Chelsea: Hybrid-Kader und das Trainerkarussell

Die 69-Spiele-Saison des FC Chelsea ist der zweithöchste Pflichtspielmarathon in der englischen Fußballgeschichte. Wir sind uns sicher, die Gegen den Ball-Leser tragen eben so viel Nerdtum in sich, wie die Gegen den Ball-Autoren, deshalb empfehlen wir das sporcle-Rätsel „chelseas-69-game-season„, das die Dimension der Mammut-Saison der Blues vermittelt.

Arsenal bestritt 1979/80 sogar 70 Spiele in einer Saison, davon allerdings allein vier Spiele im FA Cup-Semifinale. In erster Linie ein Argument für das Elfmeterschießen. Die Gunners beendeten die Saison 79/80 jedoch ohne Titelgewinn. Anders Chelsea. Die Blues gewannen die Europa League und erreichten in der Liga Platz drei und damit die Teilnahme an der Champions League.

Erfolg ist käuflich!

Ein gute Saison möchte man meinen. Doch Roman Abramovich hat nicht 1.1 Milliarden Euro in den Club gepumpt, um im Cup der Verlierer mitzuspielen. Für Chelsea zählt die Meisterschaft und der Champions League-Titel. Drei Meisterschaften und ein CL-Sieg konnte Abramovich seit seinem Engagement immerhin schon einsammeln. Doch was muss Chelsea in der nächsten Saison tun, um wieder ganz oben mitzuspielen und dauerhaft erfolgreich zu sein?

Dafür gilt es einen Blick darauf zu werfen, was in der letzten Spielzeit – und darüber hinaus – alles falsch lief und wo der Club und der Trainer ansetzen müssen. Chelsea begann die Saison mit Roberto Di Matteo als Trainer. Im November musste der Champions-League-Gewinner-Coach gehen, da Chelsea in der Gruppenphase gegen Juventus und Shakhtar Donezk ausgeschieden war. Chelsea war zu diesem Zeitpunkt Tabellendritter mit vier Punkten Rückstand auf den Tabellenersten Manchester City.

Der nächste bitte! Russisches Trainer-Roulette

Nachfolger wurde Rafael Benitez, der allerdings die High-End-Variante des Interimstrainers mimte. Benitez war also der zehnte Trainer in neun Jahren. Nicht einmal Schalke 04 feuert so oft den Trainer (alle 1,1 Jahre im Schnitt). Jose Mourinho ist – auch wenn er schon einmal da war – der elfte Trainer seit Abramovichs Amtsantritt im Juni 2003. Deshalb glaube ich, dass Chelsea vor allem Nachhaltigkeit im Traineramt gut tun würde.

Doch halt! Bisher waren sie doch auch so erfolgreich. Die These, durch Trainerentlassungen kurzfristig für neue Impulse zu sorgen und auch so Erfolg zu haben, ist nicht ganz von der Hand zu weisen, da Chelsea ja in den letzten zehn Jahren tatsächlich nicht unerfolgreich war (1 x CL, 1 x EL, 3 x PL, 4 x FA-Cup, 2 x League-Cup). Von einer Ära des FC Chelsea oder einer europaweit bewunderten Spielweise kann aber keine Rede sein. Dafür fehlt die Nachhaltigkeit. Erfolg kann man kurzfristig kaufen, eine Ära des Erfolgs bedarf Geduld und systematischer Aufbauarbeit.

Chelsea liegt nicht gut auf der Zunge

Hört man den Clubnamen Chelsea, dann schnalzt man nicht mit der Zunge oder gerät ins Schwärmen. Chelsea spielte in den vergangenen Jahren oft defensiv geprägten Fußball, der von vielen als unattraktiv angesehen wurde. Im CL-Finale 2012 gönnte kaum jemand den mit Mann und Maus verteidigenden Blues den Titel. Im Europa League-Finale in diesem Jahre war ihre Spielweise ebenfalls alles andere als begeisternd. Dabei hatte Chelsea gerade im Bereich der offensiven Mittelfeldspieler mächtig aufgerüstet. Aus dem Sextett Eden Hazard, Juan Mata, Oscar, Victor Moses, Yossi Benayoun und Marko Marin sollte man drei hochklassige Mittelfeldspieler für ein 4-2-3-1 zusammenstellen können.

Chelsea spielte bisher (Außnahme André Villas-Boas) meist aus einer tief stehenden Abwehr heraus. Sieht mal einmal von Victor Moses ab, sind die offensiven Mittelfeldspieler aber eher keine Spieler für ein vertikales Konterspielsystem. Die beiden Stürmer (Fernando Torres, Demba Ba) wiederum sehr wohl.

Was der Kader möglich macht

Die defensiven Mittelfeldspieler ihrerseits zählen nicht zur Rubrik gekonntes Kurzpassspiel (Xavi) oder kontrollierte Spielverlagerung (Schweinsteiger). Ramires, Frank Lampard, John Obi Mikel und David Luiz sind Spieler, die physisch stark sind und den schnellen Pass nach vorne suchen, oder selbst mit Ball am Fuß das Tempo aufnehmen.

Das Spiel der letzten Saison hatte somit einen Hybrid-Charakter. Starke Physis und Tempo in der Abwehr und im defensiven Mittelfeld, dann eine Dreierreihe, die das Spiel verlangsamte und meist nach innen zog. Die Statistik „Schüsse aus dem Zentrum“ bestätigt diesen Eindruck, dort liegt Chelsea auf Platz drei der Premier League. 69 Prozent der Schussversuche kamen aus der zentralen Position. Dementsprechend wenig Flanken wurden geschlagen (laut opta Platz zehn in der Liga). Kein Wunder, schnelle Flügelspieler wie Victor Moses sind Mangelware. Die Außenverteidiger haben ihre Stärke in der Defensive.

Zusammengefasst: Chelsea kontert zwar, aber nur bis zum gegnerischen Strafraum. Eine Strategie in die „Box“ zu kommen, scheint es nicht zu geben. Man vertraut auf die individuelle Spielstärke von Juan Marta, Eden Hazard und Oscar. Das Spiel verlagert sich dadurch zwar schnell in des Gegners Hälfte, aber durch den zentralen Fokus und die Verspieltheit wird das Tempo oft nicht genutzt und letztlich die individuelle Brechstange benötigt.

Der neue (alte) Trainer Jose Mourinho passt gewissermaßen zu dieser Spielweise. Er hat sie den Blues auch implementiert. Der unausgewogene Kader ist aber das Hauptproblem, mit dem Mourinho nun klar kommen muss. Nach der vielen Kritik an der unattraktiven Spielweise hatte man wohl gedacht, mit Juan Mata, Eden Hazard und Oscar Abhilfe schaffen zu können. Mourinho muss nun um diese drei spielerischen „Aliens“ im Kader ein funktionierendes System aufbauen.

Was bisher geschah

Um seine Pläne umzusetzen, soll Mourinho vermeintlich 160 Millionen Euro zur Verfügung haben. Bisher steht nur der Transfer von André Schürrle von Bayer Leverkusen fest. Schürrle ist ein Flügelspieler, dessen Spielweise allerdings zuweilen an die von Ex-Chelsea-Star Arjen Robben erinnert, denn er hat ebenfalls die Neigung ins Zentrum zu ziehen, um dort den Torabschluss zu suchen. Andre Schürrle führt die Schüsse pro Spiel-Statistik aller Bundesligaspieler an, die meisten Versuche startete er von außerhalb des Sechzehners.

Schürrle ist ein Konterspieler, er könnte das linke Pendant zu Victor Moses auf der rechten Seite bilden. Sollte Mourinho mit diesen schnellen Flügelspielern planen, fehlt der Platz für Hazard, Mata und Oscar. Die Zeit von Juan Mata könnte demnach abgelaufen sein. Es gibt Gerüchte, der etwas langsame Spanier solle abgegeben werden. Dann wäre die zentrale Position frei für Oscar oder Hazard. Zumindest Oscar darf man auch eine defensivere Rolle im Mittelfeld zutrauen, vielleicht in einem 4-3-3, denn der Brasilianer hatte die drittbeste Tackling-Quote bei Chelsea in der abgelaufenen Saison.

Der letzte Gedanke: Ich tue mich schwer, Spieler zu empfehlen, denn die Frage ist, wohin geht der Weg für Chelsea. Wollen sie Kurzpass-Kombinations-Fußball spielen, oder steht die Stabilität der Defensive und Effizienz in der Offensive an höchster Stelle. Wie binde ich drei quirlige offensive Spielgestalter ein, die aber nicht das Flügelspiel suchen? Das zentrale Augenmerk auf dem Transfermarkt scheint auf einen neuen Stürmer gerichtet zu sein, aber vielleicht ist ein anderer Spielertyp wichtiger?

Eine Empfehlung bleibt mir also dennoch. Um mit den ganz großen mithalten zu können, fehlt Chelsea ein Kopf im defensiven Mittelfeld. Mourinho hatte in seiner Anfangszeit Schlüsselspieler Claude Makelele bei Chelsea und zuletzt bei Real Xabi Alonso als Spielgestalter aus der Tiefe. Ein spielerischer Sechser fehlt den Blues.

Ein Pirlo, ein Schweinsteiger, ein Xavi oder auch ein Gündogan machen die großen Teams aus. Findet Chelsea einen solchen Spieler und stellt dann Ramires oder David Luiz (um den es auch Abwanderungsgerüchte gibt) daneben, Chelsea könnte das Spiel von hinten heraus intelligenter gestalten und wäre vielleicht weniger darauf angewiesen, erst vor dem Strafraum nach kreativen Lösungen zu suchen.

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