So schlägt das Imperium zurück

Der 1. Mai 2013 könnte als der Tag in die Geschichte eingehen, an dem der FC Barcelona den Status als Idol verloren hat. Über Jahre wurde die katalanische Schönheit für die langen Ballstafetten, das Tiki Taka, die Effizienz vor dem gegnerischen Tor, Lionel Messi im Besonderen und den Barca-Code im Allgemeinen bewundert. Doch dann betrat der FC Bayern die Bühne. Ähnlich attraktiv, nur viel schneller, direkter, flexibler, effektiver und irgendwie mächtiger. Barcelona stand einsam in der Ecke, wie eine lieblos ausgetauschte Geliebte.

Diesen Eindruck hinterließ zumindest die spanische Presse nach der 0:7-Demütigung im Halbfinale der Champions League. „Sommerliches Murmelspiel“ schrieb El País, für As war es ein „Traktat der Ohnmacht“ und El Mundo vollendete den Abgesang: „Wo einst Fußball war, ist nur noch Impotenz.“

Im Umkehrschluss würde das bedeuteten, der potente FC Bayern wäre an diesem 1. Mai und durch den späteren Finalerfolg gegen Borussia Dortmund zum neuen Nonplusultra des europäischen Fußballs aufgestiegen. Was ich von diesen Ära-Gedanken halte, habe ich bereits vor einigen Tagen geschrieben.

Ein entscheidender Punkt in meiner Ära-Kritik ist die Feststellung, dass die europäische Spitze sehr eng beisammen steht und es eben nicht nur an den Bayern liegt, ob die Champions League auch in den kommenden Jahren von der Säbener Straße aus regiert wird. Andere Mütter haben auch schöne Töchter, mit ein paar neuen Ideen ist der Weg zurück an die Spitze nicht sehr weit. Deshalb werden wir uns von Gegen den Ball in den kommenden Wochen um die europäischen Topclubs und ihre Möglichkeiten als Bayern-Konkurrenz kümmern. Was müssen die Trainer anders machen? Welche Fehler wurden zuletzt gemacht? Was wären die idealen Neuzugänge? Welche taktischen Pflichten haben die Vereine? Und natürlich beginne ich mit dem FC Barcelona:

1. Treue steht über Allem

Die Saison der Blaugrana muss differenziert betrachtet werden. In der Primera División enteilte Barcelona den Konkurrenten früh und sicherte sich den 22. Meistertitel mit einigen Rekorden: 100 Punkte holte bisher nur einmal Real Madrid, 32 Siege und 115 erzielte Tore sind ebenfalls bisher nicht erreichte Werte.

In den Pokalwettbewerben tat sich Barca jedoch viel schwerer. Das deutliche CL-Aus gegen den FC Bayern habe ich bereits erwähnt, in den Runden zuvor gegen die AC Mailand und Paris St. Germain hätte der Weg auch schon beendet sein können. Im spanischen Pokal scheiterte Barcelona an Erzrivale Real Madrid. In der Liga dominant wie nie, gegen die Topclubs aber mit vielen Problemen und letztlich chancenlos – so fällt das Fazit gemessen an den Ergebnissen aus.

Bei genauerer Betrachtung schleppte die Blaugrana jedoch sehr viele Probleme mit sich herum, Bestleistungen waren so kaum möglich:

  • Trainer Tito Vilanova musste wegen einer Krebserkrankung über Wochen in New York behandelt werden und fehlte somit in der täglichen Arbeit mit der Mannschaft.
  • Die Verletzungsanfälligkeit von Kapitän Carles Puyol schlug erneut zu, seit dem Achtelfinal-Rückspiel gegen Milan machte Puyol kein Spiel mehr.
  • In der entscheidenden Phase fehlte auch Weltfußballer Messi verletzt. Ich bin mir nicht sicher, ob Messis fehlende Fitness im Hinspiel in München eher den Bayern half oder Barcelona ausbremste.
  • Xavi plagten auch körperliche Problemen. Der Regisseur spielte zwar nahezu durch, war jedoch nicht so spielbestimmend, wie gewohnt.
  • Der gesamte Kader kämpfte mit Fitness-Problemen.

Am Ende einer Saison zählt jedoch, besonders in Barcelona, neben den Erfolgen die Schönheit des Spiels. Und die ist gefühlt, trotz 14 Liga-Siegen mit vier oder mehr erzielten Toren, abhanden gekommen. Die Folge waren öffentlich geführte Diskussionen zwischen Traditionalisten und Erneuerern. Barcas Spiel sei, eingeführt von Johan Cruyff und perfektioniert von Pep Guardiola, ein unveränderliches Gesamtkunstwerk, sagen die einen. Neue Impulse seien wichtig, insbesondere wenn die Konkurrenz zu enteilen drohen, sagen die anderen.

Tatsächlich führten Kritiker in den letzten Wochen und Monaten immer wieder an, Barcelonas Spiel sei zu eindimensional, zu abhängig von Messi und von den Topclubs mittlerweile komplett entschlüsselt. Die richtige Dosierung beim Pressing und Messi in the cage sind die wichtigen Stichworte beim entschlüsselten Barca-Code.

Was fordern die reformwilligen Stimmen genau? Eine zweite Spielidee. Mehr Robustheit. Weniger Tiki Taka. Einen bulligen Strafraumstürmer. Die leichtere Integration von neuen Spielern, die die Barca-Idee nicht schon im Jugendinternat La Masia verinnerlichen konnten.

Ich denke, die Traditionalisten werden in Barcelona die Oberhand behalten, und das völlig zu Recht. Denn auch wenn es in den Spitzenspielen entzaubert wurde, Barcelonas System funktionierte über weite Strecken der Saison. Der Kader benötigt neue Impulse, aber die Leistungsträger Piqué (26), Messi (25), Jordi Alba (24), Sergi Busquets (24), Pedro (25), Andrés Iniesta (29) und Cesc Fábregas (26) sind im besten Alter.

Barcelonas Spiel funktioniert (Bilanz 2012/13: 41 Siege, 9 Remis, 7 Niederlagen), weil die Innenverteidiger spielstark sind, Busquets zweikampfstark ist, Xavi und Iniesta passsicher sind und Messi abschlussstark ist. Und wenn in diesem Sommer in Sachen Fitness die richtige Grundlage gelegt wird, geht Barcelona gegen Ende der Saison nicht mehr die Luft aus. Der FC Barcelona muss sich, seinem Spielstil und der individuellen Qualität treu bleiben.

2. Warum nur einen Anzug im Schrank haben?

Trotzdem muss ich den Erneuerern in einer Sache zustimmen. Abgesehen von einer defensiven Variante (Umstellung auf Dreierkette in der Abwehr) fehlte den Katalanen – nicht nur in dieser Saison – der berühmte Plan B. Die Spiele gegen die Bayern können ob der Dominanz des Gegners sogar ausgeklammert werden. Es geht vielmehr um das CL-Aus gegen den FC Chelsea in der Saison 2011/12 oder das Hinspiel gegen Milan in dieser Spielzeit. Schafft es der Gegner, den Ballbesitz von Barcelona zu erdulden und die Kreise von Messi zu stören, reagieren Xavi, Iniesta und Co. mit einer Mischung aus Sturheit und Ratlosigkeit.

Nicht falsch verstehen, mir geht es nicht um die Verpflichtung eines robusten Mittelstürmers wie Robert Lewandowski oder Fernando Torres – diese Gerüchte existieren seit Tagen. Das würde entweder eine tatsächliche Änderung des Systems (Messi auf Außen, mehr lange Bälle, mehr Flanken) bedeuten, oder der neue Stürmer müsste, ähnlich wie Zlatan Ibrahimovic in der Saison 2009/10, vergeblich seinen Platz suchen und käme nur selten zur Ausspielung seiner Qualitäten.

Es geht mir eher darum, sich in Sachen taktischer Flexibilität am FC Bayern zu orientieren. Dort hat es der scheidende Trainer Jupp Heynckes geschafft, sein Team in der gleichen Grundordnung (4-2-3-1) verschiedene Stile spielen zu lassen. Zwischen den Bayern-Siegen in der Bundesliga gegen den HSV (9:2), Werder Bremen (6:1) oder Schalke (4:0) und den Erfolgen gegen Barcelona lagen taktische Welten.

Ohne die Bundesliga auf ein Ross heben zu wollen: Auch Borussia Dortmund verstand es in der vergangenen Saison sehr gut, auf taktische Eigenarten des Gegners eingehen zu können. Auch der FC Barcelona muss sich im Alltag Lösungen aneignen, um von vorneherein oder innerhalb eines Spiels auf aktuelle Entwicklungen reagieren zu können.

3. Ein fester Partner für Piqué

Beim Wunsch, eine Ära nicht enden lassen zu wollen, ist ein instinktiver Großangriff auf dem Transfermarkt nicht unüblich. Die Katalanen haben dies auch getan, für 57 Millionen Euro kommt Neymar vom FC Santos nach Barcelona. Ob der Stürmer, der neben Messi auf den Außenpositionen spielen soll, tatsächlich sofort einschlagen wird, ist ungewiss. Immerhin ist es Neymars erste Europa-Station und seine Leistungen in den letzten Länderspielen mit Brasilien lassen viel Spielraum nach oben.

Um Barcas Leistungen zu stabilisieren, sind andere Transfers ohnehin wichtiger. Denn in der Offensive drückt der Schuh nicht, neben Messi und Neymar stehen mit Cristian Tello, Pedro, Alexis Sanchez, Iniesta und Fábregas fünf weitere Spieler für die offensive Dreierreihe zur Verfügung. Mit Gerard Deulofeu steht zudem das nächste Toptalent in den Startlöchern, der 19-Jährige wird vermutlich aber zunächst noch verliehen.

Viel wichtiger ist deshalb die Innenverteidigung, wo Piqué nicht sein bestes Jahr hatte, Puyol dem Karriereende entgegen humpelt, Javier Mascherano eher eine Notlösung ist und Marc Bartra in der Endphase der Saison nicht zu überzeugen wusste. Interesse soll an Inigo Martínez von Real Sociedad San Sebastián bestehen, Martinéz hinterlässt derzeit bei der U 21-Europameisterschaft in Israel einen starken Eindruck.

Piqué die Gegenwart, Bartra und vielleicht Martinéz die Zukunft, Puyol in der Hinterhand – da ist noch Luft für einen weiteren Innenverteidiger. Denn Barcelona kassierte in der vergangenen Saison zu viele Gegentore, auffällig war die Anfälligkeit nach Eckbällen, bei langen Pässen in die Tiefe und die fehlende Pressingresistenz von Piqués Nebenmann. Perfekt passen würden Thiago Silva (PSG) und Mats Hummels (BVB), eine Freigabe der jeweiligen Clubs gilt allerdings als unwahrscheinlich.

4. Ein Nachfolger für Xavi

Anders als bei Puyol, der zwar auch noch einen Vertrag bis 2016 besitzt, mit seinen 35 Jahren aber keine komplette Saison mehr durchhalten wird, hat Xavi über weite Strecken der vergangenen Spielzeit immer noch gezeigt, wie wichtig er für das Spiel von Barcelona ist. Laut opta hatte Xavi trotz seiner Knieprobleme durchschnittlich weit über 100 Ballkontakte pro Partie, von seinen knapp 104 Pässen kamen dabei beängstigende 95 Prozent beim Mitspieler an.

Trotzdem stehen die Verantwortlichen in Barcelona in der Pflicht, für die Zukunft einen Nachfolger zu suchen, oder besser: aufzubauen. Denn eine interne Lösung erscheint mir auf dieser Position die beste Idee zu sein. Nicht umsonst spielen alle Jugendteams in La Masia das gleiche System, Passgenauigkeit und Ballzirkulation müssen sich die Mittelfeldspieler in Barcelona früh aneignen.

Derzeit drängt sich aber noch keine Nachwuchskraft auf, Sergi Roberto (21) und Rafinha (20) wird der Sprung ins A-Team nicht zugetraut. Deshalb könnte die kommende Saison entscheidend für die Entwicklung von Fábregas (26) und Rafinhas älteren Bruder Thiago Alcantara (22) sein. Fábregas ist als Messi-Ersatz ohnehin verschenkt und könnte im Mittelfeld an seine Arsenal-Zeiten anknüpfen, Thiago wiederum glänzte schon mit ähnlichen Werten wie Xavi, muss aber noch an der Torgefährlichkeit und an seinem letzten Pass arbeiten.

5. Keine Fernbeziehung mehr

Das Trainerkarussell in Europa hatte in diesem Sommer viele Mitfahrer. Pep Guardiola geht nach München, José Mourinho kehrt zum FC Chelsea zurück, Jupp Heynckes geht in den Ruhestand light und David Moyes folgt auf Sir Alex Ferguson in Manchester, Walter Mazzarri geht zu Inter und sein Nachfolger in Napoli heißt Rafa Benitez. Manuel Pellegrini, Roberto Mancini und Carlo Ancelotti fahren dagegen noch eine Extrarunde, Ergebnis offen.

Relativ ruhig ist es dagegen in Barcelona. Tita Vilanova gehört zur Barca-Familie, warum sollte die Vereinsführung um Präsident Sandro Rosell nach der gewonnenen Meisterschaft über eine Alternative nachdenken?

Ganz einfach: Die Gesundheit geht vor und aus sportlicher Sicht kann es sich ein Club wie der FC Barcelona nicht erlauben, erneut über Monate ohne Cheftrainer auszukommen. Es ehrt Vilanova, seine Genesung mit seinem Job vereinen zu wollen, falls es jedoch zu weiteren Klinikaufenthalten kommen muss, sollte Barcas Coach auf Clublegende Cruyff hören. „In seinem Zustand ist es nicht sehr ratsam, als Trainer weiterzumachen“, sagte der Niederländer kurz vor Saisonende. „Ich hatte selbst eine Herzoperation. Und kann man bei Barcelona auf dem Trainerstuhl sitzen, wenn man nicht zu 100 Prozent fit ist?“

Zwei Blickwinkel, eine Antwort: Sollte Vilanova bereits von weiteren Ausfallzeiten wissen, muss Barca das Karussell stoppen und zugreifen. Was nicht bedeuten muss, dass Vilanova dem Club nicht in anderer Funktion erhalten bleiben könnte. Bei völliger Gesundheit und mit den genannten Maßnahmen kann Vilanova aber auch selbst den Kampf mit den scheinbar übermächtigen Bayern und seinem Vorgänger Guardiola aufnehmen.

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