Über sieben Stunden musst Du sehn

17:00 (Klaus Katzenbach) „Englische Woche: Was gibt es Schöneres? – herzlich willkommen aus Paderborn“. So beginnt unser Selbstversuch, sieben Stunden deutsche Fußballberichterstattung am Stück zu konsumieren. Dahin zu gehen, wo die Zahnbürste nicht hinkommt, also. Heiko Mallwitz moderiert die Zweitligakonferenz aus Paderborn. Er hält sein Mikrofon wie bei einem Dieter Thomas-Heck-Ähnlichkeitswettbewerb und blickt schon aufs Revierderby am Abend und Bayerns mögliche Meisterfeier: „Alle Augen richten sich auch nach Berlin“, heißt es, das Wort „Weißbierduschen“ wird schon frühzeitig etabliert.

17:00 (Michel Massing) Die Sendung beginnt mit dem einleitenden Einspieler zum 27. Spieltag der zweiten Liga. Heroische Filmmusik bildet den Background und am Ende heißt es: „Alles drin heute!“. Uns schwant, wie sehr das Wort Marathon seiner Bedeutung gerecht werden könnte. Sieben Stunden Fußball – kein Problem. Sieben Stunden TV-Kommentar – Arrgh!

17:10 (kk) Yannick Erkenbrecher interviewt am Spielfeldrand in Fürth. Er ist der Sohn von Uwe Erkenbrecher. Der gerade neu als Interimstrainer beim VfR Neumünster eingestiegen ist. Sein Sohn also möglicherweise inzwischen auf der Karriereleiter weiter oben.

17.10 (mm) Der nächste Einspieler: „Das Schneckenrennen im Aufstiegskampf“. Zu diesem Zeitpunkt wissen wir noch nicht, dass der Begriff „Schneckenrennen“ in jeder Partie, in der ein möglicher Aufsteiger dabei ist, als Spieltags-Label todgenudelt wird.

17:15 (kk) Live? Wird immer eingeblendet. Aber warten alle Trainer wirklich am Spielfeldrand, bis die Sendung bei ihrem Spiel ist? Wäre eine große logistische Leistung. Wohl eher aufgezeichnet. Dennoch ist die Vorberichterstattung kompakt und informativ. Eine erste positive Überraschung.

17:25 (kk) Oliver Kahns Tipico-Spot: Ein Dauerbrenner. Eine Pseudo-Nachrichtensprecherin vermeldet, Tipico habe Oliver Kahn „verpflichtet“, und der sei gleich zu den Leuten im Wettbüro gegangen: „Ich will hier vor allem eines ssehen: Ssiegertypen – und Gewinne“. Ich weiß nicht, was ich noch weniger verstehe: Dass Oliver Kahn als Repräsentant eines Wettanbieters Gewinne sehen will, oder dass die Leute im Wettbüro nach seiner Motivationsrede alle in Jubel ausbrechen.

17:28 (kk) Inzwischen sind wir in den Stadien, aus denen sich im Schnelldurchlauf alle fünf Kommentatoren melden. Marcel Meinert profiliert sich in Aalen früh: „Also volle Konzentration auf das Spiel desTabellenzwölften gegen den Sechzehnten – und wir haben ja noch ein anderes Spiel: Sven Schröter in Ingolstadt.“ Damit ist die Konzentration dann auch wieder Geschichte.

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17:32 (kk) Marc Hindelang in Fürth mit einer ersten Analyse, nach nicht einmal 120 gespielten Sekunden, in denen Düsseldorf offenbar einen Angriff spielte: „Die wollen hier offenbar die Gastgeber überraschen – denn die haben wohl eher eine defensivere Fortuna erwartet“.

17:32 (mm) Die Moderatoren referieren artig ihren Einstiegstext . Auf dem Rasen wird Fußball gespielt. Kommentiert wird das Geschehen zunächst nicht.

17:35 (mm) Ein Torwartfehler leitet den ersten Treffer des Tages ein. Überraschenderweise bleiben die Gefühlsausbrüche aus. Sportsfreund Riemann im Kasten von Sandhausen schaufelt sich den Ball selbst ins Tor. Kommentator Markus Gaupp macht danach aber schnell weiter mit seiner Einführung. Mit dem zweiten Tor ist er live auf Sendung. Er kommentiert überraschend das tatsächliche Geschehen ohne die großen Emotionen. Zum Glück noch kein Buschi auf Espresso in Sicht.

17:39 (kk) Durchaus Analytisches hingegen in Paderborn von Andreas Renner. Geht aufs „Offensivpressing“ von Paderborn ein und erwähnt, dass Standardverteidigung eine Schwäche von St Pauli sei. Damit hebt er sich schon positiv ab. Vor allem kann er Spielszenen spontan als Beispiele für größere Zusammenhänge erkennen.

17:40 (mm) Paderborn vs. St. Pauli. Andreas Renner erzählt uns, wer fehlt, wer neu in der Startelf ist. Das war schon in jedem Vorbericht Thema, durchzieht aber auch alle Einführungstexte der Kommentatoren. Doppelt gemoppelt hält besser? Aber Wiederholungen sind wir von der Mutter aller Wiederholungen – Sky Sport News HD – ja gewöhnt. Zumindest die Stärken der Teams werden ansatzweise analytisch dargestellt.

17:41 (kk) Wieder Renner: „Foul gegen Meha sollte man besser vermeiden – der hat schon fünf Freistoßtore erzielt“. Ist ja aber zum Glück nicht wie beim Basketball, dass nur der Gefoulte selbst schießen darf. Also wohl lieber Fouls gegen Paderborn gleich ganz vermeiden?

17:42 (kk) Marcel Meinert in Aalen: „Dresden (die Mannschaft in Gelb und Schwarz), die hatten schon drei Hundertprozentige“. Jetzt bin ich gespannt. Stellt sich heraus, dass es zwei Strafraumszenen waren, in der zweiten gab es noch einen Nachschuss. Zusammen vielleicht 80 Prozent in allen Szenen. Aber nicht 300. Aber immerhin weiß der Fan nun, dass Dresden „in Gelb und Schwarz“ spielt.

17:45 (kk) Sven Schröter in Ingolstadt: „Bochum, die defensiv stehen und gleichzeitig relativ früh stören“. Interessantes Konzept: Wurde hier ein Gordischer Knoten der Fußballtaktik zerschlagen? Am Ende verliert Bochum mit 0:3, also wohl eher nicht.

17:49 (mm) Fürth vs. Düsseldorf: Immer noch gibt es Vorberichte, während das Geschehen weitestgehend ignoriert wird. Wer spielt nicht und warum… Puh… Ich hol mir einen Kaffee!

17:54 (kk) Werbung für Sky Sport News, mitten in der Konferenz, vom Kommentator angepriesen wie eine Nilkreuzfahrt auf Sport 1. Warum eigentlich? „Bayern kann Meister werden, es steht ein Ruhrpottderby an – alles Weitere dazu auf Sky Sport News HD“. Wollen sie jetzt, dass wir die Spiele nicht live in der Konferenz sondern live ohne Bilder im Nachrichtenkanal verfolgen? Der noch dazu frei empfangbar ist? Komisches Konzept.

17:55 (kk) Marcel Meinert: „Die Dynamos betreiben riesigen Aufwand“ – Nennt man Frankfurt „die Eintrachts“? Dortmund „die Borussias“? „Erstaunlich, wie tief Aalen steht“. Warum das? In der Ballbesitzstatistik der 2. Liga liegen nur drei Teams hinter Aalen, in der Vorsaison hatten sie mit Abstand den wenigsten Ballbesitz der Liga. Das weiß ja sogar ich. Warum der vorbereitete Kommentator des Spiels nicht?

18:00 (mm) Foul an Verhoek? Der Stürmer von St. Pauli sinkt im Strafraum zu Boden. Auch die Zeitlupe gibt keinen klaren Aufschluss darüber, ob ein elfmeterwürdiges Foul vorlag. Andreas Renner weiß es aber besser. „Im Ansatz hätte man es sehen können.“ Er hat eine klare Meinung. Eine gute Sache an sich, aber wenn die Bilder keine klare Aussage zulassen, dann steht die Meinung auf tönernen Füßen.

18:03 (kk) Marcel Meinert in Aalen. Wieder steigt er damit ein, dass Aalens „Passivität kaum zu überbieten“ sei. „Stefan Ruthenbeck hat von einem Champions League-Endspiel gesprochen. Also wenn Du so in ein Finale gehst, dann kannst Du den Pokal gleich abgeben“. Beim CL-Finale 2012 war Meinert vielleicht gerade auf Dienstreise. Die Gleichung „Ballbesitz = guter Fußball“ ist vielen deutschen Kommentatoren nicht auszutreiben, wofür das hier nur das erste von vielen Beispielen an diesem Abend ist.

18:08 (kk) Tor in Fürth. Marc Hindelang: „Natürlich nach einer Ecke! Und Azemi steht blank“. Fürth, vorher 18mal laut allen Kommentatoren „im Schneckenrennen“, hat sich jetzt „so richtig festgesetzt auf Platz zwei“. Auch das typisch: Ein einziger Moment ändert alle Bewertungen und wird hochgerechnet auf den ganzen Rest der Saison.

18:14 (kk) Meinert hat sich in Rage geredet und erwähnt bei jeder Schalte nach Aalen, dass Dresden „in Schwarz und Gelb“ spiele und dass Aalen defensiv, also schlecht spiele: „Total verkorkste erste Halbzeit des VfR Aalen.“ „Dafür muss man schon ein bisschen mehr Einsatzbereitschaft zeigen“.

18:15 (mm) Halbzeit in der zweiten Liga. Kleines Resümee: Die Vorberichte der Kommentatoren nehmen viel Raum ein. Das Spiel wird nur rudimentär begleitet. Die einzelnen Geschichten der Metaebene, aber auch die eigene Erzählung über das Spiel selbst werden wiederholt und bestärkt. Eine wirkliche analytische Einordnung findet nicht statt. Marcel Meinert steigert sich gar in ein Aalen-Bashing rein, Kollege Katzenbach in ein Meinert-Bashing.

18:25 (kk) Während des Halbzeitinterviews mit André Schubert schaltet die Bildregie auf einmal auf die Totale. Dann wird eine Werbung „Schauinsland Reisen“ über den halben Bildschirm eingeblendet, während Schubert weiter redet. Hätten sie das auch im Interview mit Karl-Heinz Rummenigge so gemacht?

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18:30 (mm) Es geht wieder los! Die Stadien sind meist halb leer. Die Anstoßzeiten sind allerdings auch fan-feindlich. Die Kommentatoren sind froh, dass sie erst einmal wieder über Wechsel bzw. ausbleibende Wechsel sprechen können. Es werden zudem Statistiken runtergebetet, die mit der Spielsituation oder Spielweise der Teams nichts zu tun haben. Kennt Marcel Meinert eigentlich die Namen der einzelnen Spieler?

18:36 (kk) Marcel Meinert auch nach der Pause mit genau einer These: „Auf dem Tabellenplatz kann man sich vielleicht auch etwas zurücklehnen. Aber da kann man auch schon mal heftig bestraft werden, zum Beispiel, wenn die Dynamos in Gelb und Schwarz hier doch noch ein Tor erzielen sollten“.

18:44 (mm) Wir sind weiterhin guter Dinge. Die Tore von Azemi und Meha lassen das Fußballer-Herz hochschlagen. Auch wenn unser Fokus den Kommentatoren gilt, schöne Tore sieht man immer gerne.

18:47 (kk) Markus Gaupp aus Sandhausen: „Die roten Unioner, die jetzt natürlich was tun müssen, denn sonst ist – auch wenn man mit solchen Aussagen ganz vorsichtig sein sollte – der Aufstiegszug wohl endgültig abgefahren“. Also entweder man sollte vorsichtig sein, oder etwas ist endgültig. Man entscheide sich.

18:49 (mm) Sandhausen führt weiterhin gegen Union Berlin. Markus Gaupp erklärt, warum Nemec (Union) den Steilpass nicht hätte spielen sollen. Er unterliegt der Neigung, jede Aktion der zurückliegenden Mannschaft am aktuellen Spielstand zu messen. Er könnte auch ganz einfach sagen, die machen alles falsch, sieht man ja auch auf der Anzeigetafel.

18:55 (mm) Andreas Renner hat einen klaren Elfmeter gesehen. Ob Kringe seinen Gegenspieler Vrancic wirklich berührt hat, ist nicht zu erkennen. Wir sind der Meinung: kein Foul! Wie dem auch sei, Paderborn liegt in Führung.

19:00 (mm) Wir entscheiden uns dafür, die Vorberichterstattung der Bundesliga zu verfolgen und verlassen die zweite Liga. Fazit: Die Konferenz aus fünf Spielen begrenzt die Berichterstattung auf kleine Fenster, in denen die einzelnen Spiele kaum wirklich beurteilt werden können. Umso mehr ist man auf das Urteil der Kommentatoren angewiesen. Wenn die jeweiligen Berichterstatter dann lieber Vorberichte, Aufstellungen und gebetsmühlenartig die Trikotfarben runterbeten, dann kriegt man noch weniger mit. Es wird sich schnell auf eine Geschichte festgelegt, die nur verändert wird, wenn ein Tor die Erzählung unmöglich werden lässt. Eine eigene Analyse unsererseits ist aufgrund der kurzen Ausschnitte nicht möglich. Von den Kommentatoren wird man dahingehend allein gelassen. Schöne Tore gab es aber trotzdem.

19:00 (kk) Wir haben genug von der 2. Liga und schalten zur Bundesliga-Vorberichterstattung um. Sie startet mit einem debilen Kia-Werbespot: Esther Sedlaczek hält in einem Stadion in ihrem Kia an der Seitenlinie an. Sebastian Hellmann kommt, grinsend wie immer, auf ihr Auto zu. Auf dem Beifahrersitz liegt ein Ballnetz. Sedlaczek: „Du musst heute leider auf die Ersatzbank.“ Sebastian Hellmann steigt hinten ein. Um es mit Schotty dem Tatortreiniger zu sagen: „Wa?“. Wessen Traumtagebuch ist diese völllig inkongruente Szene entsprungen? Und warum sollte sie mich zum Kauf eines koreanischen Kleinwagens bewegen? Die Sendung beginnt. Oben rechts ein „Countdown bis zur Schale“ mit Sekundenangabe: 2:46:10. Wie kommen sie auf die Sekundenzahl? Weiß man jetzt schon, wann in Berlin abgepfiffen wird? Bin ich einem wirklichen Skandal auf der Spur?

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19:02 (kk) Jan Henkel in Dortmund: „Die Sicherheitsvorkehrungen, die sind heute gaanz, gaanz extrem.“ Das soll wohl Lust auf die Sendung machen.

19:08 (kk) Das Derby. Logo bei Sky: Ein Schwert, das von oben ins Dortmunder Stadion gestoßen worden ist. Ecki Heuser in der Schalte mit Jan Henkel: „Ecki, Du hast einen engen Draht zur Einsatzleitung der Polizei“. Heuser: „Bisher bleibt es fast friedlich. Betonung auf bisher und Betonung auf fast. Die Erfahrung lehrt leider, dass es selten friedlich bleibt. Immer gab es Pyro, immer gab es Gewalt. Wahrscheinlich wird es nachher während des Spiels nicht so friedlich bleiben wie jetzt“. Subtext also: „Schalten Sie bloß nicht ab, auch wenn bisher noch keine Gewalttaten stattfanden.“ Wieder Henkel mit Owomoyela: „Nicht wenige Experten fürchten, dass einige Fans diesmal noch einen drauflegen wollen nach dem Hinspiel. HOFFENTLICH bleibt es friedlich!“ Dann der Vorbericht mit Bildern von Pyrotechnik aus dem Hinspiel, untermalt mit drängender, rhythmischer Musik.

19:14 (kk) Interview mit Watzke. Im Hintergrund laufen Bilder von Pyrotechnik aus dem Hinspiel in der Schleife. Nach 17 Minuten Berichterstattung geht es zum ersten Mal um das Spiel selbst.

19:32 (mm) Der sportliche Vorbericht für das Derby beginnt. Es geht um die Bedeutung des Derbys. Emotionen werden hervorgehoben. Die junge Schalker Mannschaft ist ein Thema. Dieser größtenteils inhaltsleere Einspieler ist nach zwei Minuten ohne Nachwirkungen an uns vorübergezogen. Ein Doppelinterview mit Jens Keller und Jürgen Klopp wird von Ecki Heuser geführt. Die Fragen und Aussagen sind belanglos. Es geht wieder um die Besonderheit des Derbys. Die Erwartungshaltung. Jürgen Klopp ist „ein Mann der Emotionen“, so Ecki. Jens Keller also der Mann ohne Emotionen? Die Sky-Direktive wurde umgesetzt: Die Vorberichte setzen auf Umfeld-Beschreibungen, den Transport von Emotionen und ein wenig Aufstellung ist auch dabei. Ist schon klar, dass die Trainer nichts über Herangehensweise und Taktik vor dem Spiel erzählen. Das Ganze hatte dennoch sportlich keinen Wert.

19:38 (mm) Nach sechs Minuten ist der sportliche Vorbericht zum Derby Geschichte. Was in Erinnerung bleibt? Gut gelaunte Trainer. Werbung. Einspieler, die an Werbung erinnern. Inhaltsleeres Geplapper von Henkel und Owomoyela. Werbung und die Hoffnung auf den Anpfiff!

19:53 (kk) Die eigentliche Konferenz. Wolff Fuss beginnt aus Berlin mit seinem ins Selbstzufriedene neigenden Timbre, dann Roland Evers, der sich bemüht, mitzuhalten und Stimmung zu verbreiten: „Tauchen Sie ein in den Pott“. Dann zu Michael Born, der wiederum immer meist Verachtung für die von ihm kommentierten Clubs transportiert. Schließlich Martin Groß aus Braunschweig. Angenehm normal.

20:00 (kk) Start der Konferenz natürlich auf Schalke: „Schalke ist richtig gut drauf“.

20:02 (kk) Evers: „Dieses 84. Dehrbi.“ Sonst sagt der Deutsche gerne „Dörby“, der Engländer ja eher „Darby“.

20.03 (mm) Das erste Tor fällt in Bremen. Wolfsburg führt. Es geht aber hauptsächlich um den Glücksschal, den Robin Dutt trägt. Der war schon Thema in der Vorberichterstattung. Danach ellenlange Berichte über Aufstellung und fehlende Spieler.

20.06 (mm) Tor in Berlin! Was Wolff Fuss „herzallerliebst“ findet, ist eigentlich ein Fehlpass. Thomas Müller spielt einen Pass in den Rücken der eigenen wie gegnerischen Spieler und der Ball wird abgefälscht, dadurch zur Vorlage. Toni Kroos trifft.

20:06 (kk) Fuss in Berlin. Auch hier sofort Kritik an der „zu defensiven“ Spielweise der Hertha. Dabei habe Mainz es ja vorgemacht, wie man gegen Bayern „spielen kann, ja vielleicht sogar spielen muss“.

20:14 (mm) Michael Born redet gerne und viel. Er redet gerne über die Tabellensituation, die mögliche Laune der Fans, die kommenden Partien. Das Spiel kommentieren, dafür scheint irgendjemand anderes zuständig zu sein, nur warum hören wir den nicht?

20:21 (kk) Wir sind in Braunschweig. Guter Zweikampf von Niki Zimling im Mittelfeld, mein TV-Nachbar Massing merkt auf: „Schön gemacht!“ Dann spielt Zimling den Ball rechts raus auf Pospech, der viel Platz hat. Nun Unruhe im Zimmer vor dem Bildschirm, aber nicht bei Martin Groß. Der erzählt ungerührt weiter seine Hintergrundgeschichte über Braunschweig, bis zu dem Moment, in dem nach Pospechs Hereingabe Müllers Abschluss die Torlinie überquert hat. Immerhin aber scheint zumindest Sky in Torlinentechnologie investiert zu haben, die den Kommentatoren bedeutet, wann sie wieder aufs Spiel eingehen müssen.

20:27 (kk) Bremen. Obwohl die Gastgeber inzwischen verkürzt haben, „spielt nur der VfL Wolfsburg“, „haben auch mal bummelig 60 Prozent Ballbesitz, Bremen kommt gar nicht in die Zweikämpfe“. Zum xten Mal heute Abend interpretiert ein Sky-Kommentator eine Defensivtaktik als schlechtes Spiel und Unterlegenheit.

20:39 (mm) Lobende Worte für den Lieferdienst! 30 Minuten nach der Bestellung ist der Burger da. Während wir essen, erfahren wir, dass in Braunschweig „viel gelaufen wird“. Dank an Martin Groß!

20:42 (kk) Berlin. „Hertha kennt den gegnerischen Strafraum bisher nur vom Hörensagen. Damit wir uns richtig verstehen: Das soll hier keine Verunglimpfung sein. Aber bisher ist es ein Klassenunterschied.“ „Jetzt stehn sie mal n bisschen offensiver, gehen aber NICHT auf den Ballführenden.“ Die beschriebene Situation trägt sich nach einem Angriff der Berliner zu, in der die Herthaner noch relativ hoch stehen und offenbar nach Fuss‘ Lesart den Fehler machen, nicht aggressiv ins Angriffspressing gegen die Bayern zu gehen. Beispiele, in denen spielerisch klar unterlegene Teams versucht haben, den Bayern-Abwehrspielern in deren Hälfte den Ball abzunehmen, und damit Erfolg im Spiel hatten, bleibt Fuss leider schuldig.

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21:10 (kk) Zweite Halbzeit. Wir haben uns inzwischen für Dortmund beim Einzelspiel entschieden, mit Marcel Reif. Erik Durm geht an der Schalker Grundlinie bei minimalem Kontakt mit Leon Goretzka zu Boden. In der Zeitlupe als Fehlentscheidung zu erkennen, aber Reif führt sein ursprüngliches Urteil „So einen Freistoß darfst Du da NIE verschulden!“ fort.

21.15 (mm) Die Einzelkommentatoren haben den Vorteil, dass sie nicht wiederholen müssen, wer in welchen Farben und von wo nach wo spielt und wie sich die Gesamtsituation des Clubs darstellt. Marcel Reif tut das auch nicht, aber auch er verfällt in Allgemeinplätze. Borussia eindeutig überlegen. Schalke wenig überzeugend. „Das ist bemüht, wirkt aber noch sehr jung“, erklärt er die Schalker Spielweise. Das mangelhafte Spiel der Schalker gegen den Ball, die Dortmunder, die aus dem Mittelfeld nachschieben, die gut das Spiel verlagern und die Schwächen auf der rechten Schalker Seite erkennen und dort überladen. Davon hören wir nichts. Dortmund hat mehr Ballbesitz. Ja. Das sehe ich auch.

21:20 (kk) Reif hat sich festgelegt. Das, bei all seiner Eloquenz, die ihn sprachlich über den Rest des Sky-Kommentatorenteams heraushebt, eine seiner großen Schwächen. Er will das einmal getroffene Urteil unbedingt halten und betrachtet das Spiel durch den Filter seiner geäußerten Einschätzung, anstatt diese am Spielverlauf zu messen und zu reevaluieren. Jetzt hat er sich in Schalkes Unterlegenheit beim BVB festgebissen und sieht jeden Dortmunder Angriff „vielversprechend“, während Schalke „die Überzeugung fehlt“. Stimmt irgendwie. Interessanter wäre natürlich die Frage, warum das so ist. Also woraus sich Dortmunds Überlegenheit speist. Eine echte Charakterisierung der jeweiligen Spielweisen findet nicht statt, vielmehr werden Spieler hervorgehoben, die oft am Ball sind („wenn sie was versuchen, dann über Draxler“) oder nicht so oft („von Boateng ist heute nicht viel zu sehen“).

21:26 (kk) Reifs Spurrille wird immer tiefer: „Es will auch niemand den Ball wirklich haben“ (bei Schalke).

21:44 (kk) Habe 20 Minuten Schalke-Bashing übersprungen. Das von Dortmund und das von Reif. Chinedu Obasi kommt für Goretzka. Reif: „Ein Sicherheitswechsel ist das nicht. Stürmer für offensiven Mittelfeldspieler“. Hmm. Liegt eigentlich nahe, dass Obasi exakt die Position einnehmen wird, die Goretzka innehatte, die rechte Außenbahn. Aber gut.

21:51 (kk) Ende. „Ein 0:0 der besseren Art.“

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21:53 (kk) Zurück in der Konferenz. Bayern ist Meister. Fuss in Berlin: „Ich sehe noch nicht die großen Weißbiergläser. … Ja, sie freuen sich wirklich. Und jetzt wird’s ne lange Nacht in Berlin.“.

21:55 (kk) Nicht mehr zum Aushalten. Premier League. Dort in Old Trafford steht es 0:1 für United gegen City. Und Marco Hagemann am Mikro.

22:00 (kk) 0:2. Edin Dzeko nach Ecke. Fantastische Abnahme des Stürmers. Hagemann sucht nach Schuldigen. Rio Ferdinand ist ausgemacht.

22:03 (kk) Die Tabelle wird analysiert. Die Frage wird aufgeworfen, ob United „noch dran glaubt“. „Die Stadt Manchester erstrahlt in Blau.“ Nach Minuten solcher Allgemeinplätze wird dann mal wieder ein Spielername genannt, der am Ball ist. Dann aber schon wieder vorbei: Das Ergebnis wird noch mal langsam und betont vorgelesen. Dann die gespielte Zeit annonciert. Dann wird betont, dass das alles verdient sei. „Aber klar, wie schnell kann sich eine solche Gemengelage auch ändern hier. Wenn United ein Tor schießt, dann ist die Kulisse wieder da.“ Undsoweiter. Englischen Originalton gibt es ja im Fußball nicht mehr, dank der UEFA. Also weiter mit Hagemann. Oder Bierduschen-Live-Fernsehen?

22:10 (kk) Zurück in Manchester. United ist „zu wenig zielstrebig. Anders als City. Und damit ist die Führung dann auch verdient.“ „Man muss aber auch sagen, dass City defensiv auch gut steht“.

22:12 (kk) Jesús Navas geht, „der hier mächtig Alarm gemacht hat“.

22:13 (kk) Die „Leidenschaft, wo ist sie geblieben? Und die Inspiration“.

22:20 (kk) Dieser Premier League-Kommentar steht sinnbildlich für das, was man die Eurosport-Schule des Fußball-Kommentars nennen könnte. Geprägt haben ihn Kommentatoren, die beim Spartensender oft über Begegnungen berichten müssen, von denen sie aufgrund ihrer Arbeitsbedingungen wenig wissen können, wie etwa U17-WM-Spiele der Frauen, asiatische Champions League-Spiele aus Saudi-Arabien oder Ähnliches, für das es kaum einfach zugängliche Recherche-Quellen gäbe, selbst wenn man genug Zeit für die Recherche hätte. Um das mangelnde Insiderwissen zu kompensieren, wartet man ab, bis eine Mannschaft führt, und verbringt dann den Rest des Spiels vor allem damit, zu erörtern, warum das, was die zurückliegende Mannschaft macht, „einfach zu wenig“ ist. Ganze Spielphasen können mit Ermahnungen überbrückt werden, bei denen in tautologischen Ellipsen auf möglichst viele Weisen und in möglichst vielen Synonymen das Spielergebnis wiederholt wird. Verständlich beim U20-Turnier in Toulon. Beim Manchester Derby zumindest kein zwingendes Vorgehen.

22:29 (kk) Kurzer Wechsel zu Sky Bundesliga. Anna-Sara Lange interviewt Arjen Robben und Bastian Schweinsteiger: „Bastian, ich habe gehört, sie sind heute für die Partyplanung zuständig“. Lieber wieder zurück nach Old Trafford, bevor weitere Fremdscham erforderlich wird.

22:31 (kk) Okay, noch mal gehört, wie die Kaderplanung bei United aussieht und dass David Moyes „Rückendeckung“ von „Sir Alex“ bekommen hat. Läuft die Sportschau schon? Oder müssen wir auf die österreichische Liga ausweichen? Oder gar auf Sport 1-Hattrick, die Zweitligazusammenfassung? Nein, so tief wollen wir selbst heute nicht sinken. Also ins Erste.

22:33 (kk) Reinhold Beckmann begrüßt uns mit einem Rückblick auf die Meisterfeiern vor einem Jahr. Das erste Spiel: Hertha gegen Bayern. Sportlich fragwürdig, aber man kann wohl die Meisterentscheidung nicht ernsthaft zur Nebensache erklären, egal, wie vorhersehbar das war.

22:38 (kk) „Hertha – HARMLOS. Aber trotzdem, jetzt schauen Sie sich das mal an [Bilder der Hertha-Fankurve]. Tolle Stimmung. Die sind gekommen, um hier ein Fußballfest zu erleben.“ Bilder von Nebensächlichkeiten wie Matthias Sammer, der auf der Bank das Dach abwischt, weil es leckt, werden gezeigt und kommentiert, als sei hier Jörg Dahlmann am Werk. Dann sehen wir Pep Guardiola, wie er, eine Hand in der Hosentasche, mit dem anderen Arm Gesten macht, um den Spielern etwas zu zeigen. In der Sportschau-Sprache: „Der ist auf 180“.

22:46 (kk) Der Spielbericht ist vorbei. Bin ich dünnhäutig, und deshalb zu dieser späten Stunde besonders kritisch? Zugegebenermaßen ist es keine leichte Aufgabe, Hertha gegen Bayern zu kommentieren: Alles stand vorher fest, das Spiel nahm seinen erwarteten Verlauf, detaillierte Taktikanalysen waren nicht zu erwarten. Der Unterschied allerdings interessant: Während Wolff Fuss auf Sky Herthas Spielweise kritisierte, wollte die Sportschau lieber alle Anwesenden zu Protagonisten eines Fußballfests erklären. Kann man auch machen.

22:55 (kk) Das Revierderby nun auch in der Sportschau. Steffen Simon beginnt mit der Vision eines Derbys ohne Fans, „wenn sich die jahrelange Eskalation zwischen den Fans beider Lager fortsetzt“. Dann immerhin betonte Zuwendung zum Sportlichen, aber nicht nur für ein Spiel, in dessen Umfeld für so ein brisantes Duell mit 77.600 Zuschauern praktisch gar nichts passiert ist, ist die wesentliche Eskalation die in der Berichterstattung. Es klingt tatsächlich auf allen Sendern so, als hätten wir im Hinspiel die schlimmsten „Ausschreitungen“ der Fußballhistorie erlebt. Geschichtsloser Unfug.

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23:30 (kk) Geschafft. Die Sportschau ist auch vorbei. Waren am Ende nicht sieben, sondern nur sechseinhalb Stunden. Trotzdem unterzuckert. Kritisieren von Kommentatoren ist natürlich einfach und billig. Macht aber dennoch Spaß. Manche beobachteten Defizite sind strukturell (eine Konferenz mit fünf Spielen gleichzeitig kann einem kaum einen Eindruck davon vermitteln, wie ein einzelnes Spiel wirklich läuft). Andere sind in der Tradition der hiesigen Berichterstattung begründet: Das Aufhalten an Nebensächlichkeiten (der Glücksschal von Robin Dutt war das zentrale Thema der Vorberichterstattung in Bremen) oder die Doppelmoral, mit der die gesamten Derby-Vorberichte auf Fangewalt zugeschnitten waren, die es gar nicht gab, bei gleichzeitiger Betonung, man hoffe ja, dass es friedlich bleibe. Die Vorbereitung der einzelnen Kommentatoren ist unterschiedlich gut, einige könnten faktisch durch irgendeinen Fan aus der Kurve ersetzt werden, sofern er geradeausreden kann, denn detaillierte Kenntnisse der Mannschaften und ihrer Spielweise werden offensichtlich nicht immer erwartet. Andere gehen besser auf das Spiel selbst ein, aber der einfache Weg, die vermeintliche oder tatsächliche Überlegenheit einer Mannschaft mit Einstellungs- und anderen mentalen Problemen zu erklären (was sich nie verifizieren oder falsifizieren lässt), wird selbst von erfahrenen Star-Kommentatoren wie Reif gerne eingeschlagen. Positiv jedoch auch, dass zumindest einige der jüngeren Field-Reporter sich von den Klischees ihrer Branche abzuheben wissen. Ob das ein Zeichen für eine allmähliche Öffnung des Denkens ist oder nur die Phase, bevor sie sich in den allgemeinen Trott einordnen, müssen wir aber abwarten.

0:51 (mm) Ein Spuckefaden läuft meinen Handrücken herunter. „Bueller? Bueller?“ Die Tür fällt zu und ich schrecke auf. Katzenbach hat die Szenerie verlassen. Was habe ich verpasst? Ich lese die letzten Einträge des zweiten Versuchskaninchens des Abends. Katzenbach gibt sich dem Marco Hagemann-Bashing hin. Ich überlege, ob ich eingreifen soll, ertappe mich aber beim Kopfnicken während der Lektüre. Ein langer Fußball-Tag geht dem Ende zu. Meine einzige Hoffnung ist, dass mich das Grinsen von Sebastian Hellmann nicht bis in meine Träume verfolgt.

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