Rückspiegel: Bayerns CL-Sieg 2001

Der damalige RTL-Kommentator Tom Bartels eröffnete das Spiel mit den Worten: „Die Mannschaft, die sich am meisten traut, die wird gewinnen.“ Dieser mutigen Prämisse wollten die beiden verantwortlichen Trainer des Abends mit ihren Aufstellungen nicht Folge leisten. Héctor Cúper eilte ehedem der Ruf des Defensivstrategen voraus und auch Ottmar Hitzfeld stellte – wie schon als BVB-Trainer im Finale 1997 – defensiv auf. Sieben von zehn aufgebotenen Feldspielern der Bayern waren defensiver Natur.

Hitzfeld setzte auf das damals in Deutschland noch praktizierte System mit Libero. In einem 5-2-2-1, das im Spiel oft zu einem 3-5-1-1 wurde, spielte Patrik Andersson den letzten Mann, flankiert von Thomas Linke und Sammy Kuffour in der Zentrale. Die Außenverteidiger hießen Bixente Lizarazu und Willy Sagnol. Die Doppelsechs war noch nicht geboren, dennoch spielte Bayern – wie auch der BVB 1997 – mit zwei defensiven Mittelfeldspielern: Stefan Effenberg und Owen Hargreaves. Die drei Offensivspieler waren Hasan Salihamidžić (links), Mehmet Scholl (rechts) und Élber Giovane.

Héctor Cúper stellte im 4-4-1-1 auf, was bei Ballbesitz des Gegners zum 4-5-1 wurde. Dabei bekleidete Pablo Aimar die offensive Position der Mittelfeldraute, Gaizka Mendieta die defensive. Juan Sánchez spielte eine Art hängende Spitze, John Carew brachte in vorderster Front seine enorme Physis ein. Das Prunkstück war die Abwehr um die Innenverteidiger Roberto Ayala und Mauricio Pellegrino.

Die Ideen der Trainer

Ottmar Hitzfeld hatte Hasan Salihamidžić auf die linke Seite beordert. Dort sollte er gegen den langsamen und unbeweglichen Jocelyn Angloma für Angriffe über die Flügel sorgen. Spielmacher und absoluter Chef war Stefan Effenberg im Mittelfeld. Er wurde gesucht und diktierte das Spiel. Héctor Cúper plante aus einer kompakten Defensive mit langen Pässen auf Carew, der die Bälle festmachen oder prallen lassen sollte. Die nachrückenden Sánchez, Kily González, Pablo Aimar und Gaizka Mendieta sollten dann für Torgefahr sorgen.

Das Spiel: Effenberg wird nicht gepresst

Auffallend gleich zu Beginn: Es gab keine kollektive Pressing-Strategie auf beiden Seiten. Valencia ließ Stefan Effenberg am Mittelkreis viel Raum und Zeit, seine Bälle zu spielen. John Carew störte die Verteidiger selten im Spielaufbau. Valencia orientierte sich tief in die eigene Hälfte und versuchte zehn Meter vor dem Strafraum ballorientiert Überzahl zu erreichen, wodurch sie den Raum in dieser Zone kompakt gestalten konnten. Bayern hatte so viele Spieler in der Abwehr, dass auch hier kaum Lücken entstanden. Beide Teams eliminierten sich somit größtenteils, nicht ohne Grund fiel an diesem Abend kein Tor aus dem Spiel heraus.

Die Bayern mussten gleich nach drei Minuten einen Elfmeter hinnehmen. Patrik Andersson hatte sich zu einer liegenden Ballblockade samt Handspiel im eigenen Sechzehner entschieden, der Strafstoß war vertretbar. Die Führung spielte Valencia in die Karten, das sich fortan fast vollkommen auf das Verteidigen beschränkte. Hitzfelds Plan, Salihamidžić gegen Angloma aufzustellen, ging zum Teil auf. Der damals noch enorm antrittsschnelle Brazzo überlief Angloma ein ums andere Mal, allerdings brachten seine Hereingaben gegen die kopfballstarken Ayala und Pellegrino wenig ein.

Auch nach dem verschossenen Elfmeter von Mehmet Scholl waren die Bayern die spielbestimmende Mannschaft, ohne dabei Torchancen kreieren zu können. Cúpers Plan, über Wandspieler Carew zu Chancen zu kommen, scheiterte meist, da zu wenige Mitspieler nachrückten, oder es dem Norweger an Technik und Schnelligkeit fehlte, selbst für Gefahr zu sorgen. Sein Wirkungskreis war dennoch groß, Offensivpartner Sánchez dagegen eine Enttäuschung.

Hitzfeld hatte Gaizka Mendieta als Schlüsselspieler erkannt. Der wurde bei Ballbesitz dann auch meist gedoppelt. Trotzdem konnte man Mendieta nicht ausschalten, der Kapitän von Valencia war omnipräsent im Mittelfeld und leitete fast jeden vielversprechenden Angriff ein.

Reaktion der Trainer in der Pause

Während Lizarazu durchaus auch mal den Weg in die Offensive fand, spielte Willy Sagnol auf der rechten Seite sehr verhalten. Hitzfeld reagierte. Sagnol blieb zur Pause in der Kabine, Salihamidžić ging auf die rechte Seite und Carsten Jancker sollte die Präsenz im Sturm erhöhen, wo die Bayern bis dahin kaum zur Geltung kamen. Héctor Cúper brachte David Albelda für den schwachen Pablo Aimar und erhöhte noch einmal die Präsenz im zentralen Mittelfeld.

Nach dem Handspiel von Amedeo Carboni, das Carsten Jancker durch seine körperliche Präsenz erzwingen konnte, gelang Bayern durch Stefan Effenberg der Ausgleich (50.). Das 1:1 ergab eine neue Spielsituation. Valencia stand gleich viel höher und presste erstmals wiederholt die Bayern im Spielaufbau. Bei den Münchnern war zu diesem Zeitpunkt Sammy Kuffour, der vornehmlich auf der rechten Seite agierte, für den Spielaufbau aus der Tiefe verantwortlich, wenn der Ball nicht direkt auf Effenberg gespielt werden konnte.

Effenberg aus heutiger Sicht

Auffällig war Effenbergs statische Spielweise als Regisseur aus der Tiefe. Im Vergleich zu heutigen Sechsern wie Iklay Gündogan oder Bastian Schweinsteiger spielte Effenberg eine Art Steh-Geiger im Mittelfeld. Damit ist nicht der Standfußball früherer Tage, den Rudi Völler einst im legendären Interview mit Waldi Hartmann kritisiert hatte, gemeint. Man kann Effenberg nicht vorwerfen, dass er nicht mit nach hinten arbeitete oder nicht den Weg in die Spitze suchte, das tat er sehr wohl. Es war eher so, dass er den Ball stehend annahm und dann in aller Ruhe weiterspielte. Er konnte mit und ohne Ball viel spazieren gehen.

Durch das heutige Pressing müssen die Mittelfeldspieler viel mehr in den Ball gehen. Das dynamische Spiel mit dem Ball und Eintauchen in die Tiefen, aus denen dann der Ball gespielt werden kann, war damals vielleicht einfach noch nicht nötig. Insgesamt wirkte das Spiel statischer, es gab nur wenig Bewegung ohne Ball. Einstudierte Laufwege, das regelmäßige Überladen der Flügel oder Hinterlaufen von den Außenverteidigern war noch nicht zu sehen.

Valencias Drangphase, die nach dem Ausgleich folgte, flaute nach zehn Minuten wieder ab, aber sowohl Valencia, als auch die Bayern hatten kaum nennenswerte Chancen aus dem Spiel heraus. Erst in der Verlängerung kam es zu einigen Torchancen durch individuelle Fehler. Der eingewechselte Zlatko Zahovič vergab die besten Möglichkeiten für Valencia. Élber hatte nach Kuffour-Anspiel eine der besten Möglichkeiten der Bayern.

Letztlich war es aber Oliver Kahn, der den Champions League-Titel für die Bayern holte – im Elfmeterschießen. Seine gehaltenen Elfmeter gegen Zahovič, Carboni (Weltklasseparade!) und Pellegrino sicherten den Titel. Eigentlich hatte das Spiel keinen Sieger verdient, denn die Bayern waren zwar dominanter, aber auch nicht torgefährlicher als Valencia. Beide Teams enttäuschten durch die defensive Gesamtausrichtung und das fehlende schnelle Umschaltspiel.

Die besten Feldspieler: Mendieta, was für ein Spieler!

Stefan Effenberg war der Regisseur und Chef auf dem Platz. Ob er auch in der heutigen Zeit einer der besten Mittelfeldspieler wäre, ist spekulativ. Die Sechser und Achter müssen heute eine hohe Pressingresistenz aufweisen und viel Dynamik gleich bei Ballannahme beweisen. Effenberg bewies auch in diesem Spiel eine tolle Übersicht, Präsenz und gute Technik – dazu die nötige Zweikampfhärte. Bei Valencia war – anders als der kicker-Spielbericht es damals sah – Gaizka Mendieta der Spieler des Spiels.

Wer sich das Spiel noch einmal ansieht, am besten nicht mit dem emotional gefärbten Unterton von Tom Bartels, dem drängt sich unweigerlich die Frage auf, warum Mendieta nicht einer der ganz Großen des internationalen Fußballs geworden ist? Der Spanier war ungemein zweikampfstark, enorm agil und passsicher. Er war der dynamischste Akteur auf dem Platz. In dieser Form wäre er auch heute noch in jedem Mittelfeld der Welt erste Wahl.

Fazit: Verschenktes Potenzial

Warum hielten sich Bixente Lizarazu und Willy Sagnol (in der zweiten Hälfte Salihamidžić) so zurück und vermieden es, die Angriffsvariationen auf den Flügeln durch das Hinterlaufen oder Doppeln zu erhöhen? Der Abwehrluxus mit Libero und relativ statischen und defensiven Außenspielern wie Lizarazu und Sagnol ist aus heutiger Sicht unbegreiflich. Die „Ein-Mann-macht-das-Spiel-Idee“ mit Stefan Effenberg ist antiquiert. Mehmet Scholl fand nicht statt, der Salihamidžić-Kniff auf links führte nur vereinzelt zum Durchbruch ohne zählbaren Erfolg.

Personell fällt auf, dass es damals zum Beispiel keinen Spieler der Qualität von Robert Lewandowski gab. John Carew, Juan Sánchez und Carsten Jancker waren weit von dieser Kategorie Stürmer entfernt – Élber kam im Endspiel kaum zur Geltung. Zumindest die Schiedsrichter waren damals wie heute gleich fehleranfällig. Angloma hatte am Ende des Spiels fünf nennenswerte Fouls auf dem Konto (inklusive verschuldetem Elfmeter), aber Gelb sah er nicht.

Der letzte Gedanke: Élber wird´s schon richten

Zum Abschluss noch eines. Damals setzte man viel auf individuelle Klasse, ein Pass von Effenberg auf Élber, ein Dribbling von Scholl, ein Sprint von Brazzo sollten es richten. Auch heute kann die Klasse von Franck Ribéry ein Spiel entscheiden, doch vor allem auf Champions League-Niveau gehört dazu mehr. Ein kluger Laufweg von Müller, ein diagonaler Pass von Schweinsteiger oder ein Hinterlaufen durch Alaba ist wichtig, um die individuelle Klasse des einzelnen ins Spiel zu bringen. Noch wichtiger ist aber das kollektive Arbeiten gegen den Ball und das schnelle Umschaltspiel. In diesen Disziplinen stehen sich am Samstag die wohl besten Teams dieser Saison gegenüber.

Be Sociable, Share!

Kommentar verfassen

Sie können die folgenden HTML-Codes verwenden:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>