Es wurde Geschichte geschrieben

BRA_GER_1CDer 7:1-Sieg der deutschen Mannschaft hat historische Dimensionen. Der höchste Halbfinalsieg bei einer Weltmeisterschaft zeichnete sich in Belo Horizonte innerhalb von 18 Minuten ab. Das Verhalten der deutschen Fans war interessant zu beobachten. Dem Jubel folgte Kopfschütteln und das Vergewissern, ob dieser Spielstand real sei?

Der Sieg ist unglaublich und doch kein Traum. Die Dimensionen dieses Ereignisses machten es aber auch uns schwer, realistisch zu bleiben und gleichzeitig die Leistungen beider Mannschaften entsprechend zu würdigen. Wir haben lange über das Spielniveau diskutiert, das die Basis der Benotung eines jeden Spiels vorgibt (Noten-FAQ). Die unfassbar schwache Defensivleistung des brasilianischen Teams auf der einen Seite, die gnadenlos effiziente, abgezockte und konzentrierte Leistung des deutschen Teams auf der anderen Seite.

Letztlich sind wir uns einig geworden, dass wir diesen 7:1-Sieg, der in die Fußballgeschichte eingehen wird, auch würdigen wollen. Man sollte immer erst einmal das Positive betonen. Deshalb haben wir uns auf das Spielniveau 6,5 geeinigt. Das bedeutet, dass selbst ein Spieler, der wenig auffällig agierte – wie zum Beispiel Benedikt Höwedes – die relativ hohe Durchschnittsnote von 6,5 erhält. Nun aber zum Spiel.

Sturm und Drang gegen Coolness und Kurzpass

Die Aufstellung der Brasilianer ließ mit Hulk, Oscar, Bernard, Fred sowie den offensiven Außenverteidigern vermuten, dass die Seleção das Heil in der Offensive suchen würde. Das Team legte druckvoll los, bereits nach einer Minute gab es einen Eckball für die Gastgeber, den ersten Torschuss hatte Marcelo. Hulk prüfte Neuer wenig später mit einer Hereingabe. Dann folgten die ersten Konterversuche der deutschen Mannschaft, Sami Khedira schoss Toni Kroos an. Man hatte den Eindruck, es werde hin- und hergehen.

Hin und her? Genau das, was Guardiola spöttisch als den Bundesligafußball beschrieb, das, was er von seinen Teams absolut nicht will. Für die Zuschauer bahnte sich ein spannendes Spiel an, denn die Brasilianer hatten überhaupt keine Kompaktheit im Sechserraum. Das erste Tor fiel allerdings durch einen Eckball, bei dem die Brasilianer eine ganz schlechte Staffelung zeigten. Selbst wenn Miro Klose David Luiz blocken kann, muss man sich fragen, warum sechs Leute am ersten und keiner am zweiten Pfosten stand.

Ein Tor aus einem Einwurf

Nach dem ersten Tor brach das Spiel der Brasilianer noch nicht auseinander. Luiz Gustavo mühte sich weiter im Spielaufbau, Óscar ließ sich fallen, um zu helfen und Marcelo musste von Philipp Lahm im letzten Moment abgegrätscht werden. Es war das zweite Tor, das den Stecker bei Brasilien zog. Der Treffer entwickelte sich aus einem Einwurf. Thomas Müller passte von der Seitenlinie an den Strafraum, Fernandinho wollte den Pass abfangen und verschätzte sich, Dante ging auf den ballführenden Kroos und öffnete den Raum, Müller lief von der Seite ein, Marcelo ließ ihn gewähren. Müller zu Klose, der Rest ist Geschichte. Ergo: Toller Lauf von Müller, gutes Auge von Kroos und Klose im Glück.

Das nächste Tor wurde auch sensationell verteidigt. Entschuldigen Sie den Spott. Kroos durfte im Mittelkreis unbehelligt passen – Fernandinho übte überhaupt keinen Druck aus. Mesut Özil rochierte auf die rechte Seite, um zu überladen (schon oft gesehen bei dieser WM) – Luiz Gustavo hielt freundlich Abstand. Özil spielte zu Lahm, Marcelo ließ ihn in den Strafraum passen, dort scheiterte Müller mit einem Schussversuch – Dante träumte dabei im Niemandsland – und Kroos lief ein, Bernard schaute aus dem Sechserraum zu, und traf.

Zu diesem Zeitpunkt war nur noch eine Mannschaft auf dem Platz. Das vierte Tor machte Kroos, indem er Fernandinho einfach den Ball abknöpfte, mit Khedira Doppelpass spielte und einschob. Alles, was Brasilien in puncto Zweikampfstärke und Härte im Viertelfinale ausgemacht hatte, war an diesem Tag in der Kabine geblieben. Die Gegenspieler hatten Platz, wurden kaum gestört. Dazu gab es schlechte Staffelungen, Fehler im Stellungsspiel und zu wenig Defensivarbeit der Offensivspieler. Dante und Fernandinho hatten einen rabenschwarzen Tag.

Das deutsche Team machte vieles richtig und das ganze sah auch deshalb so gut aus, weil endlich einmal Platz da war und der Gegner selbst nach vorne spielen wollte. Doch nicht nur Brasiliens Schwächen waren ursächlich. Bastian Schweinsteiger führte vor der Abwehr glänzend Regie. Benedikt Höwedes merkte schnell, dass er einrücken musste, um die Kompaktheit herzustellen. Der Spielaufbau fand wie immer über die starke rechte Seite statt. Dort waren es Lahm, Khedira und Müller, die das Spiel aufzogen. Allerdings überragte ein Mann alle anderen Feldspieler.

In der jungen Geschichte der neuen und ultrainnovativen Notengebung von Gegen den Ball vergeben wir zum ersten Mal die Note 10! Toni Kroos bereitete das erste Tor mit einem Eckball vor. Er gab den Vorassist zum zweiten Tor und machte die Tore drei und vier selbst. Kroos hatte die meisten Ballkontakte, die meisten Schüsse auf das Tor und die beste Passquote (93 Prozent). Diese Leistung in einem Halbfinale der WM ist uns die Bestnote wert. Generationen an Spielern werden nun daran gemessen.

Der Kombinationsfußall der DFB-Elf war fantastisch mit anzusehen. Es ist aber nicht so, dass man das gegen Algerien nur nicht zeigen wollte, sondern der Gegner lud heute dazu ein. Egal ob Argentinien oder Niederlande – der Gegner im Finale wird Deutschland sicherlich nicht so in die Karten spielen, wie es Brasilien tat. Gab es keinen Plan, um die starke rechte deutsche Seite abzusichern (46 Prozent der deutschen Angriffe liefen über die rechte Seite)?

Wieso hat man sich selbst so sehr auf die linke Angriffsseite fokussiert (42 Prozent der brasilianischen Angriffe liefen über links), dabei weiß sogar Felix Magath, dass die linke Abwehrseite der Deutschen die am ehesten zur Schwäche neigende Flanke ist. Wollte Felipe Scolari Lahm und Co. in der eigenen Abwehr binden und somit das deutsche Spiel nicht aufkommen lassen? Dann sollte man die Angriffe besser absichern, auch defensiv dagegen besser gestaffelt stehen. Noch in den Spielen davor rückten Hulk und Óscar immer kompakt ein, um den Sechserraum zuzustellen. Man hätte zudem Schweinsteiger und Kroos ständig anlaufen müssen.

Doch wenden wir uns dem Guten zu. Toni Kroos wird immer noch von vielen unterschätzt. Vielleicht ist es an der Zeit, seinen Wert für das Team anzuerkennen. Nicht nur dann, wenn er zwei Tore macht, sondern auch dann, wenn er Paul Pogba aus dem Spiel nimmt und seine Aufgaben als Teil der Defensive, oder auch im Umschaltspiel wahr nimmt. Gelobt wird meist Thomas Müller, der auch in diesem Spiel ungemein präsent, giftig war und mit dem Tor zum 1:0 und der Vorlage für das 2:0 seinen Anteil am Sieg hatte. Seine Pässe im letzten Drittel sind aber nicht selten schlecht getimt (74 Prozent Passerfolgsquote).

Den Sieg vergolden oder vergeuden

Deutschland hat nun die Favoritenrolle inne. Wenn am Mittwoch nicht ein Gegner mit 8:1 gewinnt, dann liegt der Druck beim Team von Jogi Löw. Das Endspiel wird aber bei 0:0 beginnen und die sieben Tore haben dann keinerlei Bedeutung mehr. So ist Fußball, denn zum Titel fehlen der deutschen Mannschaft noch mindestens 90 Minuten einer ähnlich starken Leistung. Gegen einen vermutlich defensiveren Gegner, in einem vermutlich viel weniger aufregenden Hin und Her. Pep Guardiola wird es freuen. Der Halbfinalsieg steht in den Geschichtsbüchern, aber historische Bedeutung bekommt er erst durch einen Sieg im Finale.

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2 comments

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