Schalker Defensive: Dabei sein ist alles

Das 2:3 im Achtelfinale gegen Galatasaray liegt den Schalkern schwer im Magen. Gerade erst schienen die dunklen Wolken am Königsblauen Himmel verzogen, da setzte es das Aus in der Champions League. Schon in der Hinrunde folgten nach Gala-Auftritten bei Arsenal und dem BVB die Niederlagen in Hoffenheim, Leverkusen und Hamburg. Nach der Entlassung von Huub Stevens musste Nachfolger Jens Keller durch „die Hölle gehen“ (Horst Heldt). Der viel kritisierte Trainer soll die Mannschaft nun erreicht haben und seine Methoden Wirkung zeigen.

Tatsächlich konnte man in den Spielen gegen Wolfsburg und Dortmund Ansätze der Besserung erkennen. Das „nach vorne Verteidigen“ (Keller) gelang ihnen zumindest gegen den BVB eine Halbzeit exzellent. Das Überladen der Flügel war schon unter Stevens – vor allem auf der Sahneseite mit Jefferson Farfan und dem offensivstarken Atsuto Uchida – praktiziert worden, dies ist nun, nach dem Aufblühen von Julian Draxlers, noch verbessert worden.

Die Probleme in der Defensive scheinen aber grundsätzlich nicht behoben. Das defensive Umschaltspiel ist weiterhin ein Problem. Dazu werden die Schwächen des Kaders immer deutlicher. Gegen den Ball widmet sich drei Problemstellen, die den verhaltenen Aufschwung auf Schalke auch in Zukunft bremsen könnten.

Die Außenverteidiger

Atsuto Uchida ist in der Offensive ein Samurai, in der Defensive Harakiri für jede Abwehr. Er gewinnt gerade einmal 52,02 Prozent seiner Zweikämpfe (Quelle: bundesliga.de). Fehler wie gegen Fürth und Hannover führen immer wieder zu Gegentoren. Er ist kopfballschwach und oft wirkt es, als ob gerade für ihn das missverstandene Olympische Motto „dabei sein ist alles“ zählt. Sein Pendant auf der linken Abwehrseite ist Christian Fuchs.

Wäre Fuchs ein Landsmann Uchidas, man könnte den Samurai-Harakiri-Vergleich einfach per Copy-und-Paste an dieser Stelle einfügen. Auch Fuchs hat seine Stärken in der Offensive. Er schlägt starke Flanken und bereite in der letzten Saison acht- und in dieser Spielzeit sechs Treffer direkt vor. Im Defensivverhalten ist er aber ähnlich schwach wie Uchida.

Was bei Uchida die fehlende physische Präsenz, ist bei Fuchs mangelnde Wendigkeit und Handlungsschnelligkeit in Defensivsituationen. Fuchs gehört zu den Spielern im Schalker Kader, die am häufigsten umdribbelt werden (Durchschnittlich 1,6 Mal pro Spiel/Quelle: whoscored.com). Seine Zweikampfbilanz (50,87 Prozent) ist noch schlechter, als die von Uchida. Immer wieder mussten Stevens und Keller in dieser Spielzeit gelernte Innenverteidiger auf den Außenpositionen bringen, weil es dort „Schalke in Not“ hieß.

Benedikt Höwedes durfte so sein Repertoire erweitern, spielt oft für Uchida auf der rechten Seite. Auch der defensive Mittefeldspieler Marco Höger hilft dort immer wieder aus. Auf der linken Seite ist Youngster Sead Kolasinac neuerdings erste Wahl. Kolasinac ist laufstärker (1 km im Schnitt mehr pro Spiel als Fuchs), er ist zweikampfstärker (57,95 % der Zweikämpfe gewonnen) und schneller als Fuchs. Zudem ist er ein enorm aggressiver Spieler, der im Pressing seine Stärken hat.

Genau hier setzt Jens Keller vermehrt an, um die Balance zwischen Offensive und Defensive in den Griff zu bekommen. Für Youngster Kolasinac könnte die Beförderung noch weiter gehen. Zuletzt rückte er immer wieder für den formschwachen Neustädter ins defensive Mittelfeld, womit wir bei einem weiteren Grund für die Schalker Defensivschwäche wären: Wunderkind Neustädter.

Das Problem Roman Neustädter

Neustädter kam aus der funktionierenden Gladbacher Mannschaft der letzten Saison ablösefrei zum S04. Er etablierte sich schnell als einzige Konstante im defensiven Mittelfeld. Nach kurzer Eingewöhnung zeigte er seine Klasse. Neustädter besticht durch eine enorm hohe Passquote. 83,6 Prozent seiner Pässe finden den Mitspieler. Zum Vergleich die Passquoten von den Mitspielern Benedikt Höwedes (85,4 %), Marco Höger (80 %) und Jermaine Jones (77,9 %). Zudem antizipiert Neustädter schnell und ist somit ein sehr guter Pressing-Spieler. Die Statistik weist 3,2 abgefangene Pässe (Interceptions) pro Spiel für Neustädter auf. Besser sind bei Schalke nur die Innenverteidiger. Zum Vergleich die defensiven Mittefeldspieler Höger (nur 1,8) und Jones (nur 1,6 Passunterbrechungen pro Spiel). Als Nebenprodukt einer Bayern-Analyse hat die Seite Spielverlagerung.de die Pressing-Kompetenz aller defensiven Mittelfeldspieler in der Bundesliga zum Zeitpunkt Ende Dezember errechnet, ebenso wie die Defensivkompetenz insgesamt, bei der Roman Neustädter zu diesem Zeitpunkt auf Platz zwei hinter Javi Martinez lag.

Alles in allem ein glänzendes Führungszeugnis für Neustädter? Nein. Die weiße Weste des 25-jährigen Nationalspielers wird durch einige Fakten getrübt. Neustädter gehört zu den am leichtesten auszudribbelnden Spielern. In dieser Spielzeit wurde er schon 39 Mal umdribbelt (1,6 Mal pro Spiel). Zum Vergleich der ebenfalls leicht auszuspielende Christian Fuchs wurde 36 Mal umdribbelt.

Was die Statistik nicht festhält. Neustädter leistete sich trotz der guten Passquote immer wieder eklatante Fehlpässe, die zu Gegentoren führten. Zuletzt unterliefen ihm solche Fehler sowohl in Istanbul vor dem 1:0-Führungstreffer von Burak, als auch daheim gegen Galatasaray, als Neustädter einen schlampigen Querpass im Mittelfeld spielte, der schließlich zum 2:1 durch Burak führte.

Sieht man sich den Saisonverlauf an, dann fällt auf, das Neustädters Formkurve seit November 2012 nach untern weißt. Bis zu seiner erstmaligen Berufung in den Länderspielkader von Joachim Löw hatte Neustädter eine Durchschnittsnote von 3,34 (Quelle: sportal.de). Danach kam Neustädter in den Spielen vom 13. bis zum 25. Spieltag nur noch zu einem Notenschnitt von 3,77.

Hatte Neustädter zuvor nur in zwei der zwölf Spiele eine Bilanz von unter 50 Prozent gewonnener Zweikämpfe, so waren es danach fünf Spiele, in denen er weniger als 50 % seiner Zweikämpfe gewinnen konnte. Zuletzt musste er in Wolfsburg (zugegebenermaßen grippegeschwächt) ohne einen einzigen Zweikampf gewonnen zu haben, nach 45 Minuten vom Platz.

Die Länderspielberufung als Grund für den Leistungseinbruch heranzuziehen, können wir aufgrund des fehlenden Diploms in Psychologie nur in den Bereich der Spekulation verweisen. Handfester scheint uns da ein anderer Erklärungsansatz. Neustädter hat mit 2158 Spielminuten die meiste Spielzeit aller Schalker in den Knochen – Höwedes kommt auf 2070 Minuten, Jones auf 1550 Spielminuten. Insgesamt liegt Neustädter auf Platz zehn in der Liga, was die geleistete Spielzeit aller Feldspieler der Bundesliga angeht.

Sieht man sich nur die letzten sieben Spiele (5BL/2CL) an, dann hat Neustädter einen Notenschnitt von 4,43. Noch einmal zum Vergleich: Nach den ersten zwölf Saisonspielen war es ein Schnitt von 3,34! Rotation würde den Schalkern auf dieser Schlüsselposition sicherlich gut tun. Jermaine Jones kehrt nach seiner Gelbsperre vor dem Spiel am Samstag in Nürnberg zurück, Marco Höger ist derzeit in guter Form – einer Verschnaufpause für Neustädter stände somit nichts im Wege.

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