Di Matteo-Überraschung. Ein Balanceakt.

Nach 22 Monaten ist Jens Kellers Zeit auf Schalke abgelaufen. Seine reine Ergebnis-Bilanz war zwar insgesamt zufriedenstellend, sein Fußball hinterließ aber viele Fragezeichen. Dieses Satzzeichen stellt sich derzeit auch hinter dem neuen Übungsleiter. Roberto Di Matteo ist ein Neuling in der Bundesliga. Gegen den Ball hat sich seinen Werdegang einmal angesehen.

Roberto Di Matteo

Der 44-jährige Coach wurde in der Saison 2011/12 Champions League- und FA Cup-Sieger mit Chelsea. Sein Wirken als Trainer begann allerdings in den Niederungen der League One (dritte englische Liga). Dort erreichte er mit Milton Keynes den dritten Tabellenplatz, scheiterte dann jedoch in den Aufstiegsplayoffs. Dennoch holte ihn der Zweitligist West Bromwich Albion, mit dem ihm 2009/10 der Aufstieg in die Premier League gelang.

Dort wurde Di Matteo im Februar 2011 auf Platz 17 liegend gefeuert. “Roberto wurde ein Opfer der ‘Hire and Fire’-Mentalität, unter der das Fußballgeschäft heute leidet”, kommentierte damals Richard Bevan, Chef der League Managers Association gegenüber thenational.ae. Der Geschasste konnte die Entlassung später mit Humor nehmen. “Schaut, wo ich jetzt bin”, sagte er rückblickend als Chelsea-Coach. “Ich glaube also, die Entlassung damals war keine so schlechte Sache”, so der spätere CL-Sieger mit einem Lächeln.

Viele deutsche Fußballfans sind der Meinung, der Champions League-Sieg unter Di Matteo sei unverdient gewesen, da er nur Glück gehabt habe. Dieser Eindruck täuscht. Bis zum Titelgewinn schlug Chelsea immerhin Leverkusen, Genk, Valencia, Neapel, Benfica und den FC Barcelona. Die Spielweise der Blues war gegen den FC Bayern und zuvor gegen Barcelona zwar ultradefensiv und damit nicht unbedingt attraktiv, doch genau hier liegt die Stärke von Di Matteo.

Er hatte erkannt, dass sein Team spielerisch mit Barcelona und Bayern nicht mithalten kann und wählte eine defensive Einstellung. Das ist nicht nur legitim, sondern genau das, was ein Fan oder Clubboss von seinem Trainer erwartet. Er holte das Beste aus seinen Möglichkeiten heraus.

Aber noch einmal zum Thema Spielstil: Bei Chelsea hatte Di Matteo Andre Villas-Boas beerbt. Der Konzept-Trainer Villas-Boas hatte zuvor in einem 4-3-3-System spielen lassen, Di Matteo wich davon ab. Das Team agierte nun nicht mehr hochstehend und die Zeit des konsequenten Pressings war vorbei. Der Italiener gab den Leistungsträgern und alten Haudegen das Selbstvertrauen zurück und spielte den Fußball, der mit den vorhandenen Spielertypen möglich war.

Gegen Barcelona und Bayern rückte zeitweise ein fünfter Spieler in die Abwehrkette, um den Raum so kompakt wie möglich zu halten. Der Stempel, ein Trainer zu sein, dessen Konzept einzig die defensive Spielweise ist, haftet Di Matteo bis heute an. Dabei wurde er gerade, als er bei Chelsea mit zum Teil neuem Personal ein gepflegtes Kurzpassspiel aufziehen wollte, schon wieder gefeuert.

Der vermeintliche Defensiv-Spezialist war mit seinem Team zu diesem Zeitpunkt auf der Suche nach der Balance zwischen Offensive und Defensive. “Jeder will die Spieler zaubern sehen, aber um Spiele zu gewinnen, musst du Balance schaffen. Das ist die Herausforderung”, sagte er damals. Je mehr Di Matteo für das offensive Spiel tat, desto problematischer wurde die Lage.

Nach seiner Entlassung äußerte sich John Obi Mikel: „Ich glaube, wir haben schon ein gutes Spiel nach vorne entwickelt, aber wenn man den Ball verliert, dann muss man verteidigen, das geht nicht mit nur sechs Spielern, das musst du mit dem ganzen Team machen.“ Chelsea hatte also ähnliche Probleme wie Schalke. Das kollektive Verteidigen und defensive Umschalten funktionierten nicht.

Fazit: Das Vorurteil, Roberto di Matteo sei ein reiner Defensiv-Trainer, stimmt nicht. Di Matteo lässt einen positionsbezogenen Fußball spielen und richtet sich nach dem vorhandenen Spielermaterial. Er ist ein Trainer, der viel mit den Spielern spricht. Da er die deutsche Sprache fließend beherrscht, wird er kaum Anpassungsprobleme haben.

Horst Heldt entschied sich mit Di Matteo für eine Lösung, bei der man sich auf die internationale Erfahrung und den nachweislichen Erfolg des Kandidaten auf höchster Ebene berufen kann. Welche Idee Di Matteo vom Spiel mit dem Ball hat, wird man vermutlich erst in einigen Wochen beurteilen können. Zuletzt verlor Schalke Spiele, in denen das Team das Spiel machen musste. An dieser Stelle muss der neue Coach ansetzen. Das Team ist auf der Suche nach der richtigen Balance zwischen Angriff und Abwehr. Insofern darf Roberto Di Matteo in gewisser Weise dort weiter machen, wo er bei Chelsea aufgehört hatte.

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2 comments

  1. Ping: Schalkes Probleme unter Jens Keller | Halbfeld­flanke
  2. Jörn

    Komischerweise war Jens Keller auf internationaler Ebene gesehen doch sehr erfolgreich. Natürlich waren die Leistungen der Schalker in der Bundesliga nicht berauschend, aber wie man sieht geht es den Dortmundern und den Bayern auch nicht viel besser. Die Dortmunder quälen sich und die Bayern haben Glück, daß sie mit einem breit aufgestellten Kader ihre Spiele nach Hause bringen können. Denn wirklich überzeugend waren die Leistungen der Münchner auch nicht. Auf Schalke verliert man leider zu oft die Nerven. Anstatt dem Trainer den Rücken zu stärken, hat man ihn auch intern zu oft angezweifelt. Ob dies bei Di Matteo anders wird bleibt wohl nur abzuwarten!

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