Der Sohn von Uli Hoeneß

Bevor wir Uli Hoeneß‘ Form der Öffentlichkeitsarbeit würdigen, sind ein paar grundsätzliche Anmerkungen über unser Verständnis von Privatsphäre einer Persönlichkeit des öffentlichen Sportlebens angebracht. Grundsätzlich sollte auch Prominenten ein Privatleben jenseits medialer Durchleuchtung zugestanden werden. Das Familien- oder Beziehungsleben eines Profisportlers geht zunächst einmal nicht mehr Menschen etwas an als die unmittelbar Beteiligten.

Anders liegt der Fall etwa, wenn ein Sportler gezielt die Öffentlichkeit sucht, um nicht unmittelbar sportliche Aspekte seines Lebens publik zu machen. Das kann auf dem Wege der Selbstvermarktung geschehen und kaum andere Zwecke haben als den eigenen Wert als Werbeträger zu erhöhen. Es kann aber auch über die individuelle Situation des Profis hinausreichende Dimensionen berühren, wie im Fall des Basketballers Jason Collins, der sich in dieser Woche in der Zeitschrift Sports Illustrated als schwul outete – und damit seinen Beitrag dazu leisten wollte, das Bewusstsein für die Tatsache zu schärfen, dass eben auch im Sport nicht alle Menschen heterosexuell veranlagt sind.

Ob man als Sportjournalist über solche Initiativen berichtet oder nicht, hängt dann davon ab, ob man die entsprechenden Informationen für relevant und interessant hält. Wohin ein Bundesligaprofi mit seiner Familie in den Urlaub fährt, interessiert mich eher nicht, dass ein Sportler den Mut hat, zu seiner oft verunglimpften sexuellen Orientierung zu stehen, allerdings schon.

Und Uli Hoeneß? Sein Fall bietet viel Anlass, über die Grenzen der Privatsphäre von Prominenten zu sprechen, zumal sich hier diverse Fragen überlagern:

– Welche Rolle sollte Hoeneß‘ Eigendarstellung und die seines Clubs spielen, die oft in die Richtung „Geld spielt bei uns keine große Rolle, wir wirtschaften solide und sind sozial veranlagt“ ging? Die dieser PR zugrundeliegende Doppelmoral war für den Error! Hyperlink reference not valid. schon ärgerlich genug, bevor ans Licht kam, dass Hoeneß einen zweistelligen Millionenbetrag nicht versteuert hatte.

– Wie passt der Fall Hoeneß zur parallel stattfindenden und offensichtlich politisch-gesellschaftlich relevanten Debatte über die Möglichkeit von strafbefreienden Selbstanzeigen bei Steuervergehen?

– Was hat das von Hoeneß selbst vorgebrachte Bekenntnis seiner (ehemaligen oder aktuellen) Spielsucht mit der Frage seiner Steuerhinterziehung zu tun?

Wie auch immer man diese Fragen sieht, die Tatsache, dass Hoeneß selbst den Weg an die Öffentlichkeit gewählt hat, um seine Sicht der Dinge zu platzieren, macht aus seinen Aussagen ein öffentliches Dokument, über das man natürlich öffentlich diskutieren kann und muss. Es liegt also keineswegs eine Invasion seines Privatlebens vor, wenn man sein Zeit-Interview einer kritischen Lektüre unterzieht.

Das gesamte Interview ist nur in der Print-Ausgabe der aktuellen Zeit erschienen, wir können deshalb nicht darauf verlinken. In der Onlineversion hat das Blatt selbst ein paar Zitate aus dem Gespräch zusammengestellt. Zusammenfassend kann man sagen, dass Hoeneß in dem Gespräch sehr viel über seine sogenannte „Zockerei“ spricht. Er habe vom früheren Adidas-Chef Robert-Louis Dreyfus, einem seiner „besten Freunde“, 20 Millionen D-Mark auf ein vor dem deutschen Finanzamt geheimgehaltenes Konto in Zürich überwiesen bekommen, damit er damit spekulieren könne: „Das war ein Konto zum Zocken, für nichts anderes.“

Ohne konkrete Summen zu nennen, berichtet Hoeneß von „extremen Beträgen“, mit denen er „Tag und Nacht gehandelt“ habe. Diese immense Aktivität sei seiner persönlichen Veranlagung entsprungen, weder er noch Dreyfus wollten nach Hoeneß‘‘ Darstellung irgendeinen finanziellen Gewinn aus den Transaktionen ziehen. Hoeneß selbst habe gar nicht gewusst, wie der Kontostand aussah: „Dieses Geld war für mich virtuelles Geld, wie wenn ich Monopoly spiele.“

Eine der interessantesten Fragen des Falls betrifft eine mögliche Verbindung der Überweisung von Dreyfus 2001 mit einem kurze Zeit später abgeschlossenen Deal zwischen Adidas und dem FC Bayern, bei dem der Club möglicherweise auf viel Geld verzichtete, indem er ein besseres Angebot von Nike ausschlug. Die Rahmendaten lassen zumindest viel Raum für Spekulationen offen, aber Hoeneß bestreitet jeden Zusammenhang. Da es einstweilen keine klaren Indizien dafür gibt, dass der FC Bayern in die Geschäfte involviert war, ob als Akteur oder als Opfer von Korruption, muss man diese Aussagen von Hoeneß so stehen lassen.

Bemerkenswert ist jedoch der Umstand, dass Hoeneß seinen Sohn Florian, sonst nicht unbedingt ein Dauergast in der Öffentlichkeit, zum Interview mit der Zeit mitgebracht hat. Florian Hoeneß meldet sich viermal während des vier Zeitungsseiten umfassenden Gesprächs zu Wort: Er schildert aus seiner Sicht den Tag der zwischenzeitlichen Verhaftung seines Vaters am 20. März. Er merkt mehrmals an, wie kritisch die „Familie“ die Spielleidenschaft des Vaters sehe und distanziert sich einmal deutlich von dessen Selbsteinschätzung als „kuriert“. Und er fordert, die Verdienste seines Vaters als Mensch zu würdigen und diese von seiner Steuersünde zu trennen.

Diese vier Wortmeldungen von Florian Hoeneß markieren die eigentliche Strategie des Interviews aus Sicht seines Vaters und mutmaßlich von dessen Medienberatern. Die sehr naheliegende Frage, warum denn auf einmal der Sohn das Interview mit führt, wird von der Zeit selbst in einem Texteinschub so interpretiert: „Es wirkt fast so, als suche der angeschlagene Vater Schutz bei seinem Sohn“. Tatsächlich dient Florian Hoeneß‘ Anwesenheit dazu, das ganze Thema auf eine familiäre Ebene zu verschieben. „Ich denke Tag und Nacht daran, was ich meiner Familie angetan habe“, ist Hoeneß‘ vorletzter Satz des Interviews.

Keine Opfer, kein Täter

Neben seiner Familie scheint es keine Opfer seines Fehlverhaltens gegeben zu haben, außer ihm selbst: „Da begann die Hölle für mich“, „es ist die schlimmste Zeit meines Lebens“. Selbst der FC Bayern hat keinen Schaden erlitten, denn zurücktreten würde Hoeneß erst, wenn er „das Gefühl hätte, dass meine Person dem Verein schadet“. Das aber ist nicht der Fall, ein solcher Schritt also unnötig. Die Gesellschaft als ganze aber hat von Hoeneß unterm Strich profitiert: „Ich habe weit mehr gespendet als den Betrag, den ich hinterzogen habe“; „[…] ich habe verdammt viel Steuern gezahlt. 50 Millionen Euro Steuern mindestens“.

Damit gelingt es, die Spielsucht – ein persönliches, privates Problem – zum Hauptthema des Interviews zu machen, und das eigentliche – die Öffentlichkeit zu Recht interessierende – Thema einer Steuerhinterziehung in Millionenhöhe als Nebeneffekt der Spielsucht darzustellen. Für eine Verbindung dieser beiden Themen gibt es indes wenig Anlass. Nur, weil ich spielsüchtig bin, muss ich noch lange nicht die dabei erwirtschafteten Gewinne der Steuer vorenthalten. Vor allem aber sind Geschichten von Spielsucht meist auch tragisch, insofern sie mit schweren, existenziellen Verlusten für die Beteiligten und ihr Umfeld einhergehen. Diese deutet auch Hoeneß stets an, dabei besteht das Problem nicht in Verlusten durch seine Spielsucht, sondern in seiner Steuerhinterziehung, den Einnahmen und dem Profit, den er daraus geschlagen hat, sie nicht anzugeben.

Dieses Paradoxon (es geht nicht um Hoeneß‘ Verluste, sondern um seine Gewinne) ist nicht das einzige des Interviews. Florian Hoeneß bittet darum, den Menschen Uli Hoeneß von dessen Tat zu trennen. Das wäre ein nachvollziehbarer Wunsch, ginge es darum, nur über die Verfehlung, nicht über den Charakter zu richten. Die Straftat, die der ganzen Affäre zugrundeliegt, kommt im Interview aber kaum vor. Auf die Frage der Zeit, was als Erklärung für die Steuerhinterziehung tauge, steht als Antwort: „(schweigt lange). Das ist eine gute Frage. Ich weiß es nicht.“

Das Interview ist kein Versuch, den Menschen Uli Hoeneß aus der Kritik an seiner Tat auszunehmen, es ist ein umfassendes Porträt des Menschen Uli Hoeneß, das als Authentifizierungsstrategie eine Art Geständnis in bestem foucaultschen Sinne benutzt. Indem er sich „ganz offenbart“ und vermeintliche Schwächen in der Öffentlichkeit bloßstellt, macht er sich nicht angreifbarer, sondern eben gezielt menschlicher. Im Fokus stehen dabei nur private Aspekte, die die Öffentlichkeit eigentlich gar nichts angingen. Damit bietet er scheinbar mehr, als man von ihm erwarten könnte, tatsächlich jedoch setzt er seine privaten Dramen gleichsam als Schutzschild vor seine tatsächliche Straftat, an der es sehr wohl ein öffentliches Interesse geben könnte.

Florian Hoeneß ist gewissermaßen der Schlüssel für die Wirkungsweise dieser Strategie seines Vaters, beglaubigt er doch als eine Art unmittelbarer Zeuge, dass die Geständnisse seines Vaters „stimmen“, sogar auch, dass die Familie noch kritischer mit ihrem Patriarchen umgehe als die Medien (Uli Hoeneß: „Meine Familie war da in der Analyse besser als ich.“).

Dass Uli Hoeneß in diesem Stadium von Ermittlungen, die durchaus in eine Freiheitsstrafe ohne Bewährung münden könnten, nichts sagt, was ihn vor Gericht belasten könnte, ist übrigens vollauf verständlich. Dass er, statt einfach ganz zu der Sache zu schweigen, versucht, sein öffentliches Image zu pflegen, ist ebenfalls sein gutes Recht. Dass er eine große Wochenzeitung gefunden hat, der es wichtiger war, die mit diesem Scoop verbundene Auflage zu erzielen, als kritischen und unabhängigen Journalismus zu betreiben, ist schon ärgerlicher. Aber nach dem Fall Guttenberg wusste Hoeneß wohl, an wen er sich wenden musste.

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One comment

  1. Frank Lavario

    Hoeness mit Spielsucht gleichzusetzen, wäre mir dann doch zu trivial. Er war sicher nicht wirklich spielsüchtig, denn sonst hätte er seinen Beruf als Manager vom FC Bayern in der Zeit niemals so gut ausfüllen können. Bei einer Sucht geht die Fähigkeit, seinen Job zu machen, immer mehr verloren, und das war bei Hoeness ja gar nicht der Fall.

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