Erfolg, du undankbares Wesen

Der FC Bayern hat das Rückspiel gegen den FC Barcelona 3:2 gewonnen. Das Wunder von der Isar blieb, wie zu erwarten war, aus. Trotzdem herrschte in der Münchner Arena nach Schlusspfiff Zufriedenheit. Rückstand wettgemacht, Barça geschlagen, Fans begeistert – mia san halt immer noch mia. Eine verständliche Reaktion nach der Kritik der vergangenen Wochen. Trotzdem gilt es nun einiges aufzuarbeiten, wie meine Thesen zu Bayerns Halbfinal-Aus zeigen.

1) Guardiola macht Fehler, er ist aber nicht Bayerns Problem

Guardiola ist ein sehr spezieller Trainer. Vielleicht hat die Bundesliga vor seiner Verpflichtung so einen Trainer noch nicht gesehen. Der Spanier ist Perfektionist, stets auf der Suche nach taktischen Überraschungen. Er legt an seine Spieler hohe Maßstäbe an, will Flexibilität sehen und gibt an der Außenlinie den rastlosen Gentleman.

Guardiola ist aber eben auch unnahbar, wirkt vielleicht etwas zu perfekt – und gibt keine Interviews. Das muss man wissen, um die viele Kritik, die erstaunlichen Abgesänge und Abrechnungen der vergangenen Tage und Wochen in renommierten (kicker, FAZ) und weniger renommierten Zeitungen (Sportbild) besser verstehen zu können. Dieser spanische Übertrainer holt mit dem FC Bayern in zwei Jahren nur drei Titel? Das muss doch viel zu wenig sein.

Ist es nicht. Denn wenn ich mir die Umstände des Ausscheidens gegen den FC Barcelona im Halbfinale der Champions League genau anschaue, war ein für die Bayern besserer Ausgang unmöglich:

  • Barça ist die derzeit beste Vereinsmannschaft der Welt.
  • Bei den Bayern fehlten mit Arjen Robben, Franck Ribéry und David Alaba drei ähnliche Spielertypen, die die wenigen Schwächen der Katalanen hätten aufdecken können.
  • Barça ist eingespielt und agiert seit Monaten in Bestbesetzung.
  • Bayern hatte in beiden Partien mit Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger, Medhi Benatia und Thiago vier Spieler in der Startelf, die lange ausfielen und deshalb nicht in Bestform sind.
  • Und Barça hat Lionel Messi, Neymar und Luis Suárez.

Wie seine Mannschaft agierte Guardiola gegen seinen Ex-Klub nicht fehlerfrei. Das abgebrochene Dreierketten-Experiment aus dem Hinspiel haben wir bereits thematisiert, wie auch das zu hohe Risiko in der Schlussphase in Barcelona. Im Rückspiel hätte nur ein perfektes Zusammenspiel aus Kontrolle und Risiko für eine Sensation sorgen können – doch das war mit diesem Personal nicht möglich. Schon früh standen die Bayern zu hoch und kassierten das erste Gegentor von Neymar. Eine Defensivtaktik wie in der Bundesliga gegen Borussia Dortmund wäre womöglich die bessere Variante gewesen – aber eben auch ohne eine reelle Chance auf den Finaleinzug.

Den Gerüchten über einen vorzeitigen Weggang trat Guardiola vor und nach dem Rückspiel entschieden entgegen. Ob er seine Kritiker damit ruhigstellen kann, muss bezweifelt werden. Aber nach einem unglücklichen Pokalaus gegen den BVB im Elfmeterschießen und dem verdienten Ausscheiden gegen ein sportlich besseres Barcelona seine Gesamtleistung in Frage zu stellen, ist absurd.

2) Barcelonas Überlegenheit muss den Bayern-Umbruch vorantreiben

Über die Gründe für das insgesamt deutliche Halbfinalergebnis (ich hatte auch in der zweiten Halbzeit in München stets das Gefühl, dass Barça wieder zulegen könnte) habe ich bereits geschrieben. Für die Bayern stellt sich nun aber die Frage, wie sie mit den Eindrücken aus diesen beiden Spielen umgehen werden.

Ok, mit Robben und Ribéry auf den Außenbahnen hätte der Bundesligist größere Chancen gehabt, den Blaugrana Probleme zu bereiten. Und die beiden sind in der Lage, in der kommenden Saison an die starke Hinrunde anzuknüpfen. Unter dem Strich steht aber auch die Verletzungsanfälligkeit und das fortgeschrittene Alter von Robben (31) und Ribéry (32).

Zusammen mit Xabi Alonso (33), Philipp Lahm (31) und Bastian Schweinsteiger (30) stehen im Bayern-Kader somit fünf Profis, die bei völliger Fitness immer den Anspruch auf einen Stammplatz formulieren werden, wegen der Ausgewogenheit in der Mannschaft aber nicht immer gleichzeitig werden spielen können.

Bei Robben und Ribéry kommt noch hinzu, dass es im jetzigen Kader keine Alternativen gibt. Thiago gehört in die Zentrale, Thomas Müller hat als hängende Spitze auch andere Stärken, Mitchell Weiser kommt über gute Ansätze nicht hinaus und Mario Götze? Der Ex-Dortmunder steckt in einer Formkrise, wäre aber auch in Bestform ein anderer Spielertyp.

Für Guardiola, vor allem aber für Sportvorstand Matthias Sammer und Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge stehen deshalb wichtige Entscheidungen an:
1) Darf der Trainer den Kader noch mehr auf seine Wünsche zuschneiden, obwohl Guardiolas Vertrag nur noch ein Jahr läuft?
2) Muss der eine oder andere Routinier aus dem oben genannten Quintett vorzeitig gehen?
3) Wie viele Transfers sind sinnvoll, sollte von den verdienten Spielern doch niemand den Club verlassen?
4) Genügen Spieler wie Dante, Rafinha oder Weiser noch den internationalen Ansprüchen des FC Bayern?

Borussia Dortmund ist nur ein Beispiel, das wegen der desaströsen Hinrunde aber noch sehr präsent ist: Bei über Jahre erfolgreichen Mannschaften ist ein personeller Umbruch ein schwieriges Thema. Aus Dankbarkeit. Die Bayern sind nun aber in der glücklichen Lage, die Grenzen deutlich aufgezeigt bekommen zu haben. Sollte nach dem Sieg im Rückspiel aber die Zuversicht siegen, mit der jetzigen Mannschaft ein großes Comeback schaffen zu können, wird es in der kommenden Saison womöglich gar keinen Titel geben.

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4 comments

  1. Ping: Lesenswerte Links – Kalenderwoche 20 in 2015 > Vermischtes > Lesenswerte Links 2015
    • FC Bayern Tickets

      Einen radikalen Umbruch, wie in manche fordern, wird es nicht geben. Wie auch? Keiner weiß wie lange Guardiola in München bleibt und das dümmste was man jetzt tun könnte wären weitere Einkäufe a la „Thiago oder nix“.

      Handlungsbedarf gibt es, aber kein Grund zur Panik!

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