Pro und Contra: Wiederholungsspiel in Hoffenheim

Die Fronten scheinen klar verteilt: Die breite Öffentlichkeit will nach Stefan Kießlings Phantom-Tor ein Wiederholungsspiel, DFB und DFL verweisen mit der FIFA auf die Hüter des heiligen Grals Tatsachenentscheidung – eine Wiederholung scheint somit unwahrscheinlich. Gegen den Ball ist in dieser Frage ebenfalls gespalten. Ein Meinungsaustausch.

Pro: Wir sollten handlungsfähig bleiben!
Michel Massing

Das Spiel Hoffenheim gegen Bayer Leverkusen sollte wiederholt werden. Maßgeblich ist der Präzedenzfall aus dem Jahr 1994, es wäre nicht nachzuvollziehen, warum der aktuelle Fall anders gehandhabt werden sollte. Ich bin nicht der Meinung, dass man jede ungerechte Schiedsrichterentscheidung in einen Topf werfen und sich somit – alles über einen Kamm scherend – auch in diesem Fall an die Tatsachenentscheidung binden sollte. Wir sollten uns zutrauen, Fehler differenziert zu betrachten.

Wenn Bälle neben das Tor fliegen und das Tornetz wackelt, oder der Ball von hinten hereinrollt oder wie in diesem Beispiel, durch ein Loch im Netz hineingelangt, dann bleibt es dabei, dass der Ball neben das Tor ging! Da gibt es keinen Ermessensspielraum, ob der Ball ein bisschen Tor war, oder ganz hinter der Linie – er hat die Torlinie nie überschritten! Nicht ganz, nicht halb und nicht ein bisschen!

Aber zunächst zum Sachverhalt: Präzedenzfälle, das wissen wir popkulturell gebildeten Menschen auch ohne Jura-Studium, spielen in der US-amerikanischen Rechtsprechung eine maßgebliche Rolle. Nun sind die Sportgerichte keine ordentlichen Gerichte, und ihre „Urteile“ stehen weder unter noch über, sondern neben dem tatsächlichen Gesetz. Wir bewegen uns also in einer Zone der sportlichen Rechtsprechung, die es auch von Seiten des DFB mitzugestalten und auszuformen gilt.

Ich bin der Meinung, das Beispiel des Phantom-Tores von 1994 ist ein Präzedenzfall und sollte zum Maßstab zukünftigen Handelns genommen werden. Ich bin weder Jurist noch Sportjurist, aber wenn ich richtig informiert bin, dann wurde 1994 zum Wiederholungsspiel gebeten, weil man dem Schiedsrichter einen Regelverstoß nachweisen konnte. Damals war es die fehlende Kommunikation mit dem Assistenten, die zum Urteil des DFB führte.

Heute, so hoffen die Hoffenheimer, darf das Tor deshalb nicht gelten, da Schiedsrichter Felix Brych „leichte Zweifel“ hatte und „ein Tor dann nicht anerkannt werden darf“, so TSG-Manager Rosen, „wenn Zweifel bestehen“. Mit Wiederanpfiff ist die Entscheidung gefallen, aber wie die TV-Bilder zeigen, gab es noch vor dem Wiederanpfiff einige Hinweise, die Brych überging. Er verpasste es zu diesem Zeitpunkt seine Kollegen zu kontaktieren – die zugegebenermaßen auch keine Anstalten machte, es besser zu wissen – kontrollierte aber auch nicht das Tor. Meines Erachtens liegt auch hier ein Regelverstoß des Schiedsrichters vor, der den Hinweisen auf das irreguläre Tor hätte noch vor Wiederanpfiff nachgehen müssen. Wenn er dies getan hätte, wäre die Fehlentscheidung zu verhindern gewesen.

Neben dem berühmten Phantom-Tor von Thomas Helmer gibt es auch noch das Tor von Borussia Neunkirchen gegen die Stuttgarter Kickers (1978/79). Beim Siegtreffer der Borussia zum 4:3 ging der Ball zunächst neben das Tor, rollte dann von hinten ins Netz, und das Spiel wurde schließlich wiederholt. DFB-Vizepräsident Koch brachte das Beispiel aus dem Spiel 1860 München gegen den Karlsruher SC (1997) auf. Damals wurde ein Tor von Thomas Häßler fälschlicherweise gegeben, der DFB wollte das Spiel wiederholen, aber die FIFA nicht.

Wir befinden uns in einer Zeit, in der der DFB kleinmütig auf die FIFA schaut und nicht noch einmal selbstbewusst zu handeln gedenkt. Aus dieser Perspektive scheint eine Wiederholung unwahrscheinlich, weil die Tatsachenentscheidung für die FIFA „heilig“ sei, so heißt es. Bei solch groben Fehlern, bei denen es nicht um einen Ermessensspielraum geht, sollte es aber keine heiligen Kühe geben. Wenn wir uns auf das alte „Tor ist, wenn der Schiedsrichter pfeift“, zurückziehen, dann ist zum Beispiel Spielmanipulationen Tür und Tor geöffnet. Die Schiedsrichter sind nicht heilig, sie machen Fehler, weil Menschen Fehler machen. Wir sollten uns nicht die Möglichkeit nehmen, bei solch groben Nicht-Toren einzuschreiten.

Contra: Wir sollten eher über den Videobeweis nachdenken
Klaus Katzenbach

Das Spiel Hoffenheim gegen Leverkusen darf nicht wiederholt werden. Eine solche Entscheidung, die angesichts der bisherigen Politik der FIFA ohnehin nicht allzu wahrscheinlich ist, wäre populistisch und würde einzig dem Zweck dienen, die Empörung über eine klare Ungerechtigkeit bei einem Fußballspiel zu bedienen, während alle anderen Ungerechtigkeiten ungesühnt blieben.

Natürlich ist es absurd, dass ein Spiel durch ein Fehlurteil entschieden wird, das jeder Fernsehzuschauer besser hätte treffen können als das Schiedsrichtergespann, dem man in der konkreten Szene, in der Stefan Kießlings Kopfball durchs Außennetz in den Torinnenraum sprang, gar nicht einmal so viele Vorwürfe machen kann. Ich selbst habe auch erst bei der zweiten Zeitlupe klar gesehen, dass der Ball nicht regulär ins Tor geraten war. Das ist aber nichts anderes als ein weiteres gutes Argument für den Einsatz der bestmöglichen zur Verfügung stehenden Technologie, um die Anzahl klarer Fehlentscheidungen im Fußball zu verringern.

Bis dahin die Tatsachenentscheidung zu verteidigen, heißt nicht, sich der verstockten Position des International Boards anzuschließen, die lange Jahre hindurch den Einsatz von Chip im Ball, Videobeweis oder sogenannter Hawkeye-Technologie blockiert hat. Das nicht gegebene Tor von Frank Lampard im WM-Achtelfinalspiel gegen Deutschland 2010 in Bloemfontein war in dieser Hinsicht ein Weckruf für die Verbände, zumal am gleichen Abend auch noch ein wegen einer klaren Abseitsstellung irreguläres Tor von Carlos Tévez für Argentinien gegen Mexiko gegeben wurde. Dass die FIFA damals nicht an Ort und Stelle willkürlich eine Wiederholung dieser beiden Spiele verfügt hat, war selbstverständlich. Ein Skandal wäre es gewesen, danach einfach untätig zu bleiben. Ein Skandal aber auch, nach dem Grad der internationalen Empörung zu entscheiden, wann eine Tatsachenentscheidung überstimmt werden kann und wann nicht.

Offenkundig wäre es viel, viel besser gewesen, wenn das, was Millionen von Fernsehzuschauern in Südafrika (und einige Tausend an den Sky-Bildschirmen beim Hoffenheim-Spiel) sehen konnten, auch die Basis der Entscheidung der Unparteiischen wäre. Aber das ist der Kern des Problems. Der kommerziell wichtigste Sport der Welt, der seinen Reichtum und seine Popularität zu großen Teilen dem Fernsehen verdankt, tat lange so, als sei die technologische Entwicklung der Übertragungen dem Spiel selbst äußerlich. Es ist ein massives Glaubwürdigkeitsproblem, wenn der Sport seinen Unparteiischen die Möglichkeit verweigert, zumindest auf der gleichen Ebene über das Spiel entscheiden zu können wie jeder Fernsehzuschauer.

Die Glaubwürdigkeit des Spiels kann optimal nur erhöht werden, wenn eindeutige TV-Bilder zur Entscheidungsfindung herangezogen werden. Der Einsatz von Torlinientechnologie ist ein akzeptabler, aber halbgarer Schritt, weil er das Problem auf die (zugegebenermaßen wichtigste) Frage „Tor oder nicht Tor?“ beschränkt. Thierry Henrys berüchtigtes Tor gegen Irland in den WM-Qualifikationsplayoffs 2009 wäre mit ihr aber nicht zu verhindern gewesen, da sein Handspiel zwar am Bildschirm klar zu sehen war, aber die Frage nicht darin bestand, ob der Ball die Linie überquert habe. In einer anderen Szene war ein französischer Regelverstoß zuvor jedoch mutmaßlich mithilfe von Fernsehbildern geahndet worden. Zinédine Zidanes Kopfstoß gegen Marco Materazzi im WM-Finale 2006 war vom Schiedsrichter Horacio Elizondo und seinen Assistenten nicht gesehen worden. Der vierte Offizielle Luis Medina Cantalejo wies den Referee auf den Vorfall hin. Die FIFA bestreitet bis heute, dass Medina Cantalejo aufgrund von Fernsehbildern gehandelt habe, und wir haben keine Möglichkeit, diese Position zu widerlegen. Muss man aber auch gar nicht, denn es wäre völlig in Ordnung, wenn tatsächlich die Fernsehbilder hier ausschlaggebend gewesen wären: Eine klare Ungerechtigkeit blieb nicht ungesühnt, das war ein positiver Effekt. Völlig unerheblich, ob das Betrachten eines Monitors oder der Blick von außen auf den Rasen verantwortlich war.

Ein Assistent außerhalb des Platzes hätte mittels Videobildern auch am Freitag vor Wiederanpfiff Dr. Felix Brych darauf hinweisen können, dass ein Loch im Netz Kießlings Treffer ermöglicht hatte. Niemand wäre hier zu Schaden gekommen, es wäre einfach ein besserer Verlauf des Abends im Sinne des Fußballs gewesen. Dass die vierten Offiziellen mit dieser Aufgabe besser beschäftigt würden als damit, sich von Jürgen Klopp am Spielfeldrand anschreien zu lassen, kann kaum bestritten werden.

Solange es die dafür notwendigen Regularien aber nicht gibt, kann man auch nicht nachträglich am Grünen Tisch entscheiden, welche klare Fehlentscheidung eine Wiederholung erfordere und welche nicht. Warum soll das Spiel Hoffenheim – Nürnberg dann nicht wiederholt werden, in dem der TSG ein klares Tor von Kevin Volland verwehrt wurde? Am Ende kostete diese Fehlentscheidung zwei Punkte, da Nürnberg später noch zum Ausgleich kam. Warum sollte Frank Lampards Tor von 2010 nicht für eine Wiederholung gut sein? Die Antwort in all diesen Fällen lautet: weil niemand etwas davon hat, wenn nun auf einmal nur dann Ergebnisse Bestand haben, wenn der Schiedsrichter keinen klaren Fehler gemacht hat.

Fehler wird es immer geben. Das Bestreben des Fußballs muss es sein, ihre Folgen in Spielen mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu verringern, um den Sport so gerecht wie möglich zu machen. Bis die Möglichkeiten dafür gegeben sind, müssen Tatsachenentscheidungen aber akzeptiert werden, da es keinen nachvollziehbaren, gerechten Weg gibt, sie im Nachhinein zu korrigieren. Das sage ich auch vor dem Hintergrund des Wissens, dass es wesentlich leichter ist, so ein Ergebnis am neunten Spieltag in Sinsheim stehen zu lassen als etwa im vielleicht meisterschaftsentscheidenden Spiel Bayern – Dortmund im April.

Be Sociable, Share!

Kommentar verfassen

Sie können die folgenden HTML-Codes verwenden:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>