Der talentierte Mr. Großkreutz

Mario Götze kehrt nach seinem Wechsel zum FC Bayern am kommenden Spieltag erstmals ins Westfalenstadion zurück. Mit einem Sieg könnten die Münchner ihren Vorsprung auf sieben Zähler ausbauen, im Titelrennen droht – erst recht nach den kurzfristigen Ausfällen von Mats Hummels, Marcel Schmelzer und Neven Subotic – eine frühe Vorentscheidung. Götze selbst konnte verletzungsbedingt bisher im neuen Club noch nicht überzeugen, doch auch in Dortmund fällt der Verlust des besten Vorlagengebers der letzten Saison kaum ins Gewicht.

Neben Götze musste der BVB in dieser Spielzeit bisher auch auf die verletzten Ilkay Gündogan und Lukasz Piszczek verzichten, in Anbetracht dieses Substanzverlustes spielen die Dortmunder eine starke Saison. Vor allem Rechtsverteidiger Piszczek galt als unersetzlich, trotzdem entschied sich Trainer Jürgen Klopp gegen einen Neuzugang und funktionierte lieber das „taktische Genie“ Kevin Großkreutz um – die Maßnahme fruchtete. In der Statistik-Analyse zeige ich, wie sich die Automatismen in Dortmunds Spiel mit den Neuzugängen Henrikh Mkhitaryan und Pierre-Emerick Aubameyang sowie dem umgeschulten Großkreutz und dem häufig angeschlagenen Marcel Schmelzer verändert haben. Die linke Seite ist nicht erst seit der Niederlage in Wolfsburg eine Problemzone.

Großkreutz: der etwas andere Piszczek

Klopp ist daran gewöhnt, unersetzliche Spieler zu ersetzen. Nach der Meisterschaft 2011 ging Nuri Sahin, ein Jahr später verließ Shinji Kagawa den BVB, in diesem Sommer war es Götze. Der Trainer lag zusammen mit Manager Michael Zorc bei den Personalentscheidungen (Gündogan, Reus, Mkhitaryan) jedoch immer richtig, in Nuancen änderte er mit dem neuen Personal die Taktik seiner Mannschaft.

In dieser Saison betrifft das, losgelöst von Götzes Weggang, die Außenverteidiger – eine schon immer wichtige Schaltstelle im Dortmunder Spiel. Das Duo Piszczek/Schmelzer war seit Jahren konkurrenzlos. Die Hüftverletzung des Polen zwang Klopp zum frühen Umdenken, während die muskulären Probleme von Schmelzer nicht eingeplant waren. Ein Blick in die Daten der vergangenen Saison zeigt, dass Piszczek in der Bundesliga deutlich mehr gelaufen ist als Schmelzer (11,56 zu 10,83 km), weil der Rechtsfuß häufiger den Weg zur Grundlinie fand und Schmelzer mehr aus dem Halbfeld agierte. Und Piszczek war in der Offensive mit insgesamt zehn Assists in Bundesliga und Champions League deutlich effektiver als sein Pendant auf der linken Seite mit nur einer Vorlage. Ansonsten lagen die beiden Außenverteidiger rein statistisch nah beieinander.

Borussia Dortmunds Außenverteidiger im Vergleich.
Sowohl in der Bundesliga als auch in der Champions League ist Kevin Großkreutz bei Borussia Dortmund stärker ins Spiel eingebunden. (Quellen: bundesliga.de und whoscored.com)

In den bisherigen 16 Saisonspielen in Bundesliga und Champions League vertrat Kevin Großkreutz Piszczek auf der rechten Seite, nur beim 1:1 in Nürnberg spielte der Dortmunder Junge im Mittelfeld. Dabei brauchte Großkreutz zu Beginn der Saison einige Spiele, um sich an die neuen Aufgaben zu gewöhnen. Klopp wusste sowohl um dessen Laufstärke, als auch um das im Vergleich zu Piszczek geringere Sprintvermögen. Großkreutz schaltet sich trotzdem in sehr viele Angriffe des BVB ein, allerdings nicht als frühe Konteroption – so wie es bei Piszczek häufig war. Auch deshalb war Großkreutz bisher erst an zwei Toren direkt beteiligt, wobei die Vorbereitung des 2:1-Siegtreffers im Hinspiel gegen den FC Arsenal aus genau so einer, für Großkreutz untypischen, Kontersituation entstand.

Zog Großkreutz in den ersten Spielen gegen Augsburg, Bremen oder Frankfurt noch relativ früh in die Mitte und machte somit die Räume eng, hält er mittlerweile konsequenter die rechte Außenbahn. Und er findet immer häufiger den Weg bis zur Grundlinie. Anders als der oft flach herein passende Piszczek wählt Großkreutz allerdings die Option einer hohen Flanke (durchschnittlich über drei Flanken in der Bundesliga und fast fünf in der Champions League).

Großkreutz als wichtige Option im Spielaufbau

Ähnliche Laufbereitschaft, weniger Torbeteiligungen, mehr Flanken – diese Punkte waren im Vergleich Großkreutz – Piszczek durchaus erwartbar. Deutlich überraschender ist die Tatsache, dass sich das Dortmunder Spiel mit Großkreutz ein ganzes Stück nach rechts verlagert hat, wie diese Grafik mit der prozentualen Verteilung der eingeleiteten Angriffe zeigt:

Der BVB überlädt in der laufenden Saison vermehrt die rechte Seite.
Der BVB überlädt in der laufenden Saison vermehrt die rechte Seite. (Quelle: whoscored.com)

Doch auch das hat Gründe: Großkreutz verteidigt zwar ähnlich hoch wie Piszczek, steht in der Summe jedoch tiefer als der Pole, nämlich knapp hinter der Mittellinie. Großkreutz wird häufiger in die Spieleröffnung einbezogen, mit durchschnittlichen 84 Ballkontakten in der Bundesliga verbucht er in dieser Kategorie 14 Kontakte mehr als Piszczek im vergangenen Jahr. Während Piszczek im Rücken seines Landsmanns Blaszczykowski auf vertikale Steilpässe lauerte, steht Großkreutz tiefer und wird mit kurzen Pässen von den rechten Innenverteidigern Sokratis und Neven Subotic gesucht. Wenn die erste Verteidigungslinie der Gegner erstmal überspielt ist, schaltet sich Großkreutz dann allerdings auch regelmäßig in die Angriffe ein.

Und es gibt noch einen weiteren Faktor, der das nach rechts verlagerte Spiel des BVB erklärt. Gündogan-Vertreter Nuri Sahin, der im Vergleich zu Gündogans Leistungen der vergangenen Saison häufiger selbst den Abschluss sucht, an mehr Torchancen direkt beteiligt ist, dafür aber eine schlechtere Passquote vorweist, ist Linksfuß und kann die langen, vertikalen Pässe leichter auf die rechte Seite schlagen.

Schwarz-Gelb macht es wie Königsblau

Der stärkere Fokus auf die rechte Dortmunder Seite liegt somit nicht nur in der Präsenz von Großkreutz begründet. Auch im letzten Drittel verschiebt sich der BVB vermehrt nach rechts, weil der in dieser Saison konstant auf dem linken Flügel eingesetzte Reus häufig seine Seite verlässt und zusammen mit Mkhitaryan für ein Überladen des rechten Flügels sorgt. BVB-Fans werden es nicht gerne lesen, aber die Borussia bedient sich eines Schalker Stilmittels, wo Jefferson Farfán seit Jahren im Zentrum der überladenen rechten Seite steht.

In den Spielen gegen Augsburg (4:0), Braunschweig (2:1), Freiburg (5:0), Marseille (3:0) und Mönchengladbach (0:2) lag der Anteil der über rechts ausgespielten Angriffe sogar deutlich über 40 Prozent, in diesen Partien kombinierten sich Mkhitaryan, Reus, Großkreutz und Blaszczykowski bzw. Aubameyang sehr häufig über die rechte Seite in den gegnerischen Sechzehner und kamen in den fünf Spielen auf zusammen 63 Torschüsse. Gegen Freiburg, Marseille und Gladbach spielte zudem Youngster Erik Durm auf der linken Seite, der sich ganz bewusst auf defensive Stabilität konzentrieren sollte und in der Offensive weniger ins Spiel eingebunden wurde.

Klopp und der BVB verringern mit der gestärkten rechten Seite auch die Abhängigkeit von Mats Hummels als Spieleröffner. Wurde der Innenverteidiger in der vergangenen Saison konstant früh angelaufen, hakte es im Spielaufbau der Borussia gewaltig – diese Berechenbarkeit kam in dieser Spielzeit kaum zum Tragen.

Und der Fußball ist ohnehin im steten Wandel, der VfL Wolfsburg fand am vergangenen Spieltag als erste Mannschaft eine adäquate Antwort auf die neue Rechtslastigkeit des BVB. Ivica Olic, Maximilian Arnold und Ivan Perisic schafften es im Verbund, die rechte Dortmunder Seite zu isolieren. Da zudem Luiz Gustavo und Slobodan Medojevic sehr eng bei Reus und Mkhitaryan standen, lag die Anzahl der über rechts eingeleiteten Angriffe immer noch bei überdurchschnittlichen 44 Prozent, Wolfsburg verhinderte durch konsequente Zweikampfführung aber das übliche Kombinationsspiel des BVB und den nötigen Zug zum Tor.

Der isolierte Schmelzer

Gegen die Wölfe fiel darüber hinaus eine Asymmetrie negativer ins Gewicht als im bisherigen Saisonverlauf. Reus‘ durchschnittliche Positionierung im linken Mittelfeld hat sich im Vergleich zur vergangenen Saison nicht verändert, allerdings spielte er in der vergangenen Saison in der Bundesliga insgesamt nur 14 Mal auf links. In den übrigen Spielen lösten sich Großkreutz, Perisic, Götze, Bittencourt, Schieber und Blaszczykowski ab, die allesamt die Seite deutlich disziplinierter hielten.

Während die offensiven Außenbahnspieler des BVB ihre Positionen nahezu identisch zur vergangenen Saison interpretieren, stehen die Außenverteidiger tiefer, was vor allem bei Kevin Großkreutz ein wichtiger Faktor ist.
Während die offensiven Außenbahnspieler des BVB ihre Positionen nahezu identisch zur vergangenen Saison interpretieren, stehen die Außenverteidiger tiefer, was vor allem bei Kevin Großkreutz ein wichtiger Faktor ist. (Quelle: whoscored.com)

Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass Schmelzer als Linksverteidiger in dieser Saison vermehrt auf sich allein gestellt war. In Bestform kein Problem, aber Schmelzers Spiel benötigt totale Fitness und die ging dem Nationalspieler nach körperlichen Problemen in der Vorbereitung und dem wochenlangen Ausfall wegen eines Muskelfaserrisses ab. Nun hat sich Schmelzer erneut verletzt, beim BVB hoffen die Verantwortlichen inständig, dass zumindest der angeschlagen von der U 21 abgereiste Erik Durm Grünes Licht für einen Einsatz gegen die Bayern geben wird.

Schmelzer konzentrierte sich wegen der körperlichen Defizite mehr auf die Defensive und schaltete sich nicht so häufig in die Angriffe ein – vor allem erkennbar an den mehr gelaufenen Kilometern von Vertreter Durm (11,95 km). Im Endeffekt bekommt der Youngster den Ball gar nicht häufiger als Schmelzer, mit seinen Tempoläufen bindet er aber einen Gegenspieler (Lahm oder Rafinha) und bietet seinen Mitspielern zumindest die Option eines Anspiels. Das fiel Schmelzer im bisherigen Saisonverlauf noch schwer.

Wolfsburgs Trainer Dieter Hecking erkannte diese Schwäche und so schaffte es sein VfL beim 2:1-Heimerfolg als erstes Team, Schmelzers Schwächen sowohl defensiv als auch offensiv auszunutzen. Die Pass- (60 Prozent gesamt, 27 Prozent in der gegnerischen Hälfte) und Zweikampfquoten (50) des Linksverteidigers waren katastrophal, er war zu keiner Phase in der Lage, die zugestellte rechte Seite der Dortmunder zu entlasten. Auch wegen Reus‘ verschobener Position, aber vor allem wegen Schmelzers fehlender Fitness, Laufstärke und Zweikampfhärte konnten die Wölfe mit Patrick Ochs ihre rechte Seite dominieren und durch Olic über eben diese Seite den Siegtreffer erzielen. Durm kann da läuferisch besser mithalten, ihm fehlt nach insgesamt nur fünf Pflichtspielen als Außenverteidiger aber die nötige Erfahrung.

Die Lehren vor dem Topspiel

Wenn schon Ochs, Caligiuri und Olic im Verbund für massive Schwierigkeiten beim BVB sorgen konnten, wie soll das erst gegen Rafinha, Philipp Lahm, Thomas Müller, Arjen Robben oder Mario Mandzukic laufen? Defensiv geht es für die Dortmunder deshalb darum, kompakter zu stehen und Durm mehr Unterstützung zukommen zu lassen, als sie Schmelzer gegen Wolfsburg erhalten hat. Gefordert sind dabei der wahrscheinliche Hummels-Vertreter Sven Bender (ich glaube nicht an den kurzfristig verpflichteten Manuel Friedrich als ernsthafte Startelf-Option gegen die Bayern), Kapitän Sebastian Kehl als Bender-Ersatz auf der Doppelsechs und Reus.

Reus wird defensiv weitere Wege gehen müssen, Bender und Kehl sollten etwas näher an Durm heranrücken – ein erneut isolierter Linksverteidiger dürfte gegen rechtslastige Bayern, die in der Bundesliga 40 Prozent ihrer Angriffe über rechts einleiten, zu einem unlösbaren Problem werden.

Die veränderte BVB-Statik birgt für den Herausforderer aber auch Chancen. Denn auch wenn der verletzt fehlende Franck Ribéry wesentlich disziplinierter seine defensiven Pflichten erfüllen konnte und David Alaba an seiner Zweikampfstärke gearbeitet hat (Saison 2012/13: 55 Prozent, Saison 2013/14: 59 Prozent), so bleibt Bayerns linke Seite defensiv anfällig. 28 Prozent der gegnerischen Torschüsse lassen die Münchner über die linke Abwehrseite zu – ein im Vergleich mit den anderen Topteams der Bundesliga hoher Wert.

Wenn der ausgeruhte Großkreutz („Ich werde mich in jeden Zweikampf werfen“) defensiv gut gegen den wahrscheinlichen Ribéry-Ersatz Mario Götze steht und auch noch zum Überladen der rechten Seite beitragen kann, wird er die prognostizierte Schlüsselrolle für den BVB ausfüllen können. Unter den gegebenen Umständen (die Stamm-Viererkette aus den Meisterjahren fällt komplett aus) wäre ein Punktgewinn für die Borussia aber schon ein Erfolg.

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7 comments

  1. Sommer in der Stadt

    Nun ja.
    Mindestens so albern wie Klopps China-Vergleich ist hier die Referenz an Schalke. Seit wann hat Schalke auf rechte Überladung das Copyright?
    Außerdem benötigt keinen Heureka-Moment um zu erkennen, dass die linke Seite mit einem unfitten Schmelzer anfälliger ist als mit einem fitten Schmelzer (#Binsenweisheit). Es ist im Gegenteil erstaunlich, dass erst Wolfsburg es geschafft hat, aus dieser Schwachstelle Kapital zu schlagen und nicht schon viele andere Mannschaften vorher. Wie viele Gegentreffer des BVB sind diese Saison (wettbewerbsübergreifend) über Schmelzers Seite gefallen, die er eindeutig zu verantworten hat?
    Der Text suggeriert, Durm hätte die Gegenspieler Lahm oder Rafinha gebunden. Wann war das? Zum guten Schluss: „… durchschnittlich „über“ drei Flanken in der Bundesliga …“. Gemeint sind wohl durchschnittlich „mehr als“ drei Flanken?

  2. DC

    Hallo,

    sehr sehr professionelle Analyse der vielleicht interessantesten Position bei der vielleicht interessantesten Mannschaft Europas, die den linken und den rechten AV so gleich und doch so unterschiedlich interpretieren lassen. Mir gefallen die Grafiken, von den Graphen bis hin zu den Aufstellungen, auch sehr gut. Weiter so!

  3. mischl

    Sehr schöner artikel, vor allem die eingebauten Zahlen untermauern super deine meinung. DIe reusposition ist aber ein wenig schwer zu deuten, da im rechten BIld eine position mehr ist. Hier wären entweder
    – zusammenlegung des RA
    – mehrere Bilder mit verschiedenen Pärchen
    hilfreich, aber natürlich mehr Arbeit 😛
    Zum Ende bin ich aber ein wenig verwirrt, „28 Prozent der gegnerischen Torschüsse lassen die Münchner über die linke Abwehrseite zu – ein im Vergleich mit den anderen Topteams der Bundesliga hoher Wert.“
    Was sind denn die anderen Werte? Wie ist hier die Verteilung? Ausgehend von etwas wie 25 50 25 ist 28 ja nicht hoch, die Gegner auf außen zu lenken ist ja auch nicht gerade dumm, weshalb ich gar nicht von 25 50 25 ausgegangen wäre.

    • Marcus Krämer

      @mischl:
      Vielen Dank für Deine Einschätzung und Kritik.
      Kurz zur Einordnung der Münchner Anfälligkeit über die linke Seite: Beim BVB liegt die Verteilung bei 17 % links, 19 % rechts und 64 % Mitte. Bei Leverkusen sind es 24 % links, 18 % rechts und 59 % Mitte. Bei Gladbach sind es 20 % links, 19 % rechts und 61 % Mitte. Völlig logisch lassen alle Teams die meisten Schüsse aus zentraler Position zu, der Wert von 28 % über Bayerns linke Seite ist dann durchaus ein erwähnenswerter Wert.

      Sportlicher Gruß,
      Marcus

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  5. Ping: Pech kommt selten allein - Eine Analyse zum BVB › Gegen den Ball

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