Quod erat demonstrandum?

Thomas Hitzlsperger hat sich in der vergangenen Woche in der Zeit als homosexuell geoutet (das Gespräch erschien in der gedruckten Ausgabe vom 9. Januar 2014 und ist digital nur für Abonnenten zugänglich). Der Rahmen war der, den die Wochenzeitung in jüngster Zeit auch Uli Hoeneß oder Karl-Theodor zu Guttenberg geboten hat – das Bekenntnisinterview. Das stellt Hitzlsperger in eine Reihe, in die er gar nicht gehört, denn anders als die beiden Genannten musste er das Gespräch mit Carolin Emcke und Moritz Müller-Wirth nicht dazu nutzen, um eine Verfehlung zu gestehen oder sein angekratztes Image mit einer menschlicheren Selbstdarstellung zu verbessern.

Interessanterweise begegnet der frühere Profi von Aston Villa, Stuttgart und Everton Fragen der Interviewer, die aus dem Betroffenheits- und Empfindsamkeitsrepertoire des routinierten Journalismus stammen, mit Gegenfragen und teils Verständnislosigkeit: „Haben Sie denn nicht früher schon bemerkt, dass Sie anders empfinden als andere, und sich jemandem anvertraut?“ möchten die Redakteure wissen, und Hitzlsperger entgegnet: „Wie stellen Sie sich das vor? Und was verstehen Sie unter ‚anders empfinden‘? Anders als wer?“. Der Interviewte gibt sich alle Mühe, nicht alle Klischees abzugrasen, die der Zeit eingefallen sind („Haben Sie sich jemals dafür geschämt, homosexuell zu sein?“, „Haben Sie in einer solchen Umgebung jemals gefürchtet, als ‚unmännlich‘ zu gelten?“). Ganz entfliehen kann er der Widersprüchlichkeit, die in dem Vorhaben liegt, dass „ich einmal öffentlich darüber spreche, dass die sexuelle Orientierung eines Sportlers wieder seine Privatangelegenheit wird“, damit aber nicht – was keinesfalls seine Schuld ist. Um es mit Rosa von Praunheims Satz auf den Punkt zu bringen: „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Gesellschaft, in der er lebt“.

An Hitzlspergers Entscheidung gibt es ohnehin nichts auszusetzen, die mediale Einbettung des Outings lief jedoch keinesfalls so glatt und harmonisch, wie es auf den ersten Blick den Anschein haben mochte. Im Stolz über ihren Scoop vergaß die Zeit, Hitzlspergers Outing in die jüngere Sportgeschichte einzubetten, in der sich erst vor einem halben Jahr mit Jason Collins der erste (aktive!) NBA-Spieler in einer Titelgeschichte von Sports Illustrated geoutet hatte. Das Echo darauf in der amerikanischen Sportwelt war extrem positiv gewesen. Lediglich der ESPN-Redakteur Chris Broussard ließ es sich nicht nehmen, Collins‘ Sexualität für unvereinbar mit christlicher Lebensweise zu bezeichnen – und bekam dafür auch noch Applaus von Golfer Bubba Watson.

Aber nicht nur im Basketball, auch im Fußball gab es 2013 ein prominentes Outing: Der frühere Leeds United-Profi Robbie Rogers verband das Öffentlichmachen seiner sexuellen Orientierung mit der Ankündigung seines Karriereendes – mit erst 25 Jahren. Anschließend überlegte er es sich aber anders und steht aktuell wieder bei Los Angeles Galaxy unter Vertrag. Unter diesen Vorzeichen davon zu sprechen, Hitzlsperger sage „als erster Profispieler“, dass er homosexuell sei, wie Bernd Ulrich im Leitartikel der Zeit, ist also mindestens etwas schlampig formuliert, wenn man dem Politikchef der Zeitung nicht Unkenntnis des Kontexts vorwerfen möchte.

Ob Ulrichs Mutmaßungen, dass, würde sich ein aktiver Profi outen, „halb Fußball-Deutschland an ihm die eigene Schwulenfeindlichkeit austobt“, zutreffend sind oder nicht, ist reine Spekulation. Ihnen wohnt aber die Ambivalenz inne, in der berechtigte Sorge vor negativen Folgen für Menschen sich mit einer stetigen performativen Wiederaufrichtung des „Tabus“ Homosexualität im Profifußball mischt. Demgegenüber weist Nicole Selmer im Ballesterer zu Recht darauf hin, dass es keine Evidenz dafür gibt, dass einem offen schwulen Fußballer in Deutschland „die Hölle auf Erden“ drohe. Ohne die möglichen Konsequenzen zu verharmlosen, sieht Selmer einen Prozess, in dem die Grenzen des Möglichen und Tolerierten ausgehandelt und erkämpft werden müssen.

Einen solchen Kampf hielt am gleichen Tag das Kicker-Sportmagazin für unnötig. Obwohl die Zeitschrift in ihrer Online-Ausgabe alle Agenturmeldungen zum Thema veröffentlicht hatte, erläuterte Chefredakteur Jean-Julien Beer in einem Kommentar der gedruckten Ausgabe am Donnerstag, warum die Leser im Blatt „die Meldung deshalb nicht finden“ würden: „Es gibt so viel Interessantes und Wichtiges zu berichten.“ Das ist in der Tat selbst für den Kicker eine erstaunliche Position – und sie wäre schon in Frage zu stellen, wenn Beer nicht in seinem kurzen Kommentar einen Seitenhieb auf Theo Zwanziger angebracht hätte. Dieser habe „das Thema – in einer fast beängstigenden Form -staatsmännisch anmaßend zu einem zentralen Problem des Fußballs erhoben“.

Wovor Herr Beer hier Angst bekam, weiß ich natürlich nicht. Aber ein so zynischer Tonfall etwa gegenüber dem Thema Rassismus im Fußball wäre ihm vielleicht nicht so leicht über die Lippen gekommen. „In einem weltoffenen Deutschland“, so führt Beer weiter aus, „sind weder Sexualität noch Religion eines Sportlers zu thematisieren oder gar zu tabuisieren – und schon gar keine Eilmeldung wert“. Auch das ein Widerspruch. Etwas „nicht tabuisieren“ zu wollen und im nächsten Satz anzukündigen, dass der Leser deshalb (!) „die Meldung nicht finden“ werde, ist dann schon wieder fast lustig.

Die Tatsache, dass es bisher fast keinen offen schwulen Fußballer in Europas Profiligen gab, spricht der behaupteten Normalität Hohn. Eine der wenigen Ausnahmen, Justin Fashanu, nahm sich 1997 das Leben, nachdem ihm sexueller Missbrauch eines Jugendlichen vorgeworfen, aber nicht bewiesen worden war. Das spricht indes sicher ebensowenig für die Selbstverständlichkeit von Homosexualität im Fußball wie der Fall des DFB-Funktionärs Manfred Amerell, dessen Karriere beendet war, nachdem ihm der Schiedsrichter Michael Kempter sexuelle Belästigung vorgeworfen hatte.

Zwar ist es zutreffend, dass der Kicker auch das Privatleben heterosexueller Sportler nicht in den Vordergrund rückt, aber die trotzige Behauptung totaler Normalität und fehlenden Nachrichtenwerts lässt sich wohl eher als eine Art sekundäre Homophobie erklären. Offen schwule Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung zu verurteilen, ist für Mainstream-Journalisten in Deutschland tatsächlich nicht mehr akzeptiert. Unter Verweis auf die vermeintliche Normalität einzufordern, dann aber mit dem Thema in Ruhe gelassen zu werden, ist die nächstliegende Alternative.

Das zeigte einen Tag später in noch drastischerer Form Jasper von Altenbockum, der Innenpolitikchef der Frankfurter Allgemeinen, im wohl aggressivsten Anti-Hitzlsperger-Kommentar, der in großen deutschen Medien veröffentlicht wurde. Wobei auch hier der Zorn des Autors abgeleitet wird – gegen die Gesellschaft, gegen die SPD (sogar Manuela Schwesig bekommt in der Tirade einen mit) und gegen die Behauptung, dass es in Deutschland überhaupt Homophobie gebe. Man kann es sich einfach machen, und liegt damit auch nicht falsch, wenn man den letzten Satz des Kommentars allein stehen lässt, mit dem der Text endgültig vom Falschen ins Wahnhafte abgleitet: „Es sollte nicht so weit kommen, dass Mut dazu gehört, zu sagen: ‚Ich bin heterosexuell, und das ist auch gut so.'“

Dass durch einen einzigen offen schwulen Fußballer eine Situation entstehen könnte, in der heterosexuelle deutsche Männer aufgrund ihrer Sexualität diskriminiert würden, das ist eine so paranoide Vorstellung, dass man sich selbst bei der FAZ wundert, wie ein solcher Leitartikel mit diesen Formulierungen auf die Titelseite gelangen konnte. Zumal seine an Widersprüchen reiche Argumentation durchgängig Plausibilität durch Ressentiment ersetzt. Die pure Behauptung, es gebe in Deutschland Homophobie, wo es sie doch in Wahrheit nur in Russland gebe, sei „für die große Mehrheit der Deutschen ein Schlag ins Gesicht“ – warum auch immer diese Mehrheit, „die mit Homosexuellen so normal umgeht wie mit Heterosexuellen“, sich dann überhaupt von Kritik angesprochen fühlen sollte.

Altenbockum sollte sich durchaus angesprochen fühlen, aber er und seine Zeitung gehen mit Homosexuellen auch nicht gerade so um wie mit Heterosexuellen. Wenige Sätze später schreibt er: „Nicht alles, was da gefordert wird, muss schon deshalb richtig sein, weil es um Schwule und Lesben geht. Das gilt im Übrigen auch für die Homoehe.“ Das kann man ja eigentlich nur so verstehen, dass der Mann Homosexuellen eben nicht die gleichen Rechte zugestehen will wie Heterosexuellen. Trotzdem sei die Unterstellung von Homophobie „eine Form der Diskriminierung, die sich mindestens genauso rechtfertigen sollte“ wie Homophobie selbst.

Der politische Kern dieser Widersprüche liegt darin, dass Altenbockum (und die FAZ, in deren Sonntagsausgabe wenige Tage zuvor Norbert Blüm das Bundesverfassungsgericht aufgefordert hatte, seine Bemühungen um Gleichberechtigung von Homosexuellen einzustellen, weil Heterosexualität „unserer Natur entspricht“), unter „Homophobie“ mehr oder minder nur tätliche Angriffe oder persönliche Beschimpfungen Homosexueller Menschen verstehen, aber nicht die Verweigerung gleicher Rechte. Dass zumindest Altenbockum diese Position nicht vertreten kann, ohne ausfallend zu werden, nahm Leo Fischer in seiner Kolumne im Neuen Deutschland zum Anlass, ein spekulatives Panorama sexueller Ängste des FAZ-Mannes zu malen. Mit ähnlichem Ansatz Georg Diez auf Spiegel Online, der ironisch bejubelte, dank Altenbockum wisse man wenigstens wieder, dass es Reaktionäre in der Gesellschaft gebe und man Freiheit erkämpfen müsse. Auch Diez gelangt im weiteren Verlauf in Widersprüche, wenn er sagt, Sexualität solle eigentlich niemanden etwas angehen, „insofern war es kein guter Tag, als Thomas Hitzlsperger sagte, dass er Männer liebt“.

Schon klar, was Diez wohl meint, aber natürlich war es ein guter Tag, an dem Thomas Hitzlsperger der Zeit ein Interview gegeben hat und seine sexuelle Orientierung öffentlich gemacht hat. Die Notwendigkeit dazu besteht nicht nur dann, wenn die öffentlichen Reaktionen so ausfallen wie viele internationale Kommentare auf ESPNFC zu Hitzlspergers Outing. Sie besteht auch dann, wenn Deutschlands größte Sportzeitschrift explizit einen Umgang mit Homosexualität im Fußball propagiert, der praktisch identisch ist mit der von Bill Clinton 1993 eingeführten „Don’t Ask, don’t tell“-Politik in den amerikanischen Streitkräften. Diese erst 2011 abgeschaffte Richtlinie erlaubte es Schwulen und Lesben, im Militär zu dienen, solange sie ihre sexuelle Orientierung geheim hielten.

Mag sein, dass die positive Umarmungsstrategie Hitzlspergers durch die Bild und die Bundesregierung heuchlerische Züge trägt. Mag auch sein, dass das Sprechen über den Fall Thomas Hitzlsperger nicht ohne eine komplizierte Dialektik von Öffentlichkeit und Privatheit auskommt. Doch auch wenn Lukas Podolski den Mut seines ehemaligen Mitspielers lobt, wird es am nächsten Tag einen Jugendlichen geben, der auf dem Schulhof zu hören bekommt: „Bist du schwul, oder was?“. Und einen Redakteur, der behauptet, in Deutschland gebe es keine Homophobie.

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