Ein immer noch tieferer Tiefpunkt

Vor einem guten Jahr schrieb Klaus Katzenbach an dieser Stelle einen Artikel über den HSV. „Gefühltes Versagen“ war der Tenor des Texts. Fans und Medien in Hamburg, so die Kernthese, fehle jede Urteilsfähigkeit in Bezug auf die Leistungen des Clubs, so dass unabhängig vom tatsächlichen Tabellenplatz jeder Rückschlag nicht als eben solcher, sondern als Totalversagen gewertet werde. Wohl gemerkt erfolgte diese Diagnose in einer Saison, die die Rothosen am Ende als Siebter beendeten, der Einzug in die Europa League wurde erst am letzten Spieltag verpasst, war aber zum Erscheinungszeitpunkt des Artikels noch machbar.

Inzwischen ist nun der HSV tatsächlich so weit abgestürzt, wie es die negativen Stimmen schon seit Jahren vermutet zu haben schienen. Ob das Beenden der Bundesligasaison auf Platz 16 und die knapp überstandene Relegation zeigen, dass die Kollegen von der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung Recht hatten, die vor der Spielzeit den HSV auf Platz 17 tippten, oder ob der gigantische Pessimismus eine self-fulfilling prophecy darstellt, die irgendwann dann unvermeidlich die negativen Resultate hervorbringt, an die sie schon seit Jahren glaubte, ist eine spekulative Frage.

Logischer und an den Fakten orientiert: Entweder der HSV hat in der vorigen Saison weit über seinen Verhältnissen gespielt (dann aber war die damalige Kritik absurd), oder der HSV hat in dieser Saison alles falsch gemacht, was man falsch machen konnte. Beides kann nicht zutreffen, Versagen 2013 und Versagen 2014. Es sei denn, das eigentliche Leistungsvermögen der Hamburger liege sogar noch über Platz sieben in der Bundesliga – eine gewagte These.

Ich persönlich neige zur Auffassung, dass Platz sieben 2013 ein insgesamt der Kaderstärke angemessenes Ergebnis war – was wiederum die Frage aufwirft, warum so viele HSV-Fans schon zu Saisonbeginn der aktuellen Spielzeit die sofortige Entlassung von Thorsten Fink für das Gebot der Stunde hielten. Im Nachhinein ist man immer klüger. Aber eine Trainerentlassung unter dem Eindruck eines schlimmen Resultats ist eigentlich immer falsch, solche zentralen Personalentscheidungen sollten generell eingangs der Sommer- oder der Winterpause vollzogen werden, unter Berücksichtigung einer mindestens mittelfristigen Bewertung von Zielen und Ergebnissen.

Der HSV aber ließ sich von der Stimmung in der Stadt und überregionalen Medien treiben und feuerte Fink schon Anfang September nach einem 2:6 in Dortmund. Man kann den Verantwortlichen in der Hansestadt immerhin nicht vorwerfen, dass sie keine geeigneten Nachfolger gefunden hätten – sowohl Bert van Marwijk als auch Mirko Slomka waren für einen Abstiegskandidaten der Bundesliga durchaus namhafte Personalien. Doch das Problem war nicht der Trainer, wie der HSV nicht als erster Club feststellte, der drei Chefcoaches in einer Saison beschäftigte (Nürnberg stieg nach zwei Trainerentlassungen in dieser Saison ab, Hertha vor zwei Jahren ebenso, Stuttgart indes rettete sich mit dem dritten Trainer Huub Stevens erfolgreich).

Thorsten Fink hatte bei seiner Entlassung, wenn man nur die bis dahin erst sechs Pflichtspiele der laufenden Saison rechnet, einen Punkteschnitt von 1,17. In der Vorsaison, die für die Beurteilung seiner Arbeit ja nicht ganz unerheblich sein durfte, betrug sein Punkteschnitt 1,37. Fink-Nachfolger Bert van Marwijk brachte es auf einen Punkteschnitt von 0,88, ehe er seinerseits gefeuert wurde. Mirko Slomka, die Nummer drei, ging mit einem Schnitt von 0,80 in die Relegation (nach dieser beträgt sein Schnitt 0,87, also immer noch schlechter als Van Marwijk). Die These, dass jeder Trainerwechsel den HSV also sogar Punkte kostete, ist nicht von der Hand zu weisen. Vor allem wäre der HSV mit Thorsten Fink wohl nie in echte Abstiegsnot gekommen: Selbst wenn die Mannschaft nie die Form der Vorsaison erreicht und die gesamte Spielzeit auf dem Niveau des schwachen Saisonstarts gespielt hätte, wäre sie am Ende Zwölfter geworden.

Die Trainerwechsel sind sicherlich nicht alleinige Ursache, zu großen Teilen auch einfach Symptom der Hamburger Probleme. Diese bestehen übrigens, wie ich noch einmal betonen will, NICHT darin, dass alle Beteiligten sich permanent „überschätzen“ würden, wie ich in praktisch jedem Party- oder Cafégespräch über den HSV zu hören bekomme, sondern gerade darin, dass die Mannschaft permanent zu schlecht eingeschätzt wird.

Man muss schon Michel Foucault bemühen, um dieses Phänomen zu begreifen. Wie der Philosoph in seinem Werk La volonté de savoir 1976 beschrieb, wurde die menschliche Sexualität in der Moderne keineswegs immer „unterdrückt“, sondern durch exzessive Thematisierung erst zu einem zentralen Gegenstand menschlichen Denkens und des gesellschaftlichen Diskurses gemacht. Doch auch im Angesicht einer allgegenwärtigen Sexualisierung des Alltags und der Medien behauptete die These der Repression jeder Sexualität lange Plausibilität (und stellte nicht zuletzt eine Grundlage der Psychoanalyse).

Ähnlich hartnäckig hält sich die Überzeugung, der HSV werde immer „überschätzt“. Von wem auch immer, denn ich habe seit vielen Jahren überhaupt nirgendwo mehr eine Einschätzung des Clubs gelesen oder gehört, die positiver ausfiel als das tatsächliche Abschneiden der Mannschaft. Im Kicker-Sportmagazin landete der HSV aktuell gerade zum dritten Mal in Folge am Saisonende auf einem direkten Abstiegsplatz – obwohl das Team nicht ein einziges Mal wirklich auf einem solchen einlief. In einer Online-Umfrage der gleichen Zeitschrift wurde auf die Frage „Wer hat die Relegation verdient?“ von fast 90 Prozent der Teilnehmer Eintracht Braunschweig genannt. Wie die Redakteure fanden offenbar auch die Leser, dass Braunschweig besser gespielt habe als der HSV.

Wenn ein großer Club einmal so tief unten steht, bietet sich dem öffentlichen Diskurs ohnehin alles als Anhaltspunkt für Kritik: Uli Stein etwa befand in seiner Kolumne im Kicker, es sei „peinlich“, dass der HSV sich über das Erreichen von Platz 16 gefreut habe. Man darf indes sicher sein, dass zur Schau gestellte Enttäuschung über Platz 16 irgendjemandem den Anlass gegeben hätte, die Resignation als Ausweis von Chancenlosigkeit in den Entscheidungsspielen zu sehen. So auch Sebastian Wolff in seinem Nach-Relegationskommentar im Kicker: „So lange allein das Überleben des Dinos als Erfolg vermarktet wird, scheint der Weg für neue Erfolge blockiert“, schloss der HSV-Korrespondent seinen Meinungsartikel. Wenn ich das also richtig verstehe, ist es falsch, sich an den Europacupplätzen zu orientieren, aber auch verwerflich, sich über den Klassenerhalt zu freuen. Der einzige Ausweg scheint die sofortige Vereinsauflösung.

Tatsächlich finde ich es auch sehr schwer, mir vorzustellen, auf welchem Weg der HSV aus seiner aktuellen finanziellen und sportlichen Misere herauskommen soll. Wie die Bild in ihrem Kommentar zum „unverdientesten Nicht-Abstieg der Bundesliga-Geschichte“ forderte, sich an Mainz und Augsburg zu orientieren („sie machen vor, wie man solide und bescheiden zum Erfolg kommt“) ist dabei auch nicht mehr als ein hundertfach gehörter Allgemeinplatz. Es gilt doch, das Niveau zu finden, auf dem der Club wieder profitabel funktionieren kann. Dieses wird kaum auf Platz zehn der Bundesliga liegen, angesichts der Schulden, des Umsatzes und der Möglichkeiten des HSV.

Aber zurück zum Sportlichen und seiner Bewertung. Hier kulminierte in der Berichterstattung rund um die Relegation, vor allem anlässlich des Hinspiels, alles, was sich in den letzten Jahren an Negativität als zentrales HSV-Narrativ angestaut hatte. Das Spiel in Hamburg am Donnerstag endete bekanntlich 0:0. Die Einschätzung, wer „besser gespielt“ oder den Sieg „verdient“ hatte, ist zu weiten Teilen subjektiv, daher werde ich jemanden, der von der katastrophalen Leistung des HSV überzeugt ist, auch mit Zahlen nicht vom Gegenteil überzeugen. Zumal ich selbst natürlich auch kein „gutes Spiel“ des HSV gesehen habe, sondern ein typisches Relegationsspiel mit nervösem Bundesligisten und unbeschwerterem Zweitligisten. Die Statistik sagte: Ballbesitz 57% zu 43% zu Gunsten des HSV. Torschüsse: 15:12. Davon Schüsse, die aufs Tor kamen: 6:2. Alle Zahlen laut Opta.

Wenn man sich ein dreieinhalbminütiges Highlightvideo des Spiels ansieht, dann kann man, wenn man halbwegs gute Chancen zählt, auf ein Verhältnis von 6:5 zugunsten der Heimmannschaft kommen, wenn man Pierre-Michel Lasoggas Abseitstor abzieht, 5:5. Wer das nicht glaubt, der sehe sich einfach nochmal die Highlights an und nenne mir ein alternatives Chancenverhältnis. Anders sahen es jedenfalls fast alle Medien. NDR-Kommentator Gerd Gottlob belegte den HSV während des Spiels mit Attributen wie „armselig“, „erschütternd“, „wenn man da überhaupt noch von Niveau sprechen kann“. Fürth hingegen trat auf „wie eine Heimmannschaft“, war „ganz stark“ und zeigte „eine tolle Leistung“. Die Kontertaktik der Franken wurde von der dpa als „erfrischender Offensivfußball“ charakterisiert.

Wie gesagt: Das sind letztlich subjektive Bewertungen, die ich nicht falsifizieren kann, und auch wenn normalerweise Journalismus, der in so einseitiger Drastik ein 0:0 begleitet, in Frage gestellt werden sollte, kann man immer noch argumentieren, gemessen an den Voraussetzungen müsse der HSV eben viel mehr leisten als Fürth, um eine gute Darbietung attestiert zu bekommen. So offenbar auch die Logik der Notengebung im Kicker. Während die HSV-Spieler im Schnitt mit 4,2 bewertet wurden, bekam Fürth eine 2,7 – 0,33 Punkte besser als der Schnitt von Bayern Münchens Meistermannschaft in der abgelaufenen Saison.

Das ist allerdings ein echter Teufelskreis. Man attestiert dem HSV jahrelang schlechte Leistungen und behauptet, alle würden sich permanent „überschätzen“, misst die Mannschaft aber selbst immer an einem absurd hohen Maßstab, den man doch eigentlich für ganz falsch halten müsste. Warum sollte der HSV nach dieser Saison mit 21 Niederlagen und einem Einbruch am Ende ausgerechnet in der ersten Relegation seiner Geschichte frei und souverän aufspielen? Der HSV spielte dann halt auch wie eine Mannschaft, die drei verschiedene Trainer hatte, während Fürth taktisch sehr homogen auftrat. So nivellierten sich die unterschiedlichen Voraussetzungen eben, was im Fußball oft auf ein Unentschieden hinausläuft.

Selbst aber, wenn man fand, nur durch ein Wunder habe der HSV keine klare Packung erhalten, hätte man zumindest nach Abpfiff das Resultat zur Kenntnis nehmen müssen. In der ARD wurde jeder Fürther Spieler und Trainer im Interview beglückwünscht, als sei ein Auswärts-0:0 fast das sichere Weiterkommen, während alle Hamburger mit Fragen konfrontiert wurden wie der, ob sie „erschrocken“ über ihre Leistung seien. Alexander Bommes im Ersten und fast zeitgleich Jessica Kastrop auf Sky behaupteten jeweils, der HSV müsse nun im Rückspiel gewinnen. Rafael van der Vaart und Mirko Slomka mussten jeweils die Journalisten darauf hinweisen, dass ein 1:1 dem HSV genügen würde, nicht den Fürthern, die tatsächlich gewinnen mussten.

Leid tun konnte einem Fürths Trainer Frank Kramer, der die Glückwünsche im ARD-Studio abwiegeln musste, weil er bei aller Zufriedenheit über das aufgegangene Konzept wusste, dass noch nichts erreicht war. Dass die Hamburger in dieser Stimmung, in der auch ARD-Studioexperte Uli Stein nicht mehr einfiel, als wiederholt sein „Entsetzen“ über seinen Ex-Club zu formulieren, wenigstens darauf hinweisen wollten, sie hätten im Rückspiel noch alle Chancen („Null null zur Halbzeit“, Slomka), galt dann aber als der nächste Anlass zu vernichtender Kritik, zum Beispiel in der Frankfurter Allgemeinen: Man „konnte nur zu dem Schluss kommen, dass der Zweitliga-Vertreter in allen Belangen besser gewesen war“, befand Frank Heike, der Hamburg-Korrespondent des FAZ-Sportteils. Zu behaupten, der HSV habe im Rückspiel gute Chancen, „ging an den Tatsachen vorbei“, „beim chronisch überheblichen Club“, dessen Vertreter er schon in der Überschrift als „Schönredner“ angriff, „wurde die Realität ausgeblendet“, wenn man an den Klassenerhalt glaube.

Wie Heike, der „wenig Argumente dafür“ sah, dass der HSV sich retten könne, titelten diverse Medien anschließend, „Der HSV taumelt dem ersten Abstieg entgegen“ (etwa Spiegel Online), während die dpa mit der Überschrift „Hamburger SV vor dem Sturz in die Zweitklassigkeit“ den Ton für die meisten Regionalmedien vorgegeben hatte.

Zugegeben: Nach dem Rückspiel weiß man halt mehr. Nicht, dass das in Zukunft eine besonnenere Berichterstattung erhoffen lässt. Denn es geht bei dem hier beschriebenen Phänomen ja nicht darum, dass Medienvertreter an ihrem Anspruch scheitern. Ihr Anspruch ist es nicht, die sportliche Leistung möglichst genau zu bewerten, sondern ihr Anspruch ist es, die Geschichte zu erzählen, die mutmaßlich am besten funktioniert und auf die meiste Zustimmung stößt. Das mag jetzt naiv-idealistisch klingen: „Natürlich erzählen Medien die besten Geschichten“, „Wahrheit gibt es doch gar nicht“ usw. Vielleicht haben wir uns in Deutschland aber auch einfach viel zu sehr daran gewöhnt, dass Sportjournalismus Stimmungen folgt, statt sich ein eigenes Bild zu machen.

Und der HSV? Wie geht es mit dem weiter? Ein entscheidender Einschnitt könnte natürlich die angestrebte Ausgliederung des Profi-Fußballbereichs sein, die auf einer anstehenden Mitgliederversammlung von einer Dreiviertelmehrheit der Vereinsmitglieder bewilligt werden muss. Ein Selbstgänger ist aber auch die nicht, denn die Signale einiger Protagonisten des angestrebten Modells „HSV plus“ deuten eher darauf hin, dass die Entlassung von Verantwortungsträgern und die Installierung von „starken Männern“ angedacht sind. Klar, Wahlkampf für eine Übernahme macht man nicht, indem man andeutet, alles so weiterzumachen wie bisher. Aber warum sollte eine neue, „professionellere“ Führung viel besser mit dem medialen Druck umgehen können?

Interessant ist in diesem Zusammenhang der Vergleich mit Bayern München. Der Rekordmeister hat sich eine so dominante Stellung gegenüber den Medien aufgebaut, dass es deutliche Kritik an den Verantwortlichen fast gar nicht gibt – und wenn doch Journalisten ihre Rolle als Jubelperser zwischenzeitlich verlassen, wie es einige (aber bei Weitem nicht alle) angesichts der Verurteilung von Uli Hoeneß taten, so dürfen die empörten Äußerungen des Bayern-Vorstands über die ungerechtfertigte „Häme“ sicher sein, ihrerseits breiten Raum in gefälligen Medien zu finden. Während sich Bayern zumindest jenseits rechtskräftiger Straftaten einen fast kritikfreien öffentlichen Raum geschaffen hat, weil Journalisten um „Access“ bangen, wenn sie aus der Reihe ausscheren, sitzen in Hamburg immer die Medien am längeren Hebel, weil Negativ-Geschichten über diesen Club funktionieren und sich immer Ex-Spieler oder auch unzufriedene Aufsichtsräte finden, die gerne O-Töne à la „Ich habe Angst um meinen HSV“ liefern.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich befürworte weder eine unkritische Berichterstattung, noch finde ich, dass es keinen Anlass für eine kritische Betrachtung der Hamburger Vereinspolitik gibt. Aber wie der Vergleich mit den relativ erfolgreichen Jahren 2012/13 und, wie Katzenbach dargestellt hat, mit der Saison unter Martin Jol zeigt, war die extreme Negativität auch da schon virulent. Das liegt daran, dass es ein geschlossenes Kritik-System gibt, in dem man halt immer besser mitschwimmt, wenn man draufhaut, wie es in München sicherer ist, Bayern mantrahaft als „bestgeführten Club der Welt“ zu bezeichnen, ohne Vergleiche, ohne Belege, einfach, weil das ja alle sagen und finden, da wird es schon stimmen.

An diesen Voraussetzungen lässt sich nicht so leicht etwas ändern. Aber mit mehr Geduld und einer größeren Resistenz gegenüber medialen Kampagnen und Stimmungen ließe sich das schwierige Projekt, den HSV wieder zu stabilisieren, zumindest überhaupt theoretisch bewältigen. Mittelfristig muss dann übrigens tatsächlich der Plan sein, wieder europäisch zu spielen. Nur, weil es leicht ist, solche Ziele lächerlich zu machen, sind sie noch nicht falsch. Das einzige Niveau, auf dem ein Club wie der HSV dauerhaft wieder profitabel funktionieren kann, ist in der oberen Tabellenhälfte der Bundesliga. Die alltägliche Arbeit auf dem Trainingsplatz und in der Spielvorbereitung hat damit ohnehin nichts zu tun, die sollte immer nur am jeweils nächsten Gegner und der Entwicklung der Mannschaft und ihrer Spielweise orientiert sein. Zu glauben, dass der HSV 2013/14 21 Bundesligaspiele verloren hat, weil irgendein Vorstandsmitglied im letzten Sommer Platz sechs als Ziel ausgegeben hat, ist absurd. Der HSV hat 21 Spiele verloren, weil er im Sog der Negativstimmung zwei Trainer in einer Saison entlassen hat – und ziemlich viel Verletzungspech hatte. Das Letztere kann man auch in Zukunft nicht ausschließen. Das Erste schon. Egal, was das Umfeld findet.

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10 comments

  1. Andrej

    Einspruch! Das ist imho schon ein relativ bemühter Versuch, die im Nachhinein doch recht fragliche Einschätzung von vor einem Jahr zu retten. Der HSV hatte 2 Punkte weniger als der FC St. Pauli beim dessen Bundesliga-Direktabstieg als Tabellenachtzehnter. In keiner anderen Bundesliga-Saison seit Einführung der Drei-Punkte-Regel wären die Hanseaten in der Liga verblieben – und nur der bisherigen historischen Einmaligkeit, dass es erstens zwei noch schlechtere Mannschaften und zweitens die Relegation gab, ist dieses vertiable Wunder zu verdanken.

    Von daher lag der Kicker mit seiner Saison-Prognose zumindest in dieser Saison um einiges richtiger als hier suggeriert wird. Denn schließlich konnte die Kicker-Redaktion kaum ahnen, dass es zu dieser historisch einmaligen Konstellation kommen würde, sehr wohl aber hatte man (im Gegensatz zu Katzenbach) richtig erkannt, dass der HSV eine abstiegsreife Saison vor sich hat.

    Womit wir bei der Relegation wären, die dieses verhindert hat: Historisch wurde diese bei mittlerweile 16 ausgetragenen Runden (inkl. der Zeit von 1982-1991) 11 Mal vom Erstligisten gewonnen, nur 5 Mal konnte sich der Zweitligist durchsetzen. Bezogen auf die Jahre seit der Wiedereinführung lautet das Verhältnis 4:2.

    Dieses Duell wird also zu gut 2/3 vom Erstligisten gewonnen – und das ist natürlich auch kein Zufall, wie man sich auch in Ländern anschauen kann, in denen der Pokal mit Hin- und Rückspiel ausgetragen wird: An einem guten Tag kann ein guter Zweitligist einen Bundesligisten auch besiegen, über zwei Spiele in der deutlichen Mehrzahl der Fälle aber eben nicht. Zu groß ist dann doch der Leistungsunterschied und die schlichte Gewöhnung an Tempo und Spielkultur. Wer sich vor zwei Wochen noch gegen Bayern relativ achtbar aus der Affäre gezogen hat, ist gegen Fürth nun einmal klar im Vorteil (und auch die bessere Mannschaft).

    Darin aber liegt die perfide Ungerechtigkeit, dieser als Playoff getarnten Veranstaltung, die letztlich nur mehr Erstligisten den Status Quo sichert als vorher: Fürths Aufgabe in dieser Saison war nicht eine konkurrenzfähige Erstliga-Mannschaft zu haben, sondern eine konkurrenzfähige Zweitliga-Mannschaft. Mithin: Fürth hat seine Aufgabe erfüllt, der HSV mitnichten. Aus meiner Sicht Natürlich ist es daher kompletter Mumpitz, wenn man eine 27-Punkte Saison dadurch retten kann, weil man 0:0 und 1:1 gegen einen Zweitligisten spielt.

    Diese „Leistung“ des Dino auch noch zu verklären, indem man so tut, als irrten all diejenigen, die exakt dieses Niveau auch wahrgenommen haben, erinnert mich bei allem Respekt ein wenig an den Geisterfahrer, der der Auffassung ist, alle anderen bewegten sich in die falsche Richtung.
    😉

    • Daniel Raecke

      Hallo Andrej, danke für Deinen langen Kommentar! Bin nicht sicher, ob meine Argumentation richtig verstanden wurde. Dass der HSV in der aktuellen Saison wirklich schlecht war, ist doch geradezu der Aufhänger des Artikels und nicht etwas, das ich bestreite, oder? Die Frage ist aber, wenn man konstatiert, dass die Berichterstattung auch in der relativ erfolgreichen Vorsaison so negativ war, wie die Kausalität aussieht: Hatten alle Kritiker immer schon Recht? In welcher Form trägt die negative Berichterstattung zum Absturz bei? Bei anderen Aspekten sind wir uns entweder sowieso einig (die Relegation ist ein absurder, als Spannung getarnter Modus, der die Zahl der Absteiger aus der Liga von drei auf zweieinhalb reduziert, also Planungssicherheit und Bestandsschutz schafft) oder etwas anderer Meinung (Fürth lag die ganze Saison über auf Platz eins bis drei, ich denke nicht, dass sie im Nachhinein denken, ihre „Aufgabe erfüllt“ zu haben). Wenn jedenfalls Deine These stimmt, dass die mangelnde Qualität des HSV schon im vergangenen Sommmer von allen anderen außer Gegendenball richtig erkannt wurde, dann würde das doch zumindest die Frage aufwerfen, warum Thorsten Fink nicht als Wundertrainer gefeiert wurde, dafür, dass er mit einem Abstiegskandidaten auf Platz sieben landete. Insgesamt ging es mir jedenfalls darum, den Zusammenhang zwischen medialen Stimmungen und Entscheidungen der sportlichen Führung wie Trainerwechseln kritisch zu beleuchten. Dass der HSV eigentlich „besser“ als sein Tabellenplatz sei, habe ich hoffentlich nirgendwo geschrieben.

      • andrej

        Gut, dann habe ich dich tatsächlich nicht ganz verstanden. Mein Punkt ist irgendwie dazwischen, jetzt in aller Kürze vom Handy: Ich glaube der 7. Platz in der letzten Saison war doch eher glücklich, von heute aus betrachtet, jetzt, wo man einen nahezu unfassbar glücklichen Klassenerhalt on top hinter sich hat. Das Problem bei Fink war imho auch eher, dass er schon in der Vorsaison viele hohe Niederlagen gesammelt hatte – und nicht erkennen konnte, dass seine Vorstellungen von Offensivfußball mit dieser Abwehr und/oder diesem defensiven Mittelfeld in der Bundesliga schlichtweg nicht zu realisieren waren. Die Anspruchshaltung speist sich demgegenüber allerdings nicht nur aus Nostalgie, sondern auch aus dem Etat, der ja immer noch im oberen Bereich der Liga spielt. So gesehen: Letzte Saison gerade so im Soll, allerdings auch nur aufgrund einiger Siege gegen Ende, als es um nicht mehr viel ging. Diese Saison dann desaströs. Ob das mit Fink wirklich anders gekommen wäre, ist zumindest zweifelhaft. Vielleicht hätten sie auch einfach noch viel mehr Tore kassiert als ohnehin schon, zumindest gegen starke Gegner.

  2. Trapper Seitenberg

    Interessanter Artikel, der sich um eine andere, differenzierende Sichtweise bemüht. Vielem kann ich vorbehaltlos und vollumfänglich zustimmen. Insbesondere den Aussagen zum traditionellen Sportjournalismus und seiner Form der „Berichterstattung“.
    Eine Anmerkung: Natürlich hat der HSV keine Spiele verloren, weil ein Vorstandsmitglied (Jarchow) Platz sechs als Ziel vorgab. Aber mit dieser Zielvorgabe hat er m.E. eindeutig die überhöhte, medial befeuerte Anspruchshaltung gestützt, bzw. noch gefördert. Die Begründung beim HSV lautet in solchen und ähnlichen Fällen (auch bei Transfers übrigens) traditionell: „wir müssen den Leuten etwas bieten, schließlich schreibt uns der Boulevard das Stadion voll“. Und so darf man sich eben nicht wundern, wenn der s.g. „Druck der Öffentlichkeit“ umgehend erheblich steigt, sobald der Saisonauftakt hinter den (selbst geschürten) Erwartungen zurückbleibt. Diesen dann nach nur wenigen Spieltagen als Begründung anzuführen, obwohl Fink zuvor alle ihm gesetzten sportlichen Ziele erreicht hatte, zeigt, dass man die Zusammenhänge nicht verstanden hat. Ein Problem scheint mir, dass man in vielen Bereichen der Führungsebene im Grunde immer wieder Profifußball-Laien oder Berufseinsteiger installiert hat, die erst im Verlaufe ihrer Tätigkeit lernen mussten, die spezifischen Anforderungen, die das medial stark beachtete Profigeschäft nun einmal mitsich bringt, sachgerecht zu erfüllen. Irgendwie Ahnung vom Fußi zu haben weil man seit Jahren einen Dauerkarte besitzt, reicht da einfach nicht. Man stellt sich vor ein Mikrofon, das schmeichelt dem bis dato Unbekannten ja auch ungemein, und meint, etwas sagen zu müssen. Dass jeder Satz ggf. fatale Konsequenzen haben kann, wird dabei meist (zunächst) nur unzureichend bedacht. Ob der HSV sich traditionell überschätzt, oder ob die Medien, auch dies stimmt nachweislich, den HSV gerne zu schlecht sehen – darüber kann man am Ende trefflich streiten. Vermutlich ist beides zutreffend. Eindeutig scheint mir aber, dass der HSV ein Kompetenzdefizit auf allen Ebenen besitzt. Wer, nur ein Beispiel, kaum Fußball-Lizenzlehrer im Nachwuchsbereich beschäftigt, der braucht sich schon fast nicht mehr über mangelnden Ertrag aus dem Nachwuchs beschweren. Profifußball ist ein enges, stark konkurrenzbeladenes Geschäft geworden, in welchem kleinste Unterschiede entscheidende Konsequenzen haben können. Wer dort, im Grunde unverändert unfassbar, meint(e), er könne zwei Jahre lang auf die systematische Entwicklung einer Mannschaft durch einen Fachmann, einen Sportdirektor, verzichten, zudem seine Gremien überwiegend mit Profifußball-Laien besetzt, der erntet nur das, was er gesät, bzw. eben nicht gesät hat.

    • Daniel Raecke

      Ja, das sind sicherlich einige Versäumnisse, die dem HSV vorzuwerfen sind. Dass es im Detail im Umfeld und in der Infrastruktur einiges aufzuarbeiten gibt, scheint mir offensichtlich zu sein – wobei der schnelle Austausch von sportlich Verantwortlichen unter anderem ja auch verhindert, dass etwa im Nachwuchsbereich über ein paar Jahre hinweg eine konsequente und nachhaltige Konzeptarbeit betrieben wird. Auch in dieser Hinsicht sehe ich aber einige sich immer wieder selbst verstärkende Probleme. Dass der HSV „zufällig“ auf allen Ebenen immer unfähige Entscheider sitzen hat, während bei anderen Clubs ausschließlich Experten ersten Ranges tätig sind, das lässt sich aber, wenn man nicht an Karma als entscheidende Determinante glaubt, nur auf zwei Weisen erklären: 1) Diesen Job tun sich nur Leute an, die in einem stabileren Umfeld keine Chance bekämen, und/oder 2) Auch, wenn Leute eigentlich einen guten Job machen, reißen die angesprochenen Probleme im Umfeld das ganze Konstrukt immer wieder ein. Beides zu Teilen denkbar und plausibel, und jedenfalls eher als „Die holen halt immer nur Stümper“. Die von Dir angesprochene Unterscheidung in professionell arbeitende Menschen und Laien ließe sich indes eventuell durch die angestrebte Ausgliederung zumindest potenziell adressieren.

    • Trapper Seitenberg

      Nein, diesen Job machen nicht nur Leute, die in einem stabileren Umfeld keine Chance hätten. Meier, Otto, Karjan, um nur einige Namen zu nennen, beweisen ja das Gegenteil. Das sind sicher grundsätzlich honorige und wirtschaftlich erfolgreiche Leute in ihrem normalen, angestammten Berufen. Profifußball „funktioniert“ aber eben anders. Jeder meint, er/sie hätte Ahnung von der Materie (und will mitreden), dabei ist der Leistungssport, den die allermeisten je betrieben haben, höchstens dauerhaftes Couch-Sitzen. Professioneller Leistungssport in einem hart umgekämpften Markt – da sollte man schon einschlägige (!) Kompetenz(en) mitbringen.

      Beim HSV holen sie auch nicht einfach immer nur „zufällig“ unfähige Leute.Sondern die grundsätzlich „Fähigen“ treffen auf eine Mehrheit, die zwischen Vereinsmeierei, Wolkenkuckuckheim und populistischen Fantasiewelten schwebt. Das zermürbt auf Dauer jeden und beschädigt auch die respektabelsten Leute. Beispiel: AR. Desaströs, aber dennoch wird es dort auch anständige Leute geben. Beim HSV genügt es, auf der MV den Mitgliedern ein HSV-Trikot unterm Sakko zu zeigen – schon wird man gewählt. Oder man faselt wie Manni Kaltz jüngst etwas von „Arsch aufreißen“ und „mit dem Erfolg kommt auch das Geld“. Auch das zieht leider viel zu oft, obwohl es nur Phrasen sind, die keinen wirklichen, eigenen Lösungsansatz enthalten. Die Struktur verhindert nicht, aber erschwert mindestens ganz erheblich, dass sich Stabilität bilden kann. Bspw. Kortmann wurde, obwohl auf mehreren Feldern einschlägig tatsächlich qualifiziert, nicht gewählt, weil Hänschen Müller als Mitglied nicht einleuchtete, warum ein „Volleyballer“ im AR sitzen sollte.

      Die letzten Jahren haben für mich, obwohl ich grundsätzlich viel Sympathie für alle Formen der Mitbestimmung empfinde, gezeigt, dass Schwarmintelligenz im diesem Geschäftsfeld, und das ist Profifußball vor allem!, kontraproduktiv ist. Bisher sitzen da Leute an Schaltstellen und reden über „ehrlichen Fußball“, den sie notfalls in der vierten Liga sehen würden, dabei bekommt der Verein zur Zeit schon die Lizenz für die erste (oder 2. Liga) nur unter strengen Auflagen. In der Dritten gäbe es den Verein gar nicht mehr, da mit Sicherheit keine Lizenz erteilt würde.. Aber man jagt unbeirrt weiter persönlichen politischen Hirngespinsten nach – grausam!

  3. Thomas

    Ich mache hier mal den FC Bayern-Jubelperser und sage:
    Stark. Ganz, ganz stark!
    Exakt mein Empfinden, auch wenn ich die Entlassung von Torsten Fink durchaus als notwendig (und leider nur zu spät) erachte.
    Und ja, der HSV zerbricht immer wieder an dem Druck der Presse. Und wenn dann der eigene AR-Chef ein Journalist ist, der sich (privat und beruflich) dem Druck vielleicht auch nur bedingt entgegen stellen kann, dann passieren solche Dinge.
    Der Kardinalfehler war die Entlassung des Sportchefs Beiersdorfer damals und das Festhalten an BH. Und das man nach seiner Entlassung keinen Sportchef fand und als dieser in person Frank Arnesen da war, den direkt wieder vom Hof gejagt hat, weil er eben genau das Tat, was man in so einer Situation machen muss. Er hat der Presse nichts gesagt sondern nur Vollzug gemeldet.
    Da hätte es eines starken Vorstadsvorsitzenden und AR bedurft, denn man sich jegtzt vllt. durch HSV Plus erhofft zu finden…
    Wir werden es sehen. und wir werden die nächste Saison erleben, wo alle wieder meckern. Und sollte der HSV, widererwarten doch oben mitspielen, wird man schnell umschwenken und enttäuscht sein, wenn e snicht für Meisterschaft, CL oder EL reichen sollte. Weil Enttäuschen/schlechte Schlagzeilen verkaufen sich in Deutschland halt besser als gute. Und Platz 8 nächstes Jahr des HSV wäre eine sehr gute Schlagzeile Aber auch den wird man dann kritisieren. Immer und immer wieder.

    Aber dennoch: DANKE! Starker Artikel!

    • Daniel Raecke

      Hallo Thomas, danke für das Lob! Dietmar Beiersdorfer wird jetzt ja auch gerade von der Hamburger Bild-Zeitung als Messias gefeiert, dessen Rückkehr nach Hamburg als Karotte für die Zustimmung zum HSV-plus-Modell herhalten muss. Ohne, dass ich ein Zitat von Beiersdorfer selbst gelesen hätte, wird aus dem indirekt formulierten Wunsch der Ausgliederungs-Befürworter schon geschlussfolgert, Beiersdorfer werde seinen Vertrag bei Zenit von heute auf morgen kündigen, sobald HSV plus durchkommt. Die Transferbilanz seiner ersten Amtszeit ist zweifellos positiv. Die desolate Finanzsituation des Clubs wurde jedoch trotz aller Transferüberschüsse auch nicht zuletzt in den gleichen Jahren angehäuft, so weit ich das beurteilen kann.

      • Trapper Seitenberg

        „Die desolate Finanzsituation des Clubs wurde jedoch trotz aller Transferüberschüsse auch nicht zuletzt in den gleichen Jahren angehäuft,… “
        Stimmmt eindeutig nicht. Bernd Hoffmann hat durch Transferentscheidungen (z.B. Berg) zwar Geld verbrannt, wurde aber auch ohne neuen Sportdirektor, den der AR laut Satzung hätte installieren müssen!, allein im Regen stehen gelassen. Dazu kam, dass die Mannschaft das zur Refinanzierung notwendige internationale Geschäft verpasst hat. Aus all dem entstand eine ungesunde Kostenstruktur, die damals aber keineswegs dramatisch gewesen ist. Jarchow verantwort den Anstieg des negativen Eigenkapitals um 450 Prozent! Diverse Abfindungszahlungen für Trainer, Sportdirektoren und Spieler taten ein Übriges. Man kann nicht noch nach mehreren Jahren die inzwischen(!) prekäre Lage Hoffmann und/oder Beiersdorfer in die Schuhe schieben. Arnesen hat z.B. der AR auf fragwürdigste Weise vom Hof gejagt. Dessen Abfindung verantwortet also der AR.

  4. Ping: Zählt das Erreichte oder reicht das Erzählte? › Gegen den Ball

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