Jugendliche Breite

Als Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke im Frühjahr deutliche Investitionen „sowohl in die Breite als auch in die Tiefe“ des Kaders von Borussia Dortmund ankündigte, rieben sich die Manager in ganz Europa die Hände. Dabei waren der Finaleinzug in der Champions League und Mario Götzes Abgang zum FC Bayern noch Zukunftsmusik, die damit verbundenen Einnahmen ließen aus reibenden Händen gar Bäder in Dagobert Ducks Tresor werden.

Mittlerweile sind die Transferaktivitäten der Borussia abgeschlossen. Für die externen Neuzugänge Henrikh Mkhitaryan, Pierre-Emerick Aubameyang und Sokratis bekamen die BVB-Verantwortlichen von vielen Seiten Lob, das sich durch die Eindrücke der Vorbereitung verfestigte. Trotzdem muss sich Watzke an seinen Aussagen messen lassen, zumal die Niederlage des BVB im Wembleystadion auch mit der fehlenden Frische der Stammspieler zusammenhing.

In der Saisonvorschau geht es somit um die tatsächliche Breite im Kader der Schwarz-Gelben, um das Können der Nachwuchskräfte, um nicht behobene Schwachstellen, aber auch um den Zweikampf mit den Bayern, dem Trainer Jürgen Klopp verbal aus dem Weg geht. Diese Strategie wird sich unter Klopp wohl nicht mehr ändern.

Transferaktivitäten: Saisonstart ohne Neuzugänge?

Neben Stammspieler und Identifikationsfigur Götze verließen den Vizemeister auch Leonardo Bittencourt (Hannover 96), Felipe Santana (Schalke 04) und Moritz Leitner (VfB Stuttgart/ausgeliehen) – allesamt Ergänzungsspieler. Nicht nur wegen der Investition von fast 50 Millionen Euro drängen Mkhitaryan (26 Millionen Euro/Shakhtar Donetsk), Aubameyang (14 Millionen Euro/AS St. Etienne) und Sokratis (8,5 Millionen Euro/Werder Bremen) stärker in die Startelf, als es Bittencourt, Santana und Leitner je getan haben.

Trotzdem könnte es zum Bundesliga-Auftakt gegen den FC Augsburg eine BVB-Elf ohne Neuzugänge geben. Mkhitaryan ist nach seiner Syndesmose-Verletzung gerade erst wieder ins Training eingestiegen, Sokratis hat die Duelle gegen Kevin Großkreutz, Mats Hummels und Neven Subotic verloren. Aubameyang ist dicht dran an der Startelf, offenbart aber noch Konzentrationsmängel im Torabschluss und könnte für Kuba Blaszczykowski auf die Bank rotieren.

Eine differenzierte Betrachtung der Neuzugänge zeigt jedoch, dass Klopp flexibler reagieren kann und der Kader in der Spitze besser geworden ist:

  • Santana galt lange Zeit als bester dritter Innenverteidiger oder gar als bester zwölfter Mann der Bundesliga. Diesen Status büßte der Brasilianer in der vergangenen Saison mit Fehlern im Spielaufbau und Konzentrationsmängeln ein. Auch auf Schalke droht ihm zu Beginn der Saison die Ersatzbank. Der Ex-Bremer Sokratis offenbarte in der Vorbereitung zwar noch Anpassungsprobleme an das Dortmunder Spiel, doch sein Vertrauen in das defensive Mittelfeld wächst und das Timing beim Herausrücken aus der Viererkette wird immer besser. Sokratis ist der bessere Fußballer als Santana, sehr aggressiv im Zweikampf und sicherer im Passspiel. Und Sokratis kann auch auf Außen spielen, was wegen der Verletzung von Lukasz Piszczek ein wichtiges Kriterium war.
  • Für Pierre-Emerick Aubameyang sprechen zwei Merkmale: Schnelligkeit und Flexibilität. Der Gabuner hat im Supercup und im DFB-Pokal schon für staunende Expertengesichter gesorgt, auf den ersten Metern gehört er zu den schnellsten Bundesliga-Spielern. Klopp wird Aubameyang auf beiden Außenbahnen einsetzen, der 24-Jährige kann aber auch Robert Lewandowski ersetzen. Ob Aubameyang in der Bundesliga voll einschlagen wird, entscheiden seine Torabschlüsse. Hier zeigte er bisher Schwächen, eine Quote wie in Wilhelmshaven (drei Großchancen, kein Tor) wird ihm schnell den Makel „Chancentod“ einbringen. Aber wir erinnern uns, den hatte Lewandowski zu Beginn ebenfalls.
  • Noch schwieriger fällt die Einschätzung über Henrikh Mkhitaryan. Der Armenier muss zunächst mit der Bürde leben, Götze ersetzen zu dürfen. Mkhitaryan soll das Spiel von der Zehn aus lenken, seine große Stärke ist die Handlungsschnelligkeit sowie die Mischung aus eigener Torgefahr und dem Auge für den Mitspieler. Auch wenn seine Quote in Donetsk (25 Tore, zehn Vorlagen) extrem stark war, Mkhitaryan steht vor seiner ersten Saison in einer europäischen Topliga – schwankende Leistungen sind zumindest wahrscheinlich.
  • Klopp hat das reservierte Verhalten auf dem Transfermarkt auch damit begründet, weiteren Youngstern die Möglichkeit zum Durchbruch verschaffen zu wollen. „Wir haben versucht, diese Lücken, die für diese Jungs da sind, bei der Kaderplanung und -gestaltung nicht komplett zu schließen“, sagte der BVB-Coach gegenüber dem kicker. Watzke kannte diesen Plan im Frühjahr scheinbar noch nicht. Wirklich nah dran an dauerhaften Kaderplätzen sind derzeit Jonas Hofmann (21) und Marvin Ducksch (19). Hofmann durfte schon in der vergangenen Saison drei Mal in der Bundesliga spielen, Ducksch verdrängte im Pokal in Wilhelmshaven (3:0) Julian Schieber aus dem Kader und kann sowohl im offensiven Mittelfeld als auch im Sturm eingesetzt werden. Weitaus schwieriger wird es für die beiden Innenverteidiger Koray Günter (18) und Marian Sarr (17) sowie Außenverteidiger Jannik Bandowski (19) und sein ebenfalls zum Außenverteidiger umgeschulten Kollegen Erik Durm (21). In der Viererkette neigt Klopp ohnehin selten zur Rotation, das Quartett wird es trotz aller Lobeshymnen schwer haben, den nächsten Schritt zu machen. Denn bei der Integration von insgesamt sechs Nachwuchsspielern beißt sich die Dortmunder Katze in den Schwanz: Ohne Spielpraxis keine Weiterentwicklung, ohne Weiterentwicklung keine Chance auf Spielpraxis.

Transfer-Fazit: In der vergangenen Saison war die Startelf für die wirklich wichtigen Spiele in Stein gemeißelt. Das hat sich durch die drei prominenten Neuzugänge etwas verbessert, wobei Aubameyang und Mkhitaryan ihre Bundesliga-Tauglichkeit noch beweisen müssen. Wenn Klopp seinen Stammspielern mehr Erholung gönnen möchte, muss sein Nachwuchsplan mit Hofmann und Ducksch aufgehen. Etabliert sich keiner der Youngster als echte Alternative, wird der BVB am Ende der Saison wieder Schwierigkeiten im physischen Bereich bekommen.

Die Defensive stärken

Der erste Titel der Saison ging an den BVB, im Supercup bezwangen die Schwarz-Gelben den FC Bayern mit 4:2. Kapitän Sebastian Kehl hat allerdings Recht, wenn er „keine Auswirkungen“ auf die Saison erwartet. Die Dortmunder wollen offiziell einem medialen Zweikampf mit dem großen Rivalen aus dem Weg gehen, in dem Wissen, dass das fast unmöglich ist.

Unabhängig vom Signal an die Bundesliga, dass die Münchner schlagbar sind, gab der Sieg Aufschlüsse über die Marschroute des BVB in dieser Saison. Klopp will deutlich weniger Gegentore kassieren, dafür muss die ganze Mannschaft wieder die Balance aus eigener Dominanz, Pressing und Umschaltspiel finden. Gegen die Bayern klappte das nur phasenweise, in den anderen acht Testspielen kassierte die Borussia immerhin nur fünf Gegentore.

Ob Klopps Plan aufgeht, wird sich in der offensiven Dreierreihe entscheiden, die in der Vorwärtsbewegung schwer zu stoppen sein wird. Seine „Pressingmaschine“ funktioniert nur bei optimaler Abstimmung. Hier hakte es in der letzten Saison, weil Neuzugang Marco Reus für das Erlernen der Laufwege Zeit brauchte. Klopp verlangt viel, Aubameyang und Mkhitaryan müssen die Aufgaben erst noch verinnerlichen. Ich rechne daher nicht mit wesentlich weniger Gegentoren.

Auf fast allen anderen Positionen ist der BVB herausragend besetzt. Roman Weidenfeller bewies im Supercup bereits seine starke Frühform, in der Innenverteidigung muss sich zumindest Hummels noch steigern und Robert Lewandowski besticht wieder durch Treffsicher. Und um das defensive Mittelfeld mit Kehl, Nuri Sahin, Ilkay Gündogan und Sven Bender wird die Borussia weltweit beneidet.

Der Großkreutz-Plan hat Schwächen

Auch wenn Klopp nachvollziehbare Argumente liefert, auf der Position der Außenverteidiger sehe ich Schwächen. Er möchte a) Piszczek keinen gestandenen Neuzugang vor die Nase setzen, er hält b) Großkreutz und Sokratis für ausreichend starke Vertreter des Polen und argumentiert c) auf der linken Seite ebenfalls mit Großkreutz sowie Durm und Bandowski.

Ich fasse es mal in anderen Worten zusammen: Borussia Dortmund wird die komplette Vorrunde mit nur einem gelernten und erfahrenen Außenverteidiger bestreiten: Marcel Schmelzer. Diese Position – die taktisch so viele Aufgaben bereithält, wie keine andere im modernen Fußball – verlangt nach Experten. Großkreutz fehlt jedoch die Dynamik, Läufe zur Grundlinie hat er in der Regel nicht in seinem Repertoire. Zudem zieht er gerne in die Mitte, was im defensiven Umschaltspiel für fehlende Balance sorgen kann. Sokratis wiederum weiß defensiv auch auf dieser Position zu überzeugen, aber reicht das für ein Spitzenteam wie Borussia Dortmund?

Vor einigen Wochen hätte es der Angriff auch in die Liste der Schwachstellen schaffen können – hier ist Entwarnung angebracht. Robert Lewandowski bleibt ein weiteres Jahr in Dortmund und die fremdgesteuerten Aussagen der vergangenen Woche („Betrug“) passen nicht zu seinem Verhalten auf dem Platz. Mit Lewandowski, Aubameyang, Ducksch und Schieber stehen sogar vier Stürmer im Kader. Eine deutliche Verbesserung zur letzten Saison, wenn hinter dem Polen auch die Fragezeichen überwiegen.

Was will der Verein erreichen?

Beim BVB tut man sich bekanntlich schwer damit, Ziele offensiv zu formulieren. National bedarf es einer solchen Diskussion auch gar nicht, alles unter Platz drei wäre für den BVB enttäuschend. International fällt die Bewertung einer erfolgreichen Saison schwerer. Während Watzke eine Wiederholung des letzten Jahres in dieser Saison für „komplett unrealistisch“ hält, schielte Klopp direkt nach der Niederlage im Wembleystadion auf das Finale 2015 in Berlin. Im kicker formulierte der Trainer seine Ziele komplett unabhängig von Ergebnissen: „Wir wollen für alle Mannschaften – und nicht nur für einzelne oder für die mit großem Namen – wieder der unangenehmste Gegner sein, den sie haben können.“

Prognose

Auch wenn es am Ende der Saison keine 25 Punkte Rückstand auf den FC Bayern sein werden, Borussia Dortmund wird keine realistische Chance auf den Meistertitel haben. Rang zwei ist aber ähnlich sicher wie Bayerns 24. Schale. In der Champions League wird sich der BVB dagegen schwerer tun, über das Achtelfinale hinaus sollte in Dortmund niemand planen.

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