Diese Biene, die ich meinte

Mit dem deutlichen 0:3 von Borussia Dortmund gegen Juventus scheint eine Ära zu Ende gegangen zu sein. Ob es die Ära Jürgen Klopp ist, oder nur der erste Teil seiner Regentschaft beim BVB, wird die nähere Zukunft (und eine geplante Analyse von Marcus Krämer) zeigen. Sicher aber war das Debakel gegen die Vecchia Signora das für mindestens eineinhalb Jahre letzte Champions League-Spiel in einem der größten und stimmungsvollsten Stadien Europas.

Die Ausgangslage für den BVB war nach dem 1:2 aus dem Hinspiel gar nicht schlecht, doch die jüngsten torlosen Spiele in der Bundesliga gegen mittelmäßige Teams wie den HSV und Köln hatten schon angedeutet, dass es mit gut umgesetzter Defensivtaktik zurzeit gut möglich ist, die Dortmunder an Chancen zu hindern. Verglichen mit dem Spiel gegen Köln änderte Jürgen Klopp seine Mannschaft auf drei Positionen. Rechts hinten spielte etwas überraschend Sokratis an Stelle von Hipster-Liebling Oliver Kirch – eine recht defensive Wahl, die spätestens nach dem frühen Gegentor zum Hemmschuh, von Klopp dann zur Pause auch korrigiert wurde, indem Kirch kam und Sokratis für den ausgewechselten Marcel Schmelzer nach links rückte. Nuri Sahin war nicht rechtzeitig fit geworden, so dass mit Sven Bender für Sebastian Kehl auch neben Ilkay Gündogan eine nicht so spielstarke Option gezogen wurde – das sollte sich letztlich als relevanter für den Spielausgang erweisen als die Position des Rechtsverteidigers. Schließlich kam Kevin Kampl für den formschwachen Kagawa Shinji in die Startelf.

Anders als Klopp kann Massimiliano Allegri die Ligaspiele seiner Mannschaft etwas nebenher laufen lassen, angesichts des komfortablen Vorsprungs an der Tabellenspitze der Serie A. So hatte der Coach beim letzten Ligaspiel in Palermo einige Schlüsselspieler geschont und konnte nun in Dortmund Patrice Evra für Andrea Barzagli bringen, sowie einen ausgeruhten Arturo Vidal für Stefano Sturaro, der auf Sizilien sein Serie A-Debüt für Juve gegeben hatte. Der in der Liga gesperrte Paul Pogba kam für Paolo de Ceglie und Álvaro Morata ersetzte im Angriff Fernando Llorente. Andrea Pirlo fehlte weiterhin verletzt, und auch Pogba musste schon nach 27 Minuten verletzt ausgewechselt werden. Dennoch ließ Juve nie einen Zweifel daran, dass es das Viertelfinale erreichen würde.

Zwar begann Dortmund mit intensivem Pressing, starkem Verschieben und schnellem Passspiel. Aber schon bevor Carlos Tévez mit einem Schuss in den Winkel aus 20 Metern nach drei Minuten das wichtige Auswärtstor gelungen war, hatte Morata es bei einem Konter versäumt, den perfekt einlaufenden Pogba zu bedienen. Wie im Hinspiel war Juve damit zufrieden, Dortmund kommen zu lassen und selbst gefährliche Konter zu setzen – eine nachvollziehbare und perfekt auf den Gegner passende Taktik. Beachtlich an den Kontern der Bianconeri war die Betonung auf kurze Passkombinationen anstatt lang nach vorne gedroschener Bälle. Nicht einmal zehn Prozent ihrer Pässe spielten die Turiner lang – ein Wert, den man normalerweise bei ballbesitzorientierten Mannschaften wie Bayern oder Barcelona findet. Dass das ein klarer Plan war, zeigte sich schön an einer Szene nach der Pause, in der Arturo Vidal seine Mitspieler gestenreich beruhigte, damit sie nach Ballgewinnen auf keinen Fall bolzten, sondern sauber hinten rausspielten.

Gianluigi Buffon, so das eindrucksvolle Ergebnis von Juves defensiver Lehrstunde, musste in 90 Minuten nicht kaum einen Ball halten. Das einzige Tor, das Dortmund in 180 Minuten gegen Juventus gelang, war im Hinspiel einem krassen individuellen Patzer Giorgio Chiellinis entsprungen. Die vor drei Wochen in Deutschland kursierende Lesart, nach der der BVB in Turin unglücklich verloren und sich durch Fehler quasi selbst geschlagen habe, wurde nun in Dortmund eindrucksvoll korrigiert. Der Unterschied zwischen dem souveränen Tabellenführer der Serie A und einer Mannschaft, die versucht, sich ins gesicherte Mittelfeld der Bundesliga abzusetzen, bestand nicht in individuellen Fehlern.

Diese Erkenntnis könnte Dortmund dabei helfen, die nun anstehende Generalanalyse der eigenen Probleme und die erforderliche Neuausrichtung besser zu bewältigen. Zwei Jahre ohne Champions League wird dieser Club nur schwer überstehen, ohne entscheidenden Boden auf zum Beispiel Schalke zu verlieren. Das packende Rückspiel der Knappen in Madrid wurde vielleicht im Nachhinein mancherorts überhöht, weil nur ein Tor zu einer historischen Sensation fehlte. Doch auch bei etwas nüchternerer Betrachtung muss man festhalten, dass Schalkes junge Mannschaft mit ihrem guten Trainer in wesentlich besserer Verfassung zu sein scheint, die nächsten Jahre als regelmäßiger Champions League-Teilnehmer zu erleben als der Lokalrivale.

Für die Bundesliga als Ganze bedeutet das Achtelfinale, in dem erstmals in der Geschichte des Wettbewerbs drei deutsche Teams gleichzeitig scheiterten, dass sie die Fiktion, Bayerns erdrückende Dominanz sei international gesehen „gut für die Liga“, schnell überwinden sollte. Man mag sich vordergründig damit trösten, dass die Premier League eine noch enttäuschendere internationale Saison erlebt. Aber in England werden die mit neuem Fernsehgeld ausgestatteten Chelsea, Arsenal, United, City und Liverpool in den nächsten Jahren neue Versuche bekommen, wieder in die Spitze Europas vorzustoßen. In Deutschland werden Wolfsburg, Leverkusen, Mönchengladbach oder gar Augsburg die Liga vertreten. Und das ist auch ohne schwarzgelbe Brille kein hoffnungsvoller Ausblick.

Spielnote 6.

Borussia Dortmund (4-2-3-1): WEIDENFELLER 4 – SOKRATIS 5,5, SUBOTIC 5, HUMMELS 6, SCHMELZER 5 (46. KIRCH 6) – BENDER 4,5 (63. RAMOS 5), GÜNDOGAN 5 – KAMPL 5, REUS 4,5, MKHITARYAN 4 (63. BLASZCZYKOWSKI 5) – AUBAMEYANG 4.

Juventus (4-3-1-2): BUFFON 6,5 – LICHTSTEINER 7, BONUCCI 7, CHIELLINI 6,5, EVRA 7 – VIDAL 7,5, MARCHISIO 8, POGBA 6 (27. BARZAGLI 7) – PEREYRA 6, MORATA 7 (78. MATRI), TÉVEZ 8,5 (81. PEPE).

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3 comments

  1. Der da

    Kleine Korrektur. Einen Ball von Kampl musste der gute Gigi doch halten. War so in der 65. Minute.
    Er wurde zwar nicht zu einer Weltklasseparade genötigt, aber er musste den Ball auf dem Weg zum Tor immerhin „wegpflücken“. 😉

  2. Thomas Sing

    Schön zu lesen, dass du (siehe letzter Abschnitt) auch der Meinung bist, dass die Dominanz der Bayern, letztendlich negative Auswirkungen hat. Man getraut sich bald gar nichts mehr gegen die Bayern zu sagen, weil man dann sofort in die Ecke des wimmernden, dümmlichen Fans gestellt wird, der seine Leidenschaft zum Fußball nur aus einem Hass gegen die Bayern zieht. Leider ist eine rationale Debatte über das Thema „Die Liga und die Bayern“ gar nicht mehr möglich., obwohl die meines Erachtens unbedingt notwendig wäre.

    Evolutionstheoretisch gibt es u.a. (natürlich verkürzt dargestellt) 2 Grundregeln. Die Dinge streben (aufgrund einer innewohnenden Struktur) auf ein Gleichgewicht zu und Weiterentwicklung gibt es aufgrund von „Konkurrenz“. So wird z.B. die deutsche wirtschaftspolitische Stärke u.a. auf das vielfältige, konkurrenzbereite, deutsche Parteiensystem zurückgeführt.

    Auf den Fußball bezogen bedeutet das, dass sich konkurrierende Mannschaften an der Spitze gegenseitig befruchten und somit weiter voranbringen. Die Tatsache, dass Bayern erst durch die Meisterschaften des BvB vor einigen Jahren, zu dieser Mannschaft von heute wurde, bestätigt diese These.
    Weiterhin kann man sagen, dass eine Verbesserung für eine Mannschaft immer schwieriger wird, je näher sie an ihr Leistungsoptimum herankommt. Eine Steigerung des Leistungspotenzials von 90% auf 95% ist ungleich schwerer als der Leistungssprung von 60 % auf 65%. Verbesserungen unterhalb der Spitze sind leichter zu bewerkstelligen als ganz oben. Das garantiert erst den eigentlichen Wettkampf.

    In Deutschland ist das nicht so. Bayern dominiert die Liga (bis auf wenige Ausnahmen) seit Jahrzehnten. Die natürliche Entwicklung (die man übrigens in Europa in fast allen Ländern antrifft) ist außer Kraft gesetzt. Warum das nur in D so ist und welche Konsequenzen sich daraus ergeben, sollte öffentlich diskutiert werden.

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