Kommentar: Schalke zahlt das Lehrgeld!

Es hat sich unter den Fußballfans die Meinung durchgesetzt, der Trainer sei immer die ärmste Sau. Gerade in Bezug auf Jens Keller bei Schalke 04 wird dieses mitleidige Märchen gern wiederholt. Was musste der arme Keller nicht schon alles durchmachen? Noch vor zwei Wochen hieß es, die Kritik an ihm gehe unter die Gürtellinie und nun habe er es allen seinen Kritikern gezeigt. Diese Erzählung ist genauso falsch wie das Mitleid, das ihm zuteil wird.

Keller hat die Mannschaft seit seiner Amtsübernahme vor über einem Jahr nicht besser gemacht und vergreift sich immer wieder im Taktik-Baukasten. Zugegeben, Keller startete mit wenig Kredit und wurde von der Bild-Zeitung gleich zu Beginn unsachlich und unfair aufs Korn genommen. Davon abgesehen: Wenn ein Trainer von einer Jugendmannschaft in die Champions League vor stößt, dann ist sachliche Kritik erlaubt, und es ist offensichtlich, dass dieser Trainer noch keinen erarbeiteten Kredit haben kann.

Ich glaube generell nicht, dass man Mitleid mit Trainern haben muss. Sie stehen an exponierter Stelle, haben einen großen Einflussbereich und dürfen ihre sportlichen Vorstellungen fast unbenommen umsetzen. Ähnlich wie Fußballspieler sind auch Fußballtrainer im Laufe ihre Karriere nicht an einen Verein gebunden, sondern gehen freiwillig (Armin Veh) oder unfreiwillig (zuletzt Bert van Marwijk) von Station zu Station. Das ist eine Grundvoraussetzung für diesen Beruf, übrigens gilt Mobilität immer mehr auch für gewöhnliche Berufe als Grundvoraussetzung. Der Unterschied ist nur: Bundesliga-Trainer werden exzellent bezahlt.

Das Mitleid hält sich also in Grenzen, denn immer wenn Personen so in der Öffentlichkeit stehen wie Fußballtrainer, darf man sie auch beurteilen. Die sportliche Kritik an Jens Keller ist also kein Versuch, einen Trainer mit einem schweren Standing weiter zu untergraben, sondern das Hinterfragen, wie dieser Trainer seine Mannschaft einstellt und was sein Team unter seiner Führung leistet. Sportliche Kritik und eine Beurteilung der sportlichen Ereignisse und Ergebnisse ist also nicht nur erlaubt, es ist sogar Teil des Aufgabengebiets von Sportjournalisten. Hierzu gehört meiner Meinung nach im Übrigen nicht, Aussagen über charakterliche Defizite von Spielern zu treffen.

Schalke schenkt Real den Raum

Ein Kollege von Jens Keller, der bereits auf höchstem Niveau nachgewiesen hat, ein Spitzenteam erfolgreich trainieren zu können, ist Carlo Ancelotti. Nach dem 6:1-Sieg seines Teams auf Schalke sagte er: „Wir haben viel Platz vorgefunden, den haben wir genutzt.“ Warum Schalke so eingestellt war, dass der Gegner in den Halbräumen und vor dem Strafraum Platz zum Spielen vorfand, muss allein Jens Keller beantworten. Er sagte nach dem Spiel: „Wir haben zu viele einfache Fehler gemacht. Nach dem 0:2 war es wahnsinnig schwer. Danach hätten wir tiefer stehen müssen, damit wir nicht so viele Tore bekommen. Aber ich habe eine junge Mannschaft.“

Jens Keller gibt also öffentlich zu, dass er keinen Zugriff auf sein Team hat bzw. in dieser Situation hatte. Das Team macht phasenweise, was es will. In diesem Fall höher zu stehen als vom Trainer angeordnet. Eine bedenkliche Aussage. Schon im letzten Jahr im CL-Achtelfinale gegen Galatasaray zeigte er sich von den taktischen Maßnahmen des Gegners überrascht und verstand es nicht, vom Spielfeldrand aus zu reagieren. Damit nicht genug. Nachdem Keller es nicht vermochte, Real den Raum zu nehmen, wollte er gegen Bayern München mit einer noch nie zuvor geprobten Taktik auftrumpfen.

Alle Mann hinter den Ball und rette sich wer kann

Schalke versuchte es mit einem 4-5-1 und einer flachen fünf im Mittelfeld. Allerdings zeigte sich erneut ein Grundproblem der Knappen. Es wurde kein Druck auf den Gegner ausgeübt, kein Pressing und auch kein Gegenpressing gespielt. In der Hauptsache sollten so viele Spieler wie möglich hinter dem Ball sein, aber es gab keine Idee, wie das Spiel der Bayern gestört werden könnte. Die Münchner konnten sich gefahrlos den Ball zuspielen, bis sich eine Lücke offenbarte. Das Gegenpressing der Bayern wiederum funktionierte beeindruckend. Schalke kam in der ersten Halbzeit selbst kaum über die Mittellinie.

Nach dem Spiel waren die Schalker Spieler es offenbar leid, die Schuld immer auf sich zu nehmen. „Wir haben eine neue Formation probiert. Das war die Entscheidung des Trainers. Wir haben probiert, es auszuführen, es aber nicht zu 100 Prozent, nicht einmal zu zehn Prozent hinbekommen“, so Kevin-Prince Boateng laut derwesten.de. Klaas-Jan Huntelaar: „Wir waren in der ersten Halbzeit mit vielen Leuten hinten. Wenn man so viel zurückläuft gegen die Bayern, sind sie mit vielen Leuten an unserem Sechzehner. Dann kommt man schwer wieder nach vorn“. Auf die Frage der WAZ.de: „War es die falsche Taktik?“, sagte Huntelaar: „Die Taktik ist nicht meine Sache.“

Huntelaar hat Recht. Die Taktik ist Sache des Trainers. Die Einstellung der Mannschaft auf den Gegner ist Sache des Trainers. Spielt man Pressing oder nicht, wo greift das eigene Team an, wie hoch will man stehen? Das sind alles Themen, für die der Trainer verantwortlich ist. Und genau in diesem Punkt musste Keller zu oft Lehrgeld zahlen. Apropos Lehrgeld.

Ausbildung im laufenden Betrieb

Jens Keller sagte in der Winterpause in einem Interview, dass er in diesem ersten Jahr viel gelernt hätte. Das ist schön für ihn. Ich glaube aber, ein Club wie Schalke kann es sich nicht erlauben, einen Trainer im laufenden Betrieb auszubilden. Jens Keller hat bisher nicht nachweisen können, dass er diese Mannschaft besser machen kann. Schlimmer noch: Schalke kann oft das vorhandene Potenzial nicht zeigen. Derzeit zahlt Schalke das Lehrgeld für Keller und diese Rechnung wird am Ende nicht aufgehen.

„Ich habe der Mannschaft eine sehr klare Ansage gemacht: Ich fordere, dass die Spieler von nun an wieder zu alter Stärke zurückfinden. Die Leistungen in den beiden Spielen waren eine reine Enttäuschung. Das waren zwei Lehrstunden, die wir erhalten haben“, sagte Clubboss Clemens Tönnies laut Sport Bild.

Diese Ansage wirkt eher hilflos, als dass man von „Klartext“ sprechen könnte. Klare Ansagen sollte Tönnies an den Trainer richten, den er und Horst Heldt installiert haben. Der Trainer wiederum sollte derjenige sein, der klare Ansagen an das Team gibt und, was viel wichtiger ist, eine Anleitung dazu gibt, wie das Team wieder zu alter Stärke findet. Eine entsprechende Antwort auf taktischer Ebene blieb Keller in der Vergangenheit – zuletzt gegen Mainz, Madrid und Bayern – schuldig. Änderung ist nicht in Sicht. Das Experiment Ausbildung im laufenden Betrieb ist gescheitert. Schalke wird dies teuer bezahlen.

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