Ein Bad Boy für die Chorknaben

Gegen den Ball ist immer nah dran am FC Schalke 04, und so stelle ich mir heute die Frage, welche Qualitäten Neuzugang Kevin-Prince Boateng hat. Die Meinungen über den 26-Jährigen sind von der Berichterstattung der Boulevardmedien geprägt. Viel interessanter als Frisuren und Fouls finde ich allerdings die Fragen, welche fußballerischen Qualitäten Boateng mitbringt und wie er in die Mannschaft des FC Schalke 04 passt. Ich werde mich diesen Fragen anhand der Fakten nähern.

Ich habe hier die Leistungen der vergangenen Saison von Boateng und acht weiteren offensiven Mittelfeldspielern dargestellt.

Daten der letzten Saison. Quelle: www.whoscored.com (opta).
Daten der letzten Saison. Quelle: www.whoscored.com (opta).

Dazu die Leistungen Boatengs der vergangenen vier Jahre.

Kevin-Prince Boateng

Vergleicht man also Boatengs Daten mit denen anderer offensiver Mittelfeldspieler, dann drängen sich folgende Schlüsse auf.

Stärken:

  • Boatengs kommt extrem oft zum Torschuss (3,2 Schüsse aufs Tor pro Spiel). Nur Gareth Bale ist in dieser Disziplin besser als Kevin-Prince.
  • Boateng ist durchaus ins Spiel eingebunden und neigt nicht dazu, sich zu verstecken (37 Pässe im Schnitt pro Spiel). Im Vergleich dazu sieht man, wo bei Julian Draxler noch das Problem liegt, er ist noch zu selten in der Lage, das Spiel zu leiten (28,2 Pässe pro Spiel).
  • Boateng ist auch für gute lange Bälle zu haben (2,7 pro Spiel). Von unserer Auswahl offensiver Mittelfeldspieler schlägt nur Juan Mata mehr erfolgreiche lange Bälle pro Spiel.
  • Nimmt man Tackles und Interceptions (abgefangene Bälle) zum Maßstab von Defensivarbeit, dann kann man Boateng zu den defensivstärkeren offensiven Mittelfeldspielern rechnen (0,9 Interceptions pro Spiel/1,6 Tackles pro Spiel).

Schwächen:

  • Eine große Schwäche Boatengs ist die mangelnde Effizienz (3,2 Schüsse pro Spiel jedoch nur 3,25 Liga-Tore pro Spielzeit in den letzten vier Jahren). Dazu twitterte whoscored.com heute: Of the 267 goalscorers in Serie A last season, only Quintero (2.1%) had a worse conversion rate than Boateng (2.2%).
  • Boateng ist kein Spieler, der für zehn oder mehr Vorlagen in der Saison gut ist. Das heißt nicht, dass er nicht mannschaftsdienlich ist. Er reist durch seine dynamischen Läufe durchaus Lücken für seine Kollegen. Außerdem spielt er mit 1,8 Schlüsselpässen pro Spiel entscheidende Bälle. Ein Juan Mata (12 Vorlagen) oder Mesut Özil (13) ist er als Vorarbeiter aber nicht.
  • Boateng ist auch – welche Überraschung – kein Dribbelkönig (0,7 erfolgreiche Dribblings pro Spiel). Wie schon gesagt, ist sein Spiel geprägt von der Dynamik, von der Physis und seinem Durchsetzungsvermögen.

Nach dem Studium der Daten war ich schon über die geringe Torausbeute von Kevin-Prince Boateng in den letzten Jahren überrascht. Sein Bad Boy-Image bestätigt sich allerdings faktisch nur bedingt. In der Premier League flog Boateng noch nie vom Platz, in der Bundesliga genau ein Mal, in Italien allerdings schon vier Mal (2 Gelb-Rot/2 Rot). Es gibt da aber noch Luft nach oben. Jens Nowotny kam in seiner Karriere auf 5 Rote und 3 Gelb-Rote Karten, Sergej Barbarez sammelte 4 x Rot und 4 x Gelb-Rot.

Was erwarten die Schalker Verantwortlichen von dem Transfer?

Der Transfer wurde als spektakuläre Neuverpflichtung und Sensation gefeiert. Das lag wohl zum einen daran, dass Horst Heldt mit dieser Verpflichtung jeden Fußballkenner überraschte, aber auch an dem Gefühl,  dass wenn ein Spieler vom großen AC Mailand zu Schalke 04 wechselt, muss es eine Granate sein. Allerdings wurden die Rossoneri in der vergangenen Saison nur Dritter in der Serie A. Sie flogen zudem genau wie Schalke im Achtelfinale der Champions League raus (allerdings gegen Barcelona und nicht Galatasaray).

Der Kader des AC Mailand ist laut Transfermarkt rund 26,15 Millionen Euro mehr wert als der von Schalke 04. Auch dieser Unterschied war schon weitaus extremer. Was ich damit sagen will: Beurteilt man den Transfer nicht am Renommee des abgebenden Vereins, sondern allein an den Leistungen des Spielers in den letzten Jahren, dann relativiert sich die Sensation. Allerdings habe ich den Eindruck gewonnen, die Verantwortlichen auf Schalke haben Boateng nicht nur auf Grund der harten Fakten geholt.

Soft skills die wahren Stärken?

Laut Wikipedia sind soft skills so genannte „weiche“ Fähigkeiten, „die neben der sozialen Kompetenz im engeren Sinne auch Neigungen, Interessen und andere Persönlichkeitsmerkmale wie Belastbarkeit, Frustrationstoleranz u. ä. einschließen.“ Fähigkeiten also, die eben nicht durch objektive Leistungstests erfasst werden können. Mancher Beobachter wird gerade Boateng charakterliche Stärke oder soziale Kompetenz absprechen wollen.

Schalkes Manager Horst Heldt sieht das anders. Für Heldt liegen die Qualitäten von Boateng auch und gerade auf charakterlicher Seite. „Wir halten ihn für einen Spieler mit einer enormen Leader-Qualität“, erklärte Heldt auf der Pressekonferenz. In Mailand avancierte Boateng durch seine kämpferische Art zum Publikumsliebling. Auch aufgrund seiner spektakulären Treffer in der Champions League gegen Barcelona, Arsenal und Juventus gaben ihm die Rossoneri den Schlachtruf: „Big, Bang, Boateng!“

Welche charakterlichen Stärken oder Defizite Boateng hat, kann und will ich nicht beurteilen. Die Beobachtungen der letzten Wochen stärken aber den Eindruck, dass ein Typ wie Boateng den Schalker Chorknaben gut tut. Die Saisonvorbereitung verlief vielleicht zu harmonisch. Jens Keller beschwerte sich nach den letzten Spielen immer wieder, über das nicht abgesprochene Zurückweichen seiner Mannschaft und den fehlenden Mut in bestimmten Phasen des Spiels. Gerade in dieser Beziehung kann ein Typ wie Boateng dem jungen Team helfen.

Transferpolitik

Der FC Schalke 04 hat mit den Transfers von Dennis Aogo und Kevin-Prince Boateng noch einmal kräftig nachgelegt und auf den verhagelten Saisonstart reagiert. Allerdings sind die Problemzonen nur bedingt angegangen worden. Die beiden Außenverteidiger der Schalker zeigten zuletzt einmal mehr ihre defensiven Schwächen. Der zweite Schwachpunkt ist das zentrale Mittelfeld. Jones, Neustädter und Höger schaffen es zu selten, den Raum vor der Abwehr kompakt zu halten – exemplarisch der 1:1-Gegentreffer gegen PAOK als beide Sechser vor dem Ball agierten.

Wohin mit Boateng?

Doch wohin mit dem neuen Antreiber? Boateng „hat über 100 Spiele für den AC Mailand gemacht, war bei einer WM dabei. Wenn man einen Spieler mit so einer internationalen Qualität bekommt, freut man sich“, sagte Jens Keller auf der Pressekonferenz. Wo genau er Boateng einsetzen wird, verriet er aber noch nicht. „Er ist auf mehreren Positionen einsetzbar. Er hat zuletzt oft auf der rechten Seite gespielt, kann die Zehn ausfüllen, hat in der Nationalmannschaft auf der Sechs gespielt.“ Meiner Meinung nach ist Boateng eine Mischung zwischen einem Zehner und einem Achter.

Auf Schalke wird er wohl kaum Jefferson Farfan auf der rechten Seite verdrängen. Die wahrscheinlichste Lösung, den dynamischen Mittelfeldspieler einzubauen, ist ihn auf der Zehn spielen zu lassen. Julian Draxler würde wieder auf die linke Flanke wechseln, dort wo er, den meisten Beobachtern zu Folge, sowieso seine besten Spiele gemacht hat.

So könnte die Elf des FC Schalke 04 nach den Transfers nun aussehen:

Schalke 04

 

Fazit: Big Bang Boateng Theory

Die Überlegung, einen erfahrenen „Aggressive Leader“ für die junge und talentierte Schalker Truppe zu holen, ist sicherlich nachvollziehbar. Boateng könnte gerade aus diesem Grund der fehlende Mosaikstein im Aufbau eines funktionierenden Mannschaftsgefüges sein. Seine Leistungen der letzten Jahre waren in der Champions League recht gut, was die Konstanz in der Liga an geht, aber ausbaufähig. Dennoch glaube ich, dass er zusammen mit Draxler, Farfan und Huntelaar eine gefährliche Offensivabteilung bilden wird. An den eigentlichen Schwachstellen im Team geht dieser Transfer aber vorbei.

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