Drei Dinge, die mir im Revierderby aufgefallen sind

Borussia Dortmund scheiterte beim torlosen Remis gegen den FC Schalke in erster Linie am königsblauen Torhüter Ralf Fährmann. So lautet zumindest der allgemeine Tenor nach dem 144. Revierderby. Es gibt aber auch andere Lesarten dieses hochklassigen Klassikers.

1) Der BVB scheiterte an Ralf Fährmann, aber…

Nach einer ausgeglichenen Anfangsphase, in der sich die Gäste aus Gelsenkirchen sogar leichte spielerische Vorteile auf die Fahne schreiben durften, begann die Dortmunder Überlegenheit ab der 20. Minute und ebbte bis zum Schlusspfiff nur in kurzen Phasen wieder ab. In nahezu allen wichtigen statistischen Spieldaten lag der BVB vorne, es gipfelte in einer leicht besseren Zweikampfquote (52,8 zu 47,2 Prozent), einer deutlich besseren Passquote (72,2 zu 63,2 Prozent) und einem klaren Übergewicht an Torschüssen (18:8).

Der beste Mann auf dem Platz war somit Schalkes Torhüter Ralf Fährmann, der insgesamt sechs Paraden zeigen musste, wovon vier wirklich herausragend waren. Fährmann wurde zu Recht gefeiert, bei genauerer Betrachtung hat die Medaille jedoch eine zweite Seite, die nicht sehr schmeichelhaft für den BVB ist.

Die Dortmunder hatten sieben Gelegenheiten, die das Prädikat „Großchance“ verdienen. Und nur bei Henrikh Mkhitaryans Fernschuss in der 31. Minute, den Fährmann mit den Fingerspitzen aus dem Eck kratzte, müssen sich die Dortmunder keinen Vorwurf machen. In den anderen Fällen musste entweder Fährmann gar nicht eingreifen (Robert Lewandowskis Kopfball in der 5. Minute und Mkhitaryans Schuss in der 73. Minute) oder die Abschlüsse waren ungenau und Fährmann wurde quasi zu seinem Glück gezwungen.

Diese Kritik richtet sich insbesondere an Marco Reus, der gleich drei gute Chancen vergab. Die mangelhafte Chancenverwertung ist ein Dauerthema in Dortmund, das Trainer Jürgen Klopp mit seiner Mannschaft nicht in den Griff bekommt. Fährmanns Anteil am 0:0 ist nicht wegzudiskutieren, die Dortmunder Ungenauigkeit im Abschluss aber auch nicht.

2) Schalke ist die zweitbeste Rückrundenmannschaft, aber…

Mit nun 23 Punkten liegt der FC Schalke auf Rang zwei der Rückrundentabelle der Bundesliga und sammelte in zehn Spielen bisher nur fünf Zähler weniger als in der gesamten Hinserie. Wenn ich dazu noch bedenke, dass beispielsweise im Derby zehn Spieler verletzt fehlten, sollte die Leistung noch mehr Beachtung finden.

Auch Trainer Jens Keller hat an dieser Entwicklung sicher seinen Anteil. Gerade gegen schwächere Teams, die tiefer stehen, kommt Schalkes individuelle Klasse im Kader mit Spielern wie Klaas-Jan Huntelaar, Jefferson Farfán, Kevin-Prince Boateng oder Julian Draxler sehr gut zum Tragen.

Es bleibt aber dabei: Gegen starke Gegner wie den FC Bayern, Real Madrid oder eben Borussia Dortmund kann sich der FC Schalke nicht durchsetzen. Und das liegt nicht an der Qualität im Kader, die durch die vielen Verletzten gelitten hat. Die Knappen machen gegen diese Mannschaften immer wieder die gleichen taktischen Fehler. Das defensive Umschaltspiel im Mittelfeld ist eine Katastrophe, Schalke bekommt in unschöner Regelmäßigkeit nicht genügend Spieler hinter den Ball und die dadurch entstehenden Räume nutzen Gegner wie Real oder Bayern (den BVB muss ich wegen der genannten Chancenverwertung ausklammern).

Keller schafft es nun schon seit über einem Jahr nicht, diese taktischen Grundfehler auszumerzen. Deshalb kann man den Verantwortlichen auf Schalke nur wünschen, sich von der aktuellen Erfolgsserie nicht zu sehr blenden zu lassen.

3) Der Schalker Jugendstil ist bemerkenswert, aber…

Wie Borussia Dortmund zu Beginn der Ära Jürgen Klopp durch finanzielle Gegebenheiten zur radikalen Verjüngung des Kaders gezwungen wurde, wird aktuell auch der FC Schalke durch die personelle Misere zu einem Jugendstil verdonnert, der alternativlos erscheint. Schalke stellte im Derby eine Startelf, die durchschnittlich 23 Jahre und 203 Tage jung war – zudem kamen mit Fährmann, Tim Hoogland, Joel Matip, Kaan Ayhan, Sead Kolasinac, Julian Draxler und Max Meyer gleich sieben Spieler aus dieser Startelf aus dem Jugendbereich der Knappen.

Das ist ein fantastischer Wert, der in Gelsenkirchen für Stolz sorgt und auch sorgen darf. Bei aller Euphorie ist aber auch wichtig, für die richtige Balance zu sorgen. Denn auch wenn die absoluten Youngster wie Meyer oder Ayhan nach dem Derby hochgejubelt werden und dabei einen besonderen Jugend-Bonus bekommen – exemplarisch sei hier die Einzelkritik auf derwesten.de genannt – so zeigt eine objektive Bewertung ihrer Leistung noch sehr viel Luft nach oben.

Meyer tauchte als Spielmacher völlig unter und hatte bis zu seiner Auswechslung nach Roman Weidenfeller die wenigsten Ballkontakte auf dem Feld. Ayhan wiederum zahlte in den Zweikämpfen mit Robert Lewandowski verständliches Lehrgeld, Einsatz allein darf für junge Spieler nicht das entscheidende Kriterium sein. Ich will damit eigentlich nur sagen: Will der FC Schalke dauerhaft ein Champions League-Kandidat bleiben, muss bei aller Euphorie um die Jugendspieler weiter externe Qualität an den Kader herangeführt werden.

Be Sociable, Share!

Kommentar verfassen

Sie können die folgenden HTML-Codes verwenden:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>