Fußballboom in den USA: Was ist das und wie geht es weiter?

Der FC Bayern hat gerade im All-Star-Spiel der amerikanischen Major League Soccer gegen eine Auswahl der besten Spieler der Liga gespielt – und mit 1:2 verloren. Die Münchner sind in der Saisonvorbereitung in den USA unterwegs, weil sie den dortigen Markt „erobern“ möchten, wie deutsche Medien gerne schreiben. Viel Erfolg dabei – jetzt eröffnete der Club gerade ein Büro in New York und der Auftritt von Portland gegen die MLS-Auswahl kann sicher auch nicht schaden. Aber gegenüber den Clubs der Premier League hängt Bayern in der Popularität doch deutlich zurück. Vor den Münchnern spielten Fulham, Chelsea, Everton und Manchester United alle schon einmal im All-Star-Spiel der MLS, und United lockte gerade mehr als 100.000 Zuschauer zu einem Freundschaftsspiel im Rahmen des sogenannten International Champions Cup ins Stadion der University of Michigan.

Einig sind sich aber sowohl englische als auch deutsche, spanische und italienische Clubs, dass es wichtig ist, in den USA Präsenz zu zeigen – eine Überzeugung, die seit der WM in aller Munde ist. Da die Einschaltquoten der amerikanischen Auswahl daheim so gut waren wie noch nie, spricht man landauf, landab von einem „Boom“ des Sports. Dieser wird sich sicher noch verstärken, wenn die WM 2022 in den USA vor der Tür steht … oh nein, warten Sie! Nun will ich nicht behaupten, dass die ökonomisch, klimatisch, fankulturell und nach Maßgabe des gesunden Menschenverstandes groteske WM-Vergabe nach Katar der amerikanischen Fußballleidenschaft den Boden unter den Füßen entziehen wird. Inzwischen scheint die Fanbasis des beliebtesten Sports der Welt in den Staaten ziemlich stabil zu sein. Doch was genau heißt das: „ein Fußball-Boom“? Welche Perspektiven gibt es überhaupt für den Soccer?

Hier muss man differenzieren zwischen den Aussichten des Nationalteams, der heimischen Liga MLS sowie der Begeisterung für die europäischen Spitzenligen und die Champions League unter Fans in den USA. Das kann man tun, ohne den allgemeinen Befund zu leugnen, dass Fußball traditionell keine der großen amerikanischen Sportarten ist wie American Football, Baseball und Basketball. Eine theoretische Erklärung für diesen amerikanischen Sonderweg haben der Soziologe Andrei S. Markovits und der Journalist Steven L. Hellerman in ihrem interessanten Buch „Offside. Soccer & American Exceptionalism“ 2001 vorgelegt. Ausgehend von der 1906 gestellten Frage des Soziologen Werner Sombart: „Warum gibt es in den Vereinigten Staaten keinen Sozialismus?“ stellen sie die These auf, dass es eine Art kulturellen Raum in einer Gesellschaft gibt, der nur einen begrenzten Platz bietet, sowohl für Parteien und politische Bewegungen wie auch für bestimmte Sportarten. Bei der Formung und Besetzung des amerikanischen Sportraumes Ende des 19. Jahrhunderts habe Fußball keinen Platz gefunden, weil „von unten“ Baseball als Sport der Massen und „von oben“ American Football als Sport der bürgerlichen Mittelschicht schon da gewesen seien.

Diese These ist originell und nicht ganz von der Hand zu weisen, da ihre Evidenz aber auf der Analyse der Vergangenheit beruht, kann sie nicht zwingend behaupten, an der Struktur solcher Räume werde sich nie etwas ändern. Zudem behandelt sie nationale Kulturen tendenziell als abgeschlossene Einheiten und kann so die globale Reichweite etwa der Champions League oder der Weltmeisterschaft nicht voll erfassen. Diese globale Relevanz hat in den letzten 15 Jahren aber zweifellos zugenommen, was man etwa auch in sozialen Medien wie Twitter ablesen kann. Auch ist es heutzutage in vielen amerikanischen Sportmedien gang und gäbe, dass rein europäische Sportereignisse wie das Champions League-Finale, der Titelkampf in der Premier League oder die Europameisterschaft das Zeug zu Titelgeschichten haben. Das Interesse für Fußball verändert sich also, und die viel zitierten Statistiken über die unzähligen Kinder und Jugendlichen, die in den USA Fußball in der Schule spielen und von ihren ikonografischen „Soccer Moms“ zum Training gefahren werden, deuten an, dass es über kurz oder lang ein großes Reservoir an talentierten Spielern geben müsste.

Wo aber sind diese talentierten Fußballer aktiv, wenn sie Profis werden wollen? Das Durchschnittsgehalt eines MLS-Spielers ist nicht einmal halb so hoch wie das in der zweiten englischen Liga und kaum mehr als ein Drittel dessen, was man etwa in der niederländischen Eredivisie verdienen kann. Spieler von internationaler Klasse werden also so früh wie möglich nach Europa wechseln wollen. Dafür müssen sie, wenn sie nicht erst mit 22 Profi werden wollen, was in der Regel die volle Entfaltung ihres Potenzials verhindert, auf eine College-Ausbildung verzichten. Das ist in den USA keine leichte Entscheidung. Die Rekrutierung von Profis in den Sportarten Football und Basketball ist dort direkt an den Besuch einer Universität gekoppelt, direkt aus der High School darf man zum Beispiel nach den Regularien der NBA gar nicht von einem Proficlub verpflichtet werden (nach Absolvierung eines Pflichtjahres an einem College oder einem Jahr Wartezeit allerdings schon). Mehr als 80 Prozent der amerikanischen Bevölkerung haben zumindest zeitweise eine akademische Institution nach der Schule besucht. Für talentierte Fußballer gibt es durchaus die Option, an einer Universität unter guten Bedingungen und Förderung durch Stipendien ihren Sport zu betreiben und nebenbei mehr oder minder pro forma das College zu besuchen und eventuell auch abzuschließen. Danach kann man immer noch Profi in den USA werden, oder auch nach Europa wechseln. Den Rückstand auf einen gleichaltrigen Europäer oder Südamerikaner, der seit seinem 15. Lebensjahr im Jugendleistungszentrum von Bayern München oder Barcelona ausgebildet worden ist, werden diese Spieler aber nie mehr aufholen.

Das ist also eine strukturelle Barriere für die Entwicklung von in den USA aufgewachsenen Spielern. Was nicht die Entwicklung des Fußballs in den USA im Ganzen lähmen muss, aber die Perspektive der Nationalmannschaft einschränkt, über kurz oder lang um einen WM-Titel mitzuspielen, was zweifellos die größte Aufmerksamkeit in den Staaten mit sich brächte. Die MLS müsste das nicht zwingend kümmern, sie könnte auch verstärkt gute Spieler aus anderen Ländern verpflichten – wenn sie diesen Gehälter zahlte, die mit Europas Topligen konkurrieren könnten. Hier stoßen wir auf eine andere Barriere. Zwar ist die Popularität mancher MLS-Clubs durchaus beachtlich, wenn man etwa an den Zuschauerschnitt der Seattle Sounders denkt, die mehr als 40.000 Zuschauer pro Heimspiel begrüßen. Viele andere Stadien der Liga sind kleiner, aber fast alle Teams, die in eigenen, fußball-spezifischen Stadien spielen, lasten ihre Spielstätten aus. Auch gibt es an Standorten wie Portland und bei allen drei kanadischen Teams (Toronto, Vancouver, Montréal) eine etablierte Fankultur, die sich nicht selten an europäischen Vorbildern orientiert und mit Choreographien aufwartet. Das alleine zahlt aber noch nicht das Gehalt eines 21-jährigen argentinischen Nationalspielers.

Die Einnahmeseite europäischer Topclubs wird in erheblichem Ausmaß von Fernseheinnahmen bestimmt. Bei Bundesligisten beträgt der Anteil oft nur zwischen 20 und 30 Prozent, aber zum Beispiel bei Juventus und Milan mehr als die Hälfte des Gesamtumsatzes. Nun steigen die TV-Einnahmen der MLS durchaus an, mit beachtlichen Steigerungsraten. Die neuen Fernsehverträge mit ESPN, FOX und dem spanischsprachigen Sender Univisión bringen den Clubs zusammen umgerechnet 67 Millionen Euro pro Jahr ein, fünfmal so viel wie aus den alten Verträgen. Aber zum Vergleich: Der Tabellenletzte und Absteiger aus der Premier League Cardiff City alleine verdiente in der abgelaufenen Saison 77 Millionen € nur mit Fernsehgeldern. Das sind wohlgemerkt nur Einnahmen aus der Vermarktung der Premier League, je nach Abschneiden wird von der Liga an die anderen Clubs deutlich mehr ausgeschüttet, und die Topclubs erhalten zudem noch große Summen aus der Ausstrahlung der Champions League. Diese Zahlen illustrieren, wie riesig der Abstand zwischen der kommerziell erfolgreichsten Liga der Welt, der Premier League, und der Major League Soccer ist.

Interessanterweise haben fünf Premier League-Clubs inzwischen amerikanische Besitzer: Manchester United, Liverpool, Aston Villa, Arsenal und Sunderland. Ein Zeichen für die Globalisierung des Welt-Sport-Markts, und ein Indiz, dass es für John W. Henry, den Besitzer der Boston Red Sox, attraktiver war, Liverpool zu kaufen als New England Revolution. Die Premier League wiederum, die zugleich massiv um ihre zahlreichen Fans in Ostasien bemüht ist, hat auf dem amerikanischen Fernsehmarkt den Nachteil, dass die Spiele meist zur Vormittagsstunde Ortszeit angepfiffen werden, wenn man in den USA ein Match verfolgen will. Damit die MLS wiederum nicht permanent gegen die NFL und die NBA ansenden muss, liegt die Saison der amerikanischen Liga im Sommer und wird nach dem Kalenderjahr gespielt – von März bis Oktober, gefolgt von Playoffs. Das wiederum bringt das Problem mit sich, dass die Liga alle vier Jahre mitten durch die WM hindurchläuft, für die sie ebenso wenig pausiert wie für den Gold Cup.

Außerdem fordern viele mit europäischem Fußball vertraute Fans der MLS neben einer Umstellung der Saison auf den europäischen Rhythmus auch die Abschaffung der Playoffs und die Einführung von Auf- und Abstieg. Das würde die Liga näher an die Fußballwelt heranführen, aber die ökonomische Diskrepanz bliebe ungelöst. Das Best Case-Szenario beinhaltet wohl eine weitere relative Steigerung des Interesses an Fußball in den USA. Was paradoxerweise durch die WM und die Champions League eher erreicht werden kann als durch die MLS, zugleich damit aber den Fans die relative Unterlegenheit des heimischen Ligafußballs vor Augen führt. Die Zuschauerzahlen der Gastspiele von europäischen Topclubs in jedem Sommer wie die angesprochenen 110.000 in Michigan zeigen denn auch, warum die MLS-Verantwortlichen diesen europäischen Kulturimperialismus mit gemischten Gefühlen betrachten.

Ich habe diverse Widersprüche angesprochen, die das angenommene immer weitere Wachstum des Fußballs in den USA beschränken. Gleichwohl handelt es sich um ein Land mit 318 Millionen Einwohnern (Katar hat übrigens zwei Millionen, um die unfassbare WM-Vergabe der FIFA noch einmal ins rechte Licht zu rücken; selbst wenn es dort im Sommer kein lebensfeindliches Klima gäbe, wäre es immer noch gleichbedeutend damit, die WM in Mazedonien auszutragen). Die Logik ökonomischer Expansion im Profisport und seiner Vermarktung macht es unausweichlich, dass wir Projekte wie New York City FC, den zweite New Yorker Club in der MLS, der 2015 den Spielbetrieb aufnimmt und von Manchester City und dem Baseballclub New York Yankees finanziert wird, erleben werden. Der Erfolg solcher Strategien ist jedoch bei aller Marktgröße nicht sicher. Denken wir an die letztlich gescheiterten Versuche der NFL, ihrem Sport eine regelmäßige Präsenz in Europa zu verschaffen. Hier fehlte es indes auch an einer breiten Öffentlichkeit, die den American Football betreibt und damit aufgewachsen ist. Das wiederum könnte mit dem Fußball in den USA besser funktionieren, allerdings nur auf dem Weg einer komplizierten Wechselbeziehung zwischen der MLS, den Fans des europäischen (oder lateinamerikanischen) Fußballs und der Nationalmannschaft bei Weltmeisterschaften.

Dass am Ende dieses Weges MLS-Fußball an die gleichberechtigte Seite der traditionellen Big Four-Ligen NFL, NBA, MLB und NHL getreten sein wird, ist dabei alles andere als ausgemacht. Die nachhaltigste Zukunftsvision aus amerikanischer Sicht sähe wohl eine Ausweitung der Champions League auf die USA aus – nicht, indem europäische Clubs dort einfach Show-Matches veranstalten, sondern indem amerikanische Teams im wichtigsten Wettbewerb, den der Clubfußball auf der Welt zu bieten hat, selbst teilnehmen könnten. Das würde zugleich deren Einnahmesituation drastisch verbessern sowie es internationalen Spielern attraktiver machen, in die MLS zu wechseln.

Die logistischen Hürden für ein solches Modell sind viel kleiner, als man auf den ersten Blick denken könnte – wenn man mal die Probleme von Auswärtsfans relativiert, die es in kleinerer, aber grundsätzlicher Form auch bei Auswärtsspielen in der Champions League gibt. Viel eher könnte einer solchen Vision die Interessenlage der europäischen Topclubs entgegenstehen, die gerne viele Trikots in den USA absetzen wollen und dort Zuschauer und Fans gewinnen wollen – nicht dort neue Konkurrenz heranzüchten wollen. Konkurrenz nämlich ist das, was europäische Topclubs mehr hassen als alles andere auf der Welt. Diese Barriere für den Erfolg des amerikanischen Fußballs sollte man bei allem Hype auch nicht unterschätzen.

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