Heldt meldet: Stellung gehalten!

Bei Schalke 04 bleibt die Stammelf fast unverändert. Einen großen Kracher haben sie nicht geholt und dennoch ist die Presse handzahm und die Fans sind zufrieden. Schalke setzt auf die Entwicklung junger Spieler und verstärkte die Breite des Kaders. Horst Heldt konnte aber deshalb relativ gelassen auf dem Transfermarkt agieren, weil der Stamm der Mannschaft mit Säulen wie Höwedes, Jones, Farfan, Draxler und Huntelaar gut besetzt ist. Am Ende wird Clemens Tönnies ins Telefon schreien: „Stellung gehalten?“ Heldt wird antworten: „Ja, Sir. Champions League-Platz erneut erreicht. Stellung gehalten!“

Neuzugänge: Tim Hoogland (Rückkehr aus Stuttgart), Felipe Santana (BVB), Christian Clemens (1. FC Köln), Adam Szalai (Mainz 05), Leon Goretzka (VfL Bochum), Kaan Ayhan (eigene A-Jugend).

In der Berichterstattung zu den Schalker Transferaktivitäten sind mir zwei wiederkehrende Thesen aufgefallen. Eine lautet da „Schalke setzt auf die Jugend“ oder auch „Jugendstil statt Größenwahn“. Die zweite bezieht sich auf den unerwarteten Abgang von Michel Bastos. So schrieb Peter Müller bei reviersport.de zum Beispiel: „Bastos-Abgang ist kein Verlust für den FC Schalke 04“. Damit bin ich nicht einverstanden. Aber zunächst zu den Geschehnissen.

Horst Heldt hatte die Hände schon in den Schoß gelegt, sich zurück gelehnt und die Sommersonne genossen, da meldete sich Lyon mit der Absicht, Michel Bastos in die Wüste schicken zu wollen. Der Club „Al Ain“ aus den Vereinigten Arabischen Emiraten brachte die geforderte Ablösesumme auf, und Schalkes Personalplanung war durchkreuzt. Denn Schalke wollte Michel Bastos (14 Spiele/4 Tore/2 Vorlagen) zwar nicht kaufen, aber auch nicht verkaufen und zumindest noch ein Jahr auf Leihbasis bei den Knappen halten.

In dem erwähnten Artikel wird Bastos „Eigensinnigkeit“ vorgeworfen. Der frischgebackene Treblesieger Arjen Robben – ebenfalls Flügelstürmer – kann ein Lied über solche Vorwürfe singen. „Der von sich selbst sehr überzeugte Bastos passte als Typ nicht ins Revier“, heißt es da. Was soll das heißen? Will Schalke Typen, die nicht von sich selbst überzeugt sind? Für mich ist klar: Michel Bastos hat den Kader der Königsblauen qualitativ bereichert und ohne ihn fehlt ein international gestandener, offensiver Außenspieler. Dementsprechend halte ich es für selbstverständlich, dass der Abgang Bastos‘ ein qualitativer Verlust für den Kader ist und nicht so einfach durch einen Jugendspieler ersetzt werden kann.

Womit wir bei der zweiten These sind. In Deutschland herrscht derzeit scheinbar der Jugendstil im Größenwahn. Man nehme ein junges aufstrebendes Talent und ersetzt damit einen Stammspieler und alle sind glücklich. So einfach ist es aber nicht. Junge Spieler müssen an das Level herangeführt werden. Außerdem gibt es nicht jeden Tag ein Talent, wie es Julian Draxler ist.

Dabei sollte man bedenken, dass auch ein Draxler (19 Jahre) in seiner ersten Bundesligasaison (15 Spiele) nur ein Tor erzielte. Der neue Draxler, so heißt es oft, sei Max Meyer (17 Jahre). Meyer ist ebenfalls sehr talentiert, muss aber erst an die Bundesliga herangeführt werden. Die Vorschusslorbeeren für Neuzugang Leon Goretzka (18 Jahre) sind groß, doch auch er muss den Schritt in die erste Liga erst noch machen. In seinem kurzen DFB-Pokalauftritt zeigte er noch Licht (Gute Technik beim 2:0) und Schatten (Haarsträubende Fehlpässe).

Leichter hat es da Christian Clemens. Der hat schon 58 Bundesligaspiele bestritten. Clemens ist nun mit 22 Jahren wieder im Oberhaus angekommen. Aus ihm kann durchaus ein guter Bundesligaspieler werden, allerdings darf man ihn nicht mit einem Ausnahmetalent wie Draxler gleichsetzen. Einen zweiten Draxler kann man sich nicht mal eben schnitzen. Aus diesem Grund ist Horst Heldt auf der Suche nach einem weiteren offensiven Flügelspieler auf Champions League-Niveau, und das ist absolut richtig. Am Ende entscheidet die Qualität des Kaders im Zusammenwirken mit dem Trainer über das Abschneiden. Nicht wie jung die Mannschaft ist.

Die Qualität des Kaders wurde vor allem in der Breite verstärkt. Santana, Clemens, Goretzka und Szalai sind eine gute zweite Reihe. Die Stammelf bleibt aber – bis auf die vakante Position links vorne – die Gleiche wie im letzten Jahr und das aus folgendem Grund. Szalai ist nicht so gut wie Klaas-Jan Huntelaar, Santana kommt an Höwedes, Matip und Papadopoulos nicht vorbei, und Goretzka braucht noch Zeit zur Anpassung auf das gestiegene Niveau.

Während der FC Bayern sich deutlich verstärkt hat und auch Borussia Dortmund drei teure Spieler bei nur einem schmerzlichen Abgang (Götze) holte, hat Schalke die erste Elf nicht verstärkt. Mit Bastos (bzw. Raffael) sogar einen Stammspieler verloren. Aus diesem Grund werden die beiden Clubs, die letztes Jahr vor Schalke standen, in diesem Jahr auch nicht hinter Schalke landen. Leverkusen wird mit der Champions League-Belastung und der mäßigen Einkaufspolitik sicherlich nicht noch einmal so stark aufspielen.

Insgesamt ist die Transferpolitik der Schalker als moderat, auf die Breite des Kaders und die Zukunft ausgelegt, zu bezeichnen. Bei einem Club, der ein hohes Defizit abzuarbeiten hat, keine schlechte Herangehensweise, aber eben auch kein Mittel, um neue Sphären zu erreichen oder in Jubel auszubrechen.

Die Stärken des Kaders

Die Offensive ist das Prunkstück der Schalker. Jefferson Farfan, Klaas-Jan Huntelaar und Julian Draxler gehören zum Besten, was die Liga zu bieten hat. Das Spiel wird oft über Farfan nach vorne getragen, wo Draxler den Weg in den Strafraum findet und Huntelaar der unverzichtbare Vollender ist. Diese individuelle Klasse macht Schalke auch international konkurrenzfähig. Taktisch läuft das ganze durch das Überladen der Flügel ab, vor allem auf der Farfan-Seite. Auch bei Standards ist Schalke gefährlich.

Denn die Innenverteidigung ist ebenfalls sehr stark besetzt. Benedikt Höwedes und Joel Matip sind zunächst gesetzt, sollte Papadopoulos wieder fit werden – spielt er statt Matip. Santana ist ein guter Backup, offenbarte in der Vergangenheit aber zu große technische Schwächen und ist im Spielaufbau eher der Typ Daniel van Buyten.

Im defensiven Mittelfeld kann man nur hoffen, dass Roman Neustädter die Form der ersten Saisonhälfte wieder findet. Neustädter ist als Umschaltstation im Offensivspiel wichtig. Mit Marco Höger und Leon Goretzka stehen allerdings zwei gute Alternativen bereit. Jermaine Jones ist mit seiner Dynamik, Zweikampfstärke und Präsenz zu einem wichtigen Baustein geworden.

Die Schwächen des Kaders

Drei Schwachstellen bietet der Kader. Alle sind sie im Defensivverbund zu finden. Atsuto Uchida ist einfach kein Verteidiger. Er harmoniert im Offensivspiel gut mit Farfan, aber ihm gehen Zweikampfstärke und Durchsetzungsvermögen ab, dazu kommen eklatante Stellungsfehler. Sein Pendant Christian Fuchs zeigte in der letzten Spielzeit ebenfalls große Defensivschwächen. Fuchs ließ sich zu oft umspielen und verstand es zu selten, Hereingaben in den Sechzehner zu verhindern. Youngster Sead Kolasinac schloss die Lücke auf der linken Seite schließlich.

Nun scheint Fuchs wieder zu seiner Form gefunden zu haben und hat zunächst die Nase vorn. Kolasinac hatte mit Verletzungen zu kämpfen. Dennoch bleiben die Außenpositionen der Viererkette die Schwachstellen der Schalker Defensive. Dazu kommt das Torwartproblem. Timo Hildebrand machte seine Sache allenfalls ordentlich. Er hält selten einen „unhaltbaren Ball“. In der Strafraumbeherrschung hat er Schwächen, ebenso im Mitspielen.

Allerdings sind die Konkurrenten Lars Unnerstall und Ralf Fährmann zumindest nicht deutlich besser als der erfahrene Hildebrand. Es gibt also keinen Grund, den Keeper zu tauschen. Ein Gegentor wie gegen Red Bull Salzburg im Testspiel aus 60 Metern wird Hildebrand wohl nicht noch einmal hinnehmen müssen. Zur Elite der Bundesliga-Keeper gehört er aber auch nicht.

Zielsetzung des Vereins / Unsere Prognose

Die Schalker Verantwortlichen scheinen verstanden zu haben, dass man sich von der Presse nicht mit dem Meisterschalen-Trauma von 2001 durch das Dorf treiben lassen muss. „Ich finde es grundsätzlich gut, sich hohe Ziele zu stecken. Aber wir sollten nun damit aufhören, von der Meisterschaft zu reden. Ich halte das für irreführend und fehlplatziert. Dafür haben wir gerade aus München zu große Konkurrenz. Lasst uns erst einmal Punkte sammeln. Unsere Ziele sollten sich vorerst darauf beschränken, uns wieder für die Champions League zu qualifizieren“, so Clemens Tönnies laut Sport Bild.

55 Jahre keine Schale, oder so ähnlich. Das sind Gesänge der BVB-Fans und Ansprüche, die von außen an die Schalker Gemeinde herangetragen werden. Jeder nicht allzu junge Knappe erinnert sich noch gut an die Zeit in der zweiten Liga und ist somit demütig und zufrieden, in der Bundesliga dauerhaft oben mitspielen zu können. Die Champions League ist das Ziel, da die Einnahmen aus diesem Wettbewerb überhaupt erst europäische Konkurrenzfähigkeit herstellen. Erfolge oder Titel stehen am Ende von guter Arbeit und werden nicht durch große Sprüche erworben.

Schalke hat seit dem Sieg im Uefa Cup 1997 – vor 16 Jahren – zehn Mal die Top fünf der Liga erreicht. Das schaffte man, obwohl man im Schnitt alle 1,1 Jahre den Trainer wechselt. Glaubt man daran, dass Kontinuität auf dem Trainerposten Erfolg hervorbringt, was kann Schalke dann erst erreichen, wenn sie mal länger an einem Übungsleiter festhalten würden? Wie dem auch sei. Es gilt, eine Prognose zu treffen. Ich glaube, mit diesem qualitativ hochwertigen Kader muss Schalke Platz drei erreichen und wird es auch.

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One comment

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