Pech kommt selten allein

Mit drei Bundesliga-Niederlagen in den letzten vier Spielen im Gepäck geht Borussia Dortmund in das wichtigste Spiel des Jahres gegen Olympique Marseille. Will der Vorjahresfinalist in der Champions League erneut ins Achtelfinale einziehen, muss ein Sieg gegen das kriselnde OM her – es sei denn Mesut Özil und Per Mertesacker vom FC Arsenal helfen ihren Nationalmannschaftskollegen mit einem guten Ergebnis in Neapel.

Anders als in Südfrankreich ist beim BVB von einer Krise noch nicht die Rede, zu offensichtlich liegen die schlechten Ergebnisse im massiven Verletzungspech begründet. In Marseille fallen womöglich sieben Stammspieler aus. Ich habe die Lage beim BVB trotzdem etwas genauer analysiert und bin auf ein paar Punkte gestoßen, die der reinen Pech-These widersprechen:

Personalpolitik

Als der BVB im vergangenen Sommer eine an Gerüchten reiche Transferperiode mit den Neuzugängen Sokratis, Henrikh Mkhitaryan und Pierre-Emerick Aubameyang abschloss, war das Urteil trotz des traumatischen Abgangs von Mario Götze einhellig: Borussia Dortmund hat seinen Kader sowohl in der Spitze als auch in der Breite verstärkt. Einziger Kritikpunkt war die Besetzung der Viererkette, wo sowohl innen als auch außen hinter den Leistungsträgern Mats Hummels, Neven Subotic, Marcel Schmelzer und Lukasz Piszczek Lücken erkennbar waren.

Trainer Jürgen Klopp begründete seine Entscheidung mit einer bewusst eingeräumten Perspektive für die Nachwuchsspieler Erik Durm (21), Marian Sarr (18) und Koray Günter (19). Während Durm durch Schmelzers Verletzung sehr früh in der Saison spielen musste und dabei schnell eine gute Rolle spielte, bot sich Sarr und Günter im tristen November durch die Ausfälle von Hummels und Subotic die Chance.

Klopp entschied sich aber für eine Reaktivierung seines alten Freundes Manuel Friedrich, der dann gegen Bayern, Mainz und Saarbrücken eine gute Figur machte, gegen Leverkusen jedoch die Niederlage mit einem kapitalen Abspielfehler einleitete. „Talententwicklung muss im richtigen Moment geschehen“, sagte Klopp vor Friedrichs Verpflichtung und stellte Sarr und Günter somit fehlendes Bundesliga-Format aus. Hätte der Trainer dies nicht schon im Sommer wissen müssen? Nein, denn die Talente standen im Oktober selbst auf der Verletztenliste und hätten nahezu ohne Spielpraxis in ein Spiel gegen den FC Bayern gehen müssen. Gegen Marseille wird einer der beiden vermutlich debütieren.

Ein anderer Kritikpunkt an der Personalpolitik von Klopp und Manager Michael Zorc ist bisher nicht zum Tragen gekommen, weil Robert Lewandowski von Verletzungen verschont geblieben ist. Trotzdem muss sich der BVB die Frage gefallen lassen, warum kein zweiter Stürmer von gehobenem Bundesliga-Format im Kader steht. Julian Schieber erfüllt diese Aufgabe nicht, das war nach der letzten Saison kein Geheimnis. Ein Neuzugang hätte sich im Schatten von Lewandowski an taktische Aufgaben gewöhnen können. Nun werden die Dortmunder im kommenden Sommer zuschlagen – lange Eingewöhnungszeit inklusive.

Gegen den Ball-Urteil: Dass nur Sokratis ohne Verletzung durch die Hinrunde kommt, war nicht absehbar. Trotzdem war es gefährlich, nach Piszczeks Verletzung mit nur vier erfahrenen Abwehrspielern (Hummels, Subotic, Sokratis, Schmelzer) in die Saison zu gehen.

Rotation

Die Verletztenliste des BVB liest sich wie das Inhaltsverzeichnis der Biographie von Dr. Müller-Wohlfahrt. Kreuz- und Innenbandriss bei Subotic, knöcherner Bandausriss bei Hummels, Stauchung der Wirbelsäule bei Gündogan, Knorpelschaden an der Hüftpfanne bei Piszczek, Bänderriss bei Sebastian Kehl.

Diese Verletzungen sind langwierig, schmerzhaft und im Leistungssport – auch in dieser Anhäufung – nicht zu verhindern. Doch das Lazarett des BVB hatte auch viele kleine Wehwehchen zu bieten: Muskelfaserrisse, Bänderdehnungen, Blutergüsse, muskuläre Probleme, Leistenprobleme, Adduktorenbeschwerden.

An dieser Stelle muss über die Belastung im Kader der Dortmunder gesprochen werden. Der BVB hatte in dieser Saison bereits 24 Pflichtspiele, verlässlich gewechselt hat Rotationsfeind Klopp nur in der Innenverteidigung sowie zwischen Aubameyang und Jakub Blaszczykowski. Marco Reus, Nuri Sahin, Sven Bender, Marcel Schmelzer und Robert Lewandowski mussten dagegen nahezu immer spielen.

Gegen den Ball-Urteil: Ein kausaler Zusammenhang ist nur schwer nachzuweisen. Aber wer die guten Spiele von Hofmann und Durm beobachtet hat, fragt sich, warum Reus, Sahin, Bender und Schmelzer nicht häufiger verschnaufen durften. Der BVB hat nicht den Luxus-Kader des FC Bayern. Klopp muss die Belastung trotzdem besser verteilen, denn für seine Spielidee ist absolute Fitness eine Grundvoraussetzung.

Spielerische Probleme

Sechs Mal ging der BVB in dieser Saison als Verlierer vom Platz und jede Niederlage hatte ihre Gründe. Beim 0:1 gegen Leverkusen am vergangenen Spieltag aber wurde die gefürchtete Offensive (55 Tore in allen Wettbewerben) erstmals nahezu komplett ausgeschaltet.

Dabei war der spielerische Mangel im Aufbau schon in den Wochen zuvor festzustellen, mit individueller Klasse (Reus, Mkhitaryan, Lewandowski) konnte das immerhin aufgefangen werden. Der BVB hat zu viele Baustellen:

Über die neue Rechtslastigkeit habe ich schon vor einigen Wochen geschrieben, darauf haben sich die Gegner vermehrt eingestellt. Deshalb wollte der BVB gegen Leverkusen, aber auch gegen Wolfsburg und Arsenal, vermehrt durch die Zentrale spielen. Dort fehlt schon seit Wochen Hummels als Spieleröffner, der überspielt wirkende Sahin kann sich nicht ständig zwischen die Innenverteidiger abkippen lassen und gleichzeitig im Mittelfeld ankurbeln und Henrikh Mkhitaryan geht in engen Spielen zu häufig ins Dribbling, womit der Spielfluss verloren geht.

Gegen den Ball-Urteil: Hier liegt die eigentliche Krux der Dortmunder Verletztenserie. Die Statik des Spiels hat sich zwar nach rechts verlagert, die fehlenden Kreativspieler in der Zentrale kann der BVB aber nicht kompensieren. Bis zur Winterpause wird Klopp die Baustellen nicht beheben können, im neuen Jahr wird es mit Hummels und Gündogan wieder variantenreicher werden.

Taktische Lernprozesse

Wer sich an das erste halbe Jahr von Ilkay Gündogan bei Borussia Dortmund erinnert, weiß um die Schwierigkeiten von Neuzugängen, sich an die hohen Anforderungen von Trainer Jürgen Klopp um Spiel gegen den Ball, im Umschaltspiel und in der richtigen Umsetzung von Laufwegen zu gewöhnen.

Gündogan verlangsamte nach dem Weggang von Sahin zu Real Madrid das Spiel, wurde zwischenzeitlich auf die Tribüne gesetzt und entwickelte sich erst im Laufe der Rückrunde zur spielbestimmenden Person. In einem ähnlichen Prozess befindet sich Aubameyang, der mit acht Bundesliga-Toren und guten Defensivbewegungen auf den ersten Blick zu überzeugen weiß, mit den taktischen Vorgaben aber häufig überfordert scheint.

Der als schnellster Spieler der Bundesliga angekündigte Gabuner kann sein Tempo nur selten gewinnbringend einsetzen, weil er gerne von rechts in die Mitte zieht und deshalb als Empfänger für Vertikalpässe ausfällt. Für das schnelle Kombinationsspiel mit Reus, Lewandowski und Mkhitaryan fehlen die technischen Voraussetzungen und durch falsche Drehungen verlangsamt Aubameyang immer wieder Kontergelegenheiten.

Etwas anders ist der Fall bei Mkhitaryan zu bewerten. Der Armenier zeigte gegen Frankfurt, Schalke und Neapel überragende Spiele, in denen er sein fußballerisches Können mit Tempo und Abschlussstärke kombinierte. Klopp ernannte Mkhitaryan zum „Unterschied-Macher“, es fehlt allerdings noch die nötige Konstanz.

Gegen den Ball-Urteil: Sokratis hat sein Spiel am schnellsten umstellen können und ist mittlerweile unumstrittener Abwehrchef. Mkhitaryan weiß auch, was von ihm gefordert wird, kann es aber noch nicht konstant abrufen. Sorgenkind bleibt Aubameyang, der sehr viele Spielanteile erhält, bei der Einbringung seiner Stärken aber noch zu viele taktische Fehler macht.

Chancenverwertung

Einzig bei der Niederlage gegen den FC Bayern hatte Borussia Dortmund bei einem Torschussverhältnis von 7:10 weniger Chancen als der Gegner. Bei den Pleiten gegen Neapel (17:15), Mönchengladbach (27:6), Wolfsburg (12:10), Arsenal (15:4) und Leverkusen (13:8) hatte der BVB teilweise sogar ein deutliches Chancenplus.

Diese Statistik sowie die Tatsache, dass die Borussia laut kicker mit einer Chancenverwertung von 27,3 Prozent in der Bundesliga nur das achtbeste Team ist, verdeutlicht ein entscheidendes Problem. Der Egoismus, den Torjäger Robert Lewandowski auszeichnet, muss vervielfältigt werden. Die offensiven Mittelfeldspieler Reus, Blaszczykowski und Mkhitaryan entscheiden sich zu häufig für ein Abspiel, statt selbst den Abschluss zu suchen. Das macht derzeit den großen Unterschied in engen Spielen aus.

Man könnte nun einwenden, dass die Bayern mit einer Chancenverwertung von 29,5 Prozent nur knapp über dem BVB rangieren. Die Münchner leisten sich ihre Verspieltheit aber erst, wenn die Führung schon erzielt wurde bzw. das Spiel entschieden ist. In Sachen Effizienz steht der Titelverteidiger deutlich vor der Borussia.

Gegen den Ball-Urteil: Es ist kein neues Phänomen, aber die Dortmunder müssen vor dem Tor konsequenter werden. Die Anfälligkeit bei gegnerischen Standardsituationen hat die BVB-Abwehr durch höhere Konzentration auch in den Griff bekommen. Das ist der nächste Schritt auf dem Weg zu einem dauerhaften europäischen Spitzenteam.

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