Game over

Barcelona – Bayern München 3:0

Dass der FC Bayern sein Hinspiel in Barcelona verlieren würde, war angesichts der Form beider Mannschaften in den letzten Monaten und der Münchner Ausfälle zu erwarten. Offen schien vor dem Anpfiff nur, wie hoch die Niederlage ausfallen würde und wie groß entsprechend die Chancen sein würden, im Rückspiel noch das Finale von Berlin zu erreichen.

In der Realität hielten die Bayern dann sogar 77 Minuten lang ein 0:0 – nur, um am Ende mit dem wohl vorentscheidenden dritten Gegentor doch alles zu verspielen. Über die Form von Barcelona gegen Topteams haben wir in der letzten Europarangliste schon geschwärmt, vor allem verglichen mit den Bayern, die sich in dieser Hinsicht 2015 sehr schwer tun (und seit Neujahr kein einziges Pflichtspiel gegen eine Top-6-Mannschaft der Bundesliga gewonnen haben). Vor diesem Hintergrund erschien es naheliegend, dass Josep Guardiola im Nou Camp auf eine sehr defensive Grundordnung setzen würde, etwa so, wie in Dortmund oder im Pokalspiel in Leverkusen. Das hatte die jeweiligen Gegner nämlich zumindest neutralisiert, wenn auch nicht gerade an die Wand gespielt.

Guardiola aber versuchte sich auf die antizyklische Tour. Als Lothar Matthäus am Wochenende auf Sky den Bayern eine Formation mit Dreierkette für Barcelona empfahl, hatte ich noch gehöhnt: Mit drei Verteidigern gegen ein 4-3-3? Und das gegen Barcelona? Muhahaha. Turns out, dass der fränkische Taktikfuchs Guardiola besser kannte als ich. Genau so startete Bayern im Nou Camp. Eine Dreierkette hätte unter diesen Umständen aber nur funktionieren können, wenn sie durch die beiden Flügelspieler gegen den Ball zur Fünferkette wird, oder wenn jedenfalls ein Spieler die Abwehr situativ verstärkte, damit es Absicherungen gegen Dribblings und Doppelpässe gäbe.

Tatsächlich aber war Barcelonas Umschaltspiel nach Ballgewinnen dafür einfach zu direkt und zu schnell. Dieser entscheidende Evolutionsschritt in der Spielweise der Katalanen hatte schon Atléticos Defensiv-Orientierung im Januar dreimal überfordert, was schon einiges heißen will. Bayern brachte in dieser Formation einfach nie genug Spieler hinter den Ball, und so war die erste Viertelstunde ein rasanter, wahnsinnig offener Schlagabtausch. Diesem hätte man als neutraler Zuschauer gut noch länger zusehen können, schließlich hatten beide Mannschaften viele Räume für ihre Angriffe. Wahrscheinlich wäre der Halbzeitstand aber 5:1 gewesen, wenn Bayern so weitergespielt hätte, und so war es folgerichtig, dass Guardiola nach einer Viertelstunde umstellte.

Mit zunehmender Spieldauer bekam München das Spiel dann immer besser in den Griff. Das im Sinne von Spielkontrolle (Barcelona hatte erstmals seit 2006 in einem Champions League-Spiel weniger Ballbesitz als der Gegner). Klare eigene Chancen hatte Bayern nach Robert Lewandowski guter Gelegenheit (18.) praktisch gar nicht mehr, aber das war nicht das Hauptziel des Abends. Dass es dann bis zur 77. Minute 0:0 stand, war ein Zeichen dafür, wie gut die Bayern-Strategie aufging. Mal stellten die Münchner den Spielaufbau hoch zu, mal erwarteten sie den Gegner tief vor dem eigenen Strafraum, nun immer um horizontale Kompaktheit bemüht, die die Dreierkette nicht hatte herstellen können. Ein Gegentor war gegen Barcelonas Offensive natürlich trotzdem im Bereich des Möglichen. Dass es dann aus einer hektischen Umschaltsituation heraus fiel (Bayern wollte schnell eröffnen, Bernat verlor den Ball gleich wieder an Dani Alves), demonstrierte aber einmal mehr, wo neben der reinen individuellen Klasse der Offensivspieler die aktuellen Stärken Barcelonas liegen.

Das zweite Tor fiel nur drei Minuten später. Ich will Guardiola keineswegs unterstellen, so zu denken wie ZDF-Kommentator Béla Réthy. Der hatte nach dem 1:0 befunden, das sei ja immer noch ein sehr gutes Ergebnis, nach dem 2:0, nun sei es immer noch ein gutes Ergebnis, wenn Bayern noch ein Tor schieße. Ob man aber wirklich in der Nachspielzeit noch großes Risiko gehen musste, um ein Auswärtstor zu erzwingen? Richtig ist, dass dieses Auswärtstor für den Gesamtausgang des Halbfinals wichtiger gewesen wäre als ein weiteres Gegentor. Das würde aber auch statistisch gesehen nur dann eine Berechtigung für Risiko darstellen, wenn die Chancen, dieses eigene Tor zu erzielen, etwa genau so groß wären wie die, ein weiteres Gegentor zu kassieren. Bayern aber hatte in 90 Minuten keinen einzigen Ball direkt aufs Tor von Marc-André ter Stegen gebracht (der nach einem abgefälschten Thiago-Schuss dennoch immerhin eine Parade zeigen durfte) – Barcelona schon siebenmal Manuel Neuer geprüft. Fußball ist keine Mathematik, wie wir dank Karl-Heinz Rummenigge wissen, aber Bayern wäre wohl besser beraten gewesen, wenigstens das 2:0 über die Zeit zu bringen, so unattraktiv das erscheinen mochte, wenn es so lange 0:0 gestanden hatte.

Faktisch ist das Halbfinale nun entschieden, in der Champions League-Geschichte holte noch nie irgendeine Mannschaft ein Hinspiel-0:3 auf. Und schon gar nicht gegen Barcelona. Dennoch ist es zu früh für Abrechnungen und Münchner Saisonbilanzen. Darum werden wir uns in der nächsten Woche kümmern (oder die Serie „Der Fußballgott und seine unergründlichen Wege“ starten).

Tore

1-0 MESSI (77., DANI ALVES)
2-0 MESSI (80., RAKITIC, BUSQUETS)
3-0 NEYMAR (90., MESSI, SUÁREZ)

Noten

Spielnote 6,5

Barcelona (4-3-3): ter STEGEN 6,5 – DANI ALVES 7,5, PIQUÉ 7,5, MASCHERANO 7,5 (89. BARTRA), ALBA 6,5 – RAKITIC 8 (82. XAVI), BUSQUETS 7,5, INIESTA 7,5 (87. RAFINHA) – MESSI 9,5, SUÁREZ 8,5, NEYMAR 8,5. Mannschaftsschnitt 7,68.

Bayern München (3-4-1-2): NEUER 7,5 – BENATIA 5,5, BOATENG 5,5, RAFINHA 5,5 – THIAGO 6, LAHM 5, ALONSO 6,5, BERNAT 5 – SCHWEINSTEIGER 4 – MÜLLER 5 (79. GÖTZE), LEWANDOWSKI 4,5. Mannschaftsschnitt 5,46.

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