Neues aus dem Dorf Leverkusen

Ich gebe zu, ich bin Sami Hyypiä gegenüber kritisch eingestellt. Für mich war der geistige Vater der klugen taktischen Ausrichtung im letzten Jahr Sascha Lewandowski. Sami Hyypiä ist nun in die alleinige Hauptverantwortung gerückt, dazu steht ihm ein neuer Taktik-Nerd zur Seite. Der 36-jährige Daniel Niedzkowski wechselte vom DFB zum Werksclub. Niedzkowski war als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Dozent für Trainingswissenschaft an der Trainerakademie des DFB tätig und besitzt seit März die Fußballlehrer-Lizenz. Er soll zusammen mit Co-Trainer Jan-Moritz Lichte dem Chef den Rücken stärken. Neue Assistenten zum einen und ein neuer Hyypiä zum anderen?

Rudi Völler ist sich sicher, dass Hyypiä einen Schritt nach vorne gemacht hat. „Sami hat sich als Trainer toll entwickelt. Er ist viel selbstbewusster geworden und steht vor einer großen Trainerkarriere, deren Anfang gerade in Leverkusen zu beobachten ist“, so hofft Völler laut express.de. Ob der Kader ebenfalls einen Schritt in Richtung Champions League-Tauglichkeit gemacht hat, verrät uns ein Blick auf die Neuzugänge.

Die neuen Gesichter

Emir Spahić

Emir Spahić bestritt in der letzten Saison 22 Ligaspiele für Sevilla. Er erzielte dabei einen Treffer. Mitte Februar wurde er dann an Anzhi Makhachkala ausgeliehen, wo er noch sieben Spiele bis zum Saisonende absolvierte. Der Kapitän der Nationalmannschaft Bosnien-Herzegowinas bestritt bisher 65 Länderspiele und sammelte als Spieler Erfahrungen in Kroatien, Spanien, Russland und Frankreich. Rudi Völler lobt den neuen Sami Hyypiä in Bayers Innenverteidigung nachvollziehbar über den grünen Klee.

„Emir Spahic ist spiel- und zweikampfstark. Er ist zudem taktisch hervorragend ausgebildet und ein guter Kopfballspieler. Er wird uns helfen, unsere Ziele in der Bundesliga, dem DFB-Pokal und natürlich auch in der UEFA Champions League zu erreichen.“ Ich habe mir die Daten von opta/whoscored.com mal angesehen und tatsächlich hat Spahic starke Werte. Nimmt man die Noten zur Grundlage (diese werden bei whoscored.com rein statistisch errechnet), dann ist Spahić der sechstbeste Abwehrspieler der Primera Division gewesen.

Er hat einen starken Tackling-Wert (3 Tacklings pro Spiel/ ist damit unter den Top-20 der Liga). Seine Fähigkeiten den Ball abzufangen sind ebenfalls stark (3 Interceptions pro Spiel / damit ist er unter den Top-Ten der spanischen Liga). Auch die Passerfolgsquote ist mit 81,7 Prozent stark, hier liegt er auf einem Level mit Sami Khedira und noch vor seinen teaminternen Konkurrenten aus dem letzten Jahr: Federico Fazio, Fernando Navarro und Coke. Allerdings hinter dem zuletzt eingesetzten Cala, dem mit seinen 23 Jahren die Zukunft gehört.

Da wären wir beim Stichwort. Emir Spahić ist sicherlich kein zukunftsweisender Transfer. Allerdings habe ich in meiner Saisonvorschau für den FC Schalke 04 indirekt darauf hin gewiesen, dass Otto Rehagels Fußballweisheit der guten und schlechten Spieler nicht an Gültigkeit verloren hat, und Spahić ist ein guter Spieler, der den jungen Wollscheid und Toprak, die nicht selten zu Leichtsinn und Patzern neigen, Halt geben wird.

Seine Erfahrung wird Bayer in der Champions League gut tun. Spahićs Stellenwert in der Mannschaft machte sich schon im Test gegen 1860 München bemerkbar, als er kurzfristig Kapitän war. Nach der Auswechselung Simon Rolfes gab Jens Hegeler Spahić die Binde. Eine Anweisung des Trainers? „Nein, ich habe mir einfach gedacht: Emir ist 32, ich erst 25, da geb ich sie lieber ihm“, sagte Hegeler laut rp-online.de nach Spielschluss schmunzelnd.

Giulio Donati

Der 23-jährige Giulio Donati kam 2008 zu Inter Mailand und wurde in der Folgezeit an US Lecce (14 Spiele in der Serie A) und in den zwei darauffolgenden Jahren in die Serie B an Calcio Padova bzw. US Grosseto ausgeliehen. Mit Grosseto, für die er 27 Partien als Rechtsverteidiger absolvierte, stieg er sogar ab. Wie soll ein Spieler von einem Zweitliga-Absteiger dem Champions League-Team von Bayer helfen?

„Unsere Scouts beobachten Giulio Donati bereits seit gut zwei Jahren sehr intensiv. Er besitzt defensiv eine hervorragende Qualität. Wir sind überzeugt, dass er die Position des Rechtsverteidigers gut ausfüllen wird“, erklärt Bayer-Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser. Aufgefallen ist Giulio Donati vor allem bei der U21-Europameisterschaft in Israel. Dort kam er in allen fünf Spielen für die Azzurini zum Einsatz.

Er zeigte dort gute Leistungen. Mit einem guten Tackling (3,4 Tackles pro Spiel) und seiner Fähigkeit den Ball abzufangen (2,8 Interceptions pro Spiel), bei gutem Passspiel aus der Deckung heraus (85,8 Prozent Passerfolgsquote). Donati gehörte zu den besten Verteidigern des Turniers und machte auf jeden Fall einen besseren Eindruck als Bremens Neuzugang Luca Caldirola, aber das ist hier nicht das Thema.

Donati muss bei Bayer den starken Dani Carvajal ersetzen. Der Spanier überzeugte in der Bundesliga durch sein bissiges Zweikampfverhalten und war zudem offensiv stets ein Gefahrenherd. Ihm gelangen immerhin sieben Torvorlagen, womit er der viertbeste Verteidiger in dieser Disziplin in der Bundesliga war. Von Giulio Donati darf man das nicht erwarten. Er ist eine defensive Version des Außenverteidigers, somit ist seine Verpflichtung keine Verstärkung auf dieser Position.

Doch Donati wird hohes Entwicklungspotenzial nachgesagt und gute Außenverteidiger wachsen nicht auf Bäumen. Zunächst gilt es also abzuwarten, wie sich Donati in Leverkusen einlebt. In welches Umfeld er geraten ist, hat er jedenfalls schnell erkannt. „Ich habe auch in Italien in einem kleinen Dorf gelebt. Ich bin glücklich hier zu sein“, so der 23-jährige bei bild.de.

Emre Can

„Er ist ein überragendes Talent. Wir haben ihn schon lange beobachtet“, schwärmte Rudi Völler bei der Verpflichtung von Emre Can. Der 19-jährige Allrounder im Mittelfeld erhielt bereits die goldene Fritz-Walter-Medaille des DFB als bester Nachwuchsspieler seiner Altersklasse. In München fand Pep Guardiola keine sofortige Verwendung für Can, und er wurde weggelobt. „Emre Can ist eines der großen Talente des deutschen Fußballs“, erklärte Karl-Heinz Rummenigge. „Wir wollen mit diesem Schritt gewährleisten, dass er ausreichend Spielpraxis erhält, so wie vor ihm zum Beispiel auch schon Toni Kroos in Leverkusen, Philipp Lahm beim VfB Stuttgart oder auch David Alaba in Hoffenheim.“

Dieses Szenario ist der Optimalfall. Allerdings brauchte auch Toni Kroos eine Saison (in der er zehn Spiele absolvierte), um sich bei Bayer durchzusetzen. Emre Can als sofortige Verstärkung zu erachten, halte ich für gefährlich. Can, der bereits als Kapitän der U 17-Nationalmannschaft in Mexiko auf sich aufmerksam machte, stagnierte in seiner Entwicklung zuletzt etwas. Die Kurzeinsätze für die Bayern und auch bei der U 21-Nationalmannschaft ließen eher den Eindruck entstehen, dass er zwar für sein Alter recht weit ist, aber noch Zeit zur Anpassung und Entwicklung braucht.

Die weiteren Neuzugänge: Heung-Min Son (HSV), Roberto Hilbert (Besiktas), Robbie Kruse (Düsseldorf), Andrés Palop (Sevilla), Konstantinos Stafylidis (PAOK Thessaloniki) und Levin Öztunali (HSV-Jugend).

Heung-Min Son, Hilbert und die Talente

Über Heung-Min Son braucht man nicht viele Worte zu verlieren. Er war mit zwölf Toren und zwei Assists einer der Shooting-Stars der letzten Saison. Seine Schusstechnik ist überragend. Nun konnte er das schwierige Umfeld beim HSV verlassen und bei Bayer seine Entwicklung fortsetzen. Mit Sidney Sam als Pendant auf der rechten Seite ist Bayer auf den Flügeln durchaus gut besetzt. In der Hinterhand haben sie dort noch Gonzalo Castro, Jens Hegeler und Robbie Kruse. Dem Australier gelangen im letzten Jahr immerhin vier Tore und sieben Vorlagen bei 29 Einsätzen für die Fortuna.

Roberto Hilbert ist der Backup für Donati und würde die Außenverteidigerposition sicherlich offensiver interpretieren. Wo der achtmalige deutsche Nationalspieler derzeit leistungsmäßig steht, ist schwer zu beurteilen. Der 28-jährige kam ablösefrei, somit ist seine Verpflichtung kein Risiko. Gespannt darf man auf die Talente Stafylidis und Öztunali sein.

Stafylidis war zuletzt als Teamkapitän der griechischen U-20-Junioren bei der WM in der Türkei tätig. Er konnte dort durchaus Eindruck schinden, und Liverpool soll auf ihn aufmerksam geworden sein und rund 4,5 Millionen Euro geboten haben. Bayer hatte den Deal mit dem 19-jährigen Talent aber schon im letzten Jahr abgeschlossen, ihn noch ein Jahr in Saloniki spielen lassen, so dass die Reds in die Röhre schauten. Zunächst ist aber Sebastian Boenisch als Linksverteidiger gesetzt.

Seeler-Enkel Levin Öztunali konnte in der Vorbereitung punkten. „Er ist weiter, als wir alle dachten“, lobte ihn Rudi Völler: „Er wird von uns nicht gebremst. Wir sind überglücklich, dass wir ihn bekommen konnten. Levin ist ein total anständiger Junge. Der hebt nicht ab.“ Von dem erst 17-jährigen Mittelfeldspieler darf man aber keine Wunderdinge erwarten. In der Beurteilung der Neuzugänge ist er unter zukunftsweisender Transfer abgeheftet, zunächst einmal nicht mehr.

Leverkusen hat mit André Schürrle und Carvajal zwei Leistungsträger verloren. Außerdem gingen mit Michal Kadlec, Hajime Hosogai, Daniel Schwaab und Manuel Friedrich weitere Spieler, die den Kader in der Breite absicherten.

Die Problemstellen des Kaders

Der Verkauf von Schürrle konnte mit Son abgefedert werden, Donati ist jedoch nicht so stark wie Carvajal einzuordnen. Emir Spahić ist eine Verstärkung der anfälligen zentralen Defensive. Im Offensivbereich mangelt es Bayer aber deutlich an Alternativen. Wenn sich Stefan Kießling verletzen sollte, dann muss der 19-jährige Arkadiusz Milik ran, denn Son ist eher ein Spieler, der aus der Tiefe kommt. Bayer ist aber willig, auf dem Transfermarkt noch einmal tätig zu werden.

Zielsetzung des Vereins / GDB-Prognose:

Der Verein – und das Lob spreche ich vorzugsweise Rudi Völler aus – ist durchaus geerdet. Das ausgegebene Ziel ist es, „zwischen Platz drei und sechs zu landen“, so Völler. „Unser Anspruch ist es, international zu spielen. Am liebsten in der Champions League.“ Nicht erneut Platz drei erreichen zu müssen, ist bei der Doppelbelastung Champions League und der Konkurrenz in der Bundesliga wohltuend demütig. Doch davon will Völler nichts wissen. „Dass wir zu bescheiden sind, finde ich nicht. Wir sind realistisch“, so der Sportdirektor laut express.de.

Ich sehe Bayer ebenfalls realistisch und somit auf Platz fünf einlaufen. Die Veränderungen im Trainerteam, die vielen Transfers in der zweiten Reihe, die dünne Kaderdecke im Sturm und die Belastung Champions League lassen hinter einer Wiederholung der großartigen letzten Spielzeit ein Fragezeichen auftauchen.

Lesen Sie morgen: Gegen den Ball tippt die komplette Bundesliga-Tabelle.

Be Sociable, Share!

One comment

  1. Ping: Prognose: Die Bundesliga-Tabelle › Gegen den Ball

Kommentar verfassen

Sie können die folgenden HTML-Codes verwenden:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>