Rückspiegel: Dortmunds CL-Sieg 1997

Nach den beiden deutschen Meisterschaften 1995 und 1996 startete Borussia Dortmund im Jahr darauf auch international durch und gewann die Champions League im Finale gegen Juventus mit 3:1 – schon zu Beginn der laufenden Spielzeit wiesen Dortmunder Optimisten auf diese denkbare Gemeinsamkeit hin. Was vor der Gruppenphase gegen Real Madrid, Man City und Ajax Amsterdam einzig als Mutmacher taugte, kann vom national erneut enthronten BVB mit einem Sieg gegen den FC Bayern in die Tat umgesetzt werden.

Aber es gibt noch eine weitere Parallele: Auch 1997 galt der BVB als klarer Außenseiter gegen Juventus, die mutmaßlich beste Mannschaft des Kontinents. Trainer Ottmar Hitzfeld tüftelte jedoch die richtige Taktik aus, so wie es Jürgen Klopp in den vergangenen Spielen gegen die Bayern auch des Öfteren geschafft hatte und für das Spiel am kommenden Samstag wieder plant. Doch diesmal will ich nicht in die Zukunft blicken. In der Rückschau auf das Finale 1997 geht es um taktische Trends mit dem Wissen von heute, die Entwicklung des Fußballs allgemein und geänderte Anforderungen an bestimmte Positionen.

Ottmar Hitzfeld: Ein Verfechter der Defensivtaktik

Während Jürgen Klopp mit dem für den heutigen BVB typischen Umschaltspiel und mit einer kollektiven Arbeit gegen den Ball auf die Favoritenstellung der Bayern reagieren will, wählte Hitzfeld 1997 im Münchner Olympiastadion die schon in den Runden zuvor gegen Auxerre (3:1 und 1:0) und Manchester United (1:0 und 1:0) funktionierende Taktik: Ein 3-5-2 mit sieben defensiv orientierten Spielern, die bei Angriffen des Gegners aus der Dreier- eine Fünferkette machen und nur selten den Weg in Juves Hälfte suchen sollten.

Wie schon bei Deutschlands EM-Sieg 1996 kam auch beim BVB Matthias Sammer als „modernem“ Libero eine Schlüsselrolle zu. In der Grundformation war Sammer vor Torhüter Stefan Klos und hinter den beiden Manndeckern Jürgen Kohler und Martin Kree platziert. In meiner Erinnerung interpretierte der heutige Bayern-Sportvorstand seine Rolle stets offensiv, um im Mittelfeld für Überzahl zu sorgen. Doch das Gedächtnis trügt, gegen Juventus wählte Sammer diese Wege nur äußerst selten, er blieb konsequent in der Defensive, stopfte Löcher und stellte Passwege zu.

Auf den Außenbahnen spielten links Jörg Heinrich sowie rechts Stefan Reuter. Vor 15 Jahren galt das Duo als Mittelfeldspieler, aus heutiger Sicht waren sie jedoch Außenverteidiger. Durch ihre Doppelrolle sogar moderne Außenverteidiger, denn beide standen sehr hoch und mussten, aus taktischer Sicht sehr anspruchsvoll, die gesamte Linie bearbeiten.

Der heute so gebräuchliche Begriff der „Doppelsechs“ war noch gar nicht geboren, doch die vor der Abwehrreihe platzierten Paulo Sousa und Paul Lambert sollten genau diese Aufgabe erfüllen. Lambert durfte sich um die Kreise von Zinedine Zidane kümmern, der wesentlich kreativere Sousa für Impulse nach vorne sorgen.

Bleiben noch die drei Offensivspieler: Andreas Möller bekam von Hitzfeld auf der Zehn alle Freiheiten, solange er die defensiven Wege nicht außer Acht ließ. Vor Möller baute der Trenchcoat-Träger auf Stéphane Chapuisat und Karl-Heinz Riedle, wobei der Schweizer als spielender Stürmer rochieren und Riedle im Zentrum seine Kopfballstärke ausspielen sollte. Über allem stand für Hitzfeld jedoch die defensive Grundordnung. Der BVB sollte mit möglichst allen Spielern hinter dem Ball sein, kompakt stehen und angeführt von Sammer stets in Überzahl agieren.

Lippis Ideen, oder: der Unterschied zwischen Sacchi und Rangnick

Die klare Favoritenstellung der Turiner hatte diverse Gründe: Sie hatten als Titelverteidiger reichlich Erfahrung, waren trotzdem im Schnitt zwei Jahre jünger als der BVB, sie waren mit Zidane, Deschamps, Del Piero, Boksic und Vieri individuell besser besetzt, hatten in der gesamten Saison nur vier Gegentreffer in der Champions League kassiert und spielten unter Trainer Marcello Lippi das taktisch modernere und raffiniertere System.

Denn während in Deutschland, dem Land des Kaisers und damit dem Land des Liberos, der Trend hin zur Viererkette verschlafen wurde, hatte sich in Italien schon Ende der 80er Jahre Arrigo Sacchi bei AC Mailand als Pionier hervorgetan und ein neues System mit zwei raumorientierten Viererketten installiert. Sacchi wurde zur Legende, während sich die deutschen Wegbereiter Wolfgang Frank und Ralf Rangnick entweder in der 2. Liga versuchen durften oder für ihre Erläuterungen im Aktuellen Sportstudio Hohn und Spott ernteten.

Doch zurück zu Marcello Lippi. Der spätere Weltmeister-Coach hatte die Alte Dame 1994 übernommen, zwei Jahre später im Elfmeterschießen gegen Ajax Amsterdam die Champions League gewonnen und Lippi ließ – inspiriert von Sacchi, wie er später mal zugab – von Anfang an mit Viererkette spielen.

In München spielten vor Stammkeeper Angelo Perruzzi in besagter Viererkette von links nach rechts Mark Iuliano, Paolo Montero, Ciro Ferrara und Sergio Porrini, feste Zuteilungen gab es dabei, anders als beim BVB, selbstverständlich nicht. Das Duo Montero/Ferrara galt nach den Eindrücken der bisherigen Saison als kaum zu überwindendes Innenverteidiger-Pärchen.

Im Mittelfeld war Didier Deschamps der große Stratege, der das Spiel von Juventus lenken sollte. Auf den Außen spielten Vladimir Jugovic und Angelo di Livio, während Zinedine Zidane mit seiner einzigartigen Technik für die Impulse in der Offensive zuständig war – wobei Zizous Stern im Weltfußball erst im Jahr darauf bei der Weltmeisterschaft in Frankreich so richtig aufgehen sollte. Komplettiert wurde Juves Startelf durch die beiden Stürmer Alen Boksic und Christian Vieri, da Alessandro del Piero lange Zeit verletzt gefehlt hatte und zunächst auf der Bank Platz nehmen musste.

Die erste Halbzeit: Ein Lehrvideo für Kick and Rush

Der Grundstein für den Dortmunder Erfolg wurde in der ersten Halbzeit gelegt, wo der BVB der Alten Dame sein Spiel sehr erfolgreich aufzwingen konnte und Juve die falschen Entscheidungen zur Bekämpfung des 3-5-2 fällte.

Jonathan Wilson beschreibt in seinem Buch „Revolution auf dem Rasen – Eine Geschichte der Fußballtaktik“ sehr eindrucksvoll, warum das Dortmunder System aussterben musste. Denn wenn im 3-5-2 die Außen, beim BVB waren das Heinrich und Reuter, dauerhaft defensiv gebunden werden, geht im Mittelfeld die Überzahl verloren, die von intelligent agierenden Außenverteidigern des Gegners (egal ob im 4-4-2 oder im 4-3-3) sogar in eine Unterzahl gewandelt werden kann.

Juves Außenverteidiger nutzten diese Chance im ersten Durchgang aber nicht aus. Sowohl Porrini als auch Iuliano beschränkten sich ausschließlich auf Defensivaufgaben, die Porrini mit Heinrich durchaus zu bewältigen hatte, Iuliano gegen den vorsichtigen Reuter jedoch nicht. Dortmund hatte somit im Mittelfeld häufig Überzahl, obwohl Sammer seine Ausflüge minimierte.

Weil die Dortmunder, gemäß Hitzfelds Vorgaben, diese Überzahl aber nicht dazu nutzten, offensiv zu agieren, entwickelte sich ein unattraktives Spiel, mit unzählig vielen langen Bällen aus der Abwehr heraus. Der Unterschied war jedoch, dass der BVB mit Riedle einen Abnehmer hatte, der viele Kopfballduelle gewinnen konnte und bei Juventus diese untypischen langen Schläge von Kohler, Kree und Sammer dankbar aufgenommen wurden. Der BVB war deshalb optisch sogar die überlegene Mannschaft, nur ein Mal in der Anfangsphase wurde Vieri aus dem Mittelfeld bedient, sein Schuss ging jedoch ans Außennetz.

Die Überlegenheit in den Offensivzweikämpfen sorgte dann auch für die 2:0-Pausenführung. Nach einer Ecke von Möller klärte Juve nicht entschlossen genug, der zweite Ball von Lambert fand in der unsortierten Abwehr der Turiner Riedle, der den Ball mit der Brust annehmen und vollenden konnte. Fünf Minuten später war es erneut Riedle, der nach der nächsten Möller-Ecke per Kopf seinen zweiten Treffer markierte. Kurz darauf hatte Zidane mit einem Pfostentreffer Pech.

Lippi stellt um: Juves Reaktionen

Lippi hatte genug gesehen und entschied sich für massive Umbaumaßnahmen. Der blasse Porrini, der zudem beim 0:1 den Ball unterlaufen hatte, blieb in der Kabine, dafür kam Del Piero. Ferrara machte als rechter Verteidiger weiter, Iuliano rückte in die Mitte und der aktive Di Livio spielte fortan linker Außenverteidiger. Jugovic wiederum fand sich im rechten Mittelfeld wieder und Del Piero mimte auf der linken Seite eine hängende Spitze.

Diese Maßnahmen griffen sofort, denn Juve spielte kaum noch lange Bälle, stattdessen wurde der Ball aus der Abwehr heraus gespielt und weil Di Livio häufig mit nach vorne ging, waren die Verhältnisse im Mittelfeld neu geordnet. Die Alte Dame kombinierte, konnte Zidane und Del Piero gut einbinden, der BVB geriet verstärkt unter Druck und schon vor Del Pieros Anschlusstreffer (66.) hatten Jugovic und Vieri zwei Großchancen.

Da Fußball nicht im Konjunktiv gewonnen wird, weiß ich nicht, was ohne Rickens Geniestreich passiert wäre. Zuvor war das Spiel zugunsten von Juventus gekippt, Lippis Ideen gingen auf. Das von den BVB-Fans gewählte Jahrhundert-Tor brachte den schwankenden Borussen jedoch den Glauben zurück, während die Italiener ihre spielerische Überlegenheit nicht mehr ausspielen konnten.

Dortmunder Schlüsselspieler

Der Sieg des BVB war letztlich verdient, weil Juventus nur 25 Minuten zum eigenen Spiel fand und Hitzfelds Taktik aufgrund der außerordentlichen Leistungen seiner Schlüsselspieler aufging. Da wäre in erster Linie Lektor Sammer zu nennen, der wegen Streitigkeiten mit Hitzfeld nach dem Triumph ein erstaunlich kritisches TV-Interview gab, zuvor aber das Spiel der Turiner las und die Bälle wie ein heutiger Innenverteidiger antizipierte.

Kopfarbeiter Riedle und Joker Ricken habe ich ebenfalls schon gewürdigt, bleiben noch die beiden ehemaligen Juve-Spieler Möller und Sousa. Möller war an allen drei Toren beteiligt, wirklich beeindruckend waren aber seine weiten Wege sowie die Arbeit gegen den Ball und gegen Juves Kopf Deschamps. Aus heutiger Sicht ist es in Betrachtung dieses Finals unverständlich, warum Möllers Karriere in der allgemeinen Wahrnehmung als unvollkommen gilt und er sich stets dem Vorwurf stellen musste, in wichtigen Spielen abzutauchen. Techniker Sousa wiederum hätte sicherlich gerne etwas mehr für die Offensive getan, hielt sich aber akribisch an Hitzfelds Vorgaben und half neben Zidane-Bewacher Lambert überall dort aus, wo Lücken entstanden.

Modern ist, wenn alle laufen

Anders als bei Filmen, wo Klassiker wie Die Verurteilten, Der Pate oder Taxi Driver ihre zeitlose Qualität niemals verlieren dürften, haben es Sport-Klassiker mit dem progressiven Wissen des Betrachters wesentlich schwerer, Begeisterungsstürme zu entfachen. So ergeht es mir zumindest.

Denn wer, wie ich, damals im Olympiastadion war und das Spiel nach 15 Jahren noch mal in voller Länge sieht, muss seine Verwunderung über das Spielniveau zum Ausdruck bringen – Stichwort Kick and Rush. Andererseits steht der Fußball glücklicherweise nicht still, deshalb noch ein paar allgemeine Gedanken zur Entwicklung des Fußballs, wobei es nicht um taktische Innovationen geht:

  • Bewegung ohne Ball: Gerade wenn mit dem BVB und dem FC Bayern am Samstag zwei Teams aufeinander treffen, die durch Laufintensität, das schnelle Umschaltspiel und ständige Bewegung bestechen, wird der Unterschied zum Finale am 28. Mai 1997 exorbitant sein. Bei beiden Teams waren in der offensiven Spielentwicklung maximal drei Spieler in Bewegung. Der Ballführende hatte Glück, wenn sich ihm zwei Kollegen als Anspielstationen offenbarten. Einrückende oder hinterlaufende Außenverteidiger, Positionswechsel, variable Mittelfeldspieler, Überladen einer Seite – all diese Elemente waren in München nicht zu erkennen.
  • Spielverlagerung: So wie wir unseren Blog vor 15 Jahren womöglich Gegen den Kurzpass getauft hätten, hätten auch die Kollegen von spielverlagerung.de unter dem Eindruck dieser Partie einen anderen Namen gewählt. Denn vor allem im Spiel von Juventus fehlte dieses Element, war der Ball auf einer Seite, blieb er dort oder er wurde steil nach vorne gespielt.
  • Die Entwicklung der Innenverteidiger: Am Vergleich zwischen Jürgen Kohler und Mats Hummels ist der Fortschritt des Fußballs innerhalb der vergangenen 15 Jahren am deutlichsten zu erkennen. Kohler, zugegeben schon damals ein Verteidiger der alten Mannheimer Schule, traf mit seinen Tugenden – Kampf, bedingungsloser Wille, Härte gegen sich und den Gegner – den Nerv der Zuschauer in Dortmund, immerhin wurde er zum Fußball-Gott glorifiziert. In Sachen Spieleröffnung, Stellungsspiel und sauberen Zweikämpfen wurde Kohler in Schallgeschwindigkeit überholt. Im Finale von München war aber nicht nur bei den Innenverteidigern augenfällig: Grätschen und Tacklings gehörten zum Handwerk aller Spieler. Der Verlust der eigenen Handlungsfähigkeit – wer am Boden liegt, nimmt nicht mehr am Spiel teil – wurde dabei stets in Kauf genommen, wie es Trainer in der heutigen Zeit nicht mehr machen würden. Nicht falsch verstehen, Jürgen Kohler war zurecht Kult, alles hat seine Zeit.

Der letzte Gedanke: Marcel Reif und eine Sehnsucht

Es soll hier nicht um das mittlerweile weit verbreitete Bashing von Sky-Kommentator Marcel Reif gehen. Reif wird von vielen Fans abgelehnt, ihm werden Selbstverliebtheit, oberlehrerhaftes Kommentieren oder Parteilichkeit – meist in Richtung Bayern, obwohl er Fan des 1. FC Kaiserslautern ist – vorgeworfen.

Vielmehr hat das Studium des Finals von 1997 bei mir eine Sehnsucht ausgelöst, die RANisierung im deutschen TV-Journalismus rückgängig machen zu wollen. Dabei geht es explizit nicht um Reif, der mir persönlich zumindest sprachlich in der Regel gefällt und sich dabei wohltuend von vielen anderen Kommentatoren absetzt.

Beim Finale von München feierte die Sat. 1-Sendung ran, die mit vielen Elementen zur Eventisierung der Bundesliga beitrug, bereits ihr fünfjähriges Jubiläum, doch zu diesem Zeitpunkt waren noch nicht alle Sender infiziert. RTL übertrug damals die Champions League, Marcel Reif saß am Mikrofon und der Kommentar war eine wohltuende Abwechslung zur Praxis der heutigen Zeit.

Reif begleitete das Spiel in ruhigem und sachlichem Ton, seine Stimme erhob er nur bei wirklich wichtigen Szenen. Er verzichtete auf heute übliche Phrasen („Mannschaft X zeigt mehr Willen“, „Von Mannschaft Y kommt zu wenig“), analysierte stattdessen das Geschehen auf dem Rasen. Reif würdigte auch die Leistung von Juventus, was heute gerne komplett vergessen wird. Und vor allem war Reif eines nicht: Patriot. Er war Journalist, der neutral von einem Fußballspiel berichtete und – wie er selbst betonte – „keine schwarz-gelbe Brille“ trug.

Im Finale zweier deutscher Mannschaften ist das wiederum garantiert, was Reif aber scheinbar vor ernsthafte Probleme stellt. „Ich muss den Verlierer mehr würdigen“, sagte Reif in einem Interview mit derwesten.de. „Würde der BVB oder Bayern gegen eine andere europäische Mannschaft spielen und gewinnen, sage ich artig ein paar Worte über den Verlierer und feiere dann als deutscher Reporter in einem deutschen Sender, für ein deutsches Publikum mit dem deutschen Sieger.“ Eine entwaffnende Aussage, 1997 war das noch anders. Zumindest in dieser Frage war früher dann doch alles besser.

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