Ich bin ein Elitepartner

Wenn Thomas Tuchel als Trainer beim Hamburger SV anheuern sollte, wären hanseatische Stoßgebete an den Fußballgott vonnöten. Hier das gehypte Supermodel, nach dem alle verlangen. Der begehrteste freie deutsche Trainer, der trotz seines Sabbatjahres regelmäßig in den Schlagzeilen landet, sogar mit dem FC Bayern in Verbindung gebracht wird und sich seinen nächsten Arbeitgeber scheinbar aussuchen kann.

Und dort das hässliche Entlein, oder besser: der unansehnliche Dino, der seine besten Jahre längst hinter sich hat und nur noch vom guten Ruf lebt. Ein Verein, der strukturell gute Voraussetzungen hat, durch eigene Ungeduld sowie die unangepassten Ansprüche in Medien und Umfeld immer wieder falsche Entscheidungen trifft und als Arbeitgeber scheinbar kaum unattraktiver wirken könnte.

Warum scheint es also, verschiedenen Medienberichten zufolge, fast schon beschlossene Sache zu sein, dass Tuchel im kommenden Sommer bei den Hamburgern anfangen wird? Bei eben jenem HSV, der in den letzten acht Saisonspielen mit einem unerfahrenen Interimstrainer den Klassenerhalt schaffen will. Der ehemalige Mainzer Coach hatte beim FSV auch aufgehört, weil er dort die sportlichen Grenzen erkannt hatte und, getrieben von seinem Ehrgeiz, mehr erreichen wollte. Damit fallen viele Clubs in Deutschland ganz automatisch aus dem Raster. Elitepartner sucht natürlich Elitepartner.

Wir verstehen uns als Partnervermittlung und haben folgende Kriterien im Gegen-den-Ball-Tuchel-Algorithmus verankert: Langfristige Perspektive, gute finanzielle Möglichkeiten, Aussicht auf internationale Spiele, idealerweise Champions League, großer Name, sportliche Alleinverantwortung oder zumindest Zusammenarbeit mit ruhigen und kompetenten Kollegen.

In der Bundesliga erfüllen wenige Vereine diese Parameter. Beim BVB, in Wolfsburg und bei Borussia Mönchengladbach fehlt jedoch der frei werdende Platz auf der Trainerbank. Und in die von der „Rhein Main Presse“ verbreitete Nachricht, Tuchel sei diesen Monat aus privaten Gründen von Mainz nach München gezogen, sollte man nicht zu viel hineininterpretieren – wegen seiner Frau hatte Tuchel schon immer Verbindungen nach München. Josep Guardiola wird im kommenden Sommer nicht als Bayern-Trainer aufhören und die hinter vorgehaltener Hand geäußerte Vermutung, Tuchel könne für ein Jahr Guardiolas Assistent werden, um ihn 2016 zu beerben, halte ich persönlich für unrealistisch. Deshalb gibt es fünf mehr oder weniger wirklichkeitsnahe Modelle:

Schalke 04

Die Königsblauen bieten vom Gesamtpaket her für einen ambitionierten Trainer wie Tuchel die besten Möglichkeiten. Schalke hat einen glänzend besetzten Kader, war zuletzt Dauergast in der Champions League und profitiert von der hervorragenden Jugendarbeit. Schalke hat eine junge, entwicklungsfähige Mannschaft, wenn auch mit einem schwierigen Umfeld und einem sprunghaften Aufsichtsratsvorsitzenden. Nicht umsonst gab es schon zwei vielversprechende Verhandlungsrunden zwischen den beiden Parteien. Allein der Zeitpunkt einer Zusammenarbeit scheint nicht zu passen.

Im Winter der vergangenen Saison wollten die Schalker Tuchel erstmals verpflichten – für die nun laufende Saison. Der 41-Jährige fühlte sich geschmeichelt, zeigte ernsthaftes Interesse und die Avancen sollen mitentscheidend gewesen sein für das vorzeitige Ende in Mainz. Doch dann kam die beste Rückrunde der Schalker Vereinsgeschichte und der stets umstrittene Jens Keller stand nicht mehr zur Disposition.

Im Oktober 2014 folgte der zweite Versuch von Schalke-Manager Horst Heldt. Keller hatte den Saisonstart mit zwei Siegen aus zehn Pflichtspielen verpatzt und wurde entlassen. Tuchel war der Wunschkandidat, wollte sein Sabbatjahr aber nicht unterbrechen und so verpflichteten die Königsblauen Roberto di Matteo – mit Erfolg.

In der Partnervermittlung müssten eigentlich alle Lampen angehen. Tuchel und Schalke, das würde perfekt passen. Nur steht einer der Partner in abwechselnder Reihenfolge nicht zur Verfügung und so dürfte es auch in der kommenden Sommerpause sein – mit einer kleinen Hintertür. Die Knappen drohen die Champions League zu verpassen und auf Schalke wurden Trainer schon mit mehr Erfolg entlassen. Befallen Clemens Tönnies Zweifel an Di Matteo, könnte die Traumhochzeit doch noch vollzogen werden.

RasenBallsport Leipzig

Zwischenzeitlich sah es schon mal so aus, als sei Tuchels Wechsel nach Leipzig beschlossene Sache. Mit Ralf Rangnick buhlte der Sportdirektor um Tuchel, der ihn einst als Jugendtrainer zum VfB Stuttgart geholt hatte. Und der Zweitliga-Aufsteiger spielte lange Zeit um den Durchmarsch in die Bundesliga mit.

Doch mittlerweile passen zu viele Parameter nicht mehr. Leipzig wird mindestens ein weiteres Jahr in der 2. Liga spielen, die sportliche Perspektive stimmt für Tuchel nicht mehr. Auch das Verhältnis zu Rangnick muss nicht mehr als Plus bewertet werden, der ehemalige Trainer mischt sich in Leipzig stark ins Tagesgeschäft ein, wie das Verhältnis zum mittlerweile entlassenen Alexander Zorniger gezeigt hat. Und Tuchel fehlt womöglich die emotionale Bindung zum künstlichen Projekt in Leipzig. RB könnte deshalb nur den Status einer Zweckehe erhalten, wenn alle anderen Optionen wegfallen.

VfB Stuttgart

Glaubt man der beim VfB häufig gut informierten Stuttgarter Zeitung, so soll die in Leipzig fehlende emotionale Bindung in der Nähe von Tuchels schwäbischer Heimat Krumbach umso ausgeprägter sein. Beim VfB arbeitete er bereits als Jugendtrainer, Tuchel studierte in Stuttgart, kellnerte in der Innenstadt, und soll immer noch Freunde in der Stadt haben.

Von den Rahmenbedingungen steht der VfB zwar deutlich hinter Schalke und auch ein Stück hinter dem sportlich ähnlich schlingernden HSV, aber mit etwas mehr Geduld könnten die Parameter aufgehen und Tuchel soll, laut Stuttgarter Zeitung, sein Interesse bekundet haben. Warum kommt es vermutlich trotzdem nicht zur großen Liebesheirat?

Die treibende Kraft könnte der neue Stuttgarter Sportdirektor Robin Dutt sein. Der ehemalige Trainer will wie Tuchel etwas Nachhaltiges aufbauen, dabei aber eine, wenn nicht die tragende Rolle spielen. Eine Verpflichtung Tuchels würde für Dutt massiven Machtverlust bedeuten, deshalb deutet beim VfB alles auf eine Verpflichtung von Alexander Zorniger hin.

Option Ausland

Der deutsche Markt ist damit, wenn es in den kommenden Wochen keine überraschenden Wendungen – beispielsweise in Dortmund – geben sollte, abgesucht. Tuchel könnte natürlich in einer der anderen europäischen Topligen anfangen. Ich halte den ehemaligen Abwehrspieler, der seine Karriere frühzeitig wegen einer Knieverletzung aufgeben musste, aber für so vorausschauend, dass er – nicht nur wegen der sprachlichen Barrieren – diesen Schritt für einen späteren Zeitpunkt vorgesehen hat.

Am geringsten wären die Anpassungsprobleme sicherlich in der Premier League. Doch bei den absoluten Spitzenclubs wie Manchester City, FC Arsenal oder Manchester United wird ein ehemaliger Trainer des FSV Mainz mit der Erfahrung einer Profistation keine Option sein.

Gerüchte gab es häufiger um ein Engagement bei Newcastle United. Die finanziellen Möglichkeiten wären besser als in Mainz, aber hinter den Großen Sechs Chelsea, City, United, Arsenal, Liverpool und Tottenham könnte Tuchel nur um den Titel „best of the rest“ mitspielen – ohne realistische Aussicht auf internationale Einsätze. Diese Zukunftsvision muss deshalb noch warten.

Hamburger SV

Es bleibt somit nur das hässliche Entlein. Als zugereister Hamburger kann ich die Stimmung in der Hansestadt einschätzen. Die zu Extremen neigenden Fans würden Tuchel gerne auf der Trainerbank sehen. Ansonsten hörte ich nach der Erneuerung des seit Monaten kursierenden Gerüchts nur eine Einschätzung: Warum sollte er sich das antun? Immerhin haben die Hamburger in den vergangenen 18 Jahren 18 Trainer verschlissen.

Stand heute weiß niemand, in welcher Liga der HSV in der kommenden Saison spielen wird. Das ist ein Risiko, bedeutet aber nichts anderes, als eine spätere Möglichkeit auf eine Einigung. Tuchel wird es recht sein, dann wird auch die Lage auf Schalke absehbar sein. Die angeschlagene finanzielle Lage entspricht ebenfalls nicht Tuchels Wunschvorstellungen.

Ansonsten ist der HSV aber eine gute Lösung. Mit Dietmar Beiersdorfer, Peter Knäbel und Bernhard Peters hat nicht nur sportliche Kompetenz Einzug gehalten, die Verantwortlichen sind auch gewillt, das neue Konzept mit Durchhaltevermögen durchzuziehen. Wenn der Kader durch Abgänge von Rafael van der Vaart, Heiko Westermann oder Marcell Jansen bereinigt wird und kluge neue Transfers getätigt werden, hätte Tuchel bereits eine konkurrenzfähige Mannschaft zusammen. Und wenn Peters mit dem geplanten Jugendcampus seine Idee einer einheitlichen Philosophie in der Jugendarbeit des Vereins noch besser umsetzen kann, wird ein neuer Trainer auch davon profitieren. Diese Rahmenbedingungen geben Tuchel die Chance, der Klopp des HSV zu werden.

Auch wenn es nur eine Vernunftehe ist, der Wechsel zum Hamburger SV ist die wahrscheinlichste, wenn nicht sogar die einzige Option für Thomas Tuchel.

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4 comments

  1. Captain Munich

    @Herr Krämer:
    Als Erstes Mal ein riesiges Hallo! Ich hatte nicht damit gerechnet nochmal Artikel von Ihnen zu lesen nach dem Sportal nahezu abgrundtief abgestiegen ist. Freut mich riesig!

    Zum Artikel:
    Ich persönlich hätte da noch eine weitere Möglichkeit, die zwar völlig aus der Luft gegriffen scheint, aber nach genauerem Überlegen eigentlich irgendwo durchaus seine Reize hat. Und zwar kann ich mir gut vorstellen, dass Tuchel sich übergangsweise dazu bereit erklärt bspw. beim HSV anzuheuern, um dann eben irgendwann nach einem Abgang Guardiolas in München zu übernehmen. Guardiola hat nachdem sein Vertrag bei Barcelona abgelaufen ist nur noch um 1 Jahr verlängert. Ein ähnliches Szenario könnte ich mir bei den Bayern vorstellen, dass er jetzt im Sommer um ein weitere Jahr verlängert und dann aber definitiv Schluss ist. Aus dem Grund wäre es doch eine Möglichkeit Tuchel einen Zwei-Jahres-Vertrag in Hamburg oder Stuttgart anzubieten. Wiegesagt, klingt wirklich ziemlich an den Haaren herbeigezogen, aber die Gerüchte um ihn und München halten sich hartnäckig, auch die regelmäßigen Treffen mit Guardiola scheinen mir recht merkwürdig.

  2. Ping: Die Gegen-den-Ball-Europarangliste im September 2015 › Gegen den Ball

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