GDBSDNS: Fünf Talente aus der Bundesliga

Die Bundesliga-Clubs profitieren seit Jahren von der guten Nachwuchsförderung. Die besten Beispiele sind Julian Draxler und Maximilian Arnold, die auf Schalke und in Wolfsburg regelmäßig zu den Torschützen gehören. Timo Werner (VfB Stuttgart) und Jonathan Tah (Hamburger SV) erobern sogar schon mit 17 Jahren Stammplätze. Und die Quelle wird nicht versiegen. Im dritten Teil der Talenteshow stellt Gegen den Ball fünf Nachwuchsspieler aus der Bundesliga vor, die noch auf den großen Durchbruch warten.

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Leon Goretzka (18) – FC Schalke 04
Zentraler Mittelfeldspieler
7 Bundesliga-Spiele

Als vor wenigen Tagen die Nachricht verbreitet wurde, dass Leon Goretzka das Trainingslager des FC Schalke wegen einer Mandel-Operation verpassen würde, passte das zum bisherigen Auftritt eines der größten deutschen Talente in Königsblau. Die Ruhr Nachrichten ordneten Goretzka sogar in die Kategorie „Flops der Hinrunde“ ein: „Er wird sich gewaltig steigern müssen, wenn er mehr als eine Teilzeitkraft auf Schalke sein will.“

Die Kollegen sind in Gelsenkirchen zwar immer nah dran, dieses Urteil erscheint mir aber doch ziemlich hart. Goretzka war beim VfL Bochum in der 2. Liga zwar Stammspieler und zwischenzeitlich sollen viele europäischen Topclubs (Bayern, Juventus, Inter, Arsenal, Real Madrid, Dortmund) ihre Scouts ins Ruhrstadion geschickt haben. Trotzdem sollten das Alter des Spielers, die schulische Belastung und die Umstände des Transfers für mildernde Umstände sorgen.

Goretzka ist gebürtiger Bochumer, stand früher in der Fankurve des VfL. Trotz seiner öffentlich bekundeten Liebe zum Heimatclub entschied sich Goretzka im letzten Sommer zum Wechsel innerhalb des Ruhrgebiets, drohte dafür zwischenzeitlich sogar mit einer Klage vorm Arbeitsgericht. „Es war alles andere als einfach für mich“, sagte Goretzkla nach dem Hickhack zwischen Bochum und Schalke. „Ich habe mir den Transfer natürlich anders vorgestellt.“

So begehrt war Goretzka, weil er nicht nur in Bochum sondern auch in den U-Mannschaften des DFB eine bemerkenswerte Dominanz im zentralen Mittelfeld ausstrahlte. Goretzka kann mit seinen öffnenden Pässen das Tempo bestimmen, ist gleichzeitig aber auch torgefährlich und mit einer Größe von 1,89 Meter sehr präsent in den Zweikämpfen.

Die Umstellung auf das neue Umfeld bei S04 sowie die Vorbereitungen auf das im Frühjahr anstehende Abitur haben diese Stärken nur selten aufblitzen lassen. Umso ärgerlicher ist aus Goretzkas Sicht das verpasste Trainingslager. Eine komplette Vorbereitung hätte ihm sicherlich gutgetan, sein riesiges Talent ist allerdings weiterhin unbestritten.

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Marian Sarr (18) – Borussia Dortmund
Innenverteidiger
2 Bundesliga-Spiele

Es lagen nur zehn Tage zwischen den beiden Spielen, die Marian Sarr einen Crashkurs in Sachen Lebenserfahrung lieferten, den andere Bundesliga-Profis nach 100 Einsätzen nicht vorzuweisen haben. Sarr debütierte in der Champions League mit einem nahezu fehlerfreien Spiel in Marseille. Gegen Hertha BSC unterlief ihm nach gutem Beginn ein folgenschwerer Patzer, der seinen ersten Auftritt vor heimischer Kulisse bereits nach 45 Minuten beendete. Mit Tränen in den Augen verließ Sarr den Platz, noch nicht wissend, dass die schwache Leistung seiner Mannschaft ein Ausbügeln des Fehlers unmöglich machte.

Sarr ist seitdem abgetaucht. Wie er mit Himmel und Hölle umgehen wird, wird sich nun in der Vorbereitung auf die Rückrunde zeigen. Trainer Jürgen Klopp wird ihm die nötige Zeit geben, zumal er den Vorfall schon nach dem Abpfiff abgehakt hatte: „Marian hat so viele gute Sachen in der ersten Halbzeit gemacht. Und dann vergisst er, einen Ball wegzuschlagen. Das ist brutal. Ich habe ihm gesagt, dass dieser Fehler unser kleinstes Problem heute war.“

Deshalb wird der BVB in der Winterpause, trotz aller Gerüchte um Mathias Ginter (SC Freiburg) und Papy Djilobodji (FC Nantes), keinen weiteren Innenverteidiger verpflichten. Wenn Sarr oder der ebenfalls als großes Talent gehandelte Koray Günter (19) im November mehr Spielpraxis gehabt hätten, wäre auch Manuel Friedrich nicht nach Dortmund gewechselt.

Sarr wechselte Ende 2012 von Bayer Leverkusen nach Dortmund, die Ablöse für den damals 17-Jährigen soll 700.000 Euro betragen haben. Ganz geräuschlos ging der Transfer nicht über die Bühne, Bayer-Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser prangerte den Geschäftssinn von Sarrs Beraterin an und das Wort Talenteklau machte die Runde. Sarr selbst sah in Dortmund die bessere Perspektive und schwärmte von den Gesprächen mit Klopp.

Im ersten halben Jahr sammelte er Spielpraxis in Dortmunds A-Jugend, um im Sommer fest in die U 23 aufzurücken und regelmäßig bei den Profis zu trainieren. Im Trainingslager wusste Sarr zu gefallen und erste Kaderplätze in der Bundesliga rückten näher. Doch dann folgte eine Zehenverletzung, die Sarr zu einer Pause zwang und ihm den Spielrhythmus nahm. Die Verletzungen von Mats Hummels und Neven Subotic kamen auch für Sarr zum scheinbar schlechtesten Zeitpunkt.

Sarr gilt als moderner Innenverteidiger, der in Sachen Spieleröffnung und Technik in Hummels’ Fußstapfen treten kann. Auch gegen die Hertha spielte er in den ersten 30 Minuten gestochen scharfe Pässe ins Mittelfeld. Wenn er den Rückschlag verkraftet, wird Sarr in Dortmund weiter für Furore sorgen.

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Marc-Oliver Kempf (18) – Eintracht Frankfurt
Innenverteidiger
1 Bundesliga-Spiel

Wenn man in dieser Saison über Eintracht Frankfurt berichtet, können die großen Verletzungssorgen nicht ausgespart werden. Die Liste der ausgefallenen Profis ist lang, in Vergessenheit gerät dabei das hoffnungsvolle Talent Marc Stendera, das nach starken Spielen in der letzten Saison mit einem Kreuzbandriss noch lange ausfallen wird.

Stenderas Kumpel Marc-Oliver Kempf wiederum profitierte von der Misere der Hessen. Beim 1:0-Sieg in der Europa League gegen Girondins Bordeaux feierte der Innenverteidiger sein Saison-Debüt, gegen Hannover folgte eine Einwechslung in der Bundesliga. Nur wenige Tage später kursierten Gerüchte, Juventus Turin und Manchester United hätten Interesse an einer Verpflichtung – mit zweifelhaftem Wahrheitsgehalt.

Dabei gab es im vergangenen Sommer in der Tat ernsthafte Verhandlungen mit Juve. Kempf sah sich gemeinsam mit seinem Berater das Trainingsgelände der Alten Dame an, entschied sich dann aber als gebürtiger Hesse (Lich) für einen Verbleib in Frankfurt. Kempfs Vertrag läuft noch bis 2015, ein richtiger Durchbruch erscheint zum jetzigen Zeitpunkt wegen der Konkurrenten Carlos Zambrano, Bamba Anderson, Marco Russ und Neuzugang Alexander Madlung wenig wahrscheinlich.

Kempf besticht durch seine Schnelligkeit und durch gutes Kopfballspiel, als Defensivallrounder weiß er auch mit dem Ball umzugehen. In der deutschen U-17-Nationalmannschaft half er deshalb auch schon mal im defensiven Mittelfeld aus. In der Regionalliga Südwest erzielte Kempf zudem in sieben Einsätzen drei Kopfballtore. Eintracht-Trainer Armin Veh muss diesen Rohdiamanten in den kommenden Monaten weiter schleifen.

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Levin Öztunali (17) – Bayer Leverkusen
Mittelfeldspieler
5 Bundesliga-Spiele

Sorgten die Wechsel von Goretzka und Sarr schon für Aufsehen, so glich der Transfer von Levin Öztunali vom Hamburger SV zu Bayer Leverkusen in der Hansestadt einem Erdbeben. Denn Öztunali ist der Enkel von Legende Uwe Seeler und gehörte damit selbstverständlich zur HSV-Familie. Als Öztunalis Weggang feststand, wechselten sich gegenseitige Schuldzuweisungen fast täglich ab. Seeler selbst wirkte extrem genervt von den Gebaren des damaligen Sportchefs Frank Arnesen, der Öztunali eine Entscheidung für das „schnelle Geld“ und gegen „Ausbildung und Familie“ vorwarf.

In Leverkusen stand schnell fest, dass Öztunali trotz seines jugendlichen Alters wesentlich weiter ist, als es die Verantwortlichen in Hamburg für möglich gehalten hatten. Trainer Sami Hyypiä („Macht er so weiter, hat er die Chance, sehr früh zum Bundesligaspieler zu werden.“) lobte Öztunali während des Trainingslagers und wechselte den Mittelfeldspieler bereits am ersten Spieltag gegen Freiburg ein. Es folgten zwei weitere Partien gegen Mainz und Hannover, ehe Öztunali von einer Kapselverletzung gestoppt wurde.

Mit 17 Jahren und 146 Tagen avancierte Öztunali somit zum jüngsten Bundesliga-Spieler in der Geschichte von Bayer Leverkusen. Noch mehr sagte allerdings die Zielstrebigkeit, mit der er sich nach der Verletzung zurückkämpfte, über seinen Charakter aus. „Mir gefällt seine Mentalität“, sagte Hyypiä. „Er arbeitet jeden Tag an sich, und das alles bei einem 17-Jährigen – das kommt nicht so oft vor.“ Über die U 23 in der Regionalliga West kämpfte sich Öztunali zurück und durfte am Ende der Hinrunde erneut zweimal in der Bundesliga ran.

Öztunali besticht dabei mit seiner Vielseitigkeit. Im Mittelfeld kann er sowohl offensiv als auch defensiv eingesetzt werden, Hyypiä brachte ihn auch schon als Rechtsverteidiger. Wie Goretzka baut er nebenbei sein Abitur, kommt mit der Doppelbelastung aber besser zurecht. In Hamburg dürfte der Neid nochmals größer werden, sollte Seelers Enkel in naher Zukunft den großen Durchbruch schaffen.

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Hany Mukhtar (18) – Hertha BSC
Offensiver Mittelfeldspieler
4 Bundesliga-Spiele

Es ist reine Spekulation, ob Hany Mukhtar schon mehr als vier Einwechslungen in der Bundesliga vorweisen könnte, wenn er sich Mitte August in einem Testspiel der U-19-Nationalmannschaft gegen Ungarn nicht am rechten Sprunggelenk verletzt hätte. Sechs Wochen musste Mukhtar aussetzen und feierte sein Bundesliga-Debüt erst Ende Oktober als Joker bei der 2:3-Niederlage in München.

Damals wie heute betonte Hertha-Trainer Jos Luhukay, wie nah Mukhtar an seinem ersten Startelf-Einsatz für der Berliner wäre. „Hany soll an die Bundesliga herangeführt werden“, sagte Luhukay vor einigen Wochen. „Schade, dass er sich im August verletzt hat. Aber jetzt ist er wieder in Topform.“

Dabei ging der Sohn einer Berlinerin und eines Sudanesen nur als dritte Option auf seiner Stammposition im zentralen offensiven Mittelfeld in die Saison. Aufstiegsheld Ronny und Neuzugang Alexander Baumjohann standen in der Hierarchie deutlich vor Mukhtar. Deshalb probierte Luhukay den schmächtigen Mkkhtar (1,74 Meter) auch auf der Doppelsechs aus, wo er allerdings die nötige Zweikampfhärte vermissen ließ.

Doch dann verletzte sich Baumjohann nach starkem Saisonbeginn schwer (Kreuzbandriss) und Ronny ließ bei Luhukay wegen mangelnder Laufbereitschaft und schlechten Umschaltbewegungen Zweifel an seiner Bundesliga-Tauglichkeit aufkommen. Also durfte Mukhtar nach München auch gegen Leverkusen, Augsburg und Braunschweig reinschnuppern, wusste dabei allerdings nur bedingt zu überzeugen. Gegen die Werkself kam Mukhtar bereits zur Pause, konnte aber keinen Zweikampf gewinnen und dem Spiel der Berliner keine Struktur vermitteln.

Das ist auch noch das größte Problem in Mukhtars Spiel. Der 18-Jährige wirkt trotz aller fußballerischer Qualität nicht robust genug. Zu seinen positiven Eigenschaften gehören Schnelligkeit, Übersicht, Passgenauigkeit und Entschlossenheit vor dem gegnerischen Tor, die U 17 der Berliner führte er 2012 mit 16 Toren und 18 Vorlagen zur Deutschen Meisterschaft.

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6 comments

  1. Karsten

    Ich finde die Wahl Goretzkas etwas merkwürdig. Nicht, dass ich ihn für schlecht halte. Seine Qualität ist definitiv da. Schlecht für ihn war, dass Keller ihn mal hier mal da eingesetzt hat und das auch noch sehr sporadisch. Da wäre es auch für alte Füchse schwer.

    Die Wahl Goretzkas in diese Liste finde ich merkwürdig, weil doch in der gleichen Mannschaft ein gewisser Max Meyer die Bundesliga gerade aufmischt, obwohl er sogar noch ein Stück jünger ist.

    • Marcus Krämer

      @Karsten: Michel hat Recht, über Max Meyer oder Maximilian Arnold habe ich natürlich auch nachgedacht, aber anders als in der Premier League oder La Liga hat man diese Spieler in Deutschland schon länger auf dem Zettel und weiß vieles über sie. Die beschriebenen fünf Talente warten noch auf ihren Durchbruch und waren mir deshalb eine Betrachtung wert.

  2. Michel

    @Karsten: In der Einleitung steht „Im dritten Teil der Talenteshow stellt Gegen den Ball fünf Nachwuchsspieler aus der Bundesliga vor, die noch auf den großen Durchbruch warten“. Ich glaube, deshalb geht es eher darum, Spieler vorzustellen, die noch nicht überall abgefeiert werden. Talente, die vielleicht noch nicht jeder auf dem Schirm hat. Max Meyer hat da schon einen Vorsprung vor Goretzka und gerade deshalb ist der vielleicht noch zu entdecken – steht noch vor dem Durchbruch – während viele von Meyer schon gehört haben und der den Durchbruch fast schon geschafft hat.
    PS: Dein Blog gefällt mir übrigens sehr gut!

    • Karsten

      Hmmm, verstehe. Wobei sich das ja auch erst in den letzten Monaten so ergeben hat, oder? Vor beginn der Saison, nach dem Wechsel-Hickhack um Goretzka, hätte in Deutschland jeder gedacht der ginge Steil, Meyer hatten da nicht viele auf’m Schirm, glaube ich.
      Aber ich kann Eure Argumentation nachvollziehen. Außerdem bin ich eh froh, dass ein Schalker mit auf der Liste steht, welcher ist mir im Zweifelsfall egal. 😉

      Danke!

  3. croejoe

    Sarr ist ein technischer hoch begabter Verteidiger. Ich denke er wird sich auf dauer in der Bundesliga durchsetzten.
    Na ja man wird sehen. Wichtig ist das der Junge auf dem Boden bleibt.

  4. Ping: Das DFB-Team vor der WM 2014: Hier wird gestrichen › Gegen den Ball

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