Drei Anmerkungen zur Reus-Debatte

Seit dem vergangenen Spieltag ist der gemeine Fußball-Fan um ein paar Erkenntnisse reicher: Marco Reus gehört zur schützenswerten Fußball-Spezies. Profifußball ist eine Zwei-Klassen-Gesellschaft. Marvin Bakalorz muss nachträglich gesperrt werden. Und Grätschen sind ein allgemeines Übel. Ein paar Anmerkungen zur Reus-Debatte.


  • Sperre und Verletzung gleichzusetzen, ist absurd

Auf diese Publicity hätte Marvin Bakalorz gerne verzichtet. Der weitgehend unbekannte Profi des SC Paderborn gilt seit dem Wochenende als neuer Bösewicht des deutschen Fußballs. Mit einer, zugegeben übermotivierten, Grätsche gegen Marco Reus hatte er den Nationalspieler am Sprunggelenk verletzt, daraufhin eine diskutable Gelbe Karte gesehen – wird im nächsten Spiel der Paderborner in Bremen aber auflaufen dürfen.

Ginge es nach Sky-Experte Dietmar Hamann wäre dem nicht so. „Den Bakalorz musst Du bis Weihnachten aus dem Verkehr ziehen“, sagte Hamann am Rande des anschließenden Topspiels. Die Bild-Zeitung präzisierte diese Forderung, die es in schöner Regelmäßigkeit gibt, wenn sich ein sogenannter Star nach einem Foul verletzt: Spieler sollen so lange gesperrt werden, bis der Gefoulte sein Comeback geben kann.

An Stammtischen kann Hamann damit sicherlich punkten. Durchdacht ist der Gedanke deshalb nicht. Auch in der Sportgerichtsbarkeit wird die Schwere einer Tat bewertet und geahndet, nicht die daraus resultierenden Folgen. Im Fall Bakalorz musste der Schiedsrichter bewerten, ob ein fahrlässiges, ein rücksichtsloses oder gar ein brutales Foul vorlag. Das hat Wolfgang Stark gemacht, ob richtig oder falsch, steht auf einem anderen Blatt. Das Vergehen bliebe das Gleiche, auch wenn sich Reus nicht verletzt hätte.

Zudem gibt man nach allgemeiner Rechtsauffassung mit der Teilnahme an einem sportlichen Wettkampf die Einwilligung, sich den typischen körperlichen Gefahren auszusetzen: Volenti non fit iniuria.

Wer immer noch für eine nachträgliche Sperre plädiert, für den haben wir noch ein paar Denkanstöße: Wann ist ein Spieler wieder gesund – beim ersten Training oder beim ersten Spiel? Was passiert, wenn zwei Spieler foulen – werden beide gesperrt? Was passiert, wenn der Gefoulte Sportinvalide wird – gibt es dann lebenslanges Berufsverbot? Dürfen die Vereine auch das Gehalt kürzen, immerhin steht der Täter eine bestimmte Zeit nicht zur Verfügung? Es ginge noch absurder, trotzdem wird Hamanns Forderung wieder aufflackern, wenn sich der nächste „Star“ verletzt. (krä)

  • Gleichheit vor dem Unparteiischen oder Reservat für Techniker?

„Gerade solche Spieler müssen besonders geschützt werden.“ Fand Markus Merk, Sky-Schiedsrichter-Experte und meinte Marco Reus. Nicht zum ersten Mal setzt Merk in seiner Funktion auf Populismus statt ruhige Abwägung. Aber es geht mir nicht um ihn. Die sinngemäß gleiche These habe ich im weiteren Verlauf des Wochenendes so oft gehört und gelesen, dass ich gar nicht mehr aufzählen kann, wer alles diese unhaltbare Meinung teilt. Stellvertretend dafür Sport 1-Kommentator Martin Volkmar, der wörtlich forderte: „Doch die Schiedsrichter sind auch verpflichtet, gerade die Spieler besonders zu schützen, die im Fußball den Unterschied ausmachen.“

Ich hoffe nicht, dass es Schiedsrichter gibt, die Fouls an Lionel Messi härter ahnden als solche an Sergio Ramos. Genau das scheinen aber Merk und seine Apologeten zu fordern. Nun kann man durchaus finden, dass der technische Fußball nicht durch beinharte Zweikampfführung verunmöglicht werden sollte. Ist auch meine Meinung. Aber dann muss man halt bestimmte Fouls härter ahnden – unabhängig vom Opfer des Vergehens. Die aktuelle Aufregung wäre sicherlich nicht halb so groß, wenn, sagen wir, Marco Reus Marvin Bakalorz verletzt hätte.

In Erinnerung geblieben ist auch die Empörung von Marcel Reif im Champions League-Halbfinale Bayern – Lyon 2010, als Franck Ribéry für ein Foul an Lisandro López vom Platz gestellt worden war, bei dem er von oben mit der Sohle auf den Knöchel des Gegners gestiegen war. Genauso wie Ádám Szalai an diesem Wochenende für Hoffenheim in München gegen Dante. Obwohl anders als im Fall Bakalorz keinerlei Absicht, den Ball zu spielen, erkennbar war, echauffierte sich Reif 30 Minuten lang über die vermeintliche Benachteiligung der Bayern – über alle Zeitlupen hinweg. Der FC Bayern versuchte anschließend, die Sperre aufheben zu lassen. All das für ein klar rotwürdiges Foul. Niemand fand damals, der Knöchel von Lisandro (der zum Glück weiterspielen konnte), hätte besonders geschützt werden müssen. Bei Szalai wiederum waren sich alle einig: „Klar Rot“.

Solch unterschiedliche Sichtweisen auf die Rotwürdigkeit bestimmter Fouls gehören zum Fußball dazu, und es ist gut, wenn nicht alle Menschen immer der gleichen Meinung sind. Schlecht ist es nur, wenn gefordert wird, die unterschiedlichen Maßstäbe auch noch den Schiedsrichtern mit auf den Weg zu geben. Dann sind wir irgendwann wieder bei Jürgen Klopp, der 2011 Mario Götzes Platzverweis in Leverkusen mit der Begründung kritisierte, „man sollte die Persönlichkeit eines Spielers berücksichtigen“. Der Schiedsrichter, von dem Klopp das damals forderte, war wie jetzt in Paderborn Wolfgang Stark. Zum Glück hatte der weder vom Täter noch vom Opfer vorher Psychogramme angefertigt, auf deren Basis er entschied. (dan)

  • Sollte man Grätschen grundsätzlich verbieten?

Wenn man wirklich etwas tun will, um den technisch anspruchsvollen Fußball zu schützen und schwerwiegende Verletzungen durch überharte Fouls zu verhindern, könnte man die Grätsche generell verbieten. Was Jogi Löw seinen Spielern aus anderen Gründen schon lange auferlegt hat, im Zweikampf nicht auf den Boden zu gehen, könnte die FIFA in ihr Regelwerk aufnehmen. Die Sanktionierung mit der Roten Karte für ein Foul, wie das von Bakalorz, wäre für den Schiedsrichter somit ein „Muss“ und nicht ein „Kann“ gewesen.

Nicht wenige Fußballfans würden gegen eine solche Konsequenz allerdings Sturmlaufen, denn das kampfbetonte Spiel gilt bei vielen als Inbegriff des Fußballs.
Finger weg vom Fußball, hört man die Traditionalisten rufen. Der Fußball wurde allerdings ständig neu reglementiert und ein Verbot der Grätsche ist in gewisser Hinsicht vielleicht nur eine logische Weiterentwicklung des Regelwerks. Jeder erinnert sich an die Einführung der Roten Karte für Grätschen von hinten. Eine Tendenz in Richtung härtere Bestrafung von Fouls kann man wohl nicht bestreiten. Diese könnte mit der Weiterentwicklung der Athletik zusammenhängen. Sicherlich Stoff für eine tiefer gehende Analyse. Hier nur ein nur kurzer Abriss der Historie.

• Bei der WM 1970 werden die Gelben und Roten Karten eingeführt.
• 1983 wird die Rote Karte für die Notbremse eingeführt
• 1991 wird die Abstufung der Gelb-Roten Karten eingeführt.
• 1993 wird die sogenannte Blutgrätsche, die Grätsche von hinten, verboten.
• WM 1998: Ein Foul von hinten ist ab sofort vom Schiedsrichter mit Platzverweis zu ahnden.

Ein Blick in die aktuellen Fußball-Regeln des DFB, die den FIFA-Regeln entsprechen, sagt erstmal Folgendes: Es wird unterscheiden zwischen „Fahrlässigen Fouls“ (keine Verwarnung), „Rücksichtslosen Fouls“ (Gelbe Karte) und dem „Brutalen Spiel“ (Rote Karte).
Im Abschnitt „Grobe Fouls“ wird näher beschrieben, was als brutal gilt: „Ein Spieler, der im Kampf um den Ball von vorne, von der Seite oder von hinten mit einem oder beiden Beinen in einen Gegenspieler hineinspringt und durch brutales Spiel die Gesundheit des Gegners gefährdet, begeht ein grobes Foul. Grobe Fouls werden mit einem Feldverweis geahndet.“

Galt also ab 1998, dass „ein Tackling von hinten, welches die Gesundheit eines Gegners gefährdet, als grobes Foul zu ahnden“ ist, so wurde diese Regel 2005 ausgeweitet in: „Ein Tackling, welches die Gesundheit eines Gegners gefährdet, ist als grobes Foul zu ahnden.“ Die Grundlage, nachdem Wolfgang Stark Marvin Bakalorz mit einer Roten Karte des Feld hätte verweisen können, ist laut Regelwerk also schon längst gegeben. Nur hat Stark das Foul an Reus offensichtlich als „Rücksichtslos“, aber nicht „brutal“ eingestuft. Es ist eine Ermessensentscheidung des Schiedsrichters und somit eine streitbare aber nachvollziehbare Entscheidung.

Will man für solche Fouls zwingend die Rote Karte sehen, dann muss man die Regeln verschärfen. Dass könnte dann so aussehen: „Jedes Tackling, bei dem der Spieler in den im Ballbesitz befindlichen Gegenspieler hineinspringt, bzw. -grätscht ist mit einem Feldverweis zu ahnden.“ Ein Änderung, die man zumindest diskutieren kann. Sie würde den technisch anspruchsvollen Fußball fördern und Zweikämpfe erschweren. Eine solche Änderung würde dem Fußball aber auch spektakuläre Tacklings nehmen und vermutlich den Eindruck des kampfbetonten und athletischen Spiel vermindern. Zudem gäbe es sicherlich Schwierigkeiten, aus der Balance geratene Spieler, die im Zweikampf zu Boden gehen, zu beurteilen. Ich persönlich würde glauben, der Fußball verlöre mehr, als er gewönne. (mic)

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