viele davon herausholen wollen. Ausführen wird diese meist Zoltán Stieber mit seinem starken linken Fuß. Mit Mergim Mavraj, Benedikt Röcker, Goran Sukalo und Ilir Azemi stehen kopfballstarke Spieler bereit.

Spielanlage defensiv

Goran Sukalo ist ein cleverer und zweikampfstarker defensiver Mittelfeldspieler, der die Situationen schon im Ansatz zu erkennen und zu unterbinden versuchte. Fürth praktizierte kein besonderes Gegenpressing, sondern ließ die ballnahen Spieler situativ entscheiden. Dadurch, dass die Flügelspieler so stark einrückten und immer ein Stürmer tief kam, gestaltete Fürth das Mittelfeld sehr kompakt und sorgte für Überzahl. Da die Außenverteidiger im Spielaufbau beteiligt sind und oft hoch stehen, ergeben sich Lücken in ihrem Rücken. Zumindest Brosinski gelang die Balance zwischen Offensive und Defensive aber zufriedenstellend.

Das defensive Umschaltverhalten ist jedoch verbesserungswürdig. Gegen den HSV wird Fürth aber vermutlich auch nicht so viele Spieler vor den Ball bringen, sodass die Räume nach Ballverlust nicht so groß sein werden, wie sie zum Teil gegen Sandhausen zugelassen wurden. Ein Sechser lässt sich mitunter in die Viererkette fallen, um noch größere Kompaktheit herzustellen, das kann ich mir auch gegen den HSV vorstellen.

Worauf muss der HSV achten?

Der Umschaltspieler Fürstner sollte stets unter Druck gesetzt werden. Aus dem einen Bundesliga-Jahr der Franken weiß man, dass Fürstner seine Rolle nicht auf Bundesliga-Niveau erfüllen kann. Man sollte sich nicht zu sehr auf die rechte Seite (vom HSV ausgesehen) locken lassen und so Gefahr laufen, dem Gegner, der das Spiel verlagert, Raum auf der (eigenen) linken Seite zu geben. Fürth hat neun Tore nach Eckbällen erzielt und gehört mit Paderborn zu den besten Teams bei Standards. Die Hamburger sollten keine Standards zulassen, vor allem in den offensiven Halbräumen wird Fürth versuchen Fouls zu ziehen und Freistöße suchen.

Die offensiven Flügelspieler wechseln variabel auch mal die Seiten. Vor allem vor dem im 1:1 starken Stieber sollte man gewarnt sein, der Ungar hat rechtzeitig vor der Relegation seine lange verloren geglaubte Topform wiedergefunden Aber nicht nur Stieber hat seine Qualitäten. Das Team von Frank Kramer gilt als äußerst lauf- und sprintstark – also Vorsicht vor den schnellen Gegenstößen.

Wo liegen die Chancen des HSV?

Sollte Fürth sich herauslocken lassen, sind sie bei Ballverlust anfällig. Zudem gibt es nur wenig pressingresistente Spieler (Fürstner, Mavraj). Unter Druck machen die Aufbauspieler Fehler. Niko Gießelmann hat in der Defensive Probleme. Wenn es dem HSV gelingt in den Rücken der Abwehr zu kommen, haben sie gute Chancen. Zudem sind die offensiven Flügelspieler keine Zweikampfathleten. Vielleicht sollte Mirko Slomka Hakan Calhanoglu auf der rechten offensiven Seite bringen, da die linke Seite der Fürther anfälliger zu sein scheint. Vielleicht kann ein starker Calhanoglu auf links aber auch den schnellen Brosinski an allzu vielen Vorstößen hindern.

Der HSV sollte mit der Klasse der einzelnen Akteure einen klaren Sieg einfahren können. Damit die Dinos nicht aussterben, müssen sie sich die haarsträubenden Defensivaussetzer sparen und Standards vermeiden. Es gilt zudem die Balance zu halten und nicht zu viele Spieler vor den Ball zu bringen, denn die schnellen Offensivspieler und das gute offensive Umschaltspiel der Fürther könnte sonst zum Erfolg führen.

Die Dinos fressen die Kleeblättler

Fürth hat die meisten Tore in der zweiten Liga geschossen, aber nur die fünftbeste Abwehr. Soweit man das nach den Eindrücken der letzten Woche sagen kann, sollte der HSV das Team aus Mittelfranken in der Defensive durchaus ins Wanken bringen können. Doch der HSV hätte mit diesem Kader schon in der abgelaufenen Spielzeit mehr erreichen müssen. Die Rolle des Negativlaufes ist sicherlich nicht zu unterschätzen, aber ich glaube nicht, dass die Niederlagenserie (fünf Spiel in Folge) die Qualitätsunterschiede der Kader komplett nivellieren wird. Ich habe von Greuther Fürth mannschaftstaktisch keine Wunderdinge gesehen und setze mein Geld auf den Bundesligisten.

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