Flop Ten: Große Spieler im Karriere-Abseits

Ihre Geschichten gehören zur Fußball-Allgemeinbildung. Sie handeln wie bei Eike Immel oder Erwin Kostedde von gefallenen Stars, die nach der Karriere ihren Platz im Leben suchten und nicht fanden. Oder von Ex-Profis wie Uli Borowka und Tony Adams, die durch den Fußball zur Sucht kamen und erst nach Karriereende geheilt werden konnten. Es gibt auch Geschichten über riesige Talente wie Wolfram Wuttke, Ansgar Brinkmann oder Savio Nsereko, die sich gerne mal selbst im Weg standen oder stehen. Oder von tragischen Schicksalen wie bei den Brasilianern Adriano und Breno, die heute im besten Fußball-Alter wären, für die eine denkbare Weltkarriere aber unmöglich erscheint. Es sind Geschichten über Fehltritte, über verirrte Karrieren, über kleine und große Niederlagen, die den Fußball menschlich erscheinen lassen.

Unsere Flop-Ten dreht sich aber nicht um menschliche Schicksalsschläge, sondern sportliche Geschichten der Talfahrt. Um Spieler, die noch aktiv sind, persönlich und in ihren Mannschaften große Erfolge feiern durften und bei denen man sich trotzdem fragt, warum die Karrieren irgendwann völlig ins Stocken geraten sind. Gnadenlos überschätzt? Falschen Verein ausgesucht? Stress mit dem Trainer? Oder einfach Pech gehabt? Sie waren ganz weit oben – bei manchen war sogar der Gipfel erreicht – und plötzlich ging es rapide in die andere Richtung. Gegen den Ball stellt zehn Spieler vor, die zusammen 416 Länderspiele haben, aber nicht mehr all zu viele hinzubekommen werden:

Platz 10: Diego Forlán (33)
Größte Erfolge: Englischer Meister 2003, Europa League-Sieger 2010
Karriere-Höhepunkt: Wahl zum besten Spieler der WM 2010
Aktuelle Club-Bilanz: Internacional – 19 Spiele, 5 Tore

Bei Diego Forlán dauerte es ungewöhnlich lang, bis er die ihm gebührende Anerkennung bekam. Wegen seiner persönlich nicht sehr erfolgreichen Zeit bei Manchester United galt Forlán in deutschen Redaktionen lange Zeit als „total überschätzt“, dabei traf der Uruguayer seit 2004 sechs Jahre lang für Villarreal und Atlético Madrid immer zweistellig. Nach seinen beiden Toren im Europa League-Finale 2010 drehte er auch bei der WM in Südafrika groß auf, dank Forláns Toren überraschte Uruguay mit dem Halbfinaleinzug und der Stürmer erhielt den Goldenen Ball. Zur Ironie seiner überkritisch beobachteten Karriere gehört die Tatsache, dass der Höhepunkt gleichzeitig der Wendepunkt war, denn Forlán konnte die Leistungen der WM seitdem nie wieder bestätigen. Bei Atlético erzielte er im Jahr darauf nur noch acht Saisontore, bei Inter Mailand bekam er – auch aufgrund von Verletzungen – überhaupt kein Bein auf den Boden und mittlerweile spielt er in Brasilien bei Internacional. Gegenüber der BBC zeigte er sich aber mit sich im Reinen: „Es war keine schwierige Entscheidung“, sagte Forlán zu den Beweggründen seines Wechsels. „Ich bereue nichts. Brasilien ist ein schönes Land, hier wird guter Fußball gespielt und sie zahlen gutes Geld.“

Platz 9: Thomas Hitzlsperger (31)
Größte Erfolge: Deutscher Meister 2007, Vize-Europameister 2008
Karriere-Höhepunkt: Europameisterschaft 2008
Aktuelle Club-Bilanz: FC Everton – 9 Spiele, kein Tor

Wer noch vor seinem ersten Profispiel nach England wechselt, wer einen Blog gegen Rechtsradikalismus unterstützt, wer sich selbstständig Rat von einem Psychologen einholt – der ist gewiss kein normaler Fußballspieler. „Für mich ist das ein Lernprozess, der mir auch in meiner Persönlichkeitsentwicklung hilft“, sagte Thomas Hitzlsperger zu seinen Aktivitäten abseits des grünen Rasens, als es für ihn auf dem Platz noch wesentlich besser lief. „Ich definiere Fußball nicht nur als Prozess auf dem Platz, sondern als etwas, das darüber hinaus geht.“ Seit über drei Jahren ist das Attribut Stagnation für Hitzlspergers Karriere ein Euphemismus. Als er, als Stammspieler der Nationalmannschaft, beim VfB Stuttgart deutlich an Wert verlor, riet ihm auch Bundestrainer Joachim Löw zum Wechsel. Hitzlsperger gehorchte, immerhin stand die Nominierung für die WM 2010 auf dem Spiel. Bei Lazio, West Ham United, dem VfL Wolfsburg und aktuell in Liverpool beim FC Everton entfernte er sich aber noch viel weiter vom DFB-Team. Parallel zu seinem Abstieg etablierten sich auf seiner Position im defensiven Mittelfeld spielstarke Typen, gegen die er mit seiner auf Dynamik und Schussstärke basierenden Spielweise ohnehin chancenlos gewesen wäre. Eine Lose-Lose-Situation, die der intelligente Hitzlsperger ähnlich analysieren wird.

Platz 8: Christoph Metzelder (32)
Größte Erfolge: Deutscher Meister 2002, Spanischer Meister 2008
Karriere-Höhepunkt: Weltmeisterschaft 2006
Aktuelle Club-Bilanz: FC Schalke – 7 Spiele, kein Tor

Bänderriss, Fußbruch, Neurodermitis, Nasenbeinbruch, Knieverletzung, Leistenprobleme und am Ende vor allem muskuläre Geschichten – die Liste der Verletzungen von Christoph Metzelder ist lang und das deutlichste Indiz für die ins Stocken geratene Karriere, die am Ende dieser Saison sogar ein vorzeitiges Ende nehmen könnte. Metzelder wird den FC Schalke 04 definitiv verlassen, sollte er weiter die Stiefel schnüren, gelten die USA als ausgemachtes Ziel. Gerüchte über ein Engagement als Co-Trainer von Pep Guardiola beim FC Bayern sind dagegen aus der Luft gegriffen. Dabei war Metzelder schon immer ein Mann für besondere Entscheidungen. Die Nationalmannschaft hatte einen vergleichsweise hohen Stellenwert, bei drei Turnieren war Metzelder Stammspieler, obwohl es in seinen Clubs häufige Auszeiten gab. Nach seiner Zeit beim BVB ging er zu Real Madrid, ein gewagter Transfer, den er sportlich nie rechtfertigen konnte. Trotzdem blieb Metzelder die gesamten drei Jahre in Madrid, weil ihn die Aura des Clubs faszinierte und er Lebenserfahrung sammeln wollte. Auch den schwierigen Schritt zu Schalke zog Metzelder durch und verdiente sich Respekt – seine Karriere wird trotzdem als unvollendet in die Annalen eingehen.

Platz 7: Nigel de Jong (28)
Größte Erfolge: Vize-Weltmeister 2010, Englischer Meister 2012
Karriere-Höhepunkt: WM-Halbfinale 2010
Aktuelle Club-Bilanz: AC Mailand – 16 Spiele, 1 Tor

Jedes WM-Finale hatte spezielle Momente, an die sich Fußballfans bis heute erinnern. Pelés Traumtor 1958, das Wembley-Tor 1966, Andreas Brehmes Elfmeter 1990 oder Ronaldos Dominanz 2002. Von Spaniens Finalsieg 2010 wird Nigel de Jongs brutales Foul gegen Xabi Alonso stets in Erinnerung bleiben, seitdem kämpft der Niederländer mit einem negativen Image und befindet sich karrieretechnisch im Sinkflug. Brachte De Jong dem Hamburger SV 2009 noch die Rekordablöse von 18 Millionen Euro ein, musste AC Mailand im vergangenen Sommer nur noch 3,5 Millionen Euro an Manchester City zahlen. Das Image taugt aber nicht allein als Grund für die Aussicht, dass nicht mehr all zu viele Länderspiele hinzukommen werden. Ähnlich wie Hitzlsperger steht auch De Jong nicht für die moderne Interpretation des defensiven Mittelfeldspielers, den die derzeit dominierenden Mannschaften im Weltfußball allesamt in ihren Reihen haben. Zudem muss De Jong in Mailand seit Dezember mit einer gerissenen Achillessehne aussetzen, ein Comeback in dieser Saison gilt als ausgeschlossen.

Platz 6: Aliaksandr Hleb (31)
Größte Erfolge: Champions League-Sieger 2009, Spanischer Meister 2009
Karriere-Höhepunkt: Champions League-Finale 2006
Aktuelle Club-Bilanz: BATE Borisov – 6 Spiele, 1 Tor

Aliaksandr Hleb ist einer der wenigen Spieler in dieser Rangliste, die sich ganz offen mit Fragen nach ihrem Scheitern auseinandersetzen müssen. In jungen Jahren galt er als eines der größten Talente in Europa, glänzte als junger Wilder beim VfB Stuttgart und war zunächst beim FC Arsenal und später in Barcelona auf dem Weg zu einer Weltkarriere. Doch wer mittlerweile in seine weißrussische Heimat zurückgekehrt ist, obwohl er noch einige Jahre im Spitzenfußball vor sich hätte, den erreichen solche Fragen fast automatisch. Und Hleb ist ehrlich, abgesehen von den zahlreichen Verletzungen gibt er sich nur selbst die Schuld für seine ins Stocken geratene Karriere, die er in Stuttgart, Birmingham und Wolfsburg nicht mehr korrigieren konnte. In Barcelona sei er zu ungeduldig, zu kindisch und auch zu unprofessionell gewesen. „Zu 95 Prozent war es mein Verschulden, dass es in Barcelona nicht geklappt hat“, erzählte Hleb in einem Interview mit der Welt. „Es war wohl der größte Fehler meiner Karriere, dass ich in Barcelona so schnell aufgegeben habe.“

Platz 5: Tim Wiese (31)
Größte Erfolge: DFB-Pokalsieg 2009, Europa League-Finalist 2009
Karriere-Höhepunkt: Saison 2008/09 bei Werder Bremen
Aktuelle Club-Bilanz: TSG Hoffenheim – 11 Spiele, 29 Gegentore

So ambivalent Tim Wiese in der Öffentlichkeit betrachtet wird (O-Ton Wiese: „Volldepp oder Superheld“), so uneindeutig sind auch die Gründe für seinen rasanten Abstieg vom Nationalkeeper hin zum Dauergast auf der Tribüne. Denn da ist einerseits sein Wechsel aus Bremen nach Hoffenheim, wo er in kürzester Zeit aufgrund von eigenen Fehlern, aber auch wegen einer falsch zusammengestellten und verunsicherten Mannschaft, als Synonym für die Schießbude der Bundesliga galt. Es folgten Verletzungen, der Verlust des Stammplatzes und der Kapitänsbinde, eine Suspendierung, Einzeltraining und eine Begnadigung, die ihm sportlich aber nicht nützte. Da ist aber auch das von Wiese seit Jahren gepflegte Image, das er mit einer seltsamen Nähe zur Springer-Presse immer wieder selbst befeuerte und das ihm, dem ambitionierten Champions League-Torhüter, außerordentlich viel Spott einbrachte. Und genau dieser langfristig vorbereitete Spott war ein entscheidender Faktor für die extrem schwankenden Leistungen zu Beginn dieser Saison. In gewisser Weise hat sich Wiese auch selbst zu Fall gebracht.

Platz 4: Ricardo Quaresma (29)
Größte Erfolge: Champions League-Sieger 2010, 4x portugiesischer Meister
Karriere-Höhepunkt: Saison 2007/08 beim FC Porto
Aktuelle Club-Bilanz: Al-Ahli Dubai

Als Ricardo Quaresma und Cristiano Ronaldo 2003 gemeinsam Sporting Portugal verließen, waren sich die Experten in Portugal einig: Dieses Duo würde den europäischen Fußball erobern und Portugal zu einer Großmacht werden lassen. Unterschiedlicher hätten die Karrieren von Ronaldo und Quaresma aber kaum verlaufen können. Ronaldo, vom Ehrgeiz, der Beste sein zu wollen, besessen, liefert sich mit Lionel Messi seit Jahren ein Duell, wer der beste Fußballer auf dem Planeten ist. Quaresma spielt nach gescheiterten Stationen in Barcelona, Mailand, Chelsea und bei Besiktas mittlerweile in Dubai. In Dubai. Dass er überhaupt einen Platz in dieser Rangliste einnehmen kann, liegt an seiner Zeit beim FC Porto, als er dreimal in Serie portugiesischer Meister wurde und Ronaldo als Fußballer des Jahres in Portugal abhängte. Wie ein Roter Faden ziehen sich Undiszipliniertheiten, Streitigkeiten mit Trainern, taktische Fehlleistungen und Defensivschwächen durch Quaresmas Karriere außerhalb seiner Heimat. Auch wenn Quaresma erst 29 Jahre alt ist, er wird das Ruder nicht mehr rumreißen können.

Platz 3: Kaká (31)
Größte Erfolge: Weltmeister 2002, Champions League-Sieger 2007
Karriere-Höhepunkt: Saison 2006/07 bei AC Mailand
Aktuelle Club-Bilanz: Real Madrid – 24 Spiele, 4 Tore

Der tief gläubige Kaká, der einen anstehenden Wechsel zu Manchester City schon mal wegen eines Zwiegesprächs mit Gott abgesagt hat, wirkt trotz seines Reservistendaseins bei Real Madrid entspannt, der ehemalige Weltfußballer ruht in sich. So, als könne ihn die sportliche Sackgasse nicht schocken. Immerhin hat er schon alles erreicht. So locker werden nicht alle Absturzopfer in dieser Rangliste mit ihrem Schicksal umgehen, aber Kaká weiß um die zahlreichen Verletzungen, die ihm den entscheidenden Teil seiner Spritzigkeit genommen haben und ihn bei Real hinter Ronaldo, Mesut Özil und Ángel di María zum Joker degradieren. Für die kommende Saison ist Kaká bei Fenerbahce im Gespräch, dort hätte er realistische Chancen, wieder Stammspieler zu sein. Eine vierte WM-Teilnahme ist dadurch aber noch nicht gesichert.

Platz 2: Fernando Torres (29)
Größte Erfolge: Welt- und Europameister, Champions League-Sieger 2012
Karriere-Höhepunkt: Weltmeisterschaft 2010
Aktuelle Club-Bilanz: FC Chelsea – 59 Spiele, 20 Tore

Wir geben zu, die Bilanz von Fernando Torres liest sich nicht wie die eines abgestürzten Stars. Immerhin hat er in der unglaublich intensiven und anstrengenden Saison des FC Chelsea in fast jedem Pflichtspiel mitgewirkt und auch seine persönliche Torquote lässt nach schwierigen Jahren einen klaren Aufwärtstrend erkennen. Aufmerksame Beobachter der Premier League wissen trotzdem, dass Tore nicht als einziges Indiz taugen. Denn der Spanier wirkt seit seinem 58 Millionen Euro-Transfer vom FC Liverpool an die Stamford Bridge wie vertauscht, gehemmt und im Kopf nicht frei genug, um seine großen Stärken – Schnelligkeit, Torabschluss, Tempo-Dribblings – ausspielen zu können. Torres ist im Spiel der Blues häufig nicht eingebunden, mit falschen Laufwegen und Unkonzentriertheiten sieht er wie ein Fremdkörper aus. Mit Rafael Benítez hat er nun jedoch einen Trainer, der seine Qualitäten aus gemeinsamen Liverpooler Zeiten kennt und deshalb mehr Nachsicht walten lässt – anders als Nationaltrainer Vicente del Bosque, der Torres kaum noch beachtet. „Es ist ein Problem, dass Torres an der hohen Summe gemessen wird. Aber die Ablösesumme hat nichts mit seinen Leistungen zu tun“, sagte Benítez in einem Marca-Interview. „Es ist aber nur eine Frage der Zeit, bis Fernando noch mehr Tore erzielen wird.“ Benítez wird Torres dabei in der kommenden Spielzeit aber nicht helfen können.

Platz 1: Ronaldinho (33)
Größte Erfolge: Weltmeister 2002, Champions League-Sieger 2006
Karriere-Höhepunkt: Saison 2005/06
Aktuelle Club-Bilanz: Atlético Mineiro – 45 Spiele, 14 Tore

Die Pole Position in unserem Ranking hat sich Ronaldinho erarbeitet, weil er erstens wirklich ganz oben war und zweitens schon in ganz frühen Jahren aus scheinbar freien Stücken nicht mehr den ganz großen Ehrgeiz an den Tag gelegt hat. Ronaldinho war zweimal Weltfußballer des Jahres, er feierte mit dem FC Barcelona zwei spanische Meisterschaften und 2006 krönte er seine Karriere mit dem Champions League-Titel. Neben Diego Maradona ist Ronaldinho zudem der einzige Spieler der Katalanen, der 2005 bei einem Clásico im Santiago Bernabéu vom Madrider Publikum ob seiner Leistung Applaus bekam – eine ansonsten undenkbare Geste. Den folgenden Absturz, der Ronaldinho über AC Mailand zurück in seine brasilianische Heimat führte, beschwor er mit Motivationsproblemen und für einen Profisportler schädlichen Prioritäten selbst herauf, für Kevin-Prince Boateng ein allzu menschlicher Vorgang: „Ich verstehe ihn zu einhundert Prozent“, erzählte Boateng in einem 11 Freunde-Interview. „Er hat drei Jahre auf dem höchsten Niveau gespielt – und alles gewonnen. Was hat ein Mensch da noch für Ziele?“ Die WM 2014 im eigenen Land könnte so ein Ziel sein, mit guten Leistungen bei Atlético Mineiro hat sich Ronaldinho immerhin zurück in die Selecao gespielt. Aber der neue Nationaltrainer Luiz Felipe Scolari hat bereits angekündigt, entweder Ronaldinho oder Kaká zu nominieren. Einer hat also die Chance, diese Rangliste neu zu schreiben.

Be Sociable, Share!

Kommentar verfassen

Sie können die folgenden HTML-Codes verwenden:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>