Rashomon – Der Tag des Trainerwahnsinns aus vier Blickwinkeln

Was war die spektakulärste Nachricht des monumentalen Trainerkarussell-Vormittags am Mittwoch, dem 15. April? Dass der HSV Bruno Labbadia als neuen und vierten Cheftrainer dieser Saison präsentierte und gleich auf den Trainingsplatz schickte? Dass Jürgen Klopp in Dortmund zum Saisonende aufhört? Dass Thomas Tuchel nun eine attraktivere Adresse gefunden hat als Hamburg, um wieder ins Geschäft einzusteigen? Alle diese Nachrichten gehören irgendwie zusammen, nimmt man an. Zeit, die Geschehnisse zu sortieren und einzuordnen – aus vier Perspektiven, frei nach Kurosawa Akira.

1. Die Ehefrau: die Perspektive des HSV

Die erschütterndste Personalie (wenn auch nicht die relevanteste im internationalen Maßstab) war sicherlich die Verpflichtung von Bruno Labbadia durch den HSV mit einem Vertrag bis 2016, der auch für die zweite Liga gelten soll. Nur einen Tag, nachdem man die Meldung des Hamburger Abendblatts, der Club wolle Felix Magath holen, noch verlachen konnte, präsentierten die Verantwortlichen eine nur wenig nachhaltigere Lösung. Das Hauptproblem dabei ist Folgendes: Die gesamte Strategie des „neuen HSV“ unter Dietmar Beiersdorfer seit Beginn der Saison ergab eigentlich nur Sinn, wenn sie von Anfang an auf den ganz großen Neuanfang gesetzt hätte. Die dem zugrundeliegende Analyse hätte etwa so lauten können (so hätte ich sie zumindest getroffen): Seit Jahren verschleißen wir zwei bis drei Trainer pro Saison. Die sportliche Bilanz sieht immer schlechter aus, finanziell wird es auch nicht besser. Wir müssen diesen Teufelskreis durchbrechen und den bestmöglichen Trainer holen, den dieser Club haben kann. Bis dahin gibt es eine Übergangslösung.

Thomas Tuchel war in der Tat der bestmögliche Coach, den der HSV hätte bekommen können. Was der Club in dieser Situation entschieden haben mag, könnte etwa das gewesen sein: Wir können einen Trainer haben, der nach Jahren des planlosen Hin und Her endlich eine langfristige Perspektive bietet. Aber wir können ihn nicht sofort haben. Dann eben ab 2015, und bis dahin möglichst in der Bundesliga bleiben. Nur so lässt sich die Kette von Entscheidungen begreifen, Mirko Slomka im Sommer zu behalten, ihn aber nach nur zwei Niederlagen zu feuern und als Nachfolger Josef Zinnbauer zu holen, den U23-Coach, der keinerlei Erfahrung im Profibereich hatte. Diese Personalie war ebenso wie die merkwürdige Entscheidung, Sportdirektor Peter Knäbel als Trainer für die letzten acht Saisonspiele zu verpflichten, offenbar vor allem dem Wunsch geschuldet, niemanden zu holen, den man nicht wieder los würde, wenn Tuchel endlich frei käme.

Letzten Endes riskierte der HSV für den Long Con mit Tuchel sogar die Ligazugehörigkeit. Selbst das aber finde ich, bei allen offenkundigen Nachteilen eines Abstiegs, mutig und nachvollziehbar: Mit einem Trainer wie Thomas Tuchel einen Neuanfang zu starten, in einer Liga, in der man wahrscheinlich die meisten Spiele gewinnen würde, Schluss mit der Dino-Folklore, positive Energie: Das wäre tatsächlich sogar besser gewesen, als mit einem Trainer wie, nun ja: Bruno Labbadia in die nächste Abstiegskampfsaison zu gehen. Als Tuchel in letzter Minute eine bessere Alternative fand, stand der HSV da wie vor einem Jahr Tottenham Hotspur, das sich mit Louis van Gaal schon einig war, bevor der im letzten Moment ein Angebot von Manchester United bekam. Die Spurs hatten anders als Hamburg aber immerhin einen Plan B: Maurício Pochettino kam von Southampton.

Der HSV hat nur Bruno Labbadia. Der mag kurzfristig die Klasse halten, auch wenn das keineswegs sicher ist. Langfristig aber haben die Rothosen kaum eine hoffnungsvolle Perspektive. Die bitterste Pointe: Am Ende könnte der HSV nicht, wie überall zu lesen, an „Planlosigkeit“ zerbrechen. Sondern daran, endlich einen langfristigen Plan zu verfolgen, ihn aber nicht umgesetzt zu bekommen.

2. Der Bandit: die Perspektive von Thomas Tuchel

Genau wie der HSV von seinem teilweise selbst verschuldeten Image des inkompetenten Chaos-Clubs nicht mehr loskommt, selbst, wenn mal gute Ideen ausprobiert werden, hat Thomas Tuchel es in Mainz geschafft, sich eine Aura des Startrainers zu schaffen, die im Laufe seines Pausenjahrs immer mehr leuchtete, bis Tuchel schließlich als messianischer Retter jedes gerade in Schwierigkeiten steckenden deutschen Clubs erschien. Sein langer Verzicht auf jede Art von Stellungnahme, bis zu einem Interview in der Zeit im März, verstärkte den Eindruck weiter. Währenddessen konnte der Trainer in aller Ruhe abwägen, welcher neue Arbeitsplatz ihm am besten passen würde. In Frage kamen, da er ja Mainz verlassen hatte, um langfristig höhere Ziele zu erreichen, nur eine Handvoll Clubs in Deutschland. Mit ihren Trainerikonen Josep Guardiola und Jürgen Klopp schieden Bayern und Dortmund zunächst aus. Blieben noch Schalke, der HSV und der VfB Stuttgart – oder finanzstarke Konzernclubs wie Leverkusen, Wolfsburg oder RB Leipzig. Schalke entschied sich im Herbst für Roberto di Matteo als Nachfolger von Jens Keller. In Wolfsburg und Leverkusen arbeiten die aktuellen Cheftrainer zu erfolgreich, um entlassen zu werden.

Blieben eigentlich, zumindest in Deutschland, nur noch der HSV, Stuttgart und Leipzig. Von diesen bot der HSV zumindest langfristig das attraktivste Gesamtpaket, weshalb eine vorläufige Einigung nicht unplausibel erschien. Doch Tuchel glaubte, nicht zu Unrecht, am längeren Hebel zu sitzen. Er war faktisch die einzige Option, die der HSV noch hatte. Nachdem sich, sicherlich nicht ohne Wissen Tuchels, die Situation in Dortmund veränderte, hatte der Trainer aber noch eine bessere Option. Auch wenn die Verantwortlichen auf der ersten Pressekonferenz des BVB noch nicht von Nachfolgern sprechen wollten – es wäre schon eine große Überraschung, wenn Tuchel nicht im Sommer in Dortmund anfangen würde. Für ihn das beste Ergebnis, das sein Sabbatical erbringen konnte.

3. Der Holzfäller: die Perspektive von Borussia Dortmund

Mit der Inszenierung maximaler Emotionen (drei Freunde, die so viele gemeinsame Abenteuer erlebt haben) präsentierten sich Hans-Joachim Watzke, Michael Zorc und Jürgen Klopp auf der Pressekonferenz, auf der der Abschied des langjährigen Erfolgstrainers offiziell verkündet wurde (nachdem die börsennotierte AG schon kurz zuvor die Trennung bestätigt hatte). Zwischen den rührseligen Zeilen drängte sich allerdings durchaus auch die Interpretation auf, dass der Verein Klopp plötzlich loswerden wollte, weil jetzt noch die Chance bestand, mit Thomas Tuchel den vermeintlich natürlichen Nachfolger Klopps zu verpflichten. Klopp machte gute Miene zum bösen Spiel, die offizielle Lesart, er habe selbst erkannt, nicht mehr „der hundertprozentig richtige Trainer“ zu sein, überzeugt weniger als die Vermutung, der BVB habe nach der sehr schwachen Saison reagieren wollen und müssen.

Schließlich war Klopps Verweis darauf, solange er da sei, werde die Mannschaft „immer an vergangenen Erfolgen gemessen“, etwas selbstgerecht. Die vergangenen Erfolge (Doublegewinn, Champions League-Finale) erreicht der BVB nicht mehr, weil er auf Dauer nicht mit finanzstärkeren Clubs konkurrieren kann. Das hat noch kaum jemand Klopp zum Vorwurf gemacht. Die Champions League-Ränge zu verpassen, ist indes nicht nur nach Maßgabe der Vergangenheit ein Scheitern, sondern auch gemessen an den eingesetzten finanziellen Mitteln. Eine Hinrunde mit dem zweitgrößten Etat der Bundesliga auf Platz 18 zu beenden schließlich ist nicht weniger als ein historisches Debakel, auch im europäischen Maßstab gesehen. Kritik daran hat nichts mit falschen Ansprüchen zu tun.

Dass der BVB in dieser Situation (wohl schon seit dem Herbst) über Alternativen nachgedacht haben wird, ist nicht verwerflich, sondern nur angemessen. Gegenüber einer durchaus denkbaren Trennung von Klopp im Winter hat der Verein nun im Nachhinein den besseren Weg gewählt. Anstatt den Club mitten im Abstiegskampf in Turbulenzen zu stürzen, hat man abgewartet, bis zumindest die Ligazugehörigkeit geklärt ist. Sollte es nun auf Thomas Tuchel als neuen Dortmunder Trainer hinauslaufen, dann hat man am Borsigplatz aus einer sehr schwierigen Situation fast das Bestmögliche gemacht, jenseits aller Krokodilstränen.

4. Der Samurai: die Perspektive von Jürgen Klopp

Wie angesprochen, darf man Zweifel an der Freiwilligkeit des Abschieds von Jürgen Klopp in Dortmund hegen. Mag sein, dass er selbst eine neue Herausforderung sucht, mag sein, dass er schon im Winter so empfand, sein Team aber nicht im Abstiegssumpf verlassen wollte. Objektiv aber war das Interesse des Clubs an einer Veränderung größer als das von Klopp selbst. So oder so aber ist sein Ruf durch das letzte halbe Jahr zwar angeschlagen, aber im Großen und Ganzen intakt. Das vor allem in England, wo Klopp einen sehr guten Ruf genießt. Das Interesse in der Premier League war dann auch riesig, als die Nachrichten vom Abschied zum Saisonende in Deutschland kursierten.

Bei manchen Buchmachern ist Klopp aktuell Favorit sowohl auf den mutmaßlich frei werdenden Job bei Manchester City als auch auf den bei Arsenal. Bei City muss Manuel Pellegrini nach einer enttäuschenden Saison wohl gehen, Carlo Ancelotti wurden bisher die besten Aussichten auf seine Nachfolge eingeräumt. Bei Arsenal hat Arsène Wenger, der den Club seit 19 Jahren trainiert, seine Situation durch eine starke Rückrunde wieder einigermaßen gefestigt. Dennoch sind die Gunners ein Club, der viel besser zu Klopp passen würde als City. Langfristige Entwicklung wird unter Europas Spitzenclubs nirgendwo größer geschrieben als in Nordlondon. Trotz der relativen Erfolglosigkeit, was Titel angeht (nur ein Pokalsieg seit 2005), ist Arsenal jedes Jahr in der Champions League dabei, das alles, während für viel Geld ein ganz neues Stadion gebaut wurde.

Die Voraussetzungen, um in Ruhe für ein paar Jahre arbeiten zu können, sind also gegeben. Eine Garantie dafür, dass das klappt, gibt es allerdings nicht: Die Leistungsdichte in Englands Top 6 ist hoch, ein schwächeres Jahr führt leicht zum Sturz in die Europa League. Klopp hätte also nicht wie einst in Dortmund zwei, drei Jahre Zeit. Andererseits kam er damals auch aus Mainz. Heute stand er schon einmal im Finale der Champions League und war zweimal Deutscher Meister. Neben Arsenal scheint auch Liverpool eine interessante Adresse für Klopp zu sein. Eine halbe Nummer kleiner, was die aktuellen finanziellen Mittel angeht, aber ein Club mit großer Vergangenheit und zahllosen Fans, bei dem jeder Einzug in die Champions League gefeiert wird. Erinnert etwas an den BVB.

Marcus Krämer spekuliert derweil darauf, dass Klopp der logische Nachfolger Joachim Löws als deutscher Nationaltrainer wäre. Dazu denke ich persönlich, dass Klopp diesen Schritt in zehn Jahren immer noch machen könnte. Aktuell ist er als Clubtrainer in Europa zu erfolgreich gewesen, um nicht noch einen attraktiven Arbeitgeber zu finden, bei dem er seine Spieler nicht nur alle paar Wochen zu Gesicht bekommt.

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2 comments

  1. rumpelfuß

    Klopp steht für Fußball und nicht für Vereinspolitik wie beispielsweise an der Säbener Straße. Deshalb wäre Liverpool perfekt.

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