Die BVB-Bredouille

Die Technische Universität Braunschweig hat Borussia Dortmund in der „Fußballstudie 2013 – die Markenlandschaft der Fußball-Bundesliga“ zum Markenmeister 2013 gekürt. Mit den Stichworten Emotionalität, Authentizität, Bodenständigkeit und Familiarität distanzierte der BVB laut Studie nicht nur Erzrivale Schalke 04 (4. Platz), sondern auch den Giganten FC Bayern (2. Platz). Auch vor dem deutschen Champions League-Finale gehörte der Borussia die Sympathie der Mehrheit der neutralen deutschen Fans.

Fakt ist aber auch: Sympathie schießt keine Tore, das weiß am besten der FC St. Pauli (3. Platz). Ersetze Sympathie durch Geld und schon wird – Fußball-Romantiker müssen kurz wegschauen – die moderne Erfolgsformel sichtbar. Und die Dortmunder haben viel Geld, deshalb sollte doch alles im schwarz-gelben Lack sein. Ist es aber nicht, denn der BVB tut sich schwer mit der Kadervergrößerung, es hagelt Absagen oder überhöhte Forderungen.

Doch das sind nicht die einzigen Probleme in Dortmund. In Abwesenheit des urlaubenden Jürgen Klopp tappt der BVB von einer schlechten Schlagzeile in die nächste. Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke und Manager Michael Zorc fehlen die mediale Leichtigkeit ihres Trainers. Wenn ich die aktuelle Lage in Dortmund zusammenfasse, sehe ich mehr Schwierigkeiten als Chancen:

Der Fall Lewandowski

In meinen Augen ist es zu kurzsichtig, die Schuld am Theater um den polnischen Stürmer nur beim Berater-Duo Maik Barthel und Cezary Kucharski zu suchen. Sicher, Barthel und Kucharski sind so weit von den Musterknaben ihrer Branche entfernt, wie Tahiti von professionellem Fußball. Sogar der Verband der Deutschen Fußballspieler-Vermittler (DFVV) hat die Vorgehensweise der Berater an den Pranger gestellt. „Den Spieler monatelang wie die Sau durchs Dorf zu treiben, ist nicht gerade Ausdruck seriösen Beratergebarens“, sagte der DFVV-Geschäftsführer Gregor Reiter.

Aber Lewandowskis Vertraute verfolgen ein klares Ziel. Sie wollen den Angreifer mit den kontinuierlich gestreute Informationen vor Ablauf des bis 2014 laufenden Vertrags bei einem anderen Club unterbringen, nur dann können sie die übliche Provision einstreichen. So ähnlich setzten Barthel und Kucharski ihre Interessen auch vor drei Jahren durch, als Lewandowski von Lech Posen zum BVB wechselte und der polnische Club medial unter Druck gesetzt wurde. Lewandowskis Image ist dabei zweitrangig, so lange neben der Leistung der Euro stimmt.

Ganz schuldlos am Status Quo ist jedoch auch der BVB nicht. Denn es war frühzeitig klar, dass Lewandowski der Verein verlassen möchte und ein Ultimatum vermittelt grundsätzlich die Bereitschaft zu Verhandlungen. Als dann jedoch Mario Götzes Transfer nach München bekannt war, waren die Dortmunder nicht mehr bereit, den zweiten Leistungsträger an den großen Konkurrenten zu verlieren. Verständlicher Gedankengang, einzig die Umsetzung dauerte viel zu lang. Zwischen der Götze-Bombe (23. April) und dem Transferverbot zu den Bayern (9. Juni) lagen fast sieben Wochen.

Dazwischen verging kaum ein Tag ohne Gerücht, Zitat oder Info zu diesem Thema. Mittendrin die berechnenden Berater, ein hoffnungsvoller Stürmer und abwartenden Bayern, die Lewandowski zwar gerne hätten, aber auch ohne ihn einen exzellenten Kader haben.

Die Dortmunder hätten mit einer frühzeitigen Positionierung – selbst der endgültige Transfer-Stopp ließ nach der Ansage in Richtung Bayern noch eine Woche auf sich warten – für klare Verhältnisse sorgen und den Spielraum für Interpretationen viel kleiner halten können.

Nun ist die Lage kompliziert, denn eine Garantie für die von Watzke geforderte „Charakterstärke“ Lewandowskis gibt es nicht. Stattdessen könnte sich der Pole a) hängen lassen und nicht mehr zur vollen Leistungsstärke zurückfinden, oder er drängt b) bis zum Ende der Transferperiode Anfang September auf einen Wechsel und sorgt weiter für Unruhe. In beiden Fällen fehlt im Dortmunder eine Alternative, Julian Schieber konnte seine Tauglichkeit als einzige Spitze im BVB-System noch nicht unter Beweis stellen.

Die großen Gewinner dürften am Ende die Bayern sein, mit all ihrer bekannten Scheinheiligkeit. Auf der einen Seite vertragsbrüchige Spieler anprangern sowie die Furcht vor spanischen Verhältnissen äußern, andererseits lassen sie Lewandowskis Berater gewähren, verzichten jedoch auf ein offizielles Angebot, weil Zwist beim größten Konkurrenten mehr wert ist. Sympathie schießt keine Tore.

Die Gehälter steigen um 40 Prozent

Beim Thema Sympathie fällt der Brückenschlag zu Aki Watzke schwer. In schöner Regelmäßigkeit poltert der Geschäftsführer als Bad Cop des BVB durch die Liga. Abgesehen von den ständigen Lewandowski-Kommentaren trat Watzke vor einigen Tagen völlig unnötig gegen Felipe Santana nach, als er dem Brasilianer mangelnde Intelligenz vorwarf. In der Außendarstellung präsentierte sich der Vize-Meister zuletzt eher dilettantisch.

Zumindest einmal meldete sich Watzke aber mit einem wichtigen Thema zu Wort. „Wir werden in der kommenden Saison ein Gehaltsbudget von 67 bis 68 Millionen Euro haben. Das ist sicher schon deutlich mehr als vor zwei, drei Jahren. Aber verglichen mit anderen Teams in Europa ist es nicht viel“, sagte Watzke. Das 40-prozentige Wachstum sei „harmonisch“.

Kritiker zweifeln an der Echtheit der Zahlen und veranschlagen den Etat viel höher. Schwarzmaler sehen dagegen schon wieder Maßlosigkeit und erinnern an die Fast-Insolvenz 2005. Für mich ist dieser Pessimismus reiner Populismus, zumindest in dieser Frage befindet sich der BVB auf dem richtigen Weg.

Viele Problemzonen im ausgedünnten Kader

Ich komme nun zu den sportlichen Aspekten und hier ist die To-do-Liste ohnehin schon lang genug. Nicht erst seit dem verlorenen Champions League-Finale, als die Bayern auch wegen der ausgeruhten Spieler und der größeren Fitness gewinnen konnten, ist klar, dass der Kader der Borussia eine herausragende Startelf mit vier, fünf zusätzlichen Optionen bietet.

Dahinter fehlt es an Qualität, was Watzke schon im März zu folgender Ansage verleiten ließ: „Wir werden im Sommer deutlich investieren. Sowohl in die Breite als auch in die Tiefe.“ Trainer Klopp legte nach dem Saisonende nach, er kündigte „einige“ Transfers an.

Daran müssen sich die Verantwortlichen messen lassen, knapp zwei Wochen vor dem Trainingsauftakt gibt es deutlich mehr Problemzonen als Neuzugänge. Bisher wurde nur Sokratis von Werder Bremen für die Viererkette verpflichtet, dem stehen mit Götze, Leonardo Bittencourt, Felipe Santana, Moritz Leitner, Patrick Owomoyela sowie den nicht zurückkehrenden Leihspielern Julian Koch und Daniel Ginczek sieben Abgänge gegenüber. Einzig im Tor und im defensiven Mittelfeld besteht kein Handlungsbedarf:

  • Innenverteidigung: Mats Hummels und Neven Subotic werden wieder als Stamm-Pärchen in die Saison gehen, Neuzugang Sokratis wird die Hinrunde über als Rechtsverteidiger für den verletzten Lukasz Piszczek benötigt. Das Trio darf sich nicht verletzen, Ruhepausen sind auch nicht möglich. Deshalb muss ein vierter Innenverteidiger her. Offen ist noch die Rolle von Lasse Sobiech, der eigentlich von Greuther Fürth zurückkehren würde. Es fehlt das Zutrauen in das Talent.
  • Außenverteidigung: Schon in der vergangenen Saison mussten Marcel Schmelzer und Piszczek nahezu durchspielen – Piszczek fällt wegen der hohen Belastung nun nach einer Hüft-OP für vier oder fünf Monate aus. Chris Löwe floh schon im Winter nach Kaiserslautern, Oliver Kirch kann auf höchstem Niveau nicht mithalten und somit mussten Kevin Großkreutz und Sven Bender aushelfen. Ich halte beide Mittelfeldspieler nur für eine Notlösung, auch auf Außen muss dringend nachgelegt werden.
  • Offensive Außen: Wenn ich Marco Reus, der auch für die zentrale Position in Frage kommt, hinzurechne, gibt es derzeit fünf Spieler für zwei Positionen. Klingt fast nach Luxus, dazu gehören mit Schieber, Großkreutz und dem neu mit einem Profivertrag ausgestattetem Jonas Hofmann jedoch drei Akteure, die nicht zur Startelf gehören werden. Bleiben Reus und Kuba Blaszczykowski, auch diese Baustelle ist existent.
  • Der Götze-Nachfolger: Im zentralen offensiven Mittelfeld gibt es mit Reus und Ilkay Gündogan zwei interne Nachfolger, wobei ich Gündogan auf der Doppelsechs wesentlich stärker sehe.
  • Sturm: Mit dem Veto Richtung Lewandowski ist für viele Experten und Fans der Fall im Angriff des BVB erledigt. Das sehe ich anders. Die Dortmunder sollten nicht noch ein Jahr warten, um einen Nachfolger für den Topscorer der letzten Saison zu verpflichten. Das System der Borussia ist anspruchsvoll, Lewandowski konnte auch ein Jahr hinter Lucas Barrios reifen.

Fehler auf dem überhitzten Transfermarkt vermeiden

Wie viele Spieler der BVB nun verpflichten möchte, ist nicht bekannt. Die finanziellen Möglichkeiten und die Ansprüche an die Neuzugänge sind dagegen sehr wohl bekannt. Deshalb müssen sich Zorc, Watzke und Klopp gerade in Geduld üben, was angesichts des nahenden Trainingsstarts nicht leicht fallen wird.

Die Borussia steckt in einer Zwickmühle: Es sind viele gute Spieler auf dem Markt, sofortige Wechsel werden aber mehr kosten, als der BVB ausgeben will. Ein Ausreizen der Transferperiode gefährdet auf der anderen Seite das Gelingen der gesamten Hinrunde – immerhin geht es nicht um die Integration eines Spielers.

Fast täglich gibt es neue oder zumindest aufgewärmte Spekulationen rund um den BVB. Meist geht es um offensive Mittelfeldspieler, der Abgang von Götze wiegt für die spekulationswütigen Medien halt am schwersten. Ich will mich nicht auf dieses dünne Eis begeben, denn Kevin de Bruyne, Isco, Christian Eriksen, Bernard, Cristian Tello, Thiago oder Miralem Pjanic sind allesamt hervorragende Spieler, und wenn am Ende eines dieser Talente in Dortmund landet, darf sich die Bundesliga freuen. Für den Angriff habe ich bereits im März gescoutet – auch wenn nicht mehr alle Namen verfügbar sind, stehen weiterhin ein paar interessante Profis auf dieser Liste.

Insgesamt ist ein verändertes Verhalten auf dem Transfermarkt zu erkennen. Ich vermute, weil die rasante sportliche Entwicklung die Verantwortlichen selbst überrascht hat. Klopp und Zorc waren in den vergangenen Jahren immer sehr gut darin, frühzeitig aufstrebende Talente (Kagawa, Lewandowski, Hummels, Gündogan) für eine moderate Ablöse zu verpflichten. Das hat bisher nicht geklappt und wird in Zukunft auch schwierig bleiben, weil 1) die eigenen Ansprüche an die Neuzugänge gewachsen sind und der BVB 2) von anderen Vereinen als Big Player wahrgenommen wird.

Letztlich wäre die Borussia gut beraten, auf Zeit zu spielen. In dem Bestreben, mit den Bayern mithalten zu wollen, haben in der Vergangenheit schon einige Clubs (Stuttgart, Wolfsburg) Fehler gemacht, die sie haben abstürzen lassen. Die nationalen Ziele (erneute Qualifikation zur Champions League) wird der BVB trotz der Ungeduld der eigenen Fans erreichen, in der Königsklasse wird sich der BVB mit einem verspäteten Umbruch allerdings weitaus schwerer tun.

Schwierige Saison oder neue Pressingmaschine?

„Ich habe gelesen, dass uns die schwierigste Saison bevorsteht. Die These empfinde ich als unsinnig. Weil wir eine so große Qualität und Basis haben. Ich bin da ziemlich positiv. Wir bauen eine neue Mannschaft. Eine neue Pressingmaschine. Dann gucken wir, was wir aus dieser Saison wieder rauspressen können.“

Diese Worte stammen von Jürgen Klopp, wohlgemerkt äußerte er sie Ende Mai. Wenn der Trainer dann am 4. Juli tatsächlich mit einem 20-Mann-Kader (die Herren Günter, Bakalorz, Hofmann und Bajner sind schon eingerechnet) in die Vorbereitung starten muss, wird er etwas anders darüber denken. Der BVB startet schon als letztes Bundesliga-Team in die Vorbereitung und die körperliche Fitness ist für das Dortmunder Spiel elementar.

Es warten allerdings noch weitere Herausforderungen auf Schwarz-Gelb. Der FC Bayern ist sportlich deutlich enteilt, die eigene Erwartungshaltung und vor allem die des Umfelds wird jedoch nicht geringer. Ambitionierte Spieler wie Mats Hummels, Ilkay Gündogan und Marco Reus werden deshalb genau hinschauen, wie die Entwicklung weitergeht – das Champions League-Finale in London soll nicht das letzte in ihrer Karriere gewesen sein. Und im Gehaltsgefüge ist mit neuen Stars das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht. Wenn es der BVB schafft, daraus keinen finanziellen Teufelskreis entstehen zu lassen, wird Klopp mit seiner Einschätzung Recht behalten. Meine Zweifel besänftigt das trotzdem nicht.

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