Schwarz-Gelber Peter

Es verging in der Vorbereitung auf die Rückrunde kein Tag ohne Schlagzeilen über Borussia Dortmund. Verständlicherweise, denn die Meisterschaft des FC Bayern steht fest. Also steht der BVB nach dem beispiellosen Absturz in der Hinrunde noch stärker im Fokus. Wie viele Fehler gesteht Trainer Jürgen Klopp ein? Kann die Borussia absteigen oder sich rehabilitieren? Kommen nach Kevin Kampl weitere Verstärkungen? Oder werden gar die internationalen Plätze angegriffen? Und das ist nur ein kleine Auswahl an Themen der Kaffeesatzleser.

Allgemeiner Tenor ist: Borussia Dortmund steht vor der wichtigsten Rückrunde der jüngeren Vereinsgeschichte. Wer einen Abstieg für realistisch hält, mag so denken. Ich wünsche Klopp, Manager Michael Zorc und Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke allerdings mehr Weitsicht. Denn natürlich muss der Abstieg vermieden werden, aber die mittelfristige Zukunft des Clubs wird in anderen Bereichen entschieden.

Champions League wäre Zauberei

Bevor ich darauf näher eingehe, noch ein paar einordnende Worte zur sportlichen Situation: Der BVB benötigt für den Klassenerhalt, je nach Ausbeute der Konkurrenz, zwischen 20 und 25 Punkte. Das wird mit verbesserter körperlicher Konstitution, der Rückkehr der Schlüsselspieler Marco Reus und Mats Hummels sowie Kampl als Zugang, der sich in der Dortmunder Spielidee sofort zurechtfindet, problemlos zu schaffen sein.

Offen ist für mich nur der Zeitpunkt der Rettung. Kommt der BVB mit sieben oder neun Punkten aus der Englischen Woche mit den Spielen gegen Leverkusen, Augsburg und Freiburg, wird es schnell gehen. Dann sind auch schwarz-gelbe Feiertage in der Champions League und im DFB-Pokal denkbar. Wird die erste Woche nur mit drei oder vier Punkte beschlossen, wird der Prozess etwas länger dauern. Es bleibt aber dabei: Mit dieser individuellen Klasse wird Borussia Dortmund nicht absteigen.

Wer nun ins andere Extrem verfällt und von Europa oder gar Champions League träumt, dem sei folgende Rechnung ans Herz gelegt: 55 Punkte gelten in der Bundesliga als Richtwert für das Erreichen der Europa League, 60 sind es für einen Platz in der Champions League. Der BVB müsste in der Rückrunde somit 40 oder 45 Zähler holen – Klopp ist aber immer noch Trainer und kein Zauberer.

Und wenn es am letzten Spieltag wegen schwächelnder Konkurrenten doch noch die Chance geben sollte, Rang sechs zu erreichen, sollte Klopp den Spielern mit seiner blumigen Art erklären, wie öde die Europa League und wie Erfolg versprechend ein Jahr ohne internationale Einsätze sein kann.

Klopp hat sich im Vorfeld der Rückrunde entschieden, zahlreiche Medientermine wahrzunehmen. Das ist sein gutes Recht, allerdings wirkten seine Äußerungen eindimensional und wenig selbstkritisch. Der schlechten Vorbereitung im Sommer wurde der Schwarz-Gelbe Peter zugeschoben. Ich habe bereits aufgezeigt, dass es deutlich mehr zu kritisieren gibt – und in der Analyse fehlten die katastrophalen Auswärtsspiele in Berlin und Bremen. Wenn Klopp auch intern diese Meinung vertreten sollte, wird sich vermutlich wenig ändern. Dabei gibt es genug zu tun:

  • Situation der Schlüsselspieler: Neben Reus und Hummels gibt es mit Ilkay Gündogan einen dritten Spieler im BVB-Kader, der in Bestform nicht zu ersetzen ist. Der Abgang dieses Trios wäre der GAU, ist aber möglich. Reus besitzt eine Ausstiegsklausel, Gündogans Vertrag läuft bis 2016 und ein ablösefreier Abgang soll verhindert werden und Hummels wird immer wieder mit europäischen Topmannschaften in Verbindung gebracht. Weitere Gedanken wären eigene Kaffeesatzleserei, aber die Dortmunder müssen auf alle Eventualitäten vorbereitet sein. Kampl als möglicher Nachfolger von Reus war der erste richtige Schritt.
  • Umbruch einleiten: Unabhängig von den Entscheidungen der Schlüsselspieler braucht Borussia Dortmund im Sommer einen Schnitt, den Klopp schon im vergangenen Jahr hätte einleiten müssen. Der Kader braucht neue Impulse, verschiedene Spieler haben sich nicht weiter- bzw. zurückentwickelt. Und ohne internationale Einsätze ist der Kader ohnehin zu groß. Meine persönliche Verkaufsliste enthält fünf prominente Namen: Roman Weidenfeller, Marcel Schmelzer, Jakub Blaszczykowski, Shinji Kagawa und Milos Jojic. Für Weidenfeller müsste dann ein neuer Torwart kommen, als Ersatz von Schmelzer wurde mit Jeremy Dudziak bereits ein viel versprechendes Talent mit einem Profivertrag ausgestattet und anstelle der drei Mittelfeldspieler sollte ein Ersatzmann reichen.
  • Taktische Neuerungen: Für die Rückrunde halte ich die Konzentration auf bewährte Stärken mit Gegenpressing und Umschaltspiel für die richtige Entscheidung. Doch im Hinblick auf die neue Saison muss Klopp sein Team taktisch weiterentwickeln. Bei Ballbesitz wirkt der BVB häufig ideenlos, da ist der Trainer mit seinem für Taktik verantwortlichen Co Zeljko Buvac gefragt.

Der BVB will sich als Nummer zwei des deutschen Fußballs hinter dem FC Bayern etablieren, auch international hat die Borussia ambitionierte Ziele. Dafür müssen bis zum kommenden Sommer die richtigen Weichen gestellt werden. Die reine Konzentration auf den Abstiegskampf ist deshalb nicht ausreichend, sonst ziehen Wolfsburg, Schalke oder Leverkusen dauerhaft vorbei. Und diesen Schwarz-Gelben Peter dürfte dann auch Klopp nicht mehr loswerden.

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