Lehrstunde für The Only One

José Mourinho wird zurecht als einer der besten, wenn nicht gar als der beste Trainer der Welt gehandelt. Seine Erfolge sprechen für sich. Seine spezielle Art mit Spielern, der Öffentlichkeit und Medien umzugehen, hat ihm zumindest in Deutschland zudem einen zweifelhaften Ruf eingebracht. Mourinho gilt aber vor allem als eines: lernfähig. Die Kollegen von Spiegel Online haben sogar recherchiert, dass er in seiner langjährigen Champions League-Karriere noch nie in einer Saison gegen ein Team zwei Mal verloren hat.

Diese Statistik wurde nun widerlegt. Von Borussia Dortmund, von Jürgen Klopp, der wie Kollege Jupp Heynckes im Hinblick auf den 4:0-Sieg der Bayern gegen Barcelona, als Vater des Erfolgs gefeiert wird. Denn beides waren taktische Siege, wie am Reißbrett geplant.

Real wiederum spielte, als hätte Mourinho Nachhilfeunterricht bei Franz Beckenbauer genommen: „Geht’s raus und spielt’s Fußball.“ Oder als hätte es die beiden Gruppenspiele zwischen dem BVB und Real nicht gegeben. Denn die Dortmunder knüpften an die funktionierenden taktischen Ideen an, mischten aber auch neue Elemente ein:

Der isolierte Xabi Alonso

Es gehört zu den vielen kleinen Geschichten dieses Spiels, dass der von den Fans überwiegend neutral empfangene Mario Götze ein großartiges Spiel machte. Allerdings eher im Verborgenen, offensiv geradezu zurückhaltend, insbesondere im Vergleich zum vierfachen Torschützen Robert Lewandowski. Doch genau das brauchte der BVB an diesem Abend, einen kämpfenden Götze, der sich in den Dienst der Mannschaft stellte und Madrids Taktgeber und Spielmacher Xabi Alonso aus dem Spiel nahm.

Wie schon in den Gruppenspielen wollten die Dortmunder Alonso den Spaß nehmen, um damit Real den Esprit zu nehmen. Das gelang Götze, der eine herausragende Laufleistung an den Tag legte. Defensiv erledigte er die Alonso-Aufgabe, indem er die Passwege zustellte, seine Vorstöße verhinderte und ihn so isolierte. Offensiv verschob sich Götze nach Außen, um die Seiten zu überladen, womit Real große Schwierigkeiten hatte. Alonso ließ sich im Laufe des Spiels zwischen die Innenverteidiger fallen, um mehr Ballbesitz zu bekommen, war dann aber vom Mittelfeld zu weit abgetrennt und musste mit langen Bällen operieren.

Real bekommt nicht alle Spieler hinter den Ball

Wie ich in der Taktik-Vorschau schon schrieb, waren die Defensiv-Schwächen von Cristiano Ronaldo ein zweiter wichtiger Faktor beim Heimsieg des BVB in der Gruppenphase, beim 2:2 in Madrid zumindest eine Halbzeit lang. Das wollte die Borussia erneut ausnutzen, was zwar erst im zweiten Durchgang gelang, doch Mourinhos Idee, Mesut Özil auf die rechte Seite zu stellen, eröffnete dem BVB weitere Räume, die sie dankend annahmen.

Denn auch Özil ist nicht für seine Disziplin in der Rückwärtsbewegung bekannt. Er ließ Götze, Reus und Schmelzer auf seiner Seite gewähren, daraus entstand beispielsweise die 1:0-Führung. Hier reagierte Mourinho zügig, zog Özil in die Mitte und ließ Khedira vor der Pause mehr über rechts kommen. In dieser Phase stand Real tatsächlich am stabilsten und erzielte den Ausgleich – der ohne den individuellen Fehler von Mats Hummels aber nie gefallen wäre.

Nach der Pause stellte Mourinho erneut um. Luka Modric – der ohnehin nur in die Startelf gerutscht war, weil Angel di Maria nach seiner Vaterschaft zu müde wirkte – besetzte die rechte Seite, Özil spielte leicht hängend hinter Gonzalo Higuain. Das spielte den Dortmundern allerdings wieder in die Karten. Denn der BVB erhöhte das Risiko, schaltete noch schneller um und Real bekam nicht genügend Spieler hinter den Ball, die sich den Angriffen – die nun vermehrt über Dortmunds rechte Seite kamen – entgegenstellen konnten.

Ich kenne Ilkay Gündogan nicht

Als Mourinho vor dem Spiel auf das Theater um Götzes Transfer zum FC Bayern angesprochen wurde, reagierte er in gewohnt sarkastischem Duktus: „Ich kenne Mario Götze nicht. Ich kenne die BVB-Fans nicht. Deswegen habe ich dazu keine Meinung.“

Seine Mannschaft spielte dann aber so, als hätte sie noch nie etwas von den Qualitäten Ilkay Gündogans gehört. Der Alonso Dortmunds hatte laut opta nur 15 Ballkontakte mehr als sein Gegenüber bei Real, aber wie Gündogan das Tempo bestimmte, kurze und lange Pässe spielte, das Gegenpressing der Dortmunder anführte, ein starkes Solo fast mit einem Winkeltreffer krönte sowie Lauf- und Passwege zustellte, war phänomenal.

Real ist sicherlich keine Mannschaft, die sich zu sehr am Gegner orientiert, was bei der eigenen individuellen Qualität nachvollziehbar ist. Doch das Viertelfinale gegen Malaga hat gezeigt, wie sehr das Dortmunder Spiel ins Stocken geraten kann, wenn Gündogan nicht im Spiel ist. Diese Chance ließ Real ungenutzt und muss nun im Rückspiel 3:0 oder 5:1 gewinnen. Ein Ergebnis, das bei der Klasse von Real Madrid nicht utopisch klingt, aber nur mit den passenden Lehren zu erreichen sein wird.

Be Sociable, Share!

Kommentar verfassen

Sie können die folgenden HTML-Codes verwenden:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>