PSG: Umbau im Eiltempo

Als Borussia Dortmund im November 2010 in der Europa League bei Paris St. Germain gastierte, kamen knapp 25.000 Zuschauer ins altehrwürdige Stadion Parc des Princes. Das 0:0 war ein eher durchschnittlicher Kick, der BVB schied bekanntlich schon in der Gruppenphase aus und bei PSG hieß der große Star Nene. Seitdem ist auf beiden Seiten viel passiert.

Während in Dortmund nur schwer Anhänger zu finden sein dürften, die sich ob der Entwicklung der letzten zwei Jahre grummelnd abwenden, ist der Fall in Paris ein anderer. PSG wurde 2011 von der Investorengruppe Qatar Sport Investment (QSI) übernommen, die seitdem 253 Millionen Euro in neue Spieler investiert und damit den Erfolg eingekauft hat. Geld schießt halt doch Tore, auch wenn das von idealistischen Fans gerne anders gesehen werden würde.

Doch die Marketingstrategen von QSI hatten und haben noch ganz andere Ziele, für eine Weltmarke ist sportlicher Erfolg wichtig, aber sicher nicht allein ausschlaggebend. Image, Prestige, Publicity, öffentliches Ansehen, Vermarktbarkeit – all diese Schlagworte mussten mit Leben gefüllt werden. Doch wie passt eine solch saubere Reputation zu Paris St. Germain mit einer, nennen wir es mal, Problem behafteten Anhängerschaft? Nichts ist unmöglich, schon gar nicht mit klugem Marketing – einzig unter diesem Aspekt muss auch die Verpflichtung von David Beckham eingeordnet werden.

Paris St. Germain: absurde neue Welt

Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, wie wenig das alte Image zum Ideal von QSI gepasst hat. Die Boulogne Boys war eine Fangruppierung, die auf der berüchtigten Tribune Boulogne rechtes Gedankengut verbreitete und mit Krawallen sowohl gegen gegnerische Anhänger als auch gegen PSG-Fans von der Tribune Auteuil vorging.

Die Rivalität der beiden Kurven Boulogne und Auteuil – oder auch wohlhabendes 16. Arrondissement contra mit Migranten durchzogenes Banlieue – sowie rassistische Gesänge und Übergriffe gehörten zum Alltag von Paris St. Germain. Die Höhepunkte zahlreicher Vorfälle waren eine Hetzjagd auf einen israelischen Fan von Hapoel Tel Aviv im Jahre 2006, als ein Polizist zur Hilfe eilte und ein Mitglied der Boulogne Boys erschoss, sowie zwei Jahre später bei einem Spiel gegen RC Lens ein Spruchband mit der Aufschrift „Pädophile, Arbeitslose und Inzest-Gezeugte, willkommen bei den Nordfranzosen“, auf Grund dessen PSG zunächst vom Ligapokal ausgeschlossen wurde.

Doch die Katarer ließen sich davon nicht abschrecken: Mit einer schleichenden Erhöhung der Einrittspreise und der Installierung von Starspielern wie Zlatan Ibrahimovic wurde das Publikum im Pariser Prinzenpark methodisch unterwandert. Kamen in der Saison 2010/11 im Durchschnitt knapp 30.000 Zuschauer zu den Heimspielen der Ligue 1, wurden in der aktuellen Spielzeit bisher durchschnittlich über 42.000 Zuschauer gezählt.

Das neue Publikum in den Zlatan-Trikots musste natürlich unterhalten werden, so berichten langjährige Dauerkarteninhaber von einer Eventisierung der Heimspiele im Prinzenpark mit lauter Musik, Cheerleader auf dem Rasen, animierten Schlachtrufen und vom Verein geplanten Choreografien.

Die Absurdität der neuen Fanstruktur brachte vor einigen Wochen die FAZ sehr gelungen auf den Punkt, denn das alte Renommee der PSG-Fans war doch sehr zweifelhaft: „Wo sich früher rechtsgesinnte Bürgersöhne und Migranten aus der Banlieue grölend gegenüber standen, stehen jetzt Frauen in hohen Schuhen und edlen Jeans, die in der Halbzeit den Eingangsbereich der Damentoiletten blockieren, weil sie sich die Haare richten müssen.“ Was bleibt, ist eine starke Veränderung der Fanszene, auch wenn viele alteingesessene Fans weiterhin in den Prinzenpark pilgern – die Aussicht auf die dritte Meisterschaft nach 1986 und 1994 lässt viele den Ärger herunterschlucken. Win-Win-Situation dürfte es im Vokabular der QSI heißen.

Lass uns doch in den Farben von Marseille spielen

Nun wagen sich die neuen Besitzer aber an eine heilige Kuh heran, deren Milch zu mehr Emotionalität führen könnte. Das Logo von Paris St. Germain – ein dunkelblaues rundes Wappen mit dem Eiffelturm als zentralem Punkt sowie einer Lilie und einer Babywiege als weitere Design-Elemente, die an den Geburtsort von Sonnenkönig Ludwig XIV erinnern sollen – soll nach dem Willen von Marketing-Chef Michel Mimran moderner und weltoffener gestaltet werden. Die Zeitung Le Parisien berichtete im Dezember 2012 von der Verbannung der Lilie und der Wiege, der Eiffelturm soll dreidimensional angezeigt werden, das Gründungsjahr 1970 müsse für das nach unten gerutschte „St. Germain“ weichen und das Blau soll deutlich heller werden.

Nun gibt es in der Geschichte des Fußballs sehr viele Beispiele, wo Vereine ihr Logo verändert oder modernisiert haben und ein Protest quasi nicht existent war – in der Bundesliga sei exemplarisch an Schalke 04, Eintracht Frankfurt oder Bayer Leverkusen erinnert.

Wenn zusätzlich aber auch die Vereinsfarbe nicht bloß verändert, sondern hin zu den Farben von Erzrivale Olympique Marseille (hellblau) modifiziert werden soll, könnte das Eis bei allem sportlichen Erfolg dünner werden. Einer Online-Petition gegen die Änderung von Logo und Vereinsfarbe schlossen sich schon Tausende Anhänger an, eine Reaktion des Clubs steht noch aus. In Paris glauben viele Experten allerdings, dass die QSI mögliche Proteste einfach aussitzen wird. Wenn der Verein weiterhin als chic und hip gilt, werden schon genügend neue Fans ins Stadion kommen – Win-Win die Zweite.

PSG findet Lücke im Financial Fairplay

Was die Fans außerhalb von Paris an PSG besonders interessiert, ist die finanzielle Situation des Clubs. Die massiven Transferausgaben sind bekannt, das sorgte im letzten Geschäftsjahr für einen Verlust von über 100 Millionen Euro.

Unter dem Stichwort Financial Fairplay müssten nun sofort die Alarmglocken schrillen, wie sollte die Einnahmesituation so schnell so stark verbessert werden. Doch die, eigenen Angaben zufolge, „erfinderischen“ Katarer wollen auch hier eine Lösung gefunden haben, ein Sponsorenvertrag mit der katarischen Tourismus-Behörde kann PSG im Erfolgsfall in vier Jahren bis zu 600 Millionen Euro einbringen.

Wenn man bedenkt, dass die europäischen Topclubs wie Real Madrid, FC Barcelona, Manchester United oder Bayern München mit ihren besten Sponsorenverträgen gerade mal 10 Prozent dieser Summe generieren, drängt sich der Verdacht eines Scheinvertrags auf. DFL-Boss Christian Seifert hat deshalb verbal den Druck auf die UEFA erhöht: „Die UEFA kann massiv Schaden nehmen, wenn ein Klub wie Paris St. Germain damit durchkommt, einen Sponsorenvertrag abzuschließen, der weit mehr wert ist als die Sponsorenverträge von Barça, ManU und Bayern München zusammen“, sagte Seifert in einem Interview mit der FAZ.

Die UEFA und ihr Präsident Michel Platini haben sich bisher bedeckt gehalten, wie innerhalb des Financial Fairplay mit solchen Sponsorenverträgen umgegangen wird, Manchester City nutzt dieses Schlupfloch ebenfalls aus. Helfen könnte PSG möglicherweise, dass Platinis Sohn als Europa-Chef der QSI eingestellt wurde – Win-Win die Dritte? Die Rechnung mit den Unbekannten könnte durchaus aufgehen.

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