Die dümmsten Bauern haben die dicksten Eier

Der Berufsstand des „Fußball-Experten“ gehört auf den Prüfstand, nein besser: er gehört abgeschafft. Wer sich in den vergangenen Wochen schon über „Leidenschaft-Oli“ im ZDF oder den sympathischen, aber völlig ahnungslosen Giovane Elber in der ARD echauffiert hat, der hätte nach dem Lesen der „Experten-Schelte“ eines großen deutschen Sportportals einen Löschantrag bei google stellen müssen.

In bester Stammtisch-Manier stellt Thomas Strunz das komplette System in Frage. Andy Brehme glaubt, den WM-Titel 1990 nur wegen „dickerer Eier“ gewonnen zu haben. Toni Schumacher sieht keine Einheit auf dem Platz. Pierre Littbarski kritisiert ganz allgemein die deutsche Abwehrleistung bei der WM. Und Thomas Berthold weiß in seiner Kolumne, dass man mit vier Innenverteidigern nicht Weltmeister werden könne. Gut gebrüllt, Experte.

Dabei hat Bundestrainer Joachim Löw vieles, wenn auch nicht alles, gut und richtig gelöst. Die Entscheidung für vier Innenverteidiger ist eine Reaktion auf die fehlende defensive Stabilität in den Monaten vor der WM. Die lange Rekonvaleszenz von Sami Khedira und Bastian Schweinsteiger hat Philipp Lahm zum Mittelfeldspieler werden lassen. Die Pass-Dominanz im Mittelfeld macht es jedem Gegner schwer, Torchancen zu kreieren. Und besonders wichtig: Löw hat seiner Mannschaft einen nüchterneren Stil angeeignet, der eben nicht spektakulär, aber sehr erfolgsorientiert ist. Das DFB-Team ist erwachsen geworden.

Im Hinblick auf das anstehende Viertelfinale gegen Frankreich gilt es nun aber natürlich wieder, die Stärken und Schwächen des Gegners zu analysieren, wie Gegen den Ball es schon vor den Partien gegen die USA und Algerien gemacht hat. Da ich kein Länderspiel absolvieren durfte, ist die folgende Taktikvorschau auf das Viertelfinale gegen Frankreich als Bewerbungsschreiben für den Job als Ghostwriter von Andy Brehme zu verstehen:

Frankreich mit Giroud oder Griezmann?

Die Équipe Tricolore hat in den bisherigen vier WM-Partien unter Beweis stellen können, warum wir sie vorab zu einem Geheimfavoriten gemacht haben. Ob unsere Prognose (WM-Aus im Viertelfinale gegen Deutschland) tatsächlich aufgeht, werden wir womöglich erst nach 120 Minuten oder einem Elfmeterschießen wissen. Denn ich erwarte ein sehr enges Duell, klare Vorteile für Frankreich kann ich ohnehin nicht erkennen.

Trainer Didier Deschamps muss wie Löw mit Diskussionen um seine Startelf leben. Unumstrittene Stammspieler sind Torhüter Hugo Lloris, die Abwehrspieler Patrice Evra, Raphael Varane und Mathieu Debuchy, die Mittelfeldspieler Johan Cabaye und Blaise Matuidi sowie im Angriff Karim Benzema und Mathieu Valbuena. In der Innenverteidigung scheint Laurent Koscielny mittlerweile erste Wahl vor Mamadou Sakho zu sein und in dem starken Mittelfeld-Block hat Paul Pogba die Denkpause gegen die Schweiz zu einem Leistungssprung genutzt.

Bleibt noch der dritte Posten in der offensiven Dreierreihe. Dort durften bisher jeweils zweimal Antoine Griezmann sowie Olivier Giroud starten. Und weil im Achtelfinale gegen Nigeria die Angriffsmaschine erst in Schwung kam, als Giroud für Griezmann ausgewechselt wurde, fordern in Frankreich viele die Nominierung des Stürmers aus San Sebastián.

Wirklich sicher ist das aber nicht, denn Deschamps könnte auch ganz bewusst auf Giroud setzen, um gegen die körperlich robusten Per Mertesacker und Mats Hummels in der deutschen Innenverteidigung ein besseres Gegengewicht zu haben. Giroud ist spielerisch limitiert, Griezmann aber der deutlich bessere Joker, mit dem der Trainer bei zunehmender Spieldauer oder in Rückstand besser reagieren könnte. Mit Loic Rémy gibt es zudem noch einen weiteren Topstürmer, diese Auswahl hätte Löw sicherlich auch gerne.

Der Bundestrainer muss seine Mannschaft in jedem Fall auf beide Varianten vorbereiten, denn das französische Offensivspiel verändert sich grundlegend. Mit Griezmann spielen Les Bleus ein klassisches 4-3-3 mit vielen Aktionen über die Flügel, deutlich mehr Tempo im Kombinationsspiel, in das Mittelstürmer Karim Benzema auch besser eingebunden wird sowie einer verbesserten defensiven Umschaltbewegung.

Kommt Benzema über links, fehlt Frankreich dieser zweite Flügelstürmer. Der Torjäger von Real Madrid drängt häufig in die Mitte zu Giroud, spekuliert auf eigene Torabschlüsse und vernachlässigt die Defensivarbeit. Frankreich agiert dann vermehrt mit langen Bällen. Deschamps könnte, wie im Spiel gegen die Schweiz, auf Ballbesitz verzichten, denn er erwartet zu Recht ein Ballbesitz orientiertes Deutschland. Die ähnlichen Spielertypen Benzema und Giroud mit ihrer Wucht in vorderster Front könnten auf eine Kontertaktik schließen lassen, auch wenn der Angreifer des FC Arsenal kein klassischer Konterstürmer ist.

Umschaltspieler Cabaye

Frankreich gehört neben den Niederlanden zu den konterstärksten Mannschaften bei der Weltmeisterschaft, entscheidender Taktgeber ist Johan Cabaye von Paris St. Germain. Cabaye lässt sich wahlweise zwischen die Innenverteidiger abkippen oder bestimmt als alleiniger Sechser den Spielrhythmus. Mit seiner großen Übersicht, physischen Präsenz und Gedankenschnelle erobert er viele Bälle und leitet dann die französischen Gegenangriffe ein. Cabaye kann sowohl lange Vertikalpässe (elf angekommene lange Pässe in drei Spielen/Quelle: whoscored.com/opta) schlagen, als auch die beiden dynamischen Achter Pogba und Matuidi mit raumöffnenden Pässen (Passquote: 89,6 Prozent) im Zentrum freispielen.

Schlüsselspieler Valbuena

Torjäger Benzema hat bereits acht GDB-Punkte gesammelt. Cabaye ist der Herrscher über das Umschaltspiel. Paul Pogba hat das Zeug zum Anführer. Der unerwartete Schlüsselspieler im französischen Team ohne Superstar Franck Ribéry ist jedoch Mathieu Valbuena von Olympique Marseille. Im bisherigen Turnierverlauf ist Valbuena zum wichtigsten Spieler aufgestiegen. In einer Mannschaft mit überwiegend groß gewachsenen, lauf- und abschlussstarken Spielern ist „Le petit Vélo“ (das kleine Fahrrad) für die überraschenden Momente, für die kreativen Gedanken und für die unkonventionellen Laufwege zuständig. Er zieht gerne in die Mitte und lenkt von dort als verkappter Zehner die Spielzüge. Valbuena hat drei Tore vorbereitet, spielte bisher 3,7 Schlüsselpässe pro Spiel (Bestwert) und erzielte gegen die Schweiz selbst einen Treffer.

Starke Standardsituationen

Valbuena hat noch einen weiteren Vorteil, er schlägt extrem starke Ecken und Freistöße. Hier wird das deutsche Team besonders gefordert sein, nicht zu viel zuzulassen. Denn physisch ist die Équipe Tricolore mit den guten Kopfballspielern Giroud, Benzema, Pogba, Matuidi, Varane und Koscielny leicht im Vorteil.

Probleme in der Staffelung

Wer nun glaubt, Frankreich sei eine kaum zu schlagende Übermannschaft, der irrt. Größter Schwachpunkt ist sicherlich die undisziplinierte Umschaltbewegung in der Defensive. Benzemas zeitweilige Unlust, Wege nach hinten zu machen, habe ich bereits beschrieben. Zudem stimmt bei den beiden Achtern Matuidi und Pogba immer mal wieder die Absprache nicht, wer mit in die Spitze geht, was in den bisherigen Spielen desöfteren ein unsortiertes Zentrum mit einem defensiv isolierten Cabaye zur Folge hatte. Und Außenverteidiger Debuchy findet nicht immer das richtige Maß für seine offensiven Vorstöße. Frankreich hat bereits 56 Torabschlussversuche in vier Spielen zugelassen, Deutschland (45) ist in der Frage der defensiven Staffelung – bei 30 Minuten mehr Spielzeit – etwas disziplinierter. Man könnte anführen, dass Les Bleus bei eigenen Torschüssen mit 76:66 gegenüber Deutschland führen, was die defensive Unsortiertheit auffängt. Das finde ich nicht, denn Frankreich hatte mit Ecuador und Honduras die deutlich leichteren Gegner.

Mit Glück ohne Platzverweis davongekommen

Ich will die Franzosen sicherlich nicht zu einer unfairen Mannschaft abstempeln. Aber abgesehen von den 54 Fouls (Deutschland: 39) hätten bei konsequenter Regelauslegung Pogba gegen Honduras, Sakho und Giroud gegen Ecuador sowie Matuidi gegen Nigeria jeweils Rote Karten sehen können. Solche Undiszipliniertheiten können im Spitzenfußball durchaus den Unterschied ausmachen. Womit ich aber keinesfalls zu deutschen Provokationen aufrufen möchte. Hebel gibt es auch so genügend:

Allez les Blancs: So sollte Deutschland spielen

  • Schürrle für Götze: Michel Massing hat bereits gestern deutlich gemacht, dass die fehlende Kreativität im deutschen Angriffsspiel nicht an Mesut Özil festgemacht werden darf. Vielmehr ist es Mario Götze, an dem die WM in weiten Teilen vorbeiläuft. Die Forderung nach André Schürrle in der Startelf hat aber auch taktische Gründe. Kommt Schürrle über links, kann er im Rücken des hoch stehenden Debuchy schnell Fahrt aufnehmen und gefährliche Konter einleiten. Kommt er über rechts, trifft er auf den defensiv disziplinierteren Patrice Evra, aber im Eins-gegen-eins ist Schürrle mit seiner Schnelligkeit erneut im Vorteil. Der beim FC Chelsea unter José Mourinho taktische gereifte Schürrle sollte deshalb flexibel die Seiten wechseln und zur Trumpfkarte werden.
  • Lahm muss im Mittelfeld bleiben: Seit dem Algerien-Spiel ist es das beherrschende Thema in deutschen Medien, die den vermeintlichen Experten eine Plattform bieten: Wo soll Kapitän Philipp Lahm gegen Frankreich spielen? Die Forderungen, ihn nun wieder als Außenverteidiger einzusetzen, sind absurd. Denn erstens kehrt mit Mats Hummels der wichtigste Stabilisator für die Abwehr zurück und Lahms Passqualitäten, Defensivstärke und Übersicht sind im Mittelfeld ein unabdingbarer Faktor. Weitere Worte verliere ich zur Lahm-Rolle an dieser Stelle nicht und verweise lieber auf den exzellenten Beitrag von Oliver Fritsch bei Zeit Online. Darüber hinaus halte ich Benedikt Höwedes mit seiner Zweikampfstärke (58,6 Prozent), seiner physischen Präsenz und Positionstreue für den richtigen Gegenspieler für Valbuena.
  • Jobsharing für Khedira und Schweinsteiger: Bleibt Lahm im Mittelfeld, muss entweder Sami Khedira oder Bastian Schweinsteiger auf die Ersatzbank. Einerseits ist es schade, dass das Duo nicht im Vollbesitz seiner Kräfte ist. Andererseits ist es ein Luxus, mit einem der beiden im Spielverlauf reagieren zu können. Khedira war beim Sieg gegen Algerien als Joker ein Schlüsselspieler, Schweinsteiger hatte es gegen Ghana vorgemacht. Und warum sollten die beiden nicht zusammen beginnen? Weil sie beide für einen alleinigen Sechser zu offensiv denken und in der defensiven Umschaltbewegung Schwächen haben, die Pogba und Matuidi ausnutzen würden.
  • Müller-Wachsamkeit im Gegenpressing: Vor dem Spiel gegen die USA hatte ich gefordert, Thomas Müller über rechts kommen zu lassen. Gegen Frankreich halte ich das nicht für die richtige Maßnahme, denn Müller ist deutlich defensivstärker als Falsche-Neun-Kontrahent Özil. Und genau das wird gegen Les Bleus von Bedeutung sein. Müller muss Cabaye im Auge haben, die Passwege auf den Quarterback der Franzosen zustellen, ihn im Deckungsschatten behalten und so entscheidende Sandkörner ins französische Getriebe streuen.
  • Klose als Joker in der Hinterhand: Eine weitere Forderung aus der Heimat betrifft den Oldie der deutschen Mannschaft. Miroslav Klose müsse als Echte Neun endlich von Anfang an spielen, zugespitzt wird dieser Experten-Appell in einem System-Rückschritt zum 4-2-3-1. Es gibt jedoch gute Gründe, warum diese Formation ihre Zeit gehabt hat. Ich glaube, Klose mit seiner Erfahrung und seinem Torriecher als Waffe auf der Ersatzbank zu belassen, ist der richtige Schritt und wird in einem der kommenden Spiele von Bedeutung sein. Denn Deutschland hat mit diesen Maßnahmen gute Chancen, gegen Frankreich weiterzukommen.
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5 comments

  1. Uli

    „Fußballexperten sind Mist und jetzt erkläre ich wen Löw wirklich aufstellen sollte.“
    Chapeu für so viel Selbstironie 😉

    Zum Glück ist die WM ja bald vorbei, dann hat auch die Löw-Kritik (und die Kritik an der Kritik) wieder ein Ende. Ich persönlich kann diese abfälligen „80 Millionen Bundestrainer auf den Sofas“ Sprüche langsam nicht mehr hören, wäre es euch lieber die Nation würde sich nicht für die „Mannschaft“ interessieren und alles super finden was auf dem Platz passiert? Lieber keine kritischen Interviews nach Spielende mehr, weil die ja „eh nix bringen“ und man von „Merte“ sonst nur angeblafft wird? Es ist doch schön wenn alle zwei Jahre mal leidenschaftlich diskutiert wird und natürlich sind die meisten Menschen keine Experten und kratzen gerade mal an der Oberfläche.

    Ich habe Informatik studiert und wenn ich bei jeder oberflächlichen Diskussion oder teils grob falschen Darstellung von IT Technik in Film und Fernsehen aus der Haut fahren würde, hätte ich schon längst schlohweiße Haare. Entspannt euch einfach mal etwas und seht „Eier“ Diskussionen wie die explodierenden Autos in Hollywood Filmen: Totaler Quatsch aber für viele unterhaltsam, der Rest kann sich derweil die „Mythbusters“ ansehen.

    • Marcus Krämer

      @Uli: Vielen Dank für den Kommentar. Wenn Du regelmäßiger Leser unseres Blogs bist, weißt Du vielleicht, dass wir uns durchaus für Fußball-Fachleute halten. Erstens versuchen wir kritischen Tönen aber immer Substanz zu geben und das fehlt mir bei den vielen Experten. Mehmet Scholl sagt nach dem Spiel Brasilien – Kolumbien allen Ernstes, der DFB sollte sich dieses Spiel am besten gar nicht anschauen, weil es nichts zu lernen gäbe. Ich fände es einfach wünschenswert, wenn ein Experte mit Trainerausbildung kluge taktische Äußerungen tätigen könnte. Und zweitens ist Medienkritik ein zweites Steckenpferd von Gegen den Ball, deshalb halte ich Interviews in der Mixed Zone tatsächlich weder für unterhaltsam noch für notwendig. Aber jetzt freuen wir uns auf das Halbfinale.

  2. Carsten Abicht

    Besser kann man es nicht beschreiben! Die meisten privaten „Experten“ verstehen Löws Gedanken nichtmal im Ansatz! Genau so sehe ich es auch!

  3. Ping: WM-Noten: Deutsche Tugenden › Gegen den Ball
  4. Ping: Aus, Aus, Aus! – Die Weltmeisterschaft 2014 ist für die deutsche Nationalelf beendet. Nicht. > Fußball > Brasilien, DFB, Frankreich, Halbfinale, Joachim Löw, Mats Hummels, Nationalmannschaft, Rant, WM 2014

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