Europaskepsis – Das wird die KO-Phase

Die Vorrunde der WM ist vorbei, und der neu eingeführte Ruhetag vor dem Achtelfinale kam keine Minute zu früh, wenn man den Ehrgeiz hatte, alle 48 Gruppenspiele zu sehen und alle in ihnen aktiven Spieler zu benoten, wie ein zum Maßlosen neigender Fußballblog. Trotz des freien Freitags, an dem man sich mühsam wieder im normalen Leben zurechtfinden musste wie Franz Biberkopf nach der Freilassung aus Tegel, behält die WM, dieses sperrigste, aber doch auch großartigste Sportereignis des Planeten, ihre eigentümliche Unwucht bei: Obwohl noch nicht einmal die Hälfte der viereinhalb Wochen vorüber sind, wurden schon 48 Spiele absolviert, nur noch 16 stehen aus. Auf einmal kann man sich so richtig in Ruhe auf ein Spiel konzentrieren, anders als in der hektischen letzten Vorrundenwoche („Uwe macht doch Griechenland – Elfenbeinküste, oder?“).

Der Ruhetag, bevor Sie jetzt Angst bekommen, dass wir wirklich einen fußballfreien Tag eingelegt hätten, um mal wieder in Ruhe was Gutes zu kochen oder so, kann aber natürlich zu nichts besser genutzt werden, als zu einer kleinen Bilanz der Vorrunde nebst Ausblick auf die KO-Phase. „Ausblick? Von Gegen den Ball? Gar eine Prognose? Muhahaha!“, wird der treue Leser entgegnen. Und tatsächlich. Wenn man, durch den Schmerz hindurchatmend, noch einmal einen Blick auf unsere große WM-Prognose wirft, die erst gut zwei Wochen alt ist, aber so aktuell wirkt, als sei sie vor der Einführung der Abseitsregel verfertigt worden, so kann man keinem GdB-Redakteur guten Gewissens empfehlen, sich noch weiter als Sportjournalist zu verdingen. Nur neun der 16 Achtelfinalisten haben wir in dieser Prognose richtig prophezeit, da ist der Unterschied zum guten alten Münzwurf im Rahmen der statistischen Fehlerquote.

Bis aber meine Umschulung zum Innenausstatter beginnt, kann ich die Zeit gut und gerne mit dem Verfassen einer weiteren WM-Prognose verbringen. Rom wurde auch nicht an einem Tag, äh, vorhergesagt. Also: Was hat uns die Vorrunde verraten, was können wir vom Turnier noch erwarten?

Zuerst mal die Frage: Ist es eigentlich wirklich eine „gute“ WM? Diese Auffassung setzte sich schnell durch, weil der Torschnitt pro Spiel wesentlich höher war als der der vorhergegangenen Turniere. Fallen noch 36 Tore in den verbleibenden 16 Spielen, so wäre es die torreichste WM aller Zeiten.

Auffällig ist aber natürlich in erster Linie die relative Schwäche vieler europäischer Topteams. Seit 1986 das Achtelfinale nach der Gruppenphase eingeführt wurde, stellte die UEFA stets mehr als die Hälfte der Teilnehmer in dieser ersten KO-Runde. In Südafrika 2010 waren es dann nur sechs Europäer, genau wie aktuell. Selbst in Südafrika waren immerhin drei der großen fünf europäischen Fußballnationen vertreten, mit Spanien, Deutschland und England. 2014 haben es nur Deutschland und Frankreich geschafft. Heißt das nun, dass der Trend im Weltfußball gegen Europa spricht? Ist das nun ein Zeichen für eine „gute WM“ – oder gerade nicht?

Ich würde Michael Cox darin zustimmen, dass die Situation in Brasilien eher einer besonderen Stärke der amerikanischen Teams als einer extremen Schwäche der Europäer zu verdanken ist. Hier kommen verschiedene Faktoren zusammen. Die Saison in der Champions League war lang und anstrengend, der Titelkampf in England und Spanien dauerte bis zum letzten Spieltag an. Vergleichbare Belastungen hatten Spieler in anderen Ligen, schon gar in Südamerika, nicht. Zudem spielen natürlich die mehr als 200.000 aus anderen amerikanischen Ländern angereisten Fans eine große Rolle – und das ist unabhängig von der Qualität des Fußballs sehr positiv, wie ich finde, gibt es dem Turnier doch eine ganz eigene, unverwechselbare Atmosphäre, die sich von der im europäischen Clubfußball stark unterscheidet. Umso trauriger, wenn man an die anstehende WM im Katar denkt.

Was den Fußball betrifft, so kann man eben nicht gleichzeitig eine immer stärkere, hochwertigere Champions League haben und gleichzeitig alle Spieler bei einer WM in Südamerika auf dem absoluten Leistungszenit. Das finde ich nicht schlimm, gerade diese WM funktioniert als Spektakel so außerordentlich gut, dass ich sie rundum genießen kann, auch wenn die CL das sportlich-taktische Nonplusultra sein mag, das ich ebenso wenig missen möchte. Kommen wir aber zum konkreten Fußball, der in Brasilien gespielt wird. Zunächst mal: Die Dreierketten! Sie wurden in verschiedensten Formen auf den Rasen gebracht, mit verschiedenen Absichten: Überzahl im Mittelfeld für besseres Pressing, wie bei den Niederlanden, Reaktion auf den Ausfall eines zentralen Schlüsselspielers, wie Italiens Formation ohne Daniele de Rossi gegen Uruguay, oder übervorsichtige Defensivtaktik mit einem Abwehrspieler zu viel, wie in der ersten argentinischen Hälfte des Turniers gegen Bosnien-Herzegowina.

Was all diesen Formationen gemein ist: In der gesamten Vorrunde hat keine einzige Dreierkette gegen eine Mannschaft mit Viererkette verloren. Dass das bis zum Finale so bleibt, ist jedoch eher unwahrscheinlich, spielen doch Deutschland, Brasilien, Frankreich und mutmaßlich auch Argentinien für den Rest des Turniers mit Viererkette, und es ist ziemlich wahrscheinlich, dass der Sieger aus diesem Kreis kommen wird. Damit will ich die Niederlande keineswegs abschreiben. Denn die Elftal, um dann auch gleich zu den konkreten Einschätzungen zu kommen, hat den wohl besten Trainer des Turniers mit Louis van Gaal. Kein anderer in Brasilien vertretener Coach holt in seiner Karriere so kontinuierlich aus seinen Mannschaften und aus einzelnen Spielern so viel mehr heraus, als man erwarten kann. Weitere Faktoren, die für die Niederlande sprechen, sind der vergleichsweise leichte Weg ins Halbfinale (Mexiko, dann der Sieger aus Costa Rica – Griechenland) sowie die Form von Arjen Robben.

Was gegen die Niederlande spricht, ist der Umstand, dass die Spieler der Elftal gerade in der Defensive eigentlich nicht die Klasse haben, um etwa nacheinander Brasilien und Argentinien zu schlagen. Ausgeschlossen ist es nicht, aber die Mannschaft hat gegen Spanien und Chile sicher nicht am unteren Limit ihrer Fähigkeiten gespielt, ob sie noch einmal ein so begeisterndes Spiel wie gegen Spanien zeigen kann, ist unsicher. Dieses erste Spiel hat aber die Einschätzungen vieler Fans und Medien geprägt, so dass die Niederlande „wohl der Topfavorit sind, Mehmet“ (Matthias Opdenhövel). Ohne jede Relativierung der tollen Leistung gegen Spanien sollte man aber niemals ein einziges Spiel zur Basis eines Titeltipps machen. Interessant ist es in diesem Zusammenhang auch, sich an die WM 2010 zu erinnern, in der den Niederlanden in der Vorrunde im deutschen Fernsehen wiederholt bescheinigt wurde, „noch gar nichts gezeigt“ zu haben – trotz dreier Siege in der Gruppenphase, die aber nicht „attraktiv“ genug herausgespielt waren. Bekanntlich kam Bert van Marwijk mit seiner Mannschaft dann ins Finale, gegen Spanien, über das es noch nach dem Viertelfinale hieß: „Vor diesen Spaniern muss niemand Angst haben“ (Bild).

Genau so wird aktuell interessanterweise über Argentinien gesprochen: Die hatten auch nach dem dritten Sieg die ARD-Experten „noch nicht wirklich überzeugt“ und gehörten „nicht zum Favoritenkreis“. Mehmet Scholl nahm sogar an, die Schweiz habe im Achtelfinale gute Chancen gegen die Albiceleste, was allerdings seiner persönlichen Wertschätzung für Ottmar Hitzfeld geschuldet gewesen sein mag. Letztlich wird die Einschätzung von Titelchancen verschiedener Mannschaften in der Öffentlichkeit meist dadurch erschwert, dass unterschiedliche Maßstäbe angelegt werden, diese aber nicht immer reflektiert werden. Nehmen wir ein Beispiel aus dem deutschen Spiel gegen die USA. Da betonte Oliver Schmidt in der zweiten Hälfte, das knappe Ergebnis spiegele „nicht ansatzweise die Dominanz der deutschen Mannschaft wider“. Kann man so sagen. Konnte man so natürlich genau so über Argentiniens Sieg gegen Nigeria sagen, der nur deshalb nicht mit fünf Toren Differenz ausgefallen war, weil Vincent Enyeama zehn Paraden zeigte und Argentinien ohnehin schon sicher durch war.

Ich persönlich denke, dass Argentinien zu den drei Teams zählt, die die meisten Chancen auf den Weltmeistertitel haben, neben Brasilien und Deutschland. Dahinter sehe ich Frankreich als Team, das an einem guten Tag Deutschland im Viertelfinale schlagen könnte, aber wohl nicht in der Lage ist, nacheinander Deutschland und Brasilien auszuschalten. Stichwort Brasilien: Nach Spaniens Implosion die personell am besten besetzte Startelf des Turniers, auch wenn bisher noch einige Abstimmungsprobleme bestanden. Das ist aber, man kann es nicht deutlich genug sagen, kein Grund, die Mannschaft abzuschreiben, wie es etwa Christian Eichler in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung tat, der die Selecao für „eines der schwächsten Teams, das Brasilien je zu einer WM geschickt hat“ erklärte. Ich verstehe die Mechanismen dieses Journalismus nicht. Oder ich verstehe sie bis zu einem gewissen Moment funktional. Die These: „Bisher läuft bei Brasilien nicht alles rund, aber mutmaßlich wird sich das im Laufe des Turniers einspielen“ will kaum ein deutscher Chefredakteur lesen, also gibt man Stücke mit provokanter, meist negativ konnotierter Botschaft in Auftrag.

Wohl gemerkt: Das zitierte Stück erschien nach nur zwei Gruppenspielen, aus denen der Gastgeber vier Punkte geholt hatte. Nach der zweiten Hälfte gegen Kamerun, die man angesichts der Schwäche des Gegners auch nicht überschätzen sollte, zeigen sich indes einige positive Ansätze, vor allem in der Leistung von Fernandinho, der nach der Pause Paulinho ersetzte. Viele internationale Journalisten sehen in Fernandinho schon den neuen Kléberson. Der Mittelfeldspieler von Atlético Paranaense war in Brasiliens drittem Gruppenspiel 2002 beim Stand von 3:2 gegen Costa Rica eingewechselt worden, und fortan lief es beim späteren Weltmeister, der nur noch ein einziges Gegentor im Turnier kassierte. Ob das so weit kommt, bleibt abzuwarten, Brasilien hat jedenfalls einen ziemlich schweren Pfad ins Finale vor sich, mit Chile, mutmaßlich Kolumbien, und Deutschland oder Frankreich.

Das spricht wiederum für Argentinien, das in seiner Hälfte des Draws die Schweiz, Belgien, die USA, Costa Rica, Griechenland, Mexiko und die Niederlande erwartet. Kein Selbstgänger, aber die deutlich leichtere Alternative. Noch ein Wort zur argentinischen Taktik. Die vielgescholtene und vermeintlich von Lionel Messi persönlich in der Halbzeitpause gegen Bosnien kassierte 5-3-2-Formation mag tatsächlich in jenem ersten Gruppenspiel verhindert haben, dass die Argentinier ins Spiel kamen. Aber wenn man bedenkt, dass allerorten vor der WM die Auffassung vertreten wurde, das Problem der Mannschaft sei die Defensive, dann muss man festhalten, dass es recht positiv ist, wenn Argentinien eine so defensive Variante spielen kann, falls die Spielsituation es im weiteren Turnierverlauf mal erfordern sollte.

Und Deutschland? Zur DFB-Elf werden wir sicher vor dem Achtelfinale gegen Algerien noch mal Detaillierteres schreiben. Die Titelchancen haben sich, allgemein gesprochen, seit Turnierbeginn sicher schon deshalb erhöht, weil andere hochkarätige Mannschaften ausgeschieden sind. Die individuelle Klasse der Mannschaft im offensiven Bereich ist unbestritten, die bisherigen Turniereindrücke aber nicht eindeutig. Das glanzvolle 4:0 gegen Portugal steht unter leichtem Vorbehalt durch die Überzahlsituation und Portugals Verletzungen, gegen Ghana war das Spiel packend, aber nicht frei von Fehlern, gegen die USA gab es einen extrem souveränen Auftritt, bei allerdings nicht vollem Wettkampfcharakter und leichten Fragezeichen hinter der Klasse des Gegners. Das alles sind nun überhaupt keine Gründe, der DFB-Elf die Titelchancen abzusprechen. Sondern normale Einschränkungen, die man bei einem WM-Turnier halt für alle Teams findet.

Vom Viertelfinalaus bis zum WM-Titel scheint bei Deutschland alles möglich zu sein. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit will ich noch auf zwei Mannschaften eingehen, die ein bis zwei Runden weiterkommen könnten als das Achtelfinale: Kolumbien ist bisher mit die positivste Erscheinung des Turniers, mit dem GdB-notenbesten Spieler James Rodríguez. Belgien hat eigentlich nur gemessen an den großen Vorschusslorbeeren enttäuscht. Nüchtern betrachtet hat die Elf von Marc Wilmots alle drei Gruppenspiele gewonnen und dabei aus dem Spiel heraus kein Gegentor kassiert. Gegen Korea spielte eine halbe B-Elf, am Ende wechselte der Coach dann noch Eden Hazard, Nacer Chadli und Divock Origi ein, Axel Witsel, Kevin de Bruyne und Romelu Lukaku blieben auf der Bank, Vincent Kompany war geschont worden. Sprich: Belgiens Kadertiefe ist weiter beeindruckend. Kolumbien und Belgien bekommen es nach menschlichem Ermessen, sollten sie das Achtelfinale überstehen, mit Argentinien und Brasilien zu tun. Das sollte in beiden Fällen das Ende des Turniers sein, aber beide Teams dürften ihren Gegnern packende Duelle liefern.

Wenn Sie jetzt clever sind, dann schreiben Sie alle Teams, die ich nicht zu Titelkandidaten erklärt habe, auf einen Wettschein und gehen unverzüglich zum Buchmacher.

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