El Clásico: Reale Verbesserung

Ein Blick in die aktuelle Europarangliste von Gegen den Ball lässt vermuten, wen ich vor dem 259. Clásico zwischen Real Madrid und dem FC Barcelona in der Favoritenrolle sehe. Um das Ganze zu untermauern, oder eben auch nicht, vergleiche ich die Taktiken der beiden Mannschaften miteinander und beleuchte zudem die Rollen der neuen Trainer und der alten Torjäger. Theoretisch könnte es in dieser Saison noch drei weitere Clásicos geben. Im Pokalfinale am 16. April stehen die beiden Teams bereits und in der Champions League könnte es im Halbfinale zu zwei weiteren Partien kommen.

Duell der Trainer: Ancelotti vs. Martino

Vor dieser Saison drehte sich das Trainer-Karussell im europäischen Spitzenfußball stärker als ein Offshore-Windpark in der Nordsee. Von den acht Viertelfinalisten in der Champions League tauschten sechs Clubs ihre Trainer aus und wirklich ohne Argwohn durften nur José Mourinho bei seiner Rückkehr zum FC Chelsea und Pep Guardiola beim FC Bayern starten. Laurent Blanc (PSG) und David Moyes (Man United) ging es wie Carlo Ancelotti und Gerardo Martino: Vom ersten Tag an mussten sie mit Zweiflern im eigenen Umfeld leben.

Bei Ancelotti hat sich das nicht nur gelegt, der italienische Startrainer wird mittlerweile als Ideallösung angesehen. Sportlicher Erfolg ist bei den Blancos immer noch der entscheidende Faktor, aber Ancelotti hat auch in anderer Hinsicht wichtige und richtige Entscheidungen getroffen. Der Verkauf von Assist-König Mesut Özil, die Umstellung der Taktik, der Umgang mit den teuren Neuzugängen Gareth Bale, Asier Illarramendi und Isco, die Beförderung von Zinédine Zidane zum Co-Trainer und selbst die Arbeitsteilung zwischen den Torhütern Iker Casillas und Diego López haben Ancelottis Reputation schnell wachsen lassen.

Dabei kam Ancelotti in einen Club, der nach den Jahren unter Mourinho einen Imagewandel durchgemacht hatte und damit nicht umzugehen wusste. Real galt seit der goldenen Ära unter Alfredo di Stéfano und Ferenc Puskás in den 50er Jahren als eleganter, leichter und etwas über den Dingen stehender Club, der ansehnlichen Fußball spielte und mit einer von sich überzeugten Arroganz zu polarisieren wusste. Mourinho wiederum äußerte Verschwörungstheorien, Kritik an Schiedsrichter-Entscheidungen und gab wortkarge Pressekonferenzen. Auch wenn solche Dinge in der Bewertung des Fußballs keine Rolle spielen sollten, so spaltete sich der Club in Mourinho-Anhänger und Mourinho-Gegner auf. Die Haupt- war in eine Nebensache verwandelt worden.

Ob Präsident Florentino Pérez bei der Verpflichtung Ancelottis die ruhige Art und das Gentleman-Image des Italieners als entscheidendes Kriterium angesehen hat, weiß ich nicht. Aber der ehemalige PSG-Coach hat mit seinen Charakterzügen – gepaart mit der langen Erfolgsserie – für Ruhe in Madrid gesorgt. La Décima, das Treble – unter Ancelotti erscheint alles möglich.

Im ohnehin beschaulicheren Barcelona würde das Tata Martino sicherlich auch gerne von sich behaupten, aber der Argentinier tut sich schwer mit der Profilbildung und es kochen immer wieder Spekulationen hoch, Martino würde Barca nach nur einer Saison wieder verlassen.

In Barcelona gelten „Stallgeruch“ oder große Namen als wichtige Kriterien bei der Verpflichtung von Trainern. Beides konnte Martino nicht einbringen, trotzdem galt der wie Lionel Messi aus Rosario stammende Coach für die Clubführung als perfekte Lösung. Martino achtet die unter Johan Cruyff entwickelte Spielphilosophie der Katalanen, er gilt als Verfechter des Ballbesitzes, ließ bei seinem letzten Club, den Newell’s Old Boys, sehr frühes und aggressives Pressing spielen und wird in Sachen taktischer Tüftelei mit Marcelo Bielsa verglichen.

Trotzdem scheint Martino in Barcelona noch nicht angekommen zu sein. Barca ist die Dominanz der vergangenen Jahre abhanden gekommen, gegen tief stehende Gegner offenbart seine Mannschaft im gesamten Saisonverlauf kreative Probleme und bei der Integration von Neuzugang Neymar hat Martino auch noch nicht den richtigen Weg gefunden.

Duell der Taktiken: 4-3-3 vs. 4-3-3

Falls Peter Neururer diesen Artikel gelesen haben sollte, wird er spätestens bei dieser Zwischenüberschrift ausgestiegen sein oder seinen Sohn beauftragt haben, das Internet wie damals die Spielerdatenbank löschen zu lassen. In einem Interview mit ran.de sagte Bochums Trainer im vergangenen Jahr: „Wenn bei den TV-Sendern die Mannschaftsaufstellung eingeblendet wird, etwa als ein 4-3-3, und darüber prangt dann der Begriff „Taktik“, dann frage ich mich, ob die alle einen Lattenschuss haben. Das hat mit Taktik gar nicht zu tun, das ist ein System. Die Leute kennen nicht einmal den Unterschied zwischen Taktik und System.“

Im Wissen, den Unterschied zwischen Taktik und System zu kennen, werde ich die Differenzen der beiden zunächst gleich klingenden Systeme aufzeigen. Während Barcelona das 4-3-3 bereits seit Jahren als Clubphilosophie bis in die Jugendmannschaften vorgibt, sind die Blancos erst im Laufe dieser Saison unter Ancelotti zum 4-3-3 gekommen.

Defensive Grundordnung

  • Real Madrid: In dieser Frage hat Ancelotti mit seiner Mannschaft große Fortschritte gemacht. Unter Mourinho spielte Real noch ein 4-2-3-1, was zunächst nach Überzahl im Mittelfeld klang. Aber neben Cristiano Ronaldo gönnten sich auch Özil und die Sturmspitze (Benzema oder Higuaín) Kunstpausen in der Rückwärtsbewegung, was zu defensiven Anfälligkeiten führte. Aus Ancelottis 4-3-3 wird in der Rückwärtsbewegung in der Regel ein diszipliniertes 4-1-4-1. Das funktioniert, weil Özil verkauft wurde, Benzema die nötige Laufbereitschaft zeigt und somit nur noch der defensive Freigeist Ronaldo „durchgeschleppt“ werden muss. Die Merengues wirken dadurch sowohl im Zentrum mit Sechser Xabi Alonso und den Achtern Luka Modric und Ángel di María als auch auf Außen stabiler.
  • FC Barcelona: Bei den Katalanen sind die Übergänge zwischen einem 4-1-4-1 und einem 4-4-2 fließend. Je nach Situation werden die gegnerischen Innenverteidiger von zwei Stürmern angelaufen oder zwei der drei Angreifer aus der offensiven Dreierreihe lassen sich ins Mittelfeld fallen und nehmen die hoch stehenden Außenverteidiger des Gegners auf. Die eigene Viererkette steht dabei etwas höher als bei den Madrilenen, um den Druck im Mittelfeld erhöhen zu können.

Offensive Grundordnung

  • Real Madrid: Die Königlichen sind unter Ancelotti variabler geworden. Durch die Hereinnahme von Modric ist die Abhängigkeit von Xabi Alonso im Spielaufbau Geschichte. Einer der beiden lässt sich zwischen die Innenverteidiger abkippen, der andere übernimmt den Part des ersten Anspielpartners im Mittelfeld. Real ist keine reine Kontermannschaft mehr und spielt geschickt mit Tempowechseln. Das 4-3-3 ist in vielen Situationen zu erkennen, aber die Schnelligkeit von Ronaldo und Bale ist eine Waffe, Bales und di Marías Dribbelstärke eine weitere und durch die Ballsicherheit von Modric konnte Real die Ballbesitzzeiten im Mittelfeld erhöhen.
  • FC Barcelona: Das offensive System der Katalanen gilt als klassisches 4-3-3, dabei ist durch die vielen Positionswechsel vieles im Fluss. Mittelstürmer Messi lässt sich gerne ins Mittelfeld fallen, die jeweiligen Außenstürmer (Neymar, Pedro, Sánchez oder Iniesta) ziehen in die Mitte oder wechseln die Seiten, aus dem Mittelfeld stoßen immer wieder Spieler (Fábregas, Iniesta) vorne rein und die beiden Außenverteidiger Alves und Alba agieren offensiv gerne als Außenstürmer. So kann Barca sein bevorzugtes Tiki Taka aufziehen. Martino möchte seine Mannschaft davon zwar unabhängiger machen, eine wirkliche Lösung ist ihm dafür aber noch nicht eingefallen.

Pressing

  • Real Madrid: Ronaldo gehört zu den komplettesten Spielern der Welt, im offensiven Pressing hat er aber immer noch Schwächen. Das weiß auch Ancelotti, der seine Mannschaft nur selten zu diesem Stilmittel greifen lässt. Ein weiterer Grund ist die fehlende Abstimmung der Ketten. Ancelotti lässt sowohl seine Abwehr als auch das Dreier-Mittelfeld lieber etwas tiefer stehen, somit könnte eine überspielte erste Pressing-Linie für Unterzahl im Mittelfeld sorgen. Deshalb presst Real nur halbherzig und sorgt lieber für Kompaktheit im Mittelfeld.
  • FC Barcelona: Barca will den Ball haben, Dominanz bleibt auch unter Martino ein elementares Element. Deshalb schiebt die gesamte Mannschaft bei Ballverlusten nach. Für ein effektives Pressing müssen aber alle Spieler körperlich in einer herausragenden Verfassung sein, das konnten die offensiven Schlüsselspieler Messi, Xavi und Iniesta wegen körperlicher Probleme in dieser Saison nicht immer garantieren. Aktuell fehlt vor allem bei Xavi die nötige Topform.

Umschaltspiel

  • Real Madrid: Ergibt sich nach Ballgewinnen im Mittelfeld die Gelegenheit, schaltet Real immer noch extrem schnell um und versucht, Ronaldo oder Bale mit langen Bällen in gute Positionen zu bringen. Wenn Gegner wie der FC Schalke mit zu hoch stehenden Ketten oder defensiv undisziplinierten Außenbahnspielern agieren, sind Debakel vorprogrammiert.
  • FC Barcelona: Mit Sánchez hat Barcelona zwar einen der besten Konterspieler in seinen Reihen, Kontertore gehören trotzdem zur Ausnahme. Das heißt aber nicht, dass nicht schnell umgeschaltet wird. Barca will den Gegner aber wesentlich früher zu Ballverlusten zwingen.

Taktischer Schlüsselspieler

  • Real Madrid: Nachhilfeunterricht für Jürgen Klopp ist, anders als bei Neururer, unnötig. Der Dortmunder Coach weiß vor dem Champions League-Viertelfinale, dass der Real-Motor nicht mehr ins Stocken gerät, wenn Xabi Alonso ausgeschaltet wird. Luka Modric heißt das neue Bindeglied zwischen Mittelfeld und Angriff. Der Kroate kann in der Spieleröffnung eigentlich alles: Dribbling, Ballsicherheit, Kurzpass, Vertikalpass, Laufstärke, Weitschüsse – Sami Khedira wird es nach überstandenem Kreuzbandriss schwer haben, wieder in die Mannschaft zu kommen.
  • FC Barcelona: In der mit Stars gespickten Mannschaft bleibt Sergio Busquets unersetzlich. Dafür muss er aber als Sechser auflaufen. Als Martino gegen Real Sociedad mit Busquets auf der Halbposition und Alex Song auf Busquets’ eigentlicher Position experimentierte, ging das Spiel mit 1:3 verloren. Der spanische Nationalspieler ist für das Gleichgewicht in der Angriffsmaschine Barcelona ein unersetzlicher Faktor.

Duell der Torjäger: Ronaldo vs. Messi

Für die einen war das jahrelange Duell um Torjägerkronen und Ballon d’Ors zwischen Cristiano Ronaldo und Lionel Messi endlos langweilig, für andere ein Lebensinhalt. Durch die langwierige Verletzung von Messi, die ihren Ursprung schon in der vergangenen Saison hatte, konnte in dieser Spielzeit lange Zeit nicht von einem Duell gesprochen werden. Ronaldos Körper kennt das Wort Verletzung nicht, der Portugiese trifft weiter nach Belieben und peilt in der Champions League einen neuen Torrekord an.

Vor dem Clásico findet aber auch Messi Stück für Stück zu seiner Form. Das ist nicht allein an seiner Torquote (zehn Treffer in den letzten sieben Ligaspielen) zu erkennen. Messi wird wieder vermehrt in das Kombinationsspiel eingebunden, seine Dribblings aus der Tiefe des Mittelfelds sind wieder häufiger von Erfolg gekrönt als noch vor vier, fünf Wochen und das Vertrauen in seine Muskulatur wächst mit jedem gewonnenen Sprint.

Im Hinspiel gingen beide leer aus, Ronaldo und Messi sind jedoch Clásico-Spezialisten. Ronaldo erzielte in 20 Spielen zwölf Treffer, sein Kontrahent ist mit 18 Toren in 26 Partien sogar noch etwas erfolgreicher. Auch wenn es durch Ronaldos absolute Zahlen (41 Pflichtspieltore) paradox klingt: Durch die gute Form von Karim Benzema und Gareth Bale wirkt Real derzeit unabhängiger von Ronaldos Toren.

Ausblick

Für den FC Barcelona ist die Ausgangslage klar: Eine realistische Titelchance ist nur gegeben, wenn mindestens ein Remis, besser noch ein Sieg, herausspringt. Das kann ich mir unter den Voraussetzungen jedoch nicht vorstellen. Barca ist nicht mehr so dominant wie in den Vorjahren, dafür hat sich Real in der defensiven Grundordnung erheblich verbessert. Zudem hat Madrid offensiv deutlich mehr Waffen, mit einem Heimsieg werden die Königlichen ihren Erzrivalen aus dem Titelrennen bugsieren.

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